Gut gemeint wird überschätzt: Für ihre hämische Kritik an der Corona-Politik ernteten Schauspieler*innen einen Shitstorm. | Screenshot

Mit ironischen Statements wollten Schauspieler*innen die Debatte über die Corona-Politik eröffnen. Die Reaktion fiel heftiger aus als erwartet: Zahllose Tweets kritisierten den Tonfall und die Botschaften im „Querdenker“-Stil.

51 Schauspieler*innen und ein Regisseur luden am Donnerstagabend nahezu gleichzeitig ihre Filmbeiträge mit persönlichen Statements hoch. Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer in kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland. Ebenso schnell folgte die Reaktion, berichtet „Der Tagesspiegel“: Noch in der Nacht reagierten Kolleg*innen auf die Videos. Unter dem Twitter-Hashtag #allesschlichtmachen und #nichtganzdicht starteten sie eine Gegenaktion. Von „fassungslos“ bis Fremdschämen reichten ihre Reaktionen, im Hintergrund schwebte meist die Frage: „Was hat Euch denn da geritten?“ 

Und nicht nur prominente Filmschaffende antworteten, berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Am Sonntag reagierten vor allem Ärzte, Ärztinnen und Krankenhauspersonal mit einer eigenen Aktion: #allemalneschichtmachen. Die Notärztin und Bloggerin Carola Holzner, im Netz bekannt als ,Doc Caro’, rief die an der Aktion beteiligten Künstler dazu auf, mal für eine Schicht im Rettungsdienst oder auf einer Intensivstation mitzuarbeiten. ,Ihr habt eine Grenze überschritten’, sagte Holzner, Leitende Oberärztin am Universitätsklinikum Essen, in einem Instagram-Video. ,Und zwar eine Schmerzgrenze all jener, die seit über einem Jahr alles tun.“

Die Filme, die so aufregen, „folgen demselben Strickmuster“, erklärt die „Süddeutsche Zeitung“: „Es klingt kurz so, als unterstützten die Prominenten die Maßnahmen, doch dann driften sie ab in absurde Vorschläge und Szenarien, die die Politik der Regierung karikieren. Erzählstränge, die immer wieder in den Videos auftauchen: Die Maßnahmen sind übertrieben, alles Panikmache, und die Medien berichten nur das, was die Regierenden ihnen vorgeben. Wirkliches Mitleid mit den 80.000 Covid-Toten in Deutschland ist dagegen nicht zu finden.“

„Der Tagesspiegel“ war entsetzt: „Die Videos enthalten Botschaften, wie man sie von Querdenken-Demos kennt: Die Pandemie sei Panikmache, die Medien seien gleichgeschaltet, die Bundesregierung regiere autoritär. Ja, die Kulturbranche leidet seit mehr als einem Jahr, etliche stehen vor dem Ruin, die Hilfen sind unzureichend. Aber diese Aufnahmen zeigen privilegierte, gut verdienende Menschen, viele von ihnen sind etablierte ,Tatort’-Darsteller. Ist ihre Teilnahme ein Zeichen von Zivilcourage oder nicht eher von Wohlstandsverwahrlosung? […] Einige der Schauspieler:innen werden sich in den kommenden Tagen sicher über den massiven Gegenwind beschweren. Sie werden argumentieren: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Ja, das darf man. Aber man muss auch damit leben, dass solcher Unsinn nicht unwidersprochen bleibt.“

Auch die „Tagesschau“ berichtet, die Wikipedia widmet der Debatte einen Artikel. 

Zu den Kritikern der Aktion gehört auch der Schauspieler und Präsident der Deutschen Filmakademie, Ulrich Matthes. Er unterstelle mal eine gute Absicht. „Diese gute Absicht ist nur ordentlich schiefgegangen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur am Samstag. Er habe sich sehr gewundert über die Unterstellung in den meisten der Videos, es gäbe keinen Diskurs darüber, ob die Maßnahmen in der Pandemie berechtigt seien. „Dieser Diskurs wird seit einem Jahr medial geführt. Der wird im Bundestag geführt, den führen die Stammtische, den führen wir permanent alle“, sagte Matthes. „Und die Kolleginnen und Kollegen beklagen mittels dieser vermeintlichen Satire, dass dieser Diskurs nicht stattfände und geben damit – und das ist meine Hauptkritik – indirekt Schützenhilfe für die Querdenkerszene und die AfD.“

Von dieser Seite kam auch massiver Beifall, berichtet das NDR-Magazin „Zapp“ über die Videos: „Die Botschaft dahinter bleibt ironisch vage, klar ist jedoch: Die Künstler und Künstlerinnen richten sich gegen die aktuellen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus und eine vermeintlich regierungstreue, unkritische Öffentlichkeit. Die Reaktionen in den sozialen Medien sind wie gewohnt polarisiert: In Tausenden Tweets wurde den Schauspielern vorgeworfen, in der aktuell angespannten Lage der Pandemie Öl ins Feuer zu gießen. Zugleich wurden die Videos unter anderem von Vertreterinnen und Vertretern der AfD und der sogenannten ,Querdenken’-Bewegung gefeiert.“

„Hinter der Aktion steckt die Münchner Firma Wunder Am Werk GmbH, wie aus dem Impressum der ebenfalls gestarteten, unter der Last der vielen Aufrufe aber zwischenzeitlich eingeknickten Website hervorgeht“, schreibt „Der Spiegel“. Das habe Geschäftsführer Bernd K. Wunder bestätigt, wollte am Telefon dazu aber nur sagen: „Das ist Kunst.“

Dem „Tagesspiegel“ sagte er mehr: „Er sei lediglich einer von vielen Beteiligten, es gebe keinen Drahtzieher hinter der Aktion, aus rechtlichen Gründen habe einer im Impressum stehen müssen. ,Wir sind eine Gruppe von Filmschaffenden, die sich über Monate hinweg ausgetauscht hat’, sagte Wunder am Telefon. […] Die Idee sei hingegen ,organisch’ entstanden, sagt Wunder, man habe schließlich beschlossen, ,Kunst zu machen, um zu zeigen, dass es uns gibt und dass wir auch kritisch sein dürfen’. Dafür habe man „bewusst die Stilmittel der Übertreibung, der Satire, der Ironie und der Zuspitzung gewählt.’ Die Gruppe sei nicht gegen Corona-Maßnahmen, sagte Wunder, und habe ,nicht pietätlos gegenüber Corona-Erkrankten’ sein wollen. Man habe lediglich eine ergebnisoffene Diskussion über ihre Angemessenheit anregen wollen. Es handele sich um eine einmalige Sache, weitere Pläne gebe es nicht.“

Wunder ist zudem CEO der Firma „Cine Box“, weiß das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Die Firma hatte für das Filmfestival „Max-Ophüls-Preis“ im Januar eine Streamingplattform aufgesetzt, was vom saarländischen Wirtschaftsministerium mit 56.000 Euro gefördert wurde. „Doch so seriös die Arbeit Wunders ist, privat fischte er mit seinen Social-Beiträgen offenbar gern im Wasser von Corona-Leugnern und Verharmlosern der Pandemie.“ Allerdings sehe er manche Aussage „heute wesentlich differenzierter“. Allerdings: „Im persönlichen Gespräch räumt Wunder ein, dass man mit Beifall aus ,Querdenker’- und AfD-Kreisen durchaus gerechnet hat. ,Mehr als distanzieren können wir uns nicht.’“

„Die Gruppe ist dabei, den verengten Diskursraum in diesem Land aufzurütteln“, sagte am Freitag der Regisseur und Mitinitiator Dietrich Brüggemann im Deutschlandfunk und sieht sich als Opfer: Der kolossale Shitstorm zeige, „dass es nötig ist. Man wird beschimpft in einem Vokabular, das zynisch und menschenverachtend ist. Wenn hier überhaupt jemand rechts ist, dann ist dieser Shitstorm faschistoid.“ Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zitiert aus dem Interview: „In einer Situation wie dieser muss Kritik wehtun. Wenn man lieb und brav ist, bringt es nichts. Was diese Aktion macht: Sie hält dem besserverdienenden, bessergestellten Medienbürgertum, der Twitterblase, die die ganze Zeit Lockdown fordert, aber völlig übersieht, was mit dem Rest der Gesellschaft passiert, den Spiegel vor.“

Überraschend findet „Netzpolitik“ vor allem, „wie überrascht sich manche*r über die deutliche Kritik an der Aktion zeigt. Wieso würden 53 Schauspieler*innen praktisch mit Anlauf in einen Shitstorm springen? Die Antwort auf diese Frage könnte mit Dietrich Brüggemann zu tun haben. Der Regisseur und Drehbuchautor ist in der deutschen Film- und Fernsehszene hoch angesehen, 2019 durfte er sogar beim ,Europäischen Filmpreis’ Regie führen. Zugleich ist er bestens vernetzt. Mit einer Reihe von Schauspieler*innen, die an #allesdichtmachen mitgewirkt haben, drehte er zuvor eigene Filme, Richy Müller und Ulrich Tukur etwa spielten Hauptrollen in seinen ,Tatort’-Produktionen. Brüggemanns Anteil an der Aktion ist undurchsichtig, aber in der Geschichte über den Shitstorm ist der Filmemacher womöglich eine Schlüsselfigur. Auffällig ist: Wo andere zurückrudern, teilt der 45-Jährige jetzt erst so richtig aus. Am Freitagnachmittag beklagt er gegenüber ,Netzpolitik’ am Telefon ein ,alleiniges Regime des Coronavirus’, aus seiner pauschalen Ablehnung der Schutzmaßnahmen macht er keinen Hehl. Mehrere Beteiligte sehen ihn im Zentrum der Kampagne, er selbst hingegen spielt seine Rolle herunter. ,Diese Aktion besteht aus 50 Einzelstimmen und ich bin eine dieser Einzelstimmen.’ Er sei nicht derjenige, der sich das alles ausgedacht habe, auch nicht der Urheber oder der Rädelsführer. Als wir ihn fragen, wer die Fäden zusammengeführt habe, spricht er bloß von einer ,starken Gruppe’. Ob das heiße, dass die rund 50 Beteiligten über Entscheidungen abgestimmt hätten? ,Ungefähr so, müssen Sie sich das vorstellen, strengen Sie Ihre Fantasie an!’“

DeR „Stern“ formuliert das ist das eindeutiger: Brüggemann nutze „auf seinem Blog und auch in Postings durchaus in der Querdenker- und Corona-Leugner-Szene verbreitete Narrative.“ In der Initiative sei er der einzige Nicht-Schauspieler mit eigenem Video – und wohl „zumindest für einige vorgetragene Texte inhaltlich verantwortlich.“ Als Zeugen führt das Magazin den  Schauspieler Hans-Jochen Wagner an. Er gehörte zu den ersten, die der Aktion öffentlich widersprochen haben. Im Interview mit dem „Stern“ erklärt er: „Ich kann nicht für alle sprechen, aber bei einigen sind das gar nicht ihre eigenen Texte – die hat der Regisseur Dietrich Brüggemann geschrieben. Und der hat das auch inszeniert. Jetzt verstehe ich stückweise, wie das zustande gekommen ist: Die sind unglücklich in eine Situation reingeraten.“ Er wisse von einigen, dass ihnen Skripte zugeschickt wurden. Zudem sehe er an der aufwendigen Art der Videos, „dass sie nicht spontan entstanden sind. Sie wurden eingeübt. Es ist ein Problem, dass man nicht erkennen kann: Sind das die eigenen Worte oder spielt jemand eine Rolle? […] Ich hatte nicht das Gefühl, dass es sich bei den Videos um eine spontane Äußerung von Frustration handelt – was ich hätte verstehen können. Sondern eine wohlinszenierte, mühsam erarbeitete Form, die aber vollkommen unverständlich ist. Wären mir die Leute egal, hätte ich ja nichts gesagt. Aber das sind viele Kollegen, die ich schätze. Deswegen habe ich mich direkt an sie gewandt und gefragt: Wisst Ihr, was Ihr da macht? Aber das ist inzwischen klar, deswegen kann man das ja wieder begraben.“

„,FCKNZS’ (Fuck Nazis) steht anlasslos, einsam und winzig klein am unteren Ende der Website mit den Videos. Es wirkt wie ein typografisches Feigenblättchen. Ganz so, als habe man am Ende doch irgendwie geahnt, wessen Ungeist man mit dieser gratismutigen Aktion beschwören könnte, die wenig mit legitimer Kritik an den Corona-Maßnahmen zu tun hat, sondern vor allem die Legende von der machtgeilen Regierung nährt, für die Corona nur ein Vorwand sei, uns alle zu knechten“, kommentiert das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“: „Es gab diverse Aktionen, auch von Künstlern wie den Ärzten (in den ,Tagesthemen’) oder den Toten Hosen, die ihre Kritik und die schlimme Notlage der Kultur klar und deutlich ausgedrückt haben, ohne sich der Positionen von Querdenkern zu nähern. Das geht. Niemand von ihnen wurde hinterher als rechtstendenziös oder schwurbelig diskreditiert. Warum? Weil es keinerlei Anlass dazu gab.  Ein kommunikativer Fehlschlag, wenn man sich schnell noch von Nazis distanzieren muss, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.“

Besonders das „Medienbashing“ von Jan-Josef Liefers findet das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ gefährlich, „weil es selbsternannten ,Querdenkern’ neues Futter liefert. Sie haben ihr Misstrauen gegenüber Medienvertretern nun nicht nur in der Telegram-Gruppe von Attila Hildmann bestätigt bekommen, sondern auch von einem bekannten ,Tatort’-Darsteller, den sie Sonntagsabends in den ,Mainstreammedien’ sehen. Ob Liefers das gewollt hat oder nicht, ist unerheblich.“

Sauer waren auch die Kollegen bei der „Aktuelle Stunde“ des WDR, wo Liefers die Aktion am Freitag verteidigte: „Das ist eine satirisch gemeinte, ironische und auch überspitzte Protest-Aktion.“ Das Ziel: „Gerade in einer Zeit, wo wir aufgefordert sind, den Gürtel enger zu machen, wo alles wieder geschlossen wird, die Diskussion wieder zu eröffnen“. 

Im Begleitartikel zur Sendung stellt der WDR fest: „Die Diskussionsbereitschaft der Macher scheint allerdings Grenzen zu haben: Die Videos der Schauspieler auf Youtube sind nicht kommentierbar. Lediglich der (moderierbare) Diskussionsbereich des Youtube-Kanals ist geöffnet. Dort finden sich nahezu ausschließlich zustimmende und positive Reaktion.“

Liefers zeigte schon als Schauspieler in der DDR, „dass er sich als politisch denkender Mensch versteht, der seine öffentliche Rolle dafür einsetzt, um staatliches Handeln kritisch zu spiegeln“, erinnert die „Berliner Zeitung“: Wenige Tage vor dem Fall der Berliner Mauer hatte er auf einer der größten Demonstrationen vor laufenden Fernsehkameras die DDR-Führung kritisiert. „Zur Demokratie gehört für mich, dass keine gesellschaftliche Kraft allein dieses Recht okkupieren noch sich um sie bewerben, sondern sie bestenfalls erringen kann. Und zwar in täglicher Arbeit, demokratisch und eindeutig durchschaubar organisierter Arbeit und entsprechender Resultate.“ Die Zeitung veröffentlicht Liefers Rede im Wortlaut.

Etliche der Beteiligten Schauspieler*innen zogen ihre Videos zurück, berichtet „Der Spiegel“ und distanzierten sich ausdrücklich von rechtem Gedankengut oder „den Aluhütchen“. „Von ursprünglich 53 Videos, die am Donnerstag im Internet veröffentlicht wurden, waren am Sonntag noch 34 übrig“, zählt die „Süddeutsche Zeitung“ vor. Und zitiert in einem weiteren Artikel die Schauspielerin Meret Becker: „Es sei eine vielleicht zu zynisch gestaltete Kunstaktion gewesen, sagte Becker. Und erklärt dann genauer, wo sie eigentlich Fragen aufwerfen wollte. Sie kritisiert etwa, in der Pandemie sei immer eine Tür für die Wirtschaft offengehalten worden. Die Theater seien zu, aber die Flieger voll. Menschen müssten zur Arbeit gehen, damit die Industrie weiterlaufe. ,Wir hätten vielleicht mehr das sagen sollen, was eigentlich gemeint ist’, sagte Becker.“

Auch die Initiative selbst grenzt sich inzwischen auf ihrer Website davon ab: „Wir lassen uns auch nicht in eine Ecke stellen mit Rechten, Verschwörungstheoretikern und Reichsbürgern. Auch die AfD steht für alles, was wir ablehnen. Wenn man sich nicht traut, Selbstverständlichkeiten anzumahnen, weil man Applaus von der falschen Seite fürchtet, dann zeigt das allenfalls, daß der Diskurs in eine Schieflage geraten ist.“ Die Erklärung sei allerdings „kein offizielles Statement von sämtlichen Teilnehmer*innen der Aktion. Die Gruppe hat keinen ,Kopf’ und keine gemeinsame Stimme. Das Projekt ist kollektiv entstanden, die Gruppe ist divers, die Meinungen gehen auch hier auseinander.“ 

Großer Aufruhr, schnelles Ende bilanziert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: Die Aktion und die Reaktionen darauf zeigten, wie man besser nicht über Corona diskutiert. Es sei denn, man sei erpicht auf Realsatire. „So hämisch der Tonfall der meisten Beiträge, so böse fielen im Netz viele Reaktionen aus. Applaus gab es aus der rechtskonservativen Ecke, also von der falschen Seite; Kontra aus der sich linksliberal und aufgeklärt dünkenden Twitter-Szene. Ein ganz normaler Tag also in der stets aufgeregten Internetblase, die von Leuten bevölkert wird, die in der Corona-Pandemie offenbar viel Zeit und nichts anderes zu tun haben, als andere abzukanzeln. Und wie das so ist, fühlten sich die Corona-Kritiker von ihren Kritikern missverstanden.“

So sieht das auch „Die Welt“ hinter der Bezahlschranke. „Über genau diese Krisenkommunikation, die seit einem Jahr unsere aufs Bildschirmformat zusammengeschrumpfte Öffentlichkeit prägt, machen sich die Schauspieler lustig. Dafür nutzten sie ihr ureigenstes Mittel: eine Nachahmung, die den Gegenstand verfremdet, und zwar so, dass er in dieser Fremdheit überhaupt erst erkennbar wird.“

Damit sei der Autor der „einzige aus der Berliner Medienblase, der aus der Reihe tanzt und benennt, dass #allesdichtmachen, die Aktion prominenter Schauspieler gegen die Corona-Politik der Bundesregierung, dadurch erfolgreich ist, dass sie von den etablierten Medien unisono und überaus aggressiv im Ton kritisiert wird“, schreibt auf „Telepolis“ Rüdiger Suchsland, der in der Kritik gar eine „mediale Einschüchterungskampagne“ sieht: „Die Aktion deutscher Schauspieler ist im Einzelnen ziemlich lustig und manchmal auch richtig und treffend. Im Ganzen ist sie eher dumm und gelegentlich geschmacklos. […] Noch dümmer ist aber mal wieder der deutsche Moralismus, die Empörungsbereitschaft der deutschen Gesellschaft und die Lust daran, endlich wieder einen Sündenbock gefunden zu haben und ein paar Menschen, die man klar identifizieren und über die man sich dann gemeinschaftlich echauffieren kann.“ Trotzdem hätte er sich eine gelungenere Aktion vorstellen können: „Natürlich kann man auch sagen, es wäre gut gewesen, wenn alle Schauspieler, die sich jetzt äußern, besser mal schon im letzten Herbst die Videoaktion des Musikers Till Brönner unterstützt hätten. Oder wenn sie sich alle zusammen am besten noch an diesem Wochenende oder besser schon im letzten Jahr vors Kanzleramt setzen würden und einen Sitzstreik für die Kultur begonnen hätten. Man stelle sich das mal vor! Was da los wäre, abends im ,Heute Journal’ und in den ,Tagesthemen’: Jan Josef Liefers und noch drei andere Tatort-Kommissare sitzen sitzstreikend vor dem Kanzleramt. Motto: ,Ausgangssperre, nein Ausgangsbeschränkung für die Kanzlerin!’ Das hätte noch mehr Aufmerksamkeit und viel mehr Wohlwollen gebracht, und es wäre vielleicht auch etwas schwerer gewesen, es mit Shitstorms niederzukartätschen. Aber gut – das haben sie nicht gemacht und andere haben es auch nicht gemacht. In Deutschland ist die Streik- und Demonstrationsbereitschaft sowieso gering und sie wird noch dadurch geringer, dass, wenn überhaupt, vor allem Querdenker demonstrieren.“

Auch das „Altpapier“ beim MDR sucht nach Sinn und Hintergrund der Aktion und fängt „mit dem Positiven an, denn damit sind wir schnell durch. Also: Es ist gelungen, für diese Sache Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Allerdings kann es sich auch zwei Varianten vorstellen, „die nicht zu diesem verheerenden Echo geführt hätten:
# Deutschlands bekannteste Filmschaffende nutzen ihre Reichweite, um auf die Situation von Kunst- und Kultureinrichtungen hinzuweisen, denen nicht ganz viel Geld und Online-Gefolgschaft zur Verfügung stehen.
# Deutschlands bekannteste Filmschaffende sprechen in einem Video über ihre Ängste, ihre Zweifel an dieser Politik, weisen im besten auf ihre privilegierte Position hin, machen vielleicht sogar konkrete Vorschläge, was besser laufen könnte.
Der mediale Unfall nimmt hier schon dort seinen Ausgang, wo die Filmschaffenden sich für das Mittel der Ironie entscheiden. Das dürfen sie, keine Frage. Alles von der Kunstfreiheit gedeckt. Die Frage ist nur, welche Botschaften wollen sie senden, und welche senden sie tatsächlich?“

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot verteidigte die Aktion im Deutschlandfunk: Sie persönlich halte die Aktion für sinnvoll und habe die Ironie dahinter verstanden. Dass die Schauspieler*innen auf die gesellschaftlichen Gefahren der Corona-Politik aufmerksam machen wollen, sei legitim. Doch in der stark polarisierten Debatte gebe es dafür keinen Raum. „Und wenn man jetzt sagt, wenn das von rechts vereinnahmt wird, dann darf das nicht sein, dann ist genau das das Problem unseres heutigen Diskurses, weil es gibt keinen Raum mehr für legitime Kritik.“

Die Kritik an der Aktion findet auch „Der Freitag“ verfehlt: Zynisch sei „doch eher eine Bundesregierung, die das Gesundheitssystem hat schleifen lassen, und es jetzt nicht auf die Reihe kriegt, die Bevölkerung schnellstmöglich durchzuimpfen, ja, noch nicht einmal die Traute hat, für zwei oder drei Wochen wirklich alles dicht zu machen – aber einen willkürlichen Inzidenzwert von 165 für Schulschließungen in Gesetzesform gießt.“ Manche Kritiker*in könne „sich eine künstlerische Aktion, ob gelungen oder nicht, offenbar nur noch als Veranstaltung von Aktivisten vorstellen, die gegen oder für ,etwas kämpfen’. Kunst, ob gelungen oder nicht, setzt sich aber erst einmal mit etwas auseinander. Der Schauspieler Volker Bruch zum Beispiel mit dem Megathema Angst. Und mit der Politik der Angst. Ich vermute, dass Bruch die Maßnahmen des Lockdowns nicht für besonders sinnvoll hält. Aber er sagt es nicht. Weil er eben nicht in Aktivismus macht. Viele halten sich nicht mehr mit solchen Differenzierungen auf. Sie finde etwas entweder gut oder schlecht. Nein, nicht schlecht (ästhetisch), sondern böse (psycho-moralisch). Böse ist #allesdichtmachen, weil es Querdenker und Leute bei der AfD gibt, die das gut finden und auch der schreckliche Hans-Georg Maaßen ist ein Fan. Ja. Aber ich kenne auch einen linken Schriftsteller, der die Aktion gut findet. Er ist allerdings nicht auf Twitter.“  

Das Problem erklärt der Kabarettist Florian Schröder im „Redaktionsnetzwerk Deutschland“: „Inhaltlich sind die meisten Videos schlechte Satire, weil sie sich in einer bequemen, letztlich verantwortungslosen Ironie eingerichtet haben. Das ist billig und kindisch und entsprechend in alle Richtungen interpretierbar – und damit anschlussfähig an die üblichen verdächtigen Milieus, die ja auch schnell und vorhersehbar applaudiert haben. Es ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, wenn Satire auf halber Strecke stehen bleibt. Selbst die nachvollziehbare, spürbare Verbitterung braucht eine Kunstform, die klar ist, um zu funktionieren.“ Doch „auch eine schlechte Aktion kann Anlass zu einer fruchtbaren Debatte sein. Dass diese ausbleibt und stattdessen eine selbstgefällig-beleidigte Ironie von ein paar Privilegierten auf der einen Seite und eine ebenso selbstgefällig-moralische Überlegenheitsgeste auf der anderen Seite bleibt, ist das eigentlich Traurige an dieser Debatte.“ 

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sieht auf beiden Seiten der Debatte „Flachsinn“ am Werk: „Mehr als Sarkasmus und peinlich aufgesagte Texte […] haben die Schauspielerinnen und Schauspieler von ,allesdichtmachen’ freilich auch nicht zu bieten. […] Sollte das der Versuch gewesen sein, auf die Nöte der Kunst- und Kulturszene in der Pandemie hinzuweisen, darf man ihn als krachend gescheitert betrachten. Etwas mehr kritische Masse würde man sich in der ,kritischen‘ Auseinandersetzung an dieser Stelle sehr wünschen.“

 

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