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Ein junges Paar erwartet sein erstes Kind. „Klondike“ könnte ein Familienfilm sein. Doch draußen vor der Tür tobt schon der Krieg: es ist 2014 im Osten der Ukraine. Maryna Er Gorbach inszenierte nach eigenem Drehbuch, in Sundance wurde sie im Januar für die beste Regie ausgezeichnet. | Foto © Kedr Film

Die 72. Berlinale war ein Jahr mit starken Dokumentarfilmen und einem Blick auf mehrere Brennpunkte. Der Blick führte bis in die Ukraine und bis nach Myanmar. Unter anderem.

Ein Film ist ein Erlebnis. Ein Film ist ein Erlebnis, das wenn man es teilt, mehr wird. Das gilt sicherlich auch für das Theater, für Konzerte und für Ausstellungen. Was man an diesem Teilen hat, das wird erst klar, wenn man ein Ereignis nicht mehr teilen kann. Filme werden fürs Kino gemacht. Kino ist per Definition schon ein gemeinschaftliches Erlebnis. Nicht nur, weil wir etwas gemeinsam erleben, sondern weil wir uns im Anschluss über den Film austauschen können. Oft gerät man in hitzige Debatten (wir berichteten). Man schleift an den eigenen Eindrücken und arbeitet sie dabei noch deutlicher heraus. In der Reaktion der anderen erkennt und versteht man seine eigene besser. Genau das konnte die 71. Berlinale nicht liefern.

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Seit 20 Jahren macht die Perspektive Deutsches Kino den Filmnachwuchs auf der Berlinale sichtbar. Sieben Filme kamen dieses Jahr in die Auswahl. Dabei fällt mehreres auf. Szenenfoto aus dem Eröffnungsfilm „Wir könnten genauso gut tot sein“. | Foto © Jan Mayntz/Heartwake Films

Die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale entwickelt sich weiter. Ein Blick auf neue Drauf-Sichten, die auch einen Rück-Blick in die Vergangenheit offenlegen.

Die Berlinale kehrte nach einer Streaming-Runde zurück in die Kinos. Mit Präsenz. Auch das Programm wurde, zumindest gefühlt, nicht wirklich ausgedünnt. Anders in der Sektion Perspektive Deutsches Kino, die dieses Jahr ihre 21. Ausgabe ausrichtete. Obwohl, bereits 2020, mit der Übernahme der Berlinale-Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek wurde das Gesamtprogramm in einigen Sektionen gestrafft. Aus einem Program mit gut ein Dutzend junger Filme wurde die Anzahl auf unter 10 gedrückt. Im letzten Jahr beschränkte sich die Sektion auf sechs Filme. Dieses Jahr wurden nun sieben Werke gezeigt. Plus ein Gast. In den vergangenen Jahren umfasste die Auswahl zusätzlich den Gewinner des „Max-Ophüls-Preises“, das wäre dieses Jahr „Moneyboy“ von C.B. Yi gewesen. Aufgrund der Einschränkungen gab es dieses Jahr jedoch nur einen „Gast der Perspektive“, das war der Roland Gräfs „Fallada – letztes Kapitel“, ein Defa-Film von 1988. 

Eingereicht werden können Spiel- und Dokumentarfilme, Experimentales und Animationsfilme oder eine Mischung daraus. Auf ihrer Profil-Seite heißt es: „Die Perspektive Deutsches Kino unterstützt Persönlichkeiten, die selbstbewusst nach dem eigenen künstlerischen Ausdruck suchen und dazu auch Nebenwege fernab der Hauptstraße gehen. Unerwartetes, originelle Ideen und die Freude am Ausprobieren sind die Kriterien, die unsere Filmauswahl bestimmen.“ Sieben Filme kamen in die Auswahl. Zwei Dokumentarfilme, ein Halbstünder und vier Spielfilme. Dabei fällt auf … zum einen, dass überwiegend Frauen Regie führten. Bis auf eine Ausnahme. Es fällt auf, dass die Auswahl ein Auge auf Genre-Filme setzte. Thematisch setzte man auf die Bearbeitungen von gesellschaftlichen Spannungen oder auf den Blick in die Vergangenheit und deren Aufarbeitung. Die Perspektive Deutsches Kino konnte für Filmemacher und Filmemacherinnen ein Sprungbrett sein. Hin zum Publikum, hin zu einem Kinoeinsatz. Vier der Filme haben bereits einen deutschen Verleih und werden im Laufe des Jahres hoffentlich in unsere Kinos kommen. Eine Selbstvorstellung der Sektion im Interview mit der Sektionsleiterin Linda Söffker kann man auf der Berlinale-Seite hier lesen.

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Seit einem Jahr ist Crew United auch auf Polnisch online. Die Nutzung ist rasant gestiegen. | Screenshot

Anfang Februar 2021 ging die Website von Crew United Polska online. Irena Gruca-Rozbicka und Anna Rembowska betreuen die polnische Version der Plattform – und ziehen eine kleine Zwischenbilanz.

Seit einem Jahr gibt es Crew United auch in Polen. Wie läuft es nach dem ersten Jahr?
Irena Gruca-Rozbicka: Wir haben heute einen Blick auf die Website-Statistiken geworfen. Es schaut gut aus! Der Verkehr von polnischen Nutzer*innen ist um 445 Prozent gestiegen! Mehrere hundert polnische Filmemacher*innen und Schauspieler*innen haben uns bereits ihr Vertrauen geschenkt. Auf Crew United befinden sich schon fast zweitausend polnische Projekte aller Genres, die von registrierten Nutzern und unserem Redaktionsteam eingetragen wurden. Darunter auch Produktionen, die sich in der Vorbereitungs- und Finanzierungsphase befinden – das ist eine wertvolle Informationsquelle für viele registrierte Nutzer und Unternehmen. 

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Boulevard mit Maske: Die Schauspielerinnen Charlotte Gainsbourg und Emmanuelle Béart geben fleißig Autogramme. Die Berlinale ist nun mal ein Publikumsfest und will das Kino feiern. | Foto © Berlinale

Die Berlinale läuft – ganz in echt und unter Pandemiebedingungen.

In Berlin laufen die 72. Filmfestspiele. Über Filme wird zunächst kaum diskutiert – umso mehr über Sinn und Unsinn eines Festivals in der Pandemie, schreibt Tim Caspar Boehme in der „Taz“. „Der Ton ist mittlerweile ähnlich schrill, wie man ihn längst andernorts in Teilen der sozialen Medien beklagt. […] Darüber geraten zwei normative Appelle auf Kolli­sionskurs: Die Frage nach der Verantwortung für die Gesundheit anderer steht plötzlich gegen die Rettung des Kinos. Zweierlei Dinge mithin, die man besser separat betrachten sollte. […] Durch eine Onlinelösung wie im vergangenen Jahr hätte die Berlinale womöglich riskiert, mit einem weit weniger namhaften Programm dazustehen. Das sind für ein Filmfestival ernsthafte Schwierigkeiten, erst recht für eines der drei wichtigsten, zu denen die Berlinale mit Cannes und Venedig zählt. In übergeordneter Perspektive geht es zudem um die Zukunft des Kinos, für die die Berlinale ein Zeichen setzen soll. Eine Absage des Festivals oder eine Streaminglösung, so die Befürchtung, könnten sich verheerend auf die Bereitschaft auswirken, grundsätzlich wieder und öfter ins Kino zu gehen.“ 

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Analog, hybrid oder digital? Dahinter steckt auch die Frage, was eigentlich ein kollektives Filmerlebnis ausmacht: Wenn möglichst viele Menschen im Kino beieinander sitzen oder wenn sehr viel mehr Menschen den selben Film sehen können – überall auf der Welt? Szene aus dem Forum-Film „Nuclear Family“. | Foto © Creative Agitation

Am Donnerstag beginnt die Berlinale. Und zwar als reine Präsenzveranstaltung. Das hatte für kontroverse Reaktionen gesorgt. 

Die läuft Berlinale läuft wieder – als reine Präsenz-Veranstaltung. Ein Online-Angebot wird es nicht geben. Das ist Realitätsverweigerung, findet die Filmkritikerin Anna Wollner in ihrem Kommentar beim RBB und fordert: „Sagt die Berlinale ab!“ Man habe versäumt, auf ein Hybrid- oder Online-Festival umzusteigen. „Auf dem von Wissenschaftlern prognostizierten Peak der Welle wird der Potsdamer Platz zum Ort eines Präsenz-Filmfestivals. Ein Ort der Begegnung. Bei einem Filmfestival geht es nicht nur um das kollektive Erleben von Filmen auf der großen Leinwand, es geht um den Austausch miteinander. Ein Austausch, der in diesem Jahr nur einer sehr privilegierten Gruppe zustehen wird. […] Als Journalist*in auf die Berlinale zu gehen, ist wie Russisch Roulette spielen. Die Kolleg*innen, die am letzten Tag noch einen negativen Test vorweisen können, sollten mit einem Ehrenbären ausgezeichnet werden. Ja, das Kino und die Kultur brauchen starke Zeichen. Aber kein Film, vor allem kein Filmfestival der Welt ist es wert, die eigene Gesundheit und die der anderen leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Sollte die Berlinale zum Superspreader-Event werden, ist ihr Ruf – auch international – wohl endgültig ruiniert.“

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Gleich vier Filme über Kühe waren vorige Woche auf dem Festival Mannheim-Heidelberg zu sehen. Zum Beispiel Andreas Arnolds „Cow“. Fürs Impfen (und die Angst davor) hat das Tier übrigens eine besondere Bedeutung. | Foto © IFF Mannheim-Heidelberg

Warum wir uns verkuhen müssen und man es nicht allen rechtmachen kann: Professorenpolitik, Fortschrittsfeindschaft und Schweden – Gedanken in der Pandemie, Folge 138.

„Schon jetzt sterben in unserem Land 700 Menschen pro Woche – Tendenz steigend. Jeder Tag des Abwartens kostet Menschenleben. […] Verantwortung [bedeutet] eine aufrichtige, besonnene und vor allem kohärente Kommunikation, die den Bürgerinnen und Bürgern vertraut, ihnen aber auch unangenehme Wahrheiten zumutet sowie klare und konsistente Verhaltensrichtlinien vorgibt. Dass eine solche Kommunikation sowie einheitliche verbindliche Regelungen weiterhin fehlen, untergräbt das Vertrauensverhältnis zwischen Regierung und Bevölkerung, beschädigt somit auch das Vertrauen in die Maßnahmen – unter anderem in das Impfen – und trägt dadurch erheblich zur Verlängerung der Pandemie bei.“
Appell von 35 Wissenschaftlern. 

„Wenn nur soziale Gebilde beständen, denen die Gewaltsamkeit als Mittel unbekannt wäre, dann würde der Begriff ,Staat’ fortgefallen sein, dann wäre eingetreten, was man in diesem besonderen Sinne des Wortes als ,Anarchie’ bezeichnen würde. Gewaltsamkeit ist natürlich nicht etwa das normale oder einzige Mittel des Staates: – davon ist keine Rede –, wohl aber: das ihm spezifische. Gerade heute ist die Beziehung des Staates zur Gewaltsamkeit besonders intim. In der Vergangenheit haben die verschiedensten Verbände – von der Sippe angefangen – physische Gewaltsamkeit als ganz normales Mittel gekannt. Heute dagegen werden wir sagen müssen: Staat ist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht.“
Max Weber, „Politik als Beruf“; 1919.

„Vaccination“ – gleich vier Filme über Kühe waren in der letzten Woche auf dem „Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ bei seiner 70-Jahre-Jubiläumsausgabe zu sehen. In einem stand eine Kuh nicht nur im Mittelpunkt, sondern sie war Heldin und Hauptfigur des Films: Ausgerechnet von der britischen Sozialrealistin Andreas Arnold stammt er und heißt wie sein Gegenstand: „Cow“. 

Ein wunderbarer, schöner Film, auch für Nicht-Vegetarier wie mich. Er brachte mich auf etwas anderes. Woher kommt eigentlich der Ausdruck „vaccination“ und „vaccinare“? Hat das am Ende etwas mit Kuh zu tun? Tatsächlich! 

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Mit einem Dokumentarfilm über Straßenkinder in Nepal hatte Justin Peach vor zwölf Jahren den „Deutschen Nachwuchsfilmpreis“ gewonnen. Sein neuer Film „Street Line“ setzt die Geschichte jetzt fort. | Foto © Seweryn Zelazny

Justin Peach (39) hatte 2009 mit „Kleine Wölfe“ eine bewegende Doku über Straßenkinder in Nepal gedreht. Und damit beim Up-and-coming Filmfestival in Hannover gewonnen. Jetzt schließt sich der Kreis. Ende November sitzt  Peach selbst in der Jury, die Deutschlands talentierteste Nachwuchsfilmer sucht. Ein Gespräch über kleine Hüte, großes Kino, Knutschen im Kinosessel und ein digitales Festival in Corona-Zeiten. 

Interview: Andreas Daebeler und Ilona Lütje

Justin, Du warst 2009 mit der Doku „Kleine Wölfe, in der das Schicksal nepalesischer Straßenkinder nachgezeichnet wird, beim Up-and-coming am Start. Was hat Dich damals bewogen, Dich fürs Festival zu bewerben?
„Kleine Wölfe“ war mein Abschlussfilm an der Hochschule Mainz und wir hatten eigentlich keine großen Ambitionen, außer dass wir eine Note gebraucht haben. Ich habe den fertigen Film damals dann überall eingereicht und gehofft, dass er gezeigt wird. Erstmal ist man klein mit Hut, bewirbt sich und guckt, ob der Film ankommt und Festivals den überhaupt zeigen. 

Gezeigt wurde er in Hannover. Und Du hast dann sogar den Deutschen Nachwuchsfilmpreis abgeräumt. Der erhoffte Booster für Dich als Filmemacher?
Klar. Das war Gänsehaut. Krass. Ich weiß noch, dass ich damals mit einem Kumpel zurück nach Mainz gefahren bin und auf einmal lief im Radio die Nachricht, dass ich gewonnen habe. Da war mir sofort klar, welche Tragweite das hat und dass ganz Deutschland das mitkriegt. Und so war es dann auch – gut für meine Karriere. Als junger Kameramann und Filmer ist es wichtig, erstmal einen Fuß in die Tür zu kriegen. Von dem Moment an wurde ich überall vorgestellt mit den Worten: das ist Justin, der hat den Deutschen Nachwuchsfilmpreis gewonnen. Ich bin sehr dankbar, weil ich auf jeden Fall profitiert habe.

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„Ein Schnittwunder“ nennt die Jury den Spielfilm und meint damit letztlich den Editor: Kaya Inan war zur Verleihung des „Schnitt-Preises“ in Köln zugeschaltet. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Beim „Edimotion“ wurde Mitte Oktober wieder die Kunst der Filmmontage gewürdigt. Der „Schnitt-Preis“ für die beste Spielfilmarbeit ging an den Editor Kaya Inan für „Wanda, Mein Wunder“.

Lieber Kaya, gratuliere zu Deiner Montage-Leistung bei diesem Spielfilm, in dem sowohl das grandiose Ensemble als auch die unterschiedlichen Tonalitäten hervorstechen. Wie bist Du zu dem Projekt gestoßen?

Meine erste Schnittassistenz war bei „Die Herbstzeitlosen“ (2006), Bettinas Durchbruch als Regisseurin. Ich habe danach noch ein Kunstvideo für sie geschnitten, während meiner Studienzeit in Ludwigsburg, aber beides ist schon lange her.
Ich kannte die Produzenten Lukas Hobi und Reto Schaerli von zwei früheren Projekten. Das erste war die Teenager-Komödie „Achtung, fertig, Charlie!“ (2003) – mein Einstieg in die Filmbranche, damals noch als Schauspieler. Da habe ich bei einem Street-Casting mitgemacht und bin so überhaupt erst auf Film als ein mögliches Berufsfeld gestoßen. 2016 haben Lukas und Reto mich als Editor angefragt, für den Kinderfilm „Papa Moll“. Danach schlugen sie mich auch Bettina vor; so haben sich unsere Wege noch mal gekreuzt.
Ich mochte das Drehbuch zu „Wanda, mein Wunder“ von Anfang an; dieser Humor und diese Figuren. Ich habe die Figuren bereits beim Lesen sehr stark gespürt.

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Zwei Filme hatte Bettina Böhler in den 1990er-Jahren für Christoph Schlingensief geschnitten. Für ihre erste eigene Regiearbeit verdichtete sie Interviews, Filmszenen, Footage und frühe Super-8-Filme zu zwei Filmstunden. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Beim Festival für Filmschnitt und Montagekunst „Edimotion“ wurden vorige Woche in Köln die besten Arbeiten des Jahres in drei Kategorien ausgezeichnet. Der „Schnitt-Preis“ für die beste Dokumentarfilmarbeit ging an Bettina Böhler: „Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien“ erinnert an den Regisseur und  Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der vor elf Jahren  verstarb.

Du hast mit „Terror 2000“ und „Die 120 Tage von Bottrop“ selbst zwei Schlingensief-Filme montiert und ihn dadurch auch im Miteinander des Schneideraums gut gekannt. Wie sehr hast Du bei dem Film über ihn und seine Kunst, zehn Jahre nach seinem Tod, versucht, dem gerecht zu werden, was er möglicherweise gewollt hätte? Und wie sehr war es vielleicht auch notwendig, sich davon zu emanzipieren, eine eigene Stimme zu finden?

Beide Zusammenarbeiten mit Christoph Schlingensief liegen ja schon weit über zwanzig Jahre zurück. Aber trotzdem haben die Filme und die Begegnung mit Christoph mein Nachdenken über Film und politische Kunst im Allgemeinen sehr beeinflusst. Schon damals habe ich diesen Mut und die Energie bewundert. Und ich habe auch intuitiv seinen Stil und das, was ihn angetrieben hat, verstanden, obwohl die Drastik und Extremität auch für mich gewöhnungsbedürftig waren. Die Unbedingtheit der Assoziation war für mich ein Leitfaden bei meiner Montagearbeit. Ich habe natürlich sehr, sehr viele seiner außerordentlich unterschiedlichen Werke angeschaut. Und bei jedem Werk, sei es Film, Theater, Oper, Talkformat oder politische Aktion, ging es nie in erster Linie um die Erzählung, sondern um das, was hinter der Erzählung ist, beziehungsweise was sie bewirkt. Und trotzdem wollte ich sein Leben und Werk zu einer eigenen Erzählung machen. Einer Erzählung, der man folgen kann, auch wenn man noch nie von ihm als Künstler gehört hatte. Ich habe mich also über ein gewisses „Chaos“, das ihm wohl mehr entsprochen hätte, zugunsten der Nachvollziehbarkeit seiner künstlerischen Persönlichkeit hinweggesetzt.

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An der Montage hatten Famil Aghayev und der Regisseur und Drehbuchautor Fabio Thieme gemeinsam gearbeitet. Den „Förderpreis Schnitt“ für beide nahm der Editor alleine entgegen – Thieme musste arbeiten. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Beim Edimotion, dem Festival für Filmschnitt und Montagekunst, wurden vorige Woche in Köln die besten Arbeiten des Jahres in drei Kategorien ausgezeichnet. Wir sprachen mit den Preisträger*innen und beginnen die Interview-Reihe mit dem Kurzfilmpreis: Famil Aghayev und Fabio Thieme gewann für „Suite“ den „Förderpreis Schnitt“, die Fragen beantwortete Aghayev. 

„Suite“ ist als Mockumentary eine hybride Form zwischen den Gattungen Dokumentar- und Spielfilm. Wie habt Ihr in der Montage austariert, wie weit ihr in Richtung vermeintlicher dokumentarische Glaubwürdigkeit schneiden wollt, oder wie transparent Ihr das Spiel mit den Genres macht?

Wenn man einen Dokumentarfilm macht, achtet man stark auf diese Dinge, denke ich. Bei einer Mockumentary weniger. Für uns hat das eher ästhetisch eine Rolle gespielt – dass einfach gedreht wurde, ohne Farbeffekte. Für uns war einfach wichtig, dass es sowohl als Dokumentarfilm als auch als Spielfilm in der Wahrnehmung funktionieren würde.

Aber Ihr habt ja im Schnitt den Moment bewusst drin gelassen, als der Schauspieler in die Kamera fragt „war das jetzt gut so“ – das ist ja ein deutlicher Hinweis … Weiterlesen

Das älteste Filmfestival der Welt ging gestern in Venedig zu Ende. Am Anfang hatte sich der Festival-Chef Alberto Barbera noch entschuldigt, dass von den 21 Wettbewerbsbeiträgen um den „Goldenen Löwen“ nur fünf von Regisseurinnen stammen. Umso besser das Ergebnis: Der Hauptpreis ging an das Abtreibungsdrama „Happening“, der zweite Film der Französin Audrey Diwan. | Foto © Filmfest Venedig

Im Wettbewerb von Venedig waren Regisseurinnen dieses Jahr schwächer vertreten. Umso stärker das Ergebnis: Sie gewannen die Preise für Regie, Drehbuch – und den „Goldenen Löwen“.

Das älteste Filmfestival der Welt ging gestern in Venedig zu Ende. Am Anfang hatte sich der Festival-Chef Alberto Barbera noch entschuldigt, dass von den 21 Wettbewerbsbeiträgen um den „Goldenen Löwen“ nur fünf von Regisseurinnen stammen. Das machte aber nichts: Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion erhielt den Regiepreis, die US-amerikanische Schauspielerin Maggie Gyllenhaal für ihr Regie die Auszeichnung für das beste Drehbuch, und der „Goldene Löwe“ ging an das Abtreibungsdrama „Happening“, der zweite Film der Französin Audrey Diwan.   

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Shahrbanoo Sadat ist eine der bekanntesten Filmemacherinnen Afghanistans. In Cannes gewann sie vor fünf Jahren den Hauptpreis in der Sektion „Quinzaine“. Heute ist ihr die Flucht aus Kabul geglückt. Das Berliner „Wolf Kino“ ruft jetzt zu einer Spendenaktion die Filmemacherin auf. | Foto © Persian Film Festival Australia

Deutsche Sicherheiten, Corona und Afghanistan – Gedanken in der Pandemie, Folge 126.

„Then the sickness really breaks out, and the less recording and reporting the better for the peace of the subscribers. But the Empires and the Kings continue to divert themselves as selfishly as before, and the foreman thinks that a daily paper really ought to come out once in twenty-four hours, and all the people at the Hill-stations in the middle of their amusements say:?„Good gracious! Why can’t the paper be sparkling? I’m sure there’s plenty going on up here.“
Rudyard Kipling, „The Man Who Would Be King“; 1888

„Der Krieg in Afghanistan ist verloren.“
Peter Scholl-Latour, 2014

„Es gibt keine guten Taliban.“
Hasnain Kazim in der „Zeit“, 2021

Fast 60 Prozent aller Deutschen, 48,9 Millionen sind vollständig gegen Corona geimpft. 64 Prozent mindestens einmal. 

Aber wie sieht es eigentlich im Rest der Welt aus? Besser als ich gedacht hätte: 32,5 Prozent der kompletten Weltbevölkerung, meldet „ourworldindata“, haben mindestens eine erste Impfdosis erhalten, und sind damit bereits weitgehend sicher vor schweren Erkrankungen. Ziemlich genau ein Viertel, 24.5 Prozent, ist vollständig geimpft. 4.97 Milliarden Impfdosen wurden bisher verabreicht, zurzeit 34.91 Millionen pro Tag. Dass es noch immer keine größere Zahl schwerer Erkrankungsfälle gibt, könnte den Impfverweigerern ja allmählich zu denken geben. 

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Die Erfahrungen der Deutschen mit ihrer ersten Demokratie sind bis heute nicht ganz ausgelotet. Dominik Graf nähert sich ihnen aber an. Seine Adaption von Erich Kästners Roman „Fabian“ läuft jetzt im Kino. | Foto © DCM

Journalistische Trauerspiele, Surrealismus und Terror, Streichholz und Benzinkanister, und die lädierte Utopie – Gedanken in der Pandemie, Folge 125.

„Es geht gar nicht um die Grünen in diesem Wahlkampf. Es geht darum, dass die Gesellschaft entlang der Analysen der Wirklichkeit handlungsfähig wird. Und das sind wir nicht.“
Robert Habeck im „ZDF-Sommerinterview“

„Die Abkehr vom Politischen schlägt sich inzwischen, wenn auch unschuldig, auch dort in einer verräterischen Semantik nieder, wo Verdacht sich eigentlich nicht einstellen sollte: Beim weltläufigsten unserer Politiker.“
Karl Heinz Bohrer

Karl-Heinz Bohrer ist gestorben, leider, ein gutes Jahr vor Vollendung seines 90. Lebensjahres. Bohrer gehört für mich zusammen mit Alexander Kluge und Jürgen Habermas zu den drei spannendsten lebenden Intellektuellen deutscher Sprache. Wie Kluge war er neugierig, vor allem neugierig, mit Habermas verband ihn die Lust an Streit und an Debatte. Zugleich bewies er, zum Beispiel in seiner Freundschaft mit Habermas: Auch grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten in politischen Fragen, müssen einen nicht daran hindern, sich gut zu verstehen. Davon könnten heute fast alle etwas lernen. 

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Sorry, das Bild muss so sein. Schließlich war „Titane“ der gewagteste Film des Festivals und umstritten wie kein anderer, schwärmen vor allem die Kritiker. | Foto © Carole Bethuel

Wie war’s in Cannes? Die Feuilletons begeistern sich an der „Goldenen Palme“. Am Festival selbst gibt’s manches zu mäkeln.

Die Filmfestspiele von Cannes gingen am Samstag zu Ende, und Jurypräsident Spike Lee machte 48 Sekunden Filmgeschichte, als er gleich zu Beginn der Gala den Hauptgewinn ausplauderte. Zum zweiten Mal in 74 Ausgaben hat eine Frau die „Goldene Palme“ erhalten. Die erste hatte 1993 Jane Champion mit „Das Piano“ gewonnen, aber die musste sich den Preis damals noch teilen. Julia Ducournau hat ihn alleine gewonnen: Mit „Titane“, ihrem zweiten Langfilm, war die 37-jährige Französin eine von vier Regisseur*innen im Wettbewerb mit 24 Filmen.

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Vorletztes Jahr in Lünen. Das Kinofest gilt jetzt offiziell als fairstes Festival im Lande. | Foto © Kinofest Lünen

Verdi hat gefragt, Festivalmitarbeiter*innen haben geantwortet: Das Kinofest Lünen ist das fairste Filmfestival Deutschlands.

Die AG Festivalarbeit in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) hat erstmals ihren „Fair Festival Award“ verliehen (die Veranstaltung im Rahmen des Dresdner Filmfests ist hier im Stream zu sehen). Auf den folgenden Rängen erhielten das Pornfilmfestival Berlin, die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, das Kurzfilm Festival Hamburg, das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund/Köln und das Filmfestival Max-Ophüls-Preis das Prädikat „Faires Festival“.

Für die erste Ausgabe wurden in Kooperation mit der Filmuniversität Babelsberg ausführlich die Arbeitsbedingungen bei 49 deutschen Filmfestivals abgefragt; auf einer vierstufigen Skala wurden Kriterien wie Vertrag, Arbeitsbedingungen, Kommunikation, Führung, Arbeitsklima, Mitbestimmung, Chancengleichheit, Gleichbehandlung und Entlohnung bewertet. 14 Festivals, für die mindestens drei Bewertungen vorlagen, wurden in einer zweiten Runde eingehender betrachtet. 

Ziel der Umfrage war nicht nur, das fairste Filmfestival zu küren, „sondern auch das nur spärlich dokumentierte Feld der Arbeitsbedingungen bei Filmfestivals zu untersuchen, das bisher wissenschaftlich kaum erschlossen ist. Das entstandene Branchenbild vermittelt eine erste anschauliche Skizze über die Arbeitsverhältnisse in der deutschen Filmfestival-Landschaft und gibt einen Einblick in die Strukturen, auch wenn es nicht repräsentativ für die gesamte Branche ist und so den Bedarf für weitere Forschung verdeutlicht.“ Deutlich sei, dass die Filmfestivalbranche zu prekären und geschlechterungerechten Arbeitsverhältnissen beiträgt: 39 Prozent der befragten Festivalarbeiter*innen können nicht allein von dieser Arbeit leben – die Karriereverläufe von Frauen und Männern weichen stark voneinander ab. 

Mit knapp 200 vollständigen Antworten war der Rücklauf „überschaubar“, heißt es in der Dokumentation zur Umfrage. Dies sei zwei Faktoren geschuldet: „Zum einen hat der Beginn der Corona-Pandemie, kurz nach Start der Erhebungsphase, die Pläne vieler Festivals durchkreuzt. Zum anderen ist der ,Fair Festival Award‘ als neue Auszeichnung noch unbekannt.“ Das nächste Mal soll der Preis zur Berlinale 2022 vergeben werden.