Die Arbeitstage sind lang, die Bezahlung schlecht, die Ausbildung bleibt auf der Strecke. Als Filmland liefert Deutschland keine gute Rolle ab. Kein Wunder, dass hier die Arbeitskräfte ausgehen. | Foto © Jana Cerno

Herr Zenglein, viele Filmschaffende klagen über die schlechte Bezahlung. Dabei ist laut Tarif die Vergütung für die einzelnen Gewerke wie Kamera, Beleuchtung und Ton ganz ordentlich. Die Wochengage für einen Tonmeister liegt laut Verdi bei 1.607 Euro und für einen erfahrenen Kameramann bei 2.999 Euro. Sieht die Realität so viel anders aus?

Filmschaffende arbeiten projektbezogen und damit überwiegend in befristeten Arbeitsverhältnissen. In der Regel sind sie nur einen Teil des Jahres in Lohn und Brot. Die Beschäftigungsverhältnisse dauern im Schnitt zwischen zwei bis zehn Wochen. Davor und danach sind meist lange Zeiten der Arbeits- und/oder Beschäftigungslosigkeit. Selbst wenn man eigentlich genügend Angebote bekommt, kann man zwei Drittel nicht wahrnehmen, weil sie sich mit den bereits zugesagten oder gerade stattfindenden Projekten überschneiden. 

Aber wer regelmäßig Jobs bekommt und Tarifgage erhält, fährt doch eigentlich ganz gut?

Zunächst einmal ist zu sagen, dass die Tarifgage, die als Einstiegs-Gage für Berufsanfänger gilt, an sich schon viel zu niedrig ist, um über das Jahr inklusive Krankheit, Weiterbildung, Urlaub und Altersvorsorge genug zu verdienen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Tarifvertrag keine Allgemeinverbindlichkeit hat und für die vielen Solo-Selbstständigen von Haus aus keine Anwendung findet. Aber auch da, wo er eingehalten werden müsste, wird er regelmäßig unterlaufen. Fälschung von Stundenzetteln auf Ansage gehört zur gängigen Praxis.

Die Tarifgagen sind also zu niedrig und finden ohnehin kaum Anwendung?

Richtig. Dazu kommt, dass an Vorbereitungs­tagen und Drehtagen eines Projekts seit Jahren sukzessive gekürzt wird, so dass es pro Projekt immer weniger Arbeits-, also Verdiensttage gibt, die häufig mit einer mörderischen und oft eben nicht bezahlten Menge an Überstunden ausgeglichen werden.

Wie viel Prozent der Mitarbeiter werden in der Branche überhaupt nach Tarif bezahlt?

Ich muss an der Stelle nochmal betonen, dass Tarifgagen eigentlich nur für Berufsanfänger angemessen sind. Das ist aber in Vergessenheit geraten beziehungsweise wird einfach nicht beachtet. Dabei sollte es eigentlich ein hoher Prozentsatz sein, denn in fast jeder Produktion steckt öffentliches Geld! 

Laut Vergütungsregeln, die die ARD und der Verband der Drehbuchautoren vereinbart haben, bekommt ein Autor zum Beispiel für einen Tatort eine Erstvergütung von 85.000 Euro, und ein renommierter Szenenbildner verdient 150.000 Euro pro Jahr. Andere Positionen im Stab werden nach Mindestlohn bezahlt …

Zunächst einmal zur Klarstellung: Die ARD kann für diese 85.000 Euro den Tatort mehrfach und mehrmals auf unterschiedlichen Sendeplätzen und in den Mediatheken verwerten. In der Regel gibt es für ein Fernsehfilmdrehbuch samt Erstausstrahlung meines Wissens höchstens 30.000 Euro. 

Ein Szenenbildner, der 150.000 Euro verdient, hat es anscheinend geschafft, mehrere Projekte zu bekommen, die auch noch zufällig zeitlich günstig nacheinander lagen. Grundsätzlich gibt es natürlich ein Gefälle zwischen Above und Below the Line.

Aber warum gibt es gleichzeitig so viele Geringverdiener unter den Filmschaffenden?

Ich verweise auf die erste Frage und behaupte, dass die Gagen grundsätzlich zu niedrig sind, egal in welcher Position! An dieser Stelle möchte ich aber auch unbedingt anmerken, dass die Gagen nicht zu niedrig sind, weil die „bösen Produzenten“ nicht mehr zahlen wollen. Nein, da sitzen alle im selben Boot, denn die Budgets sind einfach zu niedrig. 

Das sind alles keine guten Voraussetzungen, um eine Familie zu ernähren.

In der Tat, denn Filmschaffende können unter diesen Voraussetzungen keine Partner in einer arbeitsteiligen Familienorganisation sein! Die Arbeitstage sind lang, die Einsätze unkalkulierbar. Damit kommen sie für Aufgaben in der Familie und besonders in der Kinderbetreuung nicht in Frage. Das kann nur zuverlässig der Elternteil übernehmen, der nicht beim Film ist oder gar nicht arbeitet. Daraus folgt, dass der Filmschaffende eigentlich ein Alleinverdiener sein müsste. Das Einkommen eines Head of Department mag dazu ausreichen, das im Bereich Setassistenz ganz sicher nicht.

Aber wer bei einer mittleren oder größeren Produktionsfirma arbeitet, die beispielsweise auch Vorabend-Serien oder Dailys dreht, müsste doch eigentlich ein gutes Auskommen haben?

Erstens gilt der Tarifvertrag für Anstellungen mit einer Dauer über sechs Monate in einem Jahr nicht mehr, es werden also in solchen Produktionen grundsätzlich niedrigere Gagen gezahlt. Und zweitens ist so eine Anstellung ja nie auf Dauer. Schon allein, damit kein Anspruch auf unbefristete Festanstellung entsteht. Ich möchte an dieser Stelle jedoch deutlich betonen, dass Arbeitsbedingungen und ihre Sozialverträglichkeit nicht allein an der Bezahlung festgemacht werden können: Arbeitszeit, Familienfreundlichkeit, Entwicklungsmöglichkeiten, Gesundheit zählen auch dazu. Viele Filmschaffende wünschen sich mehr Freizeit, also kürzere Drehtage, und nicht unbedingt mehr Geld. 

Gibt es große Unterschiede bei der durchschnittlichen Bezahlung in den Bereichen Fic­tion/Unterhaltung/Dokumentation? Wo wird besser, wo schlechter verdient?

Pauschal lässt sich nur sagen, dass es in den nichtfiktionalen Produktionen generell selbstausbeuterischer zugeht als in fiktionalen. Aber auch da, insbesondere bei der Produktion von Filmen, die sich wenig marktkonformen Inhalten oder Themen widmen, die kontrovers, mutig, unkonventionell, die systemkritisch und nicht konsensorientiert sind, oder auch bei Genreproduktionen, Nachwuchsproduktionen und so weiter wird unter nicht sozialverträglichen Bedingungen gearbeitet.

Auf Crew United werden manche Jobangebote gar nicht veröffentlicht, weil sie schlicht zu schlecht bezahlt sind. Wie häufig kommt das vor? Sind das nur die kleinen Firmen, die Mühe haben, sich über Wasser zu halten?

Täglich dutzendweise und Nein, es sind natürlich auch die großen Firmen. Aktuell hat es sich gebessert, weil wir durch die neuen Player am Markt großen Bedarf nach Fachkräften haben. 

Sind die Probleme der Branche hausgemacht?

Zum Teil ja, denn es fehlt ein durchdachtes Ausbildungskonzept. Jahrelang wurden bis zur  Einführung des Mindestlohns die Praktikanten verheizt. Tatsache ist auch, dass die real gezahlten Gagen seit 20 Jahren kaum gestiegen sind. Da hat es pro Rata – also pro Tag, pro Woche – praktisch keine Steigerung gegeben. Gleichzeitig wurde die Anzahl der Drehtage extrem verkürzt, um eine Steigerung von Filmminuten pro Tag zu erreichen. Außerdem sind die Verdienste für Vor- und Nachbereitungszeiten pro Film massiv gesunken.

Es ist unbestritten, dass die Arbeitsbedingungen beim Film härter sind, als in anderen Medienberufen. Gerade junge Menschen wünschen sich eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Was müsste sich also ändern?

Um den Nachwuchsmangel zu begegnen, muss die Filmbranche sich professionalisieren. Das heißt, es müssen verbindliche Berufszugänge und -standards entwickelt werden. Außerdem braucht es Praktikums-, Volontariats- und Mentoring-Programme sowie moderne Jobmodelle. Job Sharing, das in anderen Branchen längst üblich ist, könnte auch auf die Filmbranche übertragen werden. 

Für viele Berufe im Film gibt es keine spezifische Ausbildung. Der Beleuchter ist beispielsweise meist gelernter Elektriker, der sich dann via Learning by Doing spezialisiert. Müsste man Ihrer Meinung nach auch bei der Ausbildungsordnung ansetzen?

Die Ausbildung des Mittel- und Unterbaus ist in dem Maße vernachlässigt worden, wie sich die Arbeitswelt allgemein und in der Film- und TV-Branche im besonderen verändert hat. Die alten Modelle, als Hilfskraft einzusteigen und durch Learning by Doing zum Assistenten und schließlich zum „Abteilungsleiter“ aufzusteigen, funktionieren nicht mehr. Die Arbeitsverdichtung lässt diesen alten Ausbildungsmodellen, die gut funktioniert haben, keinen Raum mehr, es muss viel zu schnell und effektiv gearbeitet werden – die Ausbildung nebenbei bleibt auf der Strecke.

Viel zu lange wurde auf der anderen Seite auf die prestigeträchtige Errichtung von Filmhochschulen Wert gelegt. Die Notwendigkeit, dass auch der Mittel- und Unterbau mit qualifizierten Mitarbeitern zu versorgen ist, wurde nicht einmal gesehen. Diese Einsicht kommt jetzt reichlich spät und immer noch mit reichlich wenig Überzeugung.

Dennoch klagt auf der einen Seite der Nachwuchs, dass er mit Bewerbungen nicht landen kann, auf der anderen Seite jammern Firmen, dass sie niemanden finden. Warum tun sich beide Seiten so schwer, zusammenzukommen?

Einen Ansatz, den fehlenden Match zwischen Bewerbern und Filmproduktionen zu erklären, wäre vielleicht die Erkenntnis, dass Kompetenzen und Skills der Filmproduktion nicht nur theoretisch an Hochschulen, Universitäten und Berufsschulen gelehrt werden können, sondern dass die Praxis- und Seterfahrung essenziell dazu gehören. Wie zum Beispiel, um Kommunikationsstrukturen zwischen Gewerken zu verstehen, Dispos lesen zu können oder Drehabläufe zu kennen. 

Doch seit der Einführung des Mindestlohns gibt es weniger Möglichkeiten, Setpraxis strukturiert kennenzulernen, beziehungsweise über einen „Set-Führerschein“ entsprechende Kompetenzen nachzuweisen. Der Nachwuchs kann also nicht davon ausgehen, nach Abschluss der Ausbildung für den filmischen Arbeitsmarkt fertig ausgebildet zu sein. Gleichzeitig können die Firmen nicht davon ausgehen, dass sie der Ausbildungssektor mit einsatzbereitem Personal versorgt. Hier müssen sich beide Seiten bewegen.

Ob das funktioniert?

Ich hoffe. Aber es gibt in der Branche leider einen Teufelskreis: Man will in jeder Entscheidung so viel Risiko wie möglich vermeiden. Jemandem, der keine Erfahrung hat, wird auch keine Chance gegeben, Erfahrungen zu machen.

 

Die Kurzversion dieses Interviews erschien zuerst auf dem Blog der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). 

 

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