Schlechtes Arbeitsklima: Systemfehler oder Einzelfall?

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Der „Spiegel“ sieht sich weiter um hinter den Filmkulissen. Die Branche reagiert wie üblich. Szenenfoto aus „Manta Manta – Zwoter Teil.“ | Foto © Constantin/Bernd Spauke

Nicht alles läuft gut an deutschen Filmsets, das räumt die Branche selbst ein. Und weiß auch warum: Schuld sind immer die anderen. Neu ist das alles nicht, könnte aber noch spannend werden.

Wie verbreitet ist übergriffiges Verhalten im Filmgeschäft? Der „Spiegel“ hatte vorige Woche über mutmaßliche Schikanen am Set von Til Schweiger berichtet (hier der Überblick). Gleich acht Autor*innen fragten zum Wochenende im „Spiegel“ [Bezahlschranke], „inwiefern die mutmaßlichen Übergriffe des Erfolgsregisseurs nur ein Beispiel für ein insgesamt unfaires oder gar toxisches System sind. Schweigers angebliche Ausfälle sollen unter Alkoholeinfluss passiert und von einem Mann gekommen sein, der sich möglicherweise in einer privaten Krise befunden hat. Viele sahen am Set von ,Manta Manta – Zwoter Teil’ aber offenbar einfach zu und taten nichts. Wie vergiftet von Gebrüll, Mobbing und sogar körperlichen Attacken ist der Arbeitsalltag bei Film- und Fernsehproduktionen? Im Filmgeschäft sind viele Menschen in zeitlich befristeten und oft prekären Beschäftigungsverhältnissen engagiert – und offensichtlich ist es auch nach Jahren der Debatte über Machtmissbrauch in der Arbeitswelt nicht ungewöhnlich, dass am Set gepöbelt und im Extremfall sogar geprügelt wird, weil keiner es verhindert.“

Die Fragestellung macht klar, welchen Verdacht das „Spiegel“-Team hegt. Die Antwort der Regisseurin Doris Dörrie deutet zwar eher auf einen Systemfehler hin, doch für sie gibt es „einen Hauptschuldigen in dieser Sache: die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten“. Damit spreche sie „einen zentralen Punkt an: Die meisten Kinofilme in Deutschland sind auf eine Filmförderung angewiesen, von der FFA, der Filmförderungsanstalt, oder von den Landesanstalten. Eine Förderung gibt es aber in der Regel nur mit der Zusage eines Teilbeitrags durch eine Fernsehanstalt. Die mit Rundfunkbeiträgen finanzierten Sender sparen jedoch. Deshalb ist es zuletzt schwieriger geworden, eine Förderung zu bekommen und Filme zu produzieren.“ Der „Spiegel“ merkt an, dass Dörrie „die Partnerin des Constantin-Chefs und Schweiger-Produzenten“ ist. Angemerkt sei außerdem, dass „Manta Manta – Zwoter Teil“ ein Kinofilm ist und mit mehr als vier Millionen Euro gefördert wurde. Eine Senderbeteiligung ist nicht bekannt.  

Bei der Produzentenallianz macht Geschäftsführer Björn Böhning „wie fast alle aus der Branche für Missstände ökonomische Faktoren mitverantwortlich, ,nicht zuletzt das Geschäftsmodell der Streamer‘“ habe den „Druck auf fast alle Produktionen in jüngerer Vergangenheit massiv erhöht.“ Weiter hat sich der Verband, der sonst sehr mitteilungsfreudig ist, noch nicht geäußert. 

Mit den Antworten gibt sich die „Spiegel“-Recherche leider vorerst zufrieden. Wenn auch misstrauisch, weil doch etwas feststellt wird, was auch als Plot für einen Fernsehmehrteiler taugen würde: „Einige der Regisseure und Schauspielerinnen, mit denen ,Der Spiegel’ sprach, zogen kurzfristig ihre Statements wieder zurück. Lieber erst mal nichts sagen, das scheint die Devise zu sein. […] Offensichtlich braucht es für Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseurinnen und Regisseure derzeit Mut zu sagen, was genau schiefläuft. Vor allem weil die Mächtigen in Produktionsbüros und Fernsehredaktionen im Ruf stehen, diejenigen abzustrafen, die von Missständen berichten, indem sie weniger oder gar nicht weiter beschäftigt werden.“

Also doch ein „toxisches System“? Am selben Tag, als der Artikel erschien, hatte auch der Regieverband in einer Pressemitteilung die Verantwortung ausgemacht: „Aufnahmeleitung, Produktionsleitung, ein Produzent“ und „ein System, das offene Worte und einen transparenten Umgang mit Problemen per se erschwert“. Bei anderen Gelegenheiten betont der Verband regelmäßig das Primat der Regie. Nun aber beschreibt er stattdessen eine Opferrolle, die sich doch ziemlich toxisch anhört und demnach häufiger vorkommt: „Dabei geht es für alle, und vor allem für die Regie, immer nur um eins: den nächsten Film. Misserfolg wird nicht verziehen und mit Auftragsentzug sanktioniert. Je höher der Level, auf dem man gearbeitet hat, desto tiefer droht der Fall. Und da Schweiger schöne und große Erfolge gefeiert hat und gerade wieder feiert, wäre sein Fall tief und hart. Das weiß er genau. Und jeder, der das versteht, weiß, dass solch ein Druck Menschen auch zerstören kann.“ Soviel Mitgefühl lässt ratlos. Erst recht die Frage in der Stellungnahme: „Wer schützt die Regie vor sich selbst, wenn Alkohol im Spiel ist?“ 

Bei „Deutschland 3000“ im SWR bespricht Eva Schulz mit Filmschaffenden, was wirklich hinter den Kulissen passiert. Der Schau­spieler Julius Feldmeier berichtet etwa vom leicht auszunutzenden Macht­gefälle zwischen seinem Berufs­stand und dem Kostüm­department oder einem Stunt-Dreh, bei dem er Brutalität erlebt hat. Die Regisseurin Wero Rodowicz sagt, dass der Regie oft die Empathie für weniger sichtbare Berufs­gruppen fehlt.

Die Constantin hatte dem ersten Bericht im „Spiegel“ noch widersprochen: Die gegen Schweiger erhobenen Vorwürfe seien „überwiegend unvollständig und verzerrend, teilweise auch wiederum schlicht falsch“. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke] schlägt Constantin-Chef Martin Moszkowicz nun im Interview mit Michael Hanfeld ganz andere Töne an. Bei „DWDL“ fasst Timo Niemeier zusammen: „Moszkowicz bestätigt gegenüber der ,FAZ’ auch einen der zentralsten Vorwürfe in der ,Spiegel’-Berichterstattung: Til Schweiger soll während den Dreharbeiten zu .Manta Manta – Zwoter Teil’ einen Mitarbeiter von Constantin Film geschlagen haben – offenbar im alkoholisierten Zustand. […] Zu anderen gegen Schweiger erhobenen Vorwürfen äußert sich der Geschäftsführer von Constantin Film weniger klar. Er verwies auf laufende Untersuchungen. […] Gleichzeitig beklagt Moszkowicz, dass sich die Betroffenen nicht bei Constantin Film gemeldet hätten. ,Wenn ich als Arbeitgeber nicht weiß, dass sich jemand schlecht behandelt fühlt, dass er psychische Probleme durch die Arbeitssituation hat, kann ich nichts unternehmen.’“

In der „Frankfurter Rundschau“ ist Daniel Kothenschulte kein bisschen verwundert, „wenn sich Betroffene aus Sorge um weitere Beschäftigung mit ihren Klagen nicht nach außen wenden. Es wäre wünschenswert, wenn nun mehr darüber bekannt würde. Ausbeutung und Willkür sind ein systemisches Problem in der Filmwirtschaft. Wirtschaftshierarchien sind hier besonders steil zu erleben, Transparenz besonders schwer zu erreichen. […] Man hätte sicher auch ein Beispiel aus einer weniger prominenten, publikumsferneren Produktion finden können.“ 

Darum zurück zum „Spiegel“, mit der ausdrücklichen Anerkennung, dass überhaupt mal einer weiterfragt. Und damit wird’s Zeit für ein wenig Medienschelte, denn über Arbeitsbedingungen bei Film und Fernsehen wird keineswegs erst „jetzt“, „derzeit“ oder „heute“ gesprochen. Seit 14 Jahren wird darum der „Fair Film Award“ vergeben. 111 Artikel zeigt das Schlagwort „Arbeitsbedingungen“ für die vergangenen 13 Jahre auf „Outtakes“. Darunter Erfahrungsberichte von Filmschaffenden selbst, die zeigen: Als ein „Tatort“ noch mehr Drehtage hatte und es noch keine Streamer gab, war die Welt auch nicht in Ordnung. 

Es hat bisher nur kaum jemanden interessiert. Wer mag, kann ja mal Google fragen, was bisher so zum Thema bei „Spiegel“ und anderen zu lesen war. Obwohl doch die „Taz“ schon vor zehn Jahren kurz vom „Arbeiten am Limit“ berichtete. Aber interessiert hat das Thema auch kaum Kolleg*innen beim Fernsehen, die sowas normalerweise interessiert, und die ja eigentlich so dicht dransitzen wie sonst niemand. Zukunft und Inhalt, Qualität und Struktur der Öffentlich-Rechtlichen werden zwar seit Jahren von vorne bis hinten durchdiskutiert, die Arbeitsbedingungen spielen dabei keine Rolle.

Die Aufmerksamkeitsökonomie muss man Filmmenschen nicht erklären. Soziale Sachen sind nun mal nicht sexy, und wo all die neuen Bilder herkommen, will in Deutschland eh kaum einer wissen. Selbst Filmkritiken reduzieren sich allzugerne auf die Regie, mitunter mehr noch als auf das Werk. Wer so schon die Filmkünste nicht achtet, wie sollen den die Arbeitsbedingungen interessieren? Zum toxischen System gehört nicht nur die bedingungslose Verehrung des genialischen Egos, sondern auch der romantische Irrtum, dass große Kunst nur durch Leiden entstehe.

Übertrieben? Vor zehn Jahren jubelte die Kritik in Cannes über die „Goldene Palme“ für „Blau ist eine warme Farbe“. Dass während der Vorstellungen draußen Mitarbeitende wegen der Bedingungen beim Dreh protestierten, war in deutschen Medien keine Erwähnung wert. 

Vor fünf Jahren wurde „Werk ohne Autor“ bei seiner Premiere in Venedig von Kritik und Publikum begeistert aufgenommen und sogar Deutschlands Kandidat für den „Oscar“. Unter welchen Bedingungen das „bildungsbürgerliche Meisterwerk“ (Ulf Poschardt) entstand, spielte keine Rolle. „Aufgrund zweier Krankheitsfälle kam es beim Dreh zu Verzögerungen und in der Folge zu Beschwerden wegen zu langer Arbeitszeiten“ steht in der Wikipedia. Und weil als Quelle der Artikel auf „Outtakes“ angegeben ist: dies ist nur der kleinste Teil einer Wahrheit, die viel weiter und tiefer führt. Dort zitieren wir auch den Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, der schon mit „Das Leben der Anderen“ einen „Oscar“ für Deutschland geholt hatte: Beim Dreh seines Debütfilms „herrschte sogar oft eine Art Meutereistimmung” beim Team. „Das hatte nicht nur damit zu tun, dass wir unglaublich armselige Gagen gezahlt und unglaublich lange Stunden abverlangt haben. Viele hatten auch den Eindruck, ich könne ,keine Prioritäten setzen’.“

Am deutlichsten hatte einst der „Stern“ gemacht, was er von der Filmbranche hält: 2012 berichtete die damals größte deutsche Illustrierte „aktuell“ von Protesten des Schauspielverbands gegen die Arbeitsbedingungen. Peinlich: Der Artikel war aus alten Pressemitteilungen zusammengestoppelt, die Proteste hatten bereits ein Jahr zuvor stattgefunden.

2017 hatten Filmschaffende in einer großen Umfrage von Erfahrungen mit Diskrimierung am Set berichtet: „Das wurde rege genutzt: 20 Schreibmaschinenseiten füllen die Darstellungen, die oft nur Einzeiler sind. Doch gleich, ob Stichwortsammlung oder Prosatext – fast alle zeichnen das selbe Bild: Der Job beim Film ist nicht sonderlich familienfreundlich, ab 40 wird’s eng mit den Aufträgen, Frauen verdienen generell weniger als Männer in derselben Position – sofern ihnen die überhaupt zugetraut wird.“ 

Berichtet wurde wiederholt von sexistischen Bemerkungen bis hin zu Übergriffen. Für die Öffentlichkeit schien das Thema aber erst mehr als ein Jahr später interessant, als in den USA ein Produzent in die Schlagzeilen geriet und dann ein gefeierter deutscher Regisseur. Der Sache mag es nutzen – auch andere Diskriminierungen, über die in der Umfrage berichtet wurde, sind seitdem im Gespräch; Positionen für Diversität und für Intimität werden geschaffen; überall und jederzeit wird Vielfalt beteuert.

Festzuhalten ist aber auch: den Anstoss gaben stets Initiativen, mit denen sich die Betroffenen selbst zu Wort meldeten und ein entsprechendes Medienecho fanden. „Die Branche“ reagiert zwar, aber nur dort und nur gerade soweit, wie sie unbedingt muss. Zwar schuf sie unter dem Eindruck von #MeToo die Vertrauensstelle „Themis“, doch die ist nur zuständig für „sexualisierte Belästigung und Gewalt“ und darf auch nur beraten. Eine generelle Beschwerdestelle oder eine Ombudsperson für die Branche gibt es nicht. Oder überhaupt jemanden, der sich dafür zuständig fühlt. 

Die Kulturstaatsministerin (BKM) hat zumindest ein Ende solcher Verstöße angekündigt. Sehr deutlich sogar, leider nur im Konjunktiv: „Die Zeiten patriarchalischer Macker, die ihre Machtposition in übelster Form ausnutzen, sollten wirklich vorbei sein. Auch wenn das offenkundig noch nicht alle verstanden haben.“

Die Streamer sind da schon viel weiter, berichtet im „Spiegel“ der Regisseur Marvin Kren. „Jede Position, die er als Produzent oder Showrunner für eine Netflix-Produktion anmelde, unterliege einem peniblen Monitoring während des Drehprozesses. ,Da schaut dir immer jemand über die Schultern.’ […] Trotzdem weiß er den strengen Blick von Netflix zu schätzen: Die Auflagen des US-Streamers könnten zwar auch mal anstrengend sein, das Sanktionssystem sei didaktisch organisiert. Aber: Wenn sich andeute, dass jemand seine Machtposition missbrauche, Leute demütige oder schlecht behandle, ,muss nicht sofort der Dreh komplett abgebrochen werden. Man kann mit Verwarnungen und ansteigenden Strafgeldern arbeiten wie beim Fußball’. Davon könnten klassische Produktionsfirmen lernen, glaubt Kren.“

Auch „Der Spiegel“ kommt noch zu keiner Antwort – Fortsetzung folgt. Ob der Ankündigung der BKM nun auch echte Konsequenzen folgen oder doch nur weitere Nebelkerzen geworfen werden, ist also vorerst der Cliffhanger im Plot. Und der Deutsche Film will ja originell und überraschend werden. 

Eine Vorschau gab Claudia Roth höchstselbst. Vorige Woche stellte die BKM ihren „Aktionsplan gegen sexuelle Belästigung und Gewalt“ vor. Der soll „für einen echten Kulturwandel sorgen.“ Das klingt tatsächlich nach großem Kino, doch die Dramaturgie bleibt auf TV-Vorabendniveau: An Strukturen oder Befugnissen ändert sich nichts. Ein Online-Tool für diskriminierungsfreie Arbeitsstrukturen soll es geben, mehr Schulungen und Webinare zur Prävention, und ein Verhaltenskodex soll mit der Branche erarbeitet werden. Immerhin, so lässt die Pressemitteilung annehmen, könnten bei Verstößen nicht näher beschriebene Konsequenzen drohen. Wer diese eventuell vollzieht, ist ebenfalls unklar. Irgendwie soll es aber reichen für einen echten Kulturwandel. 

Vielleicht hilft ja die Deutsche Filmakademie. Die will sich nämlich dafür einsetzen, die Zuständigkeit von „Themis“ zu erweitern, teilte sie am Freitag mit. Die Strukturen stellt allerdings auch die Akademie, der mehr als 2.200 Filmschaffende angehören, nicht in Frage und wiegelt ab: „Es ist wichtig, dass Missstände aufgedeckt und benannt werden, wir bedauern aber zugleich, dass eine ganze Branche durch die jüngsten Vorfälle diskreditiert wird.“

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