Brauchen wir nicht? Das haben Christine Tröstrum (links) und Christine von Fragstein schon oft gehört – und widerlegt. Sie haben sich auf die lange Strecke eingestellt: „Unsere Vision ist, dass in zehn Jahren eine neue Kultur der Zusammenarbeit verankert ist.“ Die Produzentenallianz und Crew United sind jedenfalls schon dabei. | Foto © Ali Ghandtschi

Über die Arbeitsbedingungen in der Branche machen sich inzwischen Viele Gedanken. Über Machtmissbrauch, Mobbing oder den ganz normalen Stress am Set. Vieles davon lässt sich schon im Vorfeld vermeiden, meinen Christine Tröstrum und Christine von Fragstein. Mit Fair Play erklären sie, wie das geht.  

Fair Play heißt ihre Initiative, Sie beschreiben sie als „neues Drehbuch zur Führung und Teamarbeit in Film und Kultur“. Was stimmt denn mit dem alten Drehbuch nicht?
Christine Tröstrum:
Wir merken, dass Menschen, die in Kultur- und Filmproduktionen arbeiten, danach regelmäßig und auch schon währenddessen einfach erschöpft, frustriert oder durch Konflikte belastet sind, sich nicht wertgeschätzt fühlen. Hier möchten wir Veränderungen anstoßen, Anregungen geben, im Vorfeld mehr Zeit in Planung, Reflexion und Kommunikation zu investieren. Das zahlt sich später mehrfach aus, wenn sich alle gut verständigt haben und gemeinsam an einem Strang ziehen.

Tun das Filmteams nicht ohnehin?
Christine von Fragstein:
Ich habe in den vergangenen Jahren einige Sets begleitet: Man muss sich das einfach vorstellen: Da kommen sehr viele Leute, aus unterschiedlichsten Gewerken unter Druck mit höchsten Anforderungen zusammen und produzieren einen Film – in 25 bis 30 Tagen mit Motivwechseln … manche kennen sich, manche nicht. Und nun sollen alle vom ersten Tag an höchst kreativ und harmonisch zusammenarbeiten. Das Team hat keine Einarbeitungsphase wie in normalen Projekten oder in Firmen, sondern es ist schlichtweg für alle eine riesige Herausforderung. Ich habe erlebt, dass an diesen Sets regelmäßig die Kommunikation und die Abstimmungen sehr schwierig werden, und die Leute zum Teil auch mit emotionalen Schäden rausgehen. Das haben wir ja im letzten Jahr breit durch die Medien erfahren. 

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Das Filmfest München meint es offenbar ernst mit der Vielfalt. Bereits zum zweiten Mal lud es zur Tagung. | Foto © Bojan Ritan/Filmfest München

Diversität ist wichtig, da sind sich beim Film viele einig. Doch dazu braucht es auch Geld und Ausbildung. Zum zweiten Mal luden das Münchner Filmfest und die Evangelische Akademie Tutzing zur Tagung. Der Schwerpunkt lag diesmal auf den Filmschulen und der Förderung. 

Über Diversität wird ja viel geredet. Sender, Förderer, Produktionsfirmen melden sich mit Diversitätsbeauftragten und Initiativen, auf zahllosen Panels wird quer durchs Land diskutiert: Wieviel die Bilder und Geschichten in Fernsehen und Kino überhaupt noch mit ihrem Publikum zu  tun haben? Auch das Münchner Filmfest hatte voriges Jahr eingeladen, aber nicht einfach bloß zu einem weiteren Festivalpanel, sondern gleich zu drei Tagen Konferenz mit der Evangelischen Akademie Tutzing am Starnberger See. Um Kreative, Aktivist*innen und Entscheider*innen der Branche zusammenzubringen. „Wir brauchen nicht mehr Worte, sondern konkrete nächste Schritte“, hatten Christoph Gröner und Julia Weigl erklärt, die das Filmfest inzwischen leiten. 

Ende November gab’s Gelegenheit zur Überprüfung: Mit „Inklusion – Vol. 2“ luden Filmfest und Akademie zur Fortsetzung. Als erstes die Bestandsaufnahme: Was hat sich getan in den vergangenen anderthalb Jahren? Ziemlich viel, sollte man doch meinen, nach all den Panels mit aufgeschlossenen Entscheider*innen. Auch das ZDF entfaltet weiter unten in der Mediathek ja schon eine gewisse Art von Vielfalt. Mit der Diversität verhält es sich freilich ein wenig komplexer, erklärt Stacy L. Smith, die schon seit Jahren die Ungleichheiten in Hollywood untersucht, in einer Online-Keynote (hier auf Youtube). Es geht nicht bloß um Sichtbarkeit, sondern um die Perspektive, die die Figur vermittelt, um die Geschichte, die sie mit sich trägt. Wer also schreibt das Drehbuch? Wer entscheidet, ob das Thema das Publikum interessiert? Ob es gefördert werden soll? Nur an wenigen Entscheidungsstellen sitzen Menschen mit eigener Erfahrung. Der Mangel an Vielfalt ist auch ein Problem der Strukturen.

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Seit 2001 werden in Gent die „World Soundtrack Awards“ vergeben. Höhepunkt ist das Livekonzert der ausgezeichneten Kompositionen. | Foto © Jeroen Willems/World Soundtrack Awards

Der Herbst hat auch seine schönen Saiten: Im belgischen Gent wird alljährlich die Filmmusik gefeiert. Wer sich dann noch nicht genug gehört hat, kann gleich nach Halle an der Saale weiterreisen.  

Seit mehr als 20 Jahren, immer in der Herbstzeit, wenn die Blätter sich bunt färben und die Tage dunkler werden, trifft sich die Welt der Filmmusik aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einem Filmfestival der klangvollen Art, in einem kleinen pittoresken Ort in Belgien: der Stadt Gent. Komponisten wie Craig Armstrong, Elmer Bernstein, Carter Burwell, Michael Danna, Georges Delerue, Patrick Doyle, Alexander Desplat, Harry Gregson-Williams, Maurice Jarre, Michael Kamen, Cliff Martinez, Ennio Morricone,  Gustavo Santaolalla, Howard Shore, Gabriel Yared, Hans Zimmer und viele mehr hatten auf dem Event schon ihre glanzvollen Auftritte. 

Gent ist nicht nur für seine mittelalterliche Altstadt berühmt, sondern auch als „Unesco Creative City of Music“. Als musikalischer Hot Spot bietet sie für knapp zwei Wochen der Filmmusikszene eine großartige Kulisse zum kreativen Austausch, feiern, musizieren und chillen. Die bezeichnet das Event als „Juwel“ und „Familientreff“, mit einem Fokus: der Leidenschaft  für den Sound im bewegten Bild!

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Die Kultur hat’s in Belarus schwer, wenn sie nicht der Staatsräson folgt. Nicht wenige Filmschaffende haben das Land verlassen und versuchen, anderswo weiterzuarbeiten. Das ist nicht leicht, berichtet Leonid Kalitenya (vorne, mit Brille) vom Belarusian Filmmakers’ Network. | Foto © BFN/Ali Ghadtschi

Gleich hinter der Grenze der EU und fast ganz unten im Demokratieindex liegt Belarus. Auch viele Filmschaffende mussten das Land verlassen und suchen ihr Glück in Europa. 30 von ihnen haben sich im Belarusian Filmmakers Network vereinigt. „Wir wollen Teil der EU-Filmindustrie sein“, sagen sie. „Dauerhaft. Nicht nur als Gäste.“  

Etwa 30 Mitglieder hat das Belarusian Filmmakers’ Network (BFN). Filmschaffende unterschiedlicher Gewerke, die sich entschieden haben oder gezwungen waren, ihr Land zu verlassen, in dem der dienstälteste Diktator Europas herrscht. Jetzt bauen sie alle sich ein neues Leben in einem anderen Land auf. Zum einen kämpfen sie darum, ihren Beruf beizubehalten, zum anderen versuchen sie, irgendwie ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Leonid Kalitenya ist Mitbegründer des Netzwerks. Kalitenya hat mehr als 30 Projekte produziert, die „Dutzende von Preisen“ auf Festivals gewonnen haben: Seinen letzten Film hatte er nach der Revolution in Belarus gedreht, „in einer Zeit, als ich hätte verhaftet werden können“, sagt er. Seine Koffer waren gepackt, die Festplatte mit den Daten schickte er kurz vor seinem Umzug nach Litauen an den Editor. „Wir haben einige Taxifahrer unter uns“, sagt Kalitenya. „Einige preisgekrönte Filmregisseure haben in Polen auf dem Bau gearbeitet. Andere arbeiten im Immobiliensektor in Litauen. Und das liegt daran, dass es sehr schwierig ist, in das System eines neuen Landes einzusteigen.“

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KI macht die Arbeit leichter, aber richtig gut kann’s doch nur der Mensch, findet Evan Halleck, der bei „Everything Everywhere all at Once“ an den Effekten mitgewirkt hat. 99 Prozent Handarbeit übrigens. | Foto © MTH Conference.

Viel wird erzählt über die Künstliche Intelligenz in der Filmwelt. Ist die nun gefährlich oder doch ganz nett? Eine heikle Frage, findet der VFX-Artist Evan Halleck, der diese Woche auf der MTH Conference zum Thema sprach.

Herr Halleck, die Künstliche Intelligenz ist zurzeit ein heißes Thema in der Branche. In Hollywood streiken Drehbuch und Schauspiel – Sie arbeiten mit der KI. Ist die nun eine Gefahr oder eine Chance?
KI ist ein so weit gefasster Begriff, und so viele Dinge fallen darunter. Bei den meisten meiner KI-Arbeiten handelt es sich um spezielle VFX-Tools, die KI integriert haben, damit die Tools besser funktionieren. Ich habe nicht viel generative KI für Text zu Video oder Chat-GPT für irgendetwas verwendet. Weil ich glaube, dass es Jobs komplett ersetzen kann – im Gegensatz zu Ingenieuren, die noch mit diesen Tools arbeiten.
Es ist eine heikle Frage, ob KI eine Gefahr oder eine Chance ist. Einerseits wird sie sehr schnell sehr gut, und man hat das Gefühl, dass man lernen muss damit umzugehen, um auf dem Laufenden zu bleiben und in einer wettbewerbsintensiven Branche nicht zurückzufallen. Andererseits will man aber auch nicht, dass Arbeitsplätze ersetzt werden. Ich bin also im Moment ein wenig hin- und hergerissen. Ich habe auch das Gefühl, dass sich viele Leute darüber aufregen, dass KI die Bildbearbeitung im Allgemeinen übernehmen wird, aber ich glaube nicht, dass es schon so weit ist oder auch nur annähernd so weit. Viele Sachen sind sehr interessante Anwendungsfälle und Tools, aber nicht hundertprozentig praktikabel für einen riesigen Blockbuster oder einen landesweiten Werbespot einer großen Marke.

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Die Kunst mag frei sein, aber manchmal will die AfD schon sehr genau wissen, wer denn nun sowas schon wieder gefördert hat und warum und ob man nicht etwas dagegen tun will … Zum Beispiel den deutschen „Oscar“-Kandidaten „Und morgen die ganze Welt“. | Foto © Alamode

Die AfD weiß, warum es beim Deutschen Film klemmt: Gleichberechtigung und Umweltschutz stehen der Kunstfreiheit im Weg – Filmförderung dürfe keine „ideologischen Vorgaben“ machen. Nur eine: Wenn’s ums Kaiserreich geht, hört die Kunstfreiheit auf. Das ist ein echtes Dilemma, wenn man ins Grundgesetz schaut. 

Die AfD sorgt sich um die Freiheit der Kunst. Vorige Woche stellte die Bundestagsfraktion einen Antrag zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes (FFG), der sich gegen die Pläne aus dem Kulturstaatsministerium (BKM) richtet, Kriterien wie „Green Culture“, „Diversität“ oder „Geschlechtergerechtigkeit“ zum Förderkriterium zu machen. Dies stelle eine „Einengung künstlerischer Freiheit durch ideologische Gängelung“ dar, heißt es in dem AfD-Antrag. Zudem spricht sich Fraktion gegen die angekündigte Umwandlung der Filmförderungsanstalt (FFA) in eine Filmagentur aus, die alle filmpolitischen Aufgaben der Bundesförderungen übernehmen soll. Damit würde der Bund, der die künstlerische Qualität des deutschen Films bislang mit einem Volumen von 27 Millionen Euro fördert, seine besondere Stellung aufgeben. Beides zeige, „dass ideologische Vorgaben in der Bundesfilmförderung aus Sicht der BKM vorrangig sind und filmkulturelle oder filmästhetische Aspekte nachrangig.“ 

Acht Eckpunkte für das neue FFG hatte die BKM Claudia Roth im Februar skizziert.  Diversität, Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit sowie die Filmagentur waren nur zwei davon. Der Rest behandelt filmkulturelle oder filmästhetische Aspekte – und vor allem filmwirtschaftliche. Über alles wird ausgiebig diskutiert, lediglich die AfD hatte dazu bislang nichts zu sagen. 

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Als „Werner Herzogs Kameramann“ ist er oft beschreiben worden. Andersherum ginge das auch kaum: Jörg Schmidt-Reitwein (rechts) hatte mit einer ganzen Riege der Neuen Deutschen Filmemacher*innen gearbeitet. Aber aber am meisten wohl mit Herzog. | Foto © Filmfest München

Herzog, Kluge, Achternbusch und noch viele mehr vertrauten auf seinen Blick. Jörg Schmidt-Reitwein war einer der bedeutendsten Kameramänner des Neuen Deutschen Films. Im August ist er mit 84 Jahren gestorben.

Weit über 100 Filme zählt die Internet Encyclopedia of Cinamatograhers, für die Jörg Schmidt-Reitwein die passenden Bilder fand. Etliche davon sind ein Stück junger deutscher Filmgeschichte, ebenso die Namen der Regisseur*innen, mit denen Schmidt-Reitwein zusammengearbeitet hat. Bereits am 21. August ist der Kameramann im Alter von 84 Jahren verstorben. Das teilten jetzt Matthias Wallinger und Franz Lustig als Freunde und Kollegen im Namen seiner Familie mit. Die Pressemitteilung ist auch bei „Blickpunkt Film“ zu lesen.

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Carlo Chatrian verlässt die Berlinale, 436 Filmemacher*innen aus aller Welt protestieren. Schlecht fürs Image. Und ein Konzept ist auch noch nicht zu erkennen.| Foto © Pablo Ocqueteau/Berlinale

Los geht’s mit der Neuaufstellung der Berlinale. Die Kulturstaatsministerin hat eine Findungskommission einberufen, um eine neue Intendanz zu finden. Dazu gibt es aber noch einige Fragen. Zum Beispiel nach überhaupt einem Konzept.

Carlo Chatrian verlässt die Berlinale – als Rausschmiss sehen es viele. Dagegen protestieren 436 Filmemacher*innen aus aller Welt in einem Offenen Brief, den „Variety“ vorige Woche veröffentlichte. Unterzeichnet haben unter anderem Martin Scorsese, Radu Jude, M. Night Shyamalan, Kristen Stewart, Hamaguchi Ryusuke and Margarethe von Trotta. Sie werfen der Kulturstaatsministerin in der Sache „schädliches, unprofessionelles und unmoralisches Verhalten“ vor, das auch die Berlinale beschädigt habe. Sie fordern „nachdrücklich“, Chatrians Vertrag zu verlängern:

„Trotz der schwierigsten Umstände, die sich Chatrians Kontrolle entziehen – der Pandemie, finanziellen Einschränkungen und einem sich verschlechternden Festivalzentrum rund um den Potsdamer Platz – waren die vergangenen Ausgaben unter seinem Leitlicht sehr lebendig, voller positiver Überraschungen und trotz einer geringeren Anzahl von gezeigten Filmen sehr beliebt, auf Augenhöhe mit den Zeiten vor der Pandemie. Außerdem haben sich die Filme, die in den vergangenen vier Jahren mit den wichtigsten Preisen des Festivals ausgezeichnet wurden, als wichtige Filme bestätigt, da alle von der Kritik gefeiert und auf der ganzen Welt entweder in kommerziellen Schaltungen oder auf anderen wichtigen Festivals gezeigt werden. Anstatt Carlo Chatrian für seine Bemühungen, sein Engagement und seine Geduld zu belohnen, hat sich die Ministerin dafür entschieden, die Schwierigkeiten weiter zu erhöhen, bis Carlo Chatrian gezwungen war, bekannt zu geben, dass er nach Abschluss seines aktuellen Vertrags nicht weitermachen wird, da die Position des künstlerischen Direktors aufgelöst wurde. Es überrascht nicht, dass keine bessere Vision für das Festival präsentiert oder diskutiert wurde, außer der fragwürdigen und politisch rückständigen Forderung nach einer starken Hand, die die Berlinale angeblich in Form eines ,Intendanten’ braucht.“

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Vor vier Jahren hatten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Leitung der Berlinale als Doppelspitze übernommen – 2024 wird für beide die letzte Berlinale sein. Es soll wieder nur einen geben. Oder eine. | Foto © Berlinale/Alexander Janetzko

Die Berlinale soll deutlich gestärkt werden, verkündet die Kulturstaatsministerin. Dafür gibt’s zwar kein Geld, aber eine alte Idee: Intendanz statt Doppelspitze.

Die Berlinale wird neu aufgestellt, verkündete die Kulturstaatsministerin am vorigen Donnerstag. „Das wichtigste Filmfestival Deutschlands und eines der wichtigsten Filmfestivals weltweit“ soll deutlich gestärkt werden, heißt es in der Pressemitteilung. Dafür gibt’s zwar kein Geld, aber eine alte Idee: Intendanz statt Doppelspitze. Dafür gibt’s zwar kein Geld, aber eine alte Idee: Intendanz statt Doppelspitze.

Zustimmung kommt von Hanns-Georg Rodek in der „Welt“: Das Modell Doppelspitze sei gescheitert: „Insider sprechen auch von einer ,Dysfunktionalität’ der Struktur, die ein effektives Arbeiten erheblich behindert habe. […] Der Rang der Berlinale ,in der Liga der internationalen A- Filmfestivals’ hat in den vergangenen Jahren erheblich gelitten.“

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Alles noch nicht spruchreif, aber die Richtung ist klar: Vor dem Ausschuss für Kultur und Medien des Bundestags skizzierte Jan Ole Püschel die Pläne fürs neue Filmfördergesetz. | Screenshot

Das alte Filmfördergesetz läuft noch in Dauerschleife. 2025 soll endlich alles anders werden. Neulich gab es einen Einblick, was bei der Kulturstaatsministerin so geplant ist. Es wäre ein gewaltiger Umbruch. 

Aufs neue Filmfördergesetz ist die Branche schon lange gespannt. Ein letztes Mal noch soll das alte verlängert werden, damit 2025 endlich der erhoffte „große Wurf“ gelinge. Oder, wie es bei der Kulturstaatsministerin (BKM) heißt, das neue FFG „entsprechend der Vorgaben aus dem aktuellen Koalitionsvertrag optimal in eine grundsätzlich neu aufgestellte Fördersystematik einpassen zu können.“

Acht Eckpunkte der Reform hatte die BKM schon zur Berlinale vorgestellt (wir berichteten auf „Outtakes“), vor zwei Wochen verriet ihr Referatsleiter Jan Ole Püschel mehr über die Pläne. Der Ausschuss für Kultur und Medien des Bundestags hatte sich mit der Zukunft der Filmförderung beschäftigt. In rund 15 Minuten informierte Püschel über den Stand der Dinge und beantwortete anschließend Fragen der Fraktionen im Ausschuss. Nicht alles ist in dieser Zusammenfassung aufgezählt, die Aufzeichnung ist auf der Website des Bundestags [ab Minute 3:40] zu sehen. 

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Dreharbeiten zu „Oppenheimer“. Die Menschen im Bild muss man sich wegdenken – auch die großen Stars machen mit beim Streik ihrer Kolleg*innen in Hollywood. Am Donnerstag verließ der gesamte Cast die Premiere des Films. | Foto © Melinda Sue Gordon/Universal

Seit Wochen streiken die Autor*innen. Jetzt ziehen auch die Schauspieler*innen mit: Nach 63 Jahren erlebt die Traumfabrik wieder einen Doppel-Streik.

Die Verhandlungen mit den großen Filmstudios und Streaming-Diensten in den USA sind gescheitert. Nun streikt auch die Schauspiel-Gewerkschaft Screen Actors Guild (SAG-AFTRA). Ihre Forderungen ähneln denen der Screen Writers Guild, die bereits seit Anfang Mai im Ausstand ist. „Es ist der erste Streik der Schauspielgewerkschaft seit vier Jahrzehnten und der erste Doppel-Streik seit 1960“, rechnet „Die Zeit“ mit Agenturmeldungen vor. Damals erwirkten die beiden Gewerkschaften die Einführung von Krankenversicherungs- und Rentenbeiträgen. Vorsitzender des SAG war Ronald Reagan.

Was der Doppel-Streik heute bedeutet, erklärte in der „New York Times“ ein anonymer Agent, „laut dem der Streik der Autoren 80 Prozent der Produktionen zum Stillstand brachte – der Schauspielstreik würde sie nun vollkommen lahmlegen. […] Von den Autoren kam Lob für die Entscheidung. Scott Moore, der unter anderem an den Drehbüchern von ,Bad Moms’ und ,Hangover’ mitwirkte, sagte: ,Die Leute mögen hübsche Gesichter. Schauspieler sehen besser aus als Drehbuchautoren, und wir bekommen vielleicht mehr Aufmerksamkeit.‘“ 

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Das Foto passt zur Stimmung, findet Benedict Neuenfels. | Foto © Sabin Tambrea

Neulich erhielten der DoP Benedict Neuenfels und sein Team noch die höchste Ehre, jetzt stehen sie vor einem Problem. Wie die Insolvenz bei Zero One sich auch auf andere in der Branche auswirkt.

Ausgezeichnet wurde Benedict Neuenfels schon oft. Zwei „Lolas“ für die beste Bildgestaltung hat er erhalten, zwei „Grimme-Preise“ und sogar siebenmal schon den „Deutschen Kamerapreis“. Und einen „Oscar“-Film hat er auch fotografiert. Anfang Mai kam noch der „Marburger Kamerapreis“ dazu. Das klingt ein bisschen kleiner, ist aber etwas ganz Besonderes für die Zunft. Einmal im Jahr steht ein*e DoP im Mittelpunkt, wird ein Gesamtwerk in Filmen, Gesprächen und Vorträgen gewürdigt, in denen Wissenschaft, Filmkritik und Kameraleute übers Kino sprechen und genauer hinsehen. Das zeigt sich auch in der Jurybegründung, die nicht nur die Arbeit mit bekannten Regisseur*innen erwähnt, sondern sich eingehend mit den Feinheiten der Bildgestaltung beschäftigt. Und dem, was dahinter steckt:

„Bei der erzählerischen und technisch-gestalterischen Arbeit kann sich Benedict Neuenfels jederzeit auf ein Kamerateam verlassen, das zum Teil seit fünfunddreißig Jahren mit ihm zusammenarbeitet. Dazu gehören Kameraassistent Andreas Erben, Key Grip Markus Pluta und Oberbeleuchter Rainer Stonus. Philip Wölke kam als Techniker für das Digitale Bild (DIT) und Berater für Green-ScreenAufnahmen vor 16 Jahren dazu und ist seither ein ebenso fester Bestandteil des Teams. Die Verleihung des Marburger Kamerapreises gilt also nicht Benedict Neuenfels allein, sondern ebenso seinem Team, das bei jeder gemeinsamen Arbeit aufs Neue eindrucksvoll demonstriert, dass auch Kameraarbeit immer auch als Kollaboration zu denken ist und nur ein gut eingespielter Verbund Außergewöhnliches zu leisten imstande ist.“

Soweit die gute Nachricht. Denn vorige Woche hat die Berliner Produktionsfirma Zero One Film Insolvenz angemeldet. Die Nachricht hat auch Neuenfels und sein Team kalt erwischt:

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Vor drei Jahren war die Welt vorm Berlinale-Palast noch in Ordnung. Dann kamen Seuche, Krieg und Inflation … | Foto © Alex Janetzko/Berlinale

Das Budget bleibt gleich, die Kosten explodieren. Deshalb soll die Berlinale kleiner werden. Am Dienstag verkündete das Führungsduo sein Einsparkonzept. 

Der Berlinale offenbar harte Einschnitte bevor: Ganze Bereiche des Programms könnten wegen Kostendrucks gestrichen werden, berichtete vorige Woche Hannah Pilarczyk im „Spiegel“. Der Artikel steht hinter der Bezahlschranke, wurde aber sogleich weitererzählt: „Dem Magazin zufolge hat Kulturstaatsministerin Claudia Roth der Berlinale ein ,indirektes Sparprogramm’ auferlegt, deshalb könnten drei der zwölf Sektionen künftig wegfallen: die Reihe für deutsche Nachwuchsfilme ,Perspektive Deutsches Kino’, diejenige für die Serien ,Berlinale Series’ und sogar die umfängliche Retrospektive mitsamt der meist zehnteiligen ,Hommage’, die Filme des jeweiligen Ehrenpreis-Gewinners präsentiert“, erklärt Christiane Peitz im „Tagesspiegel“. „Dass die Berlinale mit weniger Geld auskommen muss als vor der Pandemie, ist schon länger eine traurige Gewissheit. […] Auf Nachfrage heißt es nun aus dem Festivalbüro: ,Es gibt keine externe Sparvorgabe der BKM, vielmehr sehen wir als Festival angesichts stagnierender Budgets und steigender Kosten die Notwendigkeit, ressourcenschonende Maßnahmen zu ergreifen, um langfristig ein starkes Festival und eine gute Plattform für die Filmindustrie garantieren zu können’. Deshalb, so Geschäftsführerin Rissenbeek, ,wollen wir die Anzahl der Filme im Gesamtprogramm weiter straffen’.“

In der „Berliner Zeitung“ glaubt auch Susanne Lenz an eine Entwarnung: „Statt Sektionen abzuschaffen, möchte die Berlinale offenbar überall sparen.“

Von wegen! Am Dienstag meldeten sich die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der Künstlerische Leiter Carlo Chatrian mit einem etwas konkreteren Einsparkonzept. Insgesamt sollen nur noch 200 Filme in den Sektionen laufen. In diesem Jahr seien es 287 gewesen. Der Wettbewerb ist davon nicht betroffen. Das Leitungsduo sieht das als „Chance, mit einem konzentrierteren Programm die Präsentation und Wahrnehmung der eingeladenen Filme zu optimieren.“ Ganz aufgelöst wird die Sektion Perspektive Deutsches Kino, die Filme deutscher Nachwuchsregisseure präsentierte. Die sollen künftig in den anderen Sektionen laufen –  damit „soll eine stärkere internationale Wahrnehmung für die in Deutschland produzierten Debüt- und Zweitfilme ermöglicht werden.“

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Der Held kommt aus dem Rechner, die Stimme ist noch echt: Tom Hanks spricht „Woody“ in Pixars „Toy Story 3“. Es gibt keinen Algorithmus, der Emotionen überzeugend nachahmen kann, hoffen die Synchronsprecher*innen. Geklaut werden ihre Stimmen trotzdem. | Foto © Disney/Deborah Coleman

Mit einer Grundsatzerklärung stellen sich die United Voice Artists vor. 27 Verbände und Gewerkschaften professioneller Sprecher*innen aus Europa und Amerika melden sich gemeinsam zu Wort. Es geht um die KI. 

„Der wahllose und unregulierte Einsatz künstlicher Intelligenz stellt ein Risiko dar, das zum Aussterben des künstlerischen Erbes der Kreativität und des Staunens führen könnte – ein Gut, das Maschinen nicht hervorbringen können“, schreiben die United Voice Artists in ihrer ersten Stellungnahme. Gewerkschaften und Verbände quer durch Europa und Amerika haben sich zusammengetan, um ihre Bedenken zur Künstlichen Intelligenz vorzutragen – und ihre Forderungen, die sie in mehreren Sprachen darlegen. 

Nach Meinung der Verbände ignoriert die Europäische Union das Problem: Der mangelnde Schutz der Stimme von Künstler*innen –  mit dem Risiko, dass das persönliche Timbre geklont und künstlich reproduziert wird. Vor kurzem prangerte die Dubliner Synchronsprecherin Remie Michelle Clarke auf Twitter den Diebstahl ihrer Stimme durch eine Software an, die sie repliziert hatte, um benutzerdefinierte Lautsprecher für ein paar Dollar zu verkaufen.

In Italien kämpfen die Branchenverbände ANAD und ADAP um den Schutz von Schauspieler*innen und Sprecher*innen. Eine Mission, die in jüngster Zeit an mehreren Fronten an Intensität zugenommen hat. Worum es ihnen geht, erklären ANAD-Präsident Daniele Giuliani, Vizepräsidentin Georgia Lepore, die Schauspielerin und Synchronsprecherin Laura Romano und der Sprecher David Chevalier.

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Kultur sieht die AfD streng in Schwarz und Weiß. Nur eine von beiden findet sie gut. Szenenfoto aus „M – eine Stadt sucht eine Mörder“ (1931). | Montage © cinearte

Die AfD ist im Stimmungshoch und hält nicht viel von Kunstfreiheit. Was tun? Das „Netzwerk Film & Demokratie“ lud zur Podiumsdiskussion.

Eine Umfrage ist noch keine Wahl. In Umfragen erreicht die AfD zurzeit Höchstwerte – 20 Prozent ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Insa in seiner wöchentlichen repräsentativen Umfrage für die „Bild“. „Das ist mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr!“ bemerkt die Zeitung – die AfD wäre damit die zweitstärkste Partei nach der CDU und vor der SPD.

Muss man sich sorgen um die Demokratie? Sorgen machen sich viele in der Filmbranche. Und das nicht erst jetzt. Im Februar hatte sich das „Netzwerk Film & Demokratie“ mit einer Online-Konferenz vorgestellt. Drei Jahre Vorbereitung in Zeiten der Pandemie waren dem vorausgegangen. Inzwischen haben sich 30 Verbände und Institutionen der Branche angeschlossen. Mit dem Münchner Filmfest lud das Netzwerk am Montag zur Podiumsdiskussion – moderiert von Julia Weigl, nachzuhören auf Youtube. 

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