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Beim Ausmisten im Lockdown fallen einem mitunter Fundstücke aus der alten Normalität in die Hände. Zum Beispiel ein „Arte-Magazin“ von 2010, als das Wort „Querdenker“ noch als Kompliment galt. | Foto © Rüdiger Suchsland

Corona-Moralismus, Corona-Hedonismus, Corona ist eine kollektive Erfahrung – Gedanken in der Pandemie 118.

„Ein Hauptmittel, um sich das Leben zu erleichtern, ist das Idealisieren aller Vorgänge desselben.“
Friedrich Nietzsche

„Ich sehe als Liberaler eine große Verantwortung für das, was man in Freiheit schaffen kann. Und man muss überraschend sein. Nehmen Sie die ,Taz’-Kolumnistin, die Polizisten auf den Müll wünscht. Darüber, dass diese Kolumnistin jetzt Werbung für Luxusmode macht, schreibe ich: Wunderbar, sie hat kapiert, wie die Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert.“
Ulf Poschardt, Autor und Journalist

„Freiheiten sind nicht rechtfertigungsbedürftig.“
Robert Habeck

Liebe Leser, habt ihr schon „Lockdown-Schmerz“? Also sehnt ihr euch schon nach dem allmählich verblassenden Lockdown zurück? Als alles so schön ruhig war? Als man nicht ins Museum musste? „Als alles noch viel schöner war.“ 

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Inzwischen dürfte alles gesagt sein. In der „Welt zum Sonntag“ verteidigten vier der beteiligten Schauspieler*innen nochmal die Aktion #allesdichtmachen. | Screenshot

Die Debatte um #allesdichtmachen ebbt nach zwei Wochen allmählich ab. Noch gibt es aber etwas zu sagen. Während die Hälfte der Beiträge inzwischen zurückgezogen wurden, wehren sich vier der Schauspieler*innen im Interview gegen Vorwürfe, dahinter stehe ein „antidemokratisches Netzwerk“.

Steckt hinter #allesdichtmachen wirklich ein dubioses Netzwerk? Sind die Beteiligten rechts, weil sie die Corona-Politik kritisieren? Die „Welt am Sonntag“ ließ vier Schauspieler*innen erklären, warum sie zu der Aktion stehen – und was sie eigentlich erreichen wollten. Und weil die Antworten von Volker Bruch, Miriam Stein, Nina Gummich und Karoline Teska hinter der Bezahlschranke stehen, fasst die „Welt“ ihr Interview nochmal zusammen: „Den Vorwurf des Berliner ,Tagesspiegels’, hinter der Aktion stehe ein ,antidemokratisches Netzwerk’, weist Bruch zurück: ,Es gibt keinen Drahtzieher, es gibt nur Leute, die eigenständig denken und Ideen haben.’ Miriam Stein betont, es gebe auch ,keine Geldgeber’. Die Idee zu den Filmen sei aus einer Gruppe von Schauspielern hervorgegangen. ,Die Erzählung vom ‚Strippenzieher‘ greift auch mich an’, sagt Nina Gummich: ,Damit unterstellt man mir, ich sei nicht in der Lage, selbst zu denken.’ Zu Berichten, er habe einen Mitgliedsantrag in der Partei Die Basis gestellt, sagt Bruch, er finde den ,basisdemokratischen Ansatz’ der Partei interessant. ,Für mich sind hier die Inhalte ausschlaggebend. Ich muss nicht mit allen Menschen in allen Punkten einer Meinung sein, aber wenn man sich gemeinsam auf unterstützenswerte Inhalte einigt, kann man sich auch gemeinsam dafür einsetzen.’ Grundsätzlich sei eine Parteizugehörigkeit aber ,etwas sehr Persönliches’, ihn habe die ,öffentliche Skandalisierung‘ gewundert.“
Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt über das Interview.

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Jan Josef Liefers im „Tatort: Rhythm and Love“. Es gibt tatsächlich Menschen, die zum Boykott der Sendung aufriefen, weil ihnen die Meinung des Hauptdarstellers nicht gefällt. Doch im wahren Leben läuft’s anders als im Netz: Die Folge erreichte eine Rekord-Einschaltquote. | © WDR/Martin Valentin Menke

Noch immer gibt’s viel zu sagen über die Kunst- oder Protestaktion #allesdichtmachen. Damit wäre die Debatte doch angestoßen. Nur dreht die sich nicht um die vergessenen Kulturschaffenden während der Pandemie. Unser Überblick.

Heftig wurde gestritten um die Aktion #allesdichtmachen. Und weil die meisten Diskussionen in Kommentarspalten und Sozialen Medien stattfinden, gab’s auf beiden Seiten auch die bekannten Reaktionen, die zur Wahrheitsfindung wenig beitragen. Da wollen doch tatsächlich Menschen den „Tatort“ boykottieren, weil ihnen die Meinung des Hauptdarstellers nicht gefällt. Sie bleiben aber in der Minderheit, berichtet „Der Tagesspiegel“ aus der Twitter-Welt. „Daneben gab es den Boykott des Boykotts. ,Ich erlaube mir, diesem #TatortBoykott-Blödsinn nicht zu folgen. Und ich behalte mir vor, den #Tatort aus Langeweile abzuschalten.‘ […] Die große Mehrheit der Twitter-Nutzer kehrte unter dem Hashtag #tatort sehr schnell zum üblichen Meinungsaustausch zurück. […] Um die Zukunft des Münster-„Tatort“ muss sich ohnehin niemand sorgen: Der WDR hat sechs weitere Folgen mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl bestellt.“
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Kulturstaatsministerin Monika Grütters fand die Aktion von mehr als 50 Schauspieler*innen nicht so toll. So witterte sie vorige Woche zurück. | Foto © BKM/Elke Jung-Wolff

Die Debatte um die Aktion #allesdichtmachen geht weiter und wird immer vielfältiger. „Der Tagesspiegel“ präsentiert eine eigene Verschwörungstheorie. Jan Josef Liefers steht zu seiner Medienkritik,  und Medienkritik übt auch die Wissenschaft. Und aus dem „Maschinenraum der Kulturarbeit“ erklärt ein Kollege, warum die Aktion nur geschadet hat. Wir führen durch die neuen Beiträge.

Verschwörungstheorie ist zurzeit ein schwieriger Begriff, den wir darum nicht leichtfertig verwenden. Doch „Der Tagesspiegel“ hat tatsächlich eine und sieht ein „antidemokratisches Netzwerk hinter #allesdichtmachen.“ Schon vorige Woche hatte die Zeitung nach den Hintergründen der Aktion recherchiert und, wie etliche andere auch, den Regisseur Dietrich Brüggemann als kreativen Kopf hinter der Aktion vermutet. Mit dem Recherchenetzwerk Antischwurbler hat die Zeitung weitergesucht und korrigierte sich gestern: Allmählich entstehe nämlich ein „viel komplexeres Bild der Entstehungsgeschichte“ – „#allesdichtmachen kam nicht aus heiterem Himmel“.
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Wer seine Meinung sagt, muss auch die Antwort ertragen. Die Debatte um die Aktion #allesdichtmachen dreht sich auch um die Art, wie diskutiert wird. „Lasst uns streiten, aber lasst uns miteinander im Gespräch bleiben“, sagte Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes am Sonntag. „Und zwar ohne uns gegenseitig an die nächste Laterne zu wünschen.“ | Screenshot © Deutsche Filmakademie

Die Diskussion um die Video-Aktion #allesdichtmachen dreht sich weiter – allerdings um grundsätzlichere Fragen: Wie wollen wir miteinander diskutieren? Und worüber? Derweil begab sich „Der Tagesspiegel“ auf Spurensuche, wer eigentlich hinter dem angeblichen Gruppenprojekt steckt.  

Eine kurze Erklärung vorab, weil das in einigen Berichten durcheinander gerät: Nicht 53 Schauspieler*innen haben für die Aktion #allesdichtmachen Videos gedreht. Es waren 51 Schauspieler*innen und 1 Regisseur, die insgesamt 53 Videos drehten. So steht’s auch in der Wikipedia.

Mit den Videos wollten sie eine Debatte eröffnen. Die Debatte bekamen sie – allerdings anders, als sie das offenbar erwartet hatten. Der Großteil der Reaktionen warf den Videos Zynismus und Querdenken vor, Beifall kam vor allem vom rechten Rand. Erschrocken zog ein Drittel der Schauspieler*innen seine Beiträge zurück, auf ihrer Website grenzte sich die Initiative von Rechten und Querdenkern ab (einen ausführlichen Überblick finden sie auf „Out-takes“), einer wetterte zurück, berichtete die „Berliner Zeitung“ am Sonntag: „Dietrich Brüggemann, der bei einigen der Kurzfilme Regie führte und an der Entwicklung beteiligt war, steht weiter hinter der Aktion. Und hat sich in einem emotionalen und wütenden Statement direkt an seine Kritiker gewendet. […] Die Menschen, die ihn und seine Kollegen nun angingen, seien ,zynisch und menschenverachtend’. Wenig später heißt es in dem wütenden Tweet: ,Ihr seid ein Teil des Schlimmsten, was die Menschheit hervorgebracht hat: Ihr seid ein Lynchmob. Ganz einfach.’“

„Seid nett zueinander“ hat der Regisseur in sein Twitter-Profil geschrieben.

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Gut gemeint wird überschätzt: Für ihre hämische Kritik an der Corona-Politik ernteten Schauspieler*innen einen Shitstorm. | Screenshot

Mit ironischen Statements wollten Schauspieler*innen die Debatte über die Corona-Politik eröffnen. Die Reaktion fiel heftiger aus als erwartet: Zahllose Tweets kritisierten den Tonfall und die Botschaften im „Querdenker“-Stil.

51 Schauspieler*innen und ein Regisseur luden am Donnerstagabend nahezu gleichzeitig ihre Filmbeiträge mit persönlichen Statements hoch. Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer in kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland. Ebenso schnell folgte die Reaktion, berichtet „Der Tagesspiegel“: Noch in der Nacht reagierten Kolleg*innen auf die Videos. Unter dem Twitter-Hashtag #allesschlichtmachen und #nichtganzdicht starteten sie eine Gegenaktion. Von „fassungslos“ bis Fremdschämen reichten ihre Reaktionen, im Hintergrund schwebte meist die Frage: „Was hat Euch denn da geritten?“ 

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Der „Fair Film Award Fiction“ wurde dieses Jahr online vergeben. Lisa Jopt vom Ensemble-Netzwerk moderierte die Preisverleihung und die anschließende Diskussion um faire Produktionsbedingungen. | Screenshot

Die fairsten Fiction-Produktionen des vergangenen Jahres wurden heute ausgezeichnet. Spätestens die anschließende Diskussion zum „Fair Film Award“ machte klar: Es ist eine Frage der Einstellung, nicht des Budgets.

Mehr als 1.400 Filmschaffende haben wieder ihre Stimmen zum „Fair Film Award Fiction“ abgegeben und die Produktionsbedingungen bei den Spielfilm- und Serienprojekten bewertet, an denen sie übers Jahr mitgewirkt hatten. Die Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF) übertrug die heutige Preisverleihung und die anschließende Diskussionsrunde live, die Aufzeichnung ist auf dem Youtube-Kanal der DAfF zu sehen.  

Die jeweiligen drei Klassenbesten waren in den beiden Kategorien nominiert: Beim „Spielfilm“ Amusement Park mit „Nebenan“, Bantry Bay mit „Meine Mutter ist verknallt“ und Seven Dogs mit „Frühling – Mit Regenschirmen fliegen“. Bei den Serien auf der Liste: Claussen+Putz mit der 2. Staffel von „Biohackers“, X Filme Creative Pool mit der Miniserie „Tina mobil“ und Bantry Bay mit „Tonis Welt“. Beurteilt wurden Kriterien wie Gagen und Arbeitszeiten, Chancengerechtigkeit und Arbeitsschutz, Professionalität und Arbeitsklima, Umweltverhalten, Umgang mit Drehorten und Motivgebern. In diesem Jahr stand aber auch das Verhalten in der Corona-Krise auf dem Fragebogen (die detaillierten Bewertungen finden Sie auf „Out-takes“). Claussen+Putz und Bantry Bay waren schon mehrmals nominiert worden, vor zwei Jahren hatten beide den „Fair Film Award Fiction“ gewonnen. In diesem Jahr war Bantry Bay sogar in beiden Kategorien nominiert, und Claussen+Putz konnte sich über eine erneute Auszeichnung freuen.

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„Produzieren in Corona-Zeiten ist für alle Beteiligten ein Produzieren unter erschwerten Bedingungen“, sagt Christoph Palmer, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen. | Foto © Produzentenallianz

Die Branche verhandelt zurzeit über einen neuen Tarifvertrag. Bislang noch ohne Ergebnis. Wir nutzen den Stillstand, um die Positionen, Probleme und Folgen zu klären. Den Standpunktder Produzentenallianz erklärt Christoph Palmer, Vorsitzender der Geschäftsführung.

Herr Palmer, Die Verhandlungen zum TV FFS stehen still. Die Produzentenallianz habe die Forderungen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) abgelehnt und will den alten Tarifvertrag um ein Jahr verlängern. Das erfahren wir von Verdi. Die Produzentenallianz hat sich noch nicht dazu geäußert. Warum?
Die Verhandlungen stehen mitnichten still. Wir hatten erst vor Ostern wieder eine gute, substanzielle Verhandlungsrunde und werden diese zeitnah fortsetzen. Wir sind In der Regel zurückhaltend, was die Verlautbarung von Zwischenergebnissen von Verhandlungen betrifft, weil das häufig nichts erleichtert.

Verdi ist mit relativ zahmen Forderungen angetreten: Die Frage nach höheren Gagen stellte die Gewerkschaft bis zum Sommer zurück. „Top-Priorität“ sollten erträgliche Arbeitszeiten haben. Da ist Ihnen doch Verdi sehr entgegengekommen.
Hier sollte man differenzieren. Die Forderungen im Kontext des Gagentarifvertrags halte ich für „verantwortungsvoll“, da sie die finanziell durch Corona sehr belasteten Produktionsunternehmen mit einem Gagenmoratorium etwas entlasten. Es gab in den vergangenen Jahren zudem eine Art Konsens im deutschen Filmgeschäft: Flexibilität der Arbeitszeiten werden durch insgesamt gute Verdienste für die Gewerke am Film kompensiert. Wenn nach einem ausgesprochenen Corona-Krisenjahr 2020, wo insbesondere im zweiten Quartal die Produktionen massiv beeinträchtigt waren, jetzt beim Gagentarifvertrag eine gewisse Zurückhaltung geübt wird, ist das auch der Marktsituation geschuldet. Vergleichbare corona-bedingte Zurückhaltung haben andere Gewerkschaften 2020 auch in anderen Branchen geübt. Demgegenüber sind allerdings die Forderungen im Bereich des Manteltarifvertrags sehr ambitioniert und würden, wenn man sie realisieren würde, zu Mehrkosten führen, die einer Tariferhöhung von mehr als 10 Prozent gleichkämen.

Über die Arbeitszeiten an manchen Sets wurde ja schon vor Corona diskutiert. Nun wird unter den Hygienevorschriften gedreht, die vieles langsamer und umständlicher machen. Ausreichende Ruhezeiten und die Obergrenze von zwölf Arbeitsstunden pro Tag seien da umso wichtiger, sagt Verdi.
Produzieren in Corona-Zeiten ist für alle Beteiligten ein Produzieren unter erschwerten Bedingungen. Die Hygienevorschriften verlangen den Filmschaffenden, aber auch den Produzentinnen und Produzenten viel ab. Der bisherige Tarifvertrag regelt natürlich auch Ruhezeiten, im Übrigen auch die gesetzlichen Vorschriften. An dieser Stelle muss aber auch erwähnt werden, dass die Produktionen unter erheblichem Kostendruck stehen. Die Auftraggeber haben sich zwar zur Übernahme der Hygienekosten verpflichtet, in der Praxis tauchen aber Abgrenzungsthemen auf.
Zusätzliche Drehtage sind in der Kalkulation schwer vermittelbar. Die erfreulicherweise erreichten Schutzschirme der Sender und die Ausfallfonds für Kino und Fernsehproduktionen sehen erhebliche Eigenbeteiligungen der Produzentinnen und Produzenten vor. Die Eigenkapitaldecke Ist jedoch traditionell sehr dünn. Wie gesagt: Produzieren in Corona-Zeiten findet unter sehr erschwerten Bedingungen statt. Weiterlesen

Mehr als 6.000 Filmschaffende nahmen an der Online-Umfrage des Bündnis’ „Vielfalt im Film“ teil. Damit liegen erstmals umfassende Daten zu ihren Erfahrungen mit Vielfalt und Diskriminierung vor. | Grafik © Marcus Mazzoni

Diversität ist das große Thema – auch in der Film- und Fernsehbranche. Doch wie steht’s tatsächlich darum, auf dem Bildschirm und in der Produktion? Die Initiative„Vielfalt im Film“ befragte Filmschaffende vor und hinter der Kamera. Die Antworten erschrecken: Mehr als die Hälfte sah sich von Diskriminierung betroffen, 8 von 10 Frauen wurden sexuell belästigt.

Wer mitliest und zuhört, wird es schon wissen: Es liegt einiges schief in der Film-Fernsehbranche. Im Zuge der Me-Too-Bewegung kamen in den vergangenen drei Jahren immer neue Berichte von sexueller Belästigung bis hin zur Vergewaltigung in die Öffentlichkeit. Dass die Chancen zwischen den Geschlechtern ungerecht verteilt sind, melden Verbände und Initiativen schon seit Jahren, belegt durch regelmäßige Studien. Im Februar hatten 185 Schauspieler*innen ihr öffentliches Coming-out – und schilderten die Erfahrungen, die sie wegen ihrer sexuelle Identität, Orientierung, Geschlechtsidentität oder Gender machen mussten: dass sie nicht offen mit ihrem Privatleben umgehen konnten, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen. Und immer häufiger wird die Frage diskutiert, ob vor allem das Massenmedium Fernsehen überhaupt noch die Welt abbildet, an die es sendet: Welche Rolle spielen Menschen mit Beeinträchtigung? Warum sind Türken meistens Gemüsehändler, aber selten Pharmaforscher? Wieso sind kaum lesbische Paare zu sehen, obwohl die doch auch einen Anteil der Bevölkerung stellen? 

So divers die Probleme scheinen, sie laufen aufs gleiche hinaus: Wer nicht der Norm entspricht, hat’s ungleich schwerer. Und diese Norm ist noch die alte: überwiegend männlich, weiß. Auch das ließ sich schon lange ahnen, erschreckend war dennoch, was Filmschaffende bei einer Umfrage vor vier Jahren berichteten. 

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Die Ankündigung zum WDR-Themenabend. Zwei der Abgebildeten sagten ab. | Foto © WDR

Nach dem Eklat um seinen Talk „Die letzte Distanz“ übte der WDR Besserung: Ein Themenabend widmete sich dem alltäglichen Rassismus im Land. Der Ansatz war gut, sind sich die Besprechungen einig – nur an der Umsetzung haperte es für viele noch.

Im November hatte der WDR in seinem Meinungstalk „Die letzte Instanz“ über „Das Ende der Zigeunersauce“ diskutieren lassen. Der Shitstorm kam erst nach der Wiederholung der unbedarften Äußerungen Ende Januar, dann aber gewaltig. Der Sender gelobte Besserung und versprach einen Themenabend. Die Reparatur sei nur halbwegs gelungen, meint „Der Tagesspiegel“: „Den stärksten Eindruck machte die Reportage, in der unter anderem ein Schauspieler, eine Altenpflegerin, ein WDR-Mitarbeiter schilderten, welche Diskriminierungen und Demütigungen sie in Deutschland erfahren. Das war eindrücklich, weil erkennbar vor Augen und Ohren gebracht wurde, dass Rassismus kein randständiges, sondern ein zentrales Thema für die Gesellschaft sein muss. Die Diskussion blieb dahinter zurück: Zu abgehoben, zu akademisch, zu sehr ins Definitorische verstrickt.“ Immerhin: „Der WDR hat sich seiner Verantwortung gestellt – was der frühere WDR nicht getan hätte. Da herrschte in den Funkhäusern (wie in den Verlagen) Selbstgewissheit bis zur Arroganz.“ 

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Goldenes Bärengießen für die Berlinale. Die Trophäen sind vergeben, das Festival war zufrieden, der Filmmarkt auch. Nur der Wettbewerb im Stream machte nicht den gewohnten Spaß. | Foto © Berlinale/Pablo Ocqueteau

Die Berlinale ist erstmal gelaufen. Teil 2 folgt vielleicht im Sommer. Dann soll auch das Publikum die Filme sehen können. So ist der Rückblick auf den Wettbewerb zugleich eine Vorschau.

Kurz mal zurückspulen. 2020. Die letzte Festival-Filmvorführung für die Presse war am 28. Februar 2020. In meiner kleinen Gruppe waren wir uns weitgehend einig, es war doch eine gute Berlinale gewesen. Es war sehr entspannt, sowohl bei den Wartezeiten vor dem Einlass zu den Vorführungen, als auch in der Organisation. Covid-19 war bereits Thema, man desinfizierte seine Hände an jedem zweiten Spender. Mit einer Kollegin tauschte ich mich am Nachmittag aus. „Pass auf, das war wahrscheinlich das letzte Festival für lange, lange Zeit“, sagte sie. Sie sollte recht behalten. Am gleichen Tag wurde hier in Berlin die Internationale Tourismusbörse abgesagt. Internationale Events könnten Hotspots sein. Über Ecken habe ich viel später erfahren, dass es damals doch zu Ansteckungen bei Festival-Besuchern kam. 

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Nur halb so stark wie üblich präsentiert die Berlinale den Nachwuchs. Aus 225 Einreichungen wurden nur sechs Filme für die „Perspektive Deutsches Kino“ ausgewählt – zum Beispiel „Die Saat“. | Foto © Kurhaus Production

In der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ präsentiert die Berlinale den Nachwuchs. Im Jahr ohne echtes Festival ist das schwierig, zu sehen sind die ausgewählten Filme erst im Sommer. Eine Vorschau.

Das Festival als Sprungbrett. Zu einem Publikum. Die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ gibt den jungen Filmetalenten diese Plattform. Wenn man noch keinen Namen hat, ist es doppelt schwierig, sich im Festivalgetöse so zu positionieren, dass das Publikum aufmerksam wird. Ohne Publikum wird es schwierig. Im 2021er Jahrgang der Berlinale konnte die Branche aus Marktvertreter und Presse die Filme sichten, das Publikum darf sich gedulden, auf den Sommer. 

Aus 225 Einreichungen wurden nur sechs Filme ausgewählt. In der Regel versammelt die Sektion in etwa die doppelte Anzahl an Arbeiten. Die Konzentration auf drei Spiel- und drei Dokumentarfilme wirkt trotzdem stimmig. Wobei sich nur ein Titel als waschechter Spielfilm zeigt. Darüber hinaus zeigt sich der junge deutsche Film von seiner internationalen Seite. Jonas Bak reist für „Wood and Water“ bis nach Hongkong und Yana Ugrekhelidzes „Instructions for Survival“ begleitet die Protagonisten aus Georgien bis ins Asyl in Belgien. Jide Tom Akinleminu ist in Nigeria geboren und in Dänemark aufgewachsen, studierte aber in Berlin an der DFFB. „When a Farm Goes aflame“ ist eine Reise über die Kontinente. In Salar Ghazis „In Bewegung bleiben“ verlassen einige Protagonisten ihre Heimat, die DDR, für eine Heimat in der Bundesrepublik Deutschland beziehungsweise Chile.

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Mit Abstand und unvollständig präsentiert sich die Wettbewerbs-Jury der Berlinale im leeren Kinosaal. | © Alexander Janetzko/Berlinale

… erwarten die Filmkritiker im Land. Denn heute beginnt die 71. Berlinale. Aber irgendwie nicht so richtig. Ein Überblick des Bedauerns.

„Ohne Kinos, Publikum, roten Teppich oder Stars. Kritiker dürfen online schauen“ – die „Taz“ hat wenig Freude an der diesjährigen Berlinale: „Derweil fehlt all das, was die Berlinale sonst ausmacht: das Treiben am Potsdamer Platz, die Hysterie, die sich beim gemeinsamen geballten Dauergucken einstellt, die Begegnungen am Rande, selbst die üblichen Bären und großflächig verteilten Plakate in der Stadt. Auch der spontane Austausch untereinander fehlt …“ Das Fazit schon vor dem Start: „Es wird ein Durchhaltefestival gewesen sein. Auf einer Reise ins Ungewisse.“

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Eine halbe Stunde debattierte der Bundestag heute über Chancengleichheit in der Kultur. Angenommen wurde der Antrag der Regierungsfraktionen. Die Linke würde weiter gehen. | Screenshot

Auch in der Kultur verdienen Frauen schlechter als Männer. Die Unterschiede seien sogar „erschreckend groß“, sagt der Deutsche Kulturrat. Heute debattierte der Bundestag über Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien.

Anträge zur Geschlechtergerechtigkeit in der Kulturarbeit hat der Bundestag heute erstmals beraten. Angenommen wurde der Antrag von CDU/CSU und SPD mit dem Titel „Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien verwirklichen“. „Die Einkommensunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Künstlerinnen und Künstlern aller Sparten bezeichnet der Deutsche Kulturrat als ,erschreckend groß’. Besonders gravierend sei, dass vielfach bereits die unter 30-Jährigen in der Künstlersozialversicherung versicherten Künstlerinnen ein geringeres Einkommen erzielen als die männlichen Künstler“, heißt es in dem Antrag. „Der Gender-Pay-Gap ist eine wesentliche Ursache für Altersarmut von Frauen. Eine Ursache für den Gender-Pay- Gap ist der ,Gender-Show-Gap‘. Werke von Frauen werden weniger gezeigt, aufgeführt, präsentiert oder besprochen. Daraus folgt eine geringere Marktpräsenz.“

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Das passiert, wenn man den Louvre zu lange geschlossen lässt! | Grafik © Patrick Ruth

Das  wär doch was als Erkenntnis aus dem Corona-Jahr: Die Kultur soll ins Grundgesetz, fordert eine Petition mit prominenter Unterstützung. Mit einigen guten Meldungen verabschieden wir uns in die Winterpause.

Doch hier erstmal der Link zum Facebook-Post unseres Titelbilds.

Und zum zweiten etwas in eigener Sache: Dies ist die letzte Brancheninfo in diesem Jahr. Wir nutzen die Winterpause, unseren Newsletter fürs kommende Jahr herauszuputzen. Im Januar stellen wir uns in neuem Gewand und mit neuem Konzept vor, um Ihnen regelmäßig einen Überblick zu bieten, was die Branche bewegt. Auch über Corona hinaus. Weshalb das Virus zumindest aus dem Titel verschwinden wird, so viel können wir schon versprechen – und „cinearte“ klingt ja auch viel besser. Wir wünschen Ihnen schöne Feiertage und einen guten Start in ein besseres Jahr!

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