Was sollte das denn? Deutschlands größte Illustrierte hält sonst viel auf ihr journalistisches Niveau. Um die Situation der Schauspieler zu beschreiben, reichte es ihr aber offenbar, ein paar alte Pressemitteilungen vom Speicher zu holen. | Foto © Archiv

Der „Stern“ hat mit Michael Brandner gesprochen. Das ist der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Film- und Fernsehschauspieler. Dachte ich jedenfalls, ehe ich den Artikel in der heutigen Ausgabe der „faszinierenden und orientierenden deutschen Medienmarke“ zu Ende gelesen hatte. Ich habe deshalb vorsichtshalber noch mal nachgeschaut – doch, er ist es immer noch. Und als Vorstandsvorsitzender des „größten Interessenverbands der nationalen Film- und Fernsehindustrie“, der wiederum die Interessen von „mehr als 2.200 Mitgliedern“ vertritt, ist er natürlich der richtige Ansprechpartner, denn der „Stern“ blickt heute mal richtig schonungslos hinter die Kulissen und enthüllt schon im Titel, dass die Schauspielerei in Deutschland eine brotlose Kunst sei, weil Gagen, Arbeitsbedingungen und das ganze Drumherum einfach nicht mehr stimmen.

Das brauche ich in diesem Blog ja nicht mehr weiter zu erklären, und auch der „Stern“ ist ja nicht das erste Massenmedienorgan, das davon gehört hat. Und natürlich freut es mich, wenn ein Hochglanzbolide, der sonst auch nur vorm Roten Teppich bremst, mal durchs Tal der Ahnungslosen braust und seinen siebeneinhalb Millionen Lesern das richtige Leben erklärt. Das fand ich ja neulich auch schon bei anderen gut.

Nur hätte ich mir das wieder mal ein bisschen anders gewünscht, schließlich ist der „Stern“ nicht nur die populärste Illustrierte im Lande, sondern vergibt mit seinem Verlag auch alljährlich die renommierteste Auszeichnung für die besten journalistischen Arbeiten (die jüngeren Querelen lassen wir jetzt mal beiseite) und ist auch ziemlich stolz auf seine ebenfalls „renommierte“ Journalistenschule, die ihren Absolventen nach eigenen Angaben eine „umfassende Ausbildung“ und „weithin anerkannte Qualifikation“ sichere, durch die sie „in Spitzenpositionen deutscher Medien gelangt“ sind. Und dann sowas:

Wer schon ein bisschen Ahnung vom Thema hat, erfährt rein. gar. nichts Neues. Das muss vielleicht auch nicht sein, der „Stern“ ist ja fürs breite Publikum, das Schauspieler sonst nur glücklich und strahlend auf Fotos vom Roten Teppich und Premierenpartys im „Stern“ sieht und sich sonst wenig für ihre tatsächlichen Nöte interessiert. Aber die Leidenschaftslosigkeit, mit der dieser Artikel anscheinend aus alten Pressemitteilungen zusammengeklöppelt wurde, lässt annehmen, dass die dem Autorenteam auch an der Heckklappe vorbeigehen, und die Zeitschrift hätte sich diesen halbherzigen Gunstbeweis darum ebensogut sparen können.

Das fängt mit dem Einstieg an: Kühe und Katzen verdienen beim Film mehr als ein Schauspieler. Zugegeben, ein sehr schöner Vergleich, den der BFFS da gefunden hatte, und er kann die Zustände ja auch nicht dauernd anders beschreiben. Bloß ist das Bild halt auch schon mehr als ein Jahr alt und oft zitiert worden. Belegt wird das mit dem Hinweis auf eine Studie der Universität Münster zur Situation der Schauspieler, freilich ohne den Hinweis, dass der BFFS selbst maßgeblich an der Studie beteiligt war – um nicht zu sagen, dahinter steckt.

Dazu gibt’s ein paar Fallbeispiele von betroffenen Schauspielern, eine sogar mit geändertem Namen, um den Betroffenen zu schützen, obwohl der sich an anderer Stelle da schon ganz offenherzig gezeigt hatte. Dazu kommt die Klage, dass die Sender nur die immer gleichen bekannten Gesichter ersetzen, weil die „Boulevardmedien“ sich für jeden Pickel interessieren, nur nicht in unbekannten Gesichtern,  wobei sich der „Stern“ aber nicht ins eigene Gesicht fasst.

Doch das Boulevard braucht auch ein Happy End, drum blickt der „Stern“ hoffnungsvoll in die Zukunft oder sonstwohin: „Ganz langsam regt sich Widerstand“, beobachtet die Illustrierte im letzten Absatz und berichtet, wie „150 Schauspieler Ende Juni beim Filmfest München“ den BFFS unterstützten, der zurzeit mit dem Produzentenverband um neue Tarife verhandele. Woraufhin ich mir endgültig die Wundermütze aufsetzte und nach Kalender und Stadtplan kramte: Nur „knappe vier Kilometer vom roten Teppich entfernt planschten sie aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen im Stachus-Brunnen.“

Auf sowas kann auch nur kommen, wer sich mit seinem Boliden auf fremdem Terrain verfranst und ein Jahr lang durch die Gegend irrt. Für „Stern“-Leser und Absolventen renommierter Journalistenschulen noch mal im Klartext: Vom Roten Teppich am Gasteig sind es knappe zwei Kilometer bis zum Stachus. Und dort planschten die Schauspieler nicht in diesem Juni, sondern bereits vor einem Jahr, als der BFFS mit dem Produzentenverband um neue Tarife verhandelte.

Dabei hätte man, wenn einem wirklich etwas daran läge, ohne allzu viel Mühe mehr zum Thema erfahren können: Der Verlag Gruner und Jahr, in dem der „Stern“ erscheint, gehört zur Bertelsmann-Gruppe. Wie auch die Sender der RTL-Gruppe und Produktionsfirmen wie Ufa und Teamworx. Und mit denen haben die Filmschaffenden auch ihre Erfahrungen.

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