Berlinale: Zurück in die Zukunft

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Vor vier Jahren hatten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Leitung der Berlinale als Doppelspitze übernommen – 2024 wird für beide die letzte Berlinale sein. Es soll wieder nur einen geben. Oder eine. | Foto © Berlinale/Alexander Janetzko

Die Berlinale soll deutlich gestärkt werden, verkündet die Kulturstaatsministerin. Dafür gibt’s zwar kein Geld, aber eine alte Idee: Intendanz statt Doppelspitze.

Die Berlinale wird neu aufgestellt, verkündete die Kulturstaatsministerin am vorigen Donnerstag. „Das wichtigste Filmfestival Deutschlands und eines der wichtigsten Filmfestivals weltweit“ soll deutlich gestärkt werden, heißt es in der Pressemitteilung. Dafür gibt’s zwar kein Geld, aber eine alte Idee: Intendanz statt Doppelspitze. Dafür gibt’s zwar kein Geld, aber eine alte Idee: Intendanz statt Doppelspitze.

Zustimmung kommt von Hanns-Georg Rodek in der „Welt“: Das Modell Doppelspitze sei gescheitert: „Insider sprechen auch von einer ,Dysfunktionalität’ der Struktur, die ein effektives Arbeiten erheblich behindert habe. […] Der Rang der Berlinale ,in der Liga der internationalen A- Filmfestivals’ hat in den vergangenen Jahren erheblich gelitten.“

Vor vier Jahren hatten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Leitung des Festivals als Doppelspitze übernommen – 2024 wird ihre letzte Berlinale sein. Rissenbeek hatte bereits im März verkündet, dass sie als Geschäftsführerin ausscheidet, Chatrians Vertrag als Künstlerischer Leiter wird nicht verlängert. In der „Berliner Zeitung“ [Bezahlschranke] übersetzen Harry Nuth und Ulrich Seidler: „Das sonst in solchen Zusammenhängen gebräuchliche Wort einvernehmlich fällt nicht, aber es bedarf keiner allzu großen Interpretationskunst, in diesem Fall von einem Rauswurf zu sprechen.“

In der Meldung der BKM war zwar noch von „konstruktiven Gesprächen über eine künftige Rolle im neuen Team“ die Rede, doch das hat sich erledigt. Auf der Festival-Website erklärt Chatrian seinen endgültigen Abschied: „Ich dachte, dass Kontinuität gewährleistet werden könnte, wenn ich weiterhin Teil des Festivals bliebe, aber in der neuen Struktur, so wie sie nun vorgestellt wurde, ist ganz klar, dass die Bedingungen für mich, als künstlerischer Leiter weiterzumachen, nicht mehr gegeben sind.“

Genauer wurde er gegenüber „Variety“ [auf Englisch]: Im März habe er sich mit Claudia Roth darauf geeinigt, „meinen Vertrag als künstlerischer Leiter zu verlängern. Offen geblieben war die Frage nach der Leitungsstruktur. Ich habe immer gesagt, dass andere Formen der Steuerung für mich in Ordnung sind, solange ich das Programm weiterhin frei gestalten kann.“ Die Ankündigung der BKM habe ihm bewusst gemacht, dass diese Bedingungen nicht mehr gegeben sind.

Von einer „kulturpolitischen Katastrophe“ schreiben auch Philipp Boverman und David Steinitz, wenn sie in der „Süddeutschen Zeitung“ [Bezahlschranke] auf die Vorgänge um die Berlinale blicken. Womit sie mehr den Umgang als die Sache selbst meinen. Chatrian sitze lieber im Kino als zu netzwerken, finden sie. Von daher ist es schon „richtig, dass jetzt jemand ganz anderes ran soll. Lieber ein klarer Einschnitt als eine halbherzige Neumodellierung der Führungsspitze. Gerade angesichts der Probleme neben diesen Personalfragen braucht es jetzt jemanden, der mit Charme und eisernem Willen um Budget und Filme kämpft. Nur wer?“

„Zurück auf Los“ nennt Christiane Peitz im „Tagesspiegel“ die Entscheidung und findet sie „erstaunlich. Denn in der von 2001 bis 2019 währenden Ära des in der Branche, bei Sponsoren wie beim Publikum beliebten Dieter Kosslick war der Ruf nach einer Ämtertrennung zwischen geschäftlicher und künstlerischer Leitung immer lauter geworden. Der Job ist zu groß für einen allein, hieß es regelmäßig. […] Stärkung? Roth lässt die wegen Kostensteigerungen, Inflation und krisenbedingter Zurückhaltung der Sponsoren in finanzielle Nöte geratene Berlinale alleine, der Zuschuss seitens des Bundes (10,7 Millionen Euro, ein gutes Drittel des Budgets) wird nicht erhöht. Im Juni gab das Festival bekannt, es werde das Programm deshalb kürzen“.

Auch ihr Kollege Andreas Busche befürchtet im „Tagesspiegel“ das Schlimmste: „Nachdem Ende Juli bereits das Budget gekürzt und das Festival eingedampft wurde, haben Kulturfunktionäre nun auch noch einen international angesehenen Festivalleiter ohne Not demontiert. Um nicht zu sagen: brüskiert. Schaden trägt vor allem aber die Berlinale davon. Wer soll in dieser schwierigen Lage (wenig Geld, eine Festivallandschaft im Umbruch) einen solchen Leitungsposten übernehmen, nachdem der Vorgänger derart unprofessionell abgekanzelt wurde? Das Duo Chatrian und Rissenbeek, die bereits im März ihren Rückzug angekündigt hatte, bekamen nie eine ernsthafte Chance. Im Jahr nach ihrem Debüt fiel die Berlinale pandemiebedingt aus, 2022 waren die Säle nur halb gefüllt. Das Festival in diesem Frühjahr war ihre erste wirkliche Bewährungsprobe. Inhaltlich gab es sicher noch Korrekturbedarf, aber die Kinos waren wieder voll. Das Budget-Minus ist ihnen nicht anzukreiden. Daher steht zu vermuten, dass unter Roths Ägide die Berlinale programmatisch völlig neu ausgerichtet werden soll.“

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