Schauspiel-Streik: Drama in Hollywood

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Dreharbeiten zu „Oppenheimer“. Die Menschen im Bild muss man sich wegdenken – auch die großen Stars machen mit beim Streik ihrer Kolleg*innen in Hollywood. Am Donnerstag verließ der gesamte Cast die Premiere des Films. | Foto © Melinda Sue Gordon/Universal

Seit Wochen streiken die Autor*innen. Jetzt ziehen auch die Schauspieler*innen mit: Nach 63 Jahren erlebt die Traumfabrik wieder einen Doppel-Streik.

Die Verhandlungen mit den großen Filmstudios und Streaming-Diensten in den USA sind gescheitert. Nun streikt auch die Schauspiel-Gewerkschaft Screen Actors Guild (SAG-AFTRA). Ihre Forderungen ähneln denen der Screen Writers Guild, die bereits seit Anfang Mai im Ausstand ist. „Es ist der erste Streik der Schauspielgewerkschaft seit vier Jahrzehnten und der erste Doppel-Streik seit 1960“, rechnet „Die Zeit“ mit Agenturmeldungen vor. Damals erwirkten die beiden Gewerkschaften die Einführung von Krankenversicherungs- und Rentenbeiträgen. Vorsitzender des SAG war Ronald Reagan.

Was der Doppel-Streik heute bedeutet, erklärte in der „New York Times“ ein anonymer Agent, „laut dem der Streik der Autoren 80 Prozent der Produktionen zum Stillstand brachte – der Schauspielstreik würde sie nun vollkommen lahmlegen. […] Von den Autoren kam Lob für die Entscheidung. Scott Moore, der unter anderem an den Drehbüchern von ,Bad Moms’ und ,Hangover’ mitwirkte, sagte: ,Die Leute mögen hübsche Gesichter. Schauspieler sehen besser aus als Drehbuchautoren, und wir bekommen vielleicht mehr Aufmerksamkeit.‘“ 

Die gab’s noch am Donnerstagabend, gleich nach der Ankündigung: „Bei der Premiere des Filmes ,Oppenheimer’ von Christopher Nolan verließ etwa der gesamte Cast die Veranstaltung. Die Gewerkschaft kündigte zudem an, dass alle Mitglieder die Werbung für Filme einstellen würden, die in den kommenden Wochen erscheinen sollen.“

Der Arbeitskampf werde auch die bevorstehende Verleihung der „Emmys“ massiv beeinflussen, erklärt die „Welt“, denn „die Gewerkschaft verbietet es ihren Mitgliedern, bei der Zeremonie aufzutreten. Die Streikregeln untersagen es den Schauspielern auch, ihre Arbeit in Interviews, Podcasts oder bei Premieren zu bewerben. Außerdem sind ihnen jegliche Produktionsarbeiten untersagt – dazu zählen nicht nur die eigentlichen Dreharbeiten, sondern Vorsprechen, Lesungen, Proben oder sogenannte Voiceovers.“ 

Zur Einordnung: Nicht die Gewerkschaft verbietet, sondern ihre Mitglieder selbst. Die hatten die SAG bereits Anfang Juni in einer Abstimmung zum Streik verpflichtet, falls die Verhandlungen scheitern sollten. Streikdisziplin gehört zum ersten Punkt der Mitgliedsregeln der Gewerkschaft [auf Englisch]. 

Zur Abstimmung waren auch nicht alle 160.000 Mitglieder aufgerufen, sondern nur betroffene Berufsgruppen, die die SAG in einer Mitgliedsinformation zum Streik [auf Englisch] darlegt. Was allerdings doch rund 136.000 sein dürften. Denn mit „47,69 Prozent“ gab „Variety“ [auf Englisch] die Wahlbeteiligung an, eine absolute Zahl lieferte etwa „Der Tagesspiegel“: Rund 65.000 Mitglieder hätten an der Abstimmung teilgenommen. „97,9 Prozent sprachen sich für einen Streik aus. Zudem hatten Stars wie Meryl Streep, Jennifer Lawrence, Ben Stiller und Pedro Pascal in einem Offenen Brief ihre Solidarität bekundet.“  

Mehr als 1.000 Kolleg*innen hatten den Brief im Branchenmagazin „Deadline“ [auf Englisch] unterschrieben. Sie fordern die Gewerkschaft auf, unnachgiebig zu verhandeln: „Dies ist nicht die Zeit, um sich in der Mitte zu treffen.“

Die Verhandlungen seien „komplex“. Darum versucht Bert Rebhandl mit einem Q&A im „Standard“ einen Überblick: „Nach Jahren des Booms stehen die Anzeichen nun auf Konsolidierung, und in dem Streik geht es im Grunde auch schon ein bisschen darum, ob Kino und Serien weiterhin als Kreativindustrie mit menschlicher Brainpower funktionieren sollen oder zunehmend automatisiert werden können.“

Einen FAQ-Überblick gibt auch die „Zeit“ via DPA.

Mit O-Tönen von Betroffenen schildert Hy Quan Quach bei „Kino“ die Nöte der Schauspieler*innen. Zum Beispiel „Luke Cook, bekannt durch kleine Rollen in Serien wie ,Chilling Adventures of Sabrina’ und ,Dollface’, betonte in einem TikTok-Video, dass er keineswegs ein Millionär sei. Er fahre einen alten 2010 Mazda 3 und habe mehrere Jobs, um seine Tätigkeit als Schauspieler zu unterstützen. Er habe zwei Kinder und es sei keineswegs sein Anliegen, so viel bezahlt zu bekommen wie die großen Stars, er wolle nur angemessen vergütet werden als Schauspieler. […] ,Wenn ihr mich im Fernsehen seht, sollte ich nicht zwei Nebenjobs haben müssen, nur um zu überleben.’“ 

Die Streikenden wollen eine generelle Lohnerhöhung und höhere Tantiemen für die Wiederausstrahlung von Filmen und Serien, erklärt  Jan Bolliger im „Tages-Anzeiger“: „Hier stellen sich besonders die Streaminganbieter quer. Diese behalten ihre Nutzerzahlen geheim und verunmöglichen damit eine transparente Beteiligung am Erfolg einer Sendung. Generell hat die Umstellung von klassischen Fernsehserien auf Streaming bei Netflix und Co. negative Folgen für die Mitglieder der Gewerkschaften. Nicht nur erhalten sie weniger Tantiemen, sondern sie werden auch für kürzere Zeit angestellt, da Serien immer weniger Folgen haben.“ Streaming und Künstliche Intelligenz hätten das Geschäftsmodell stark verändert – aber die Verträge mit denen, die vor der Kamera stehen, eben nicht, erklärte Fran Drescher, die Präsidentin der SAG auf einer Pressekonferenz. „Was mit uns geschieht, geschieht in allen Bereichen der Arbeitswelt. Wenn die Arbeitgeber die Wall Street und die Gier zu ihrer Priorität machen und dabei die wichtigen Mitarbeiter vergessen, die die Maschine zum Laufen bringen, haben wir ein Problem.“ 

Bei „DWDL“ schreibt Manuel Weis: „Dass die Studios selbst immer wieder erwähnen, finanziell unter Druck geraten zu sein, wollte Drescher nicht gelten lassen. Zumindest so lange nicht, wie deren CEOs hunderte Millionen US-Dollar verdienen, erklärte sie. Einer dieser CEOs ist Bob Iger, frisch von Disney mit einem neuen Vertrag ausgestattet. Ein Interview mit ihm bei CNBC zeigt, wie verhärtet die Fronten derzeit zu sein scheinen. Iger sagte dort, dass Schauspielerinnen und Schauspieler ein Maß an Erwartungen hätten, dass aktuell nicht realistisch sei. Er sprach auch davon, dass sich seine Branche von der Pandemie noch immer nicht ganz erholt habe. Den nun streikenden Schauspielenden warf der Disney-Boss vor, zu all den Herausforderungen in der Branche beizutragen, ,was sehr störend ist’, wie sich Iger ärgerte. Den Streik bezeichnete er auch deshalb als ,Schande’, weil er seiner Ansicht nach eine ,sehr schädliche Auswirkung’ auf die ganze Branche haben werde. Die Lage zwischen der Alliance of Motion Picture and Television Producers (AMPTP) und der SAG-AFTRA hatte sich übrigens erst in den vergangenen Tagen und Wochen verschlechtert. […] Ähnlich wie Iger verwies die AMPTP nun in einem ersten Statement darauf, dass der Streik zulasten zahlreicher Filmschaffender gehe. Er werde zu finanziellen Härten von Tausenden Menschen führen, hieß es.“

Für Claudius Seidl in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke] sind die Ursachen klar: „Es geht um das Geld, das die Studios nicht zu haben behaupten, was daher kommt, dass sie sich mit ihren gigantischen Investitionen in eigene Streamingplattformen so heftig verspekuliert haben, dass jetzt an Gagen, Gehältern und Tantiemen so hart gespart worden ist, dass die Streikbereitschaft kaum noch zu bändigen war.“ Dass auch die großen Stars mitstreiken, dürfte die Studios schwer treffen: „Je teurer die Filme geworden sind, desto gewaltiger ist der Aufwand, mit dem sie beworben werden müssen. Und dass die Schauspieler auch hierfür nicht zur Verfügung stehen, ist ausdrücklich Teil des Streikbeschlusses. Es wird also keine feierlichen Premieren mit den Stars auf den roten Teppichen geben, keine Interviews, keine lustigen Auftritte in den Late Night Shows, die allerdings ohnehin schon pausieren, weil auch die Autoren ihren Streik fortsetzen.“

Ausführlich beschrieben Josef Adalian und Lane Brown das Dilemma im „New York Magazine“ [auf Englisch] vor einem Monat die Probleme der Branche. Eine Zusammenfassung gibt der „Perlentaucher“: Nach dem Streaming-Boom herrsche überall Katerstimmung – „Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, aber ein mittel- bis langfristig funktionales Finanzierungsmodell ist daraus bislang noch nicht gekrochen. Stattdessen läuft der massiv auf Wachstum und Verdrängung setzende Betrieb vor allem auf Basis gigantisch angehäufter Schulden […]. Kombiniert man alle Einnahmequellen fürs lineare Fernsehen, kann ein Studio bei einem Hit für jeden ausgegebenen Dollar drei Dollar Umsatz einholen. Das Problem für Autoren war jedoch, dass die meisten Serien floppten. Es gab also wenig Umsatz im Nachhinein, von dem man sich etwas abschneiden konnte. Streamingdienste boten hier etwas anderes an: Ihr Modell namens ,Cost Plus’ bezahlte vielleicht 1,30 Dollar oder 1,50 Doller vorab. Jede Serie ist damit ein Gewinner – nur eben kein sonderlich großer. Um diesen Verlust bei Nachzahlungen auszugleichen, gaben die Streamingdienste leistungsbasierte Anreize […] Da war nur ein Haken. Viele für erfolgreich gehaltene Serien verschwanden nach nur ein paar Staffeln. ,Niemand sah kommen, dass sie die Serien einfach abwürgten, bevor sie von diesem Geld etwas auszahlen mussten’, sagt [der Autor Mike Schur („The Shield“)]. ,In gewisser Hinsicht haben sie alle reingelegt. Wenn man heutzutage noch 20 Episoden bekommt, ist das ein Wunder.’“

Doch beim Streik geht es um viel mehr als nur Geld. In der „Welt“ liefert Hanns-Georg Rodek die Zahlen: „Laut Tarifvertrag – Hollywood ist wahrscheinlich die am strengsten tariflich regulierte US-Industrie – liegt der Mindestlohn für Schauspieler bei 1.056 Dollar pro Tag; wenn die Rolle mindestens fünf Tage Arbeit verlangt, liegt der Lohn bei 3.644 Dollar pro Woche. Der Mindestlohn liegt für Schauspieler bei 1.056 Dollar pro Tag. Das Double für einen Star bringt am Abend 214 Dollar nach Hause, Hintergrundakteure (ohne Dialog) 182 Dollar. Von den 160.000 Mitgliedern der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA fallen mehr als 90 Prozent in diese Tag-für-Tag-Kategorie. Es ist durchaus üblich, dass zwischen ihrer letzten und ihrer nächsten Rolle Wochen oder sogar Monate liegen. Der durchschnittliche Jahresverdienst solcher Schauspieler liegt laut Gewerkschaftsangaben bei 26.276 Dollar. […] Seit sich vor 20 Jahren im ,Herrn der Ringe’ zum ersten Mal in Massenszenen computergenerierte Krieger schlugen (letztlich ein Copy/Paste-Verfahren), hat die CGI-Technik massive Fortschritte gemacht. Eigentlich bräuchte man die stummen Hintergrundschauspieler (für 182 Dollar pro Tag) bald nicht mehr. Darum geht es in diesem Streik vor allem, um den Wegfall von – sagen wir – 50 Prozent der Schauspieler-Jobs. Und deshalb geht uns Hollywood diesmal alle an.“

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