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Am neuen Konzept hatte Adele Kohout noch als Koleiterin gearbeitet. In diesem Jahr soll noch mehr über die Filme und Themen gesprochen werden.  | Foto © Ronny Heine

Im Mai blickt das Dokfest München wieder auf die großen Themen unserer Zeit. Seit vorigem Jahr mit einem neuen Konzept, ab diesem Jahr unter neuer Leitung. 

Frau Kohout, Sie sind schon seit fast 20 Jahren beim Dokfest München. Jetzt kommt das erste unter ihrer Leitung. Das Festival haben Sie allerdings schon voriges Jahr zum 40. Jubiläum umgebaut. Statt der bisherigen Sektionen gibt es nun 15 Themenfelder. Wie ist das angekommen?
Sehr gut. Die meisten Zuschauer*innen orientieren sich bei ihrer Filmauswahl an Themen. Wir haben das Programm so sortiert, dass sie schnell die Filme finden, die sie interessieren. Das hat sich bewährt. Wir haben das in diesem Jahr weiterentwickelt und um einen Aspekt erweitert: Jede Reihe hat nun einen „Signature-Film“, der das Thema nochmal stärker in den Fokus rückt, und mit dem wir auch noch anders arbeiten: Zu jedem Signature-Film gibt es einen „Fokus Talk“, sprich eine Erweiterung und Vertiefung des Themas. Überhaupt haben wir in diesem Jahr mehr thematische Gespräche und Events und dadurch auch mehr Inhalte. 

So wie diese Signature-Filme sind dann auch die anderen Filme in der Reihe?
Alle Filme der Reihen drehen sich um ähnliche Themen oder beleuchten ein Oberthema aus verschiedenen Perspektiven.

Was ist bei den Fokus Talks anders als bei den üblichen Filmgesprächen?
Die anderen Gespräche gibt es auch. Bei den Fokus Talks haben wir nicht nur ein Q&A mit der Regie, sondern auch Expert*innen, die das Thema eben in den Fokus stellen und vertiefen. Bei der Reihe „Visions of the Future“ zum Beispiel haben wir den Signature-Film „Finding Connection“. Es geht um Beziehungen zwischen Mensch und Chatbot, also eine App, mit der Menschen eine Beziehung eingehen. Im Fokus Talk werden wir zum einen den Protagonisten zu Gast haben. Dann gibt es aber auch den Psychologen, der erklärt, was solche Beziehungsmodelle zwischen Mensch und KI bedeuten. Und wir haben noch den CEO einer Firma da, die solche „Companion Apps“ entwickelt, der das von der technischen Seite beleuchtet. Das soll ein Rundumschlag sein, und man kann somit tief ins Thema gehen.

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Dilemma gelöst! Die Pflicht zur Investitition wird jetzt doch ein Gesetz, aber die Sender müssen nicht mehr investieren, als sie eh schon tun (Szenenfoto aus „Das Kanu des Manitu“). | Foto © HerbX Film/Constantin/Luis Zeno Kuhn

Die Förderreform steht möglicherweise kurz vor dem Abschluss. Die Meinungen sind gemischt. In einem aber scheinen sich die unterschiedlichen Interessengruppen einig: Damit der „Filmbooster“ auch zündet, brauche es ein Steueranreizmodell.

Nach langem Bangen soll nun doch ein Gesetz kommen, das Sender und Streamer zu Investitionen verpflichtet. Ein Abschluss der großen Förderreform ist, drei Jahre nach der Ankündigung endlich in Sicht. Übermäßig groß ist der Jubel aber nicht. Was der Kulturstaatsminister (BKM) selbst als „Investitionspakt samt Filmbooster“ bejubelt, ist für die Produktionsallianz wenigstens ein „belastbarer Kompromiss“.  Der BKM bevorzugte bekanntlich eine freiwillige Selbstverpflichtung, der Regierungspartner SPD bestanden auf einem Gesetz, wie es im Koalitionsvertrag vereinbart war. Der Kompromiss sieht nun eine gesetzliche Basisquote von 8 Prozent für Streamer und Sender vor – berechnet nach dem Netto-Umsatz im Vorjahr. Darüber wird’s freiwillig, dank einer „Öffnungsklausel“: „Sofern sie zu einer Investitionsquote von 12 Prozent oder mehr bereit sind, kann von den detaillierten gesetzlichen Vorgaben abgewichen werden“, so der BKM.  

Ein bisschen knifflig könnte die Berechnung schon werden, fürchtet Hanns-Georg Rodek in der „Welt“: Weiterlesen

Es gibt Grund zum Feiern, da vergisst man schnell mal die Zeit: In nur „100 Tagen“ sei der „Knoten in der deutschen Filmförderung“ gelöst, jubelt sich der Kulturstaatsminister. Zur Erinnerung: Er ist schon seit 276 Tagen im Amt (Szenenfoto aus „Fleisch ist mein Gemüse“, 2008). | Foto © Universal

Die große Förderreform ist endlich beinahe fertig! Statt Steueranreizen gibt es fast doppelt soviel Geld; Sender und Streamer sollen per Gesetz zu Investitionen verpflichtet werden. 

Kurz vor Redaktionsschluss kam doch noch eine gute Nachricht: Den „Durchbruch bei der Neuaufstellung der Filmförderung“ meldet Kulturstaatsminister (BKM) Wolfram Weimer. Ab dem kommenden Jahr wird das Förderbudget auf 250 Millionen Euro fast verdoppelt, der BKM will „zeitnah“ einen Entwurf für ein Investitionsverpflichtungsgesetz vorlegen „und eine breite Branchenanhörung in die Wege leiten.“

Das kommt überraschend. Ob’s ein Gesetz braucht, hatte nicht nur die Regierungsparteien SPD und CDU entzweit, sondern auch die Branche. Zuletzt hatten die Produktionsallianz, die auf ein Gesetz drängt, und der Verband Technischer Betriebe für Film & Fernsehen (VTFF), der auf eine freiwillige Lösung vertraut, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Kompromiss vorgeschlagen, den die drei Verbände der Streamer und Sender umgehend ablehnten, berichtet Helmut Hartung in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. 

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Die deutsche Medienpolitik hat zurzeit viele Großbaustellen. Die Filmbranche gehört nicht dazu (Szenenfoto aus „Was nicht passt, wird passend gemacht“, 2002). | Foto © Leonine

Bei der Investitionsverpflichtung sind die Regierungsparteien uneins. Diese Woche stand das Thema auf der Tagesordnung im Koalitionsausschuss – wieder ohne Ergebnis.

So haben wir die Geschichte von der vergeigten Förderreform auch noch nicht gelesen. Die könnte nämlich längst fertig sein, legen Martin Greive und Jan Hildebrand im „Handelsblatt“ nahe. Denn Kulturstaatsminister (BKM) Wolfram „Weimer hat dazu mit den Branchengrößen eine Selbstverpflichtung ausgehandelt. Doch [Finanzminister] Klingbeil und die SPD-Bundestagsfraktion bestehen auf einem gesetzlichen Investitionszwang.“ 

Also auf dem, was im Koalitionsvertrag steht – das aber wird erst gegen Ende erwähnt. Dazwischen fehlt viel und gerät einiges durcheinander, und schließlich wird auch nochmal Björn Böhning erwähnt, Staatssekretär im Finanzministerium, davor drei Jahre lang Geschäftsführer der Produktionsallianz, also ein „Lobbyist für die Filmwirtschaft“ … Was das nun heißen soll, sagen die Autoren auch nicht. „In der Bundesregierung scheint man derzeit jedenfalls viel Aufwand zu betreiben für die Verhandlung über ein 120-Millionen-Förderprogramm – gemessen an einem Bundeshaushalt von 525 Milliarden Euro; und gemessen an der Bedeutung der Filmbranche für die deutsche Volkswirtschaft.“ 

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„Weihnachten bei Hoppenstedts“ (1978): Mit leichter Ungeduld wartet die Branche auf die Bescherung – die wird es aber wohl erst nach den Feiertagen geben. | Foto © WDR/Radio Bremen

Für die einen ist das „zukunftsweisend“, für sehr viele andere nur eine „Luftnummer“ und „Mogelpackung“: Der BKM wollte heute seine freiwillige Investitionsverpflichtung im Koalitionsausschuss vorstellen. Am Ende ist doch noch nichts daraus geworden.  

Über die Investitionsverpflichtung für Sender und Streamer wird seit Monaten intensiv diskutiert. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte im Juni eine „zeitnahe“ Lösung versprochen, und wenigstens die Maßeinheit ist jetzt geklärt. Am heutigen Donnerstag wollte er sein Konzept im Koalitionsausschuss präsentieren. Den Spoiler meldete „The Spot“ kurz vor Redaktionsschluss: der Termin wurde kurzfristig einen Tag vorverlegt, das Thema ist immer noch nicht abgeschlossen. 

Ein Gesetz zur Investitionsverpflichtung hatten sich CDU/CSU und SPD in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, doch Weimer hat eigene Vorstellungen. Er strebt eine Selbstverpflichtung an, weil das schneller gehe. Ein Gesetz müsste nicht nur Bundestag und -rat durchlaufen, sondern auch von der EU abgesegnet werden – und könnte voraussichtlich erst in einem Jahr in Kraft treten.   

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Neue Töne am neuen Standort: Die Uraufführung der Hymne zur Preisverleihung der Televisionale in Weimar. | Foto © Christine Prinzing

Vorige Woche tagte die Televisionale zum ersten Mal in Weimar. Der neue Standort wurde mit einer weiteren Premiere gefeiert: Der Komponist Fabian Kratzer hat für die Preisverleihung eine neue Hymne geschrieben.

Fabian Kratzer entführte die Zuschauer bei der ersten Televisionale in Weimar mit der Uraufführung seiner eigens dafür komponierten Hymne in eine magische Klangwelt. Diese Hymne soll als kraftvolles Symbol und Nachhall für die Gemeinschaft und den kreativen Austausch und Aufbruch der Talente einen wieder erkennbaren Resonanzraum verleihen. Sie hat noch keinen Namen, aber soll nun regelmäßig im Einsatz der Televisionale sein und die emotionale Tiefe der Veranstaltung unterstreichen. Urs Spörri, der künstlerische Leiter der Televisionale, betont, wie wichtig das Gewerk rund um die Musik auf dem Festival war und ist und spricht auch von der zentralen Rolle der Filmmusik, als den „Herzschlag“ eines jeden Films!

So kam das eine zum anderen, und ein Preis wurde für die Musik wieder neu etabliert. Angeregt von Alexander Thies, Vorstandsvorsitzender der IAMA (International Academy of Media & Arts) und des „Deutschen Filmmusikpreises“, der seit 2014 alljährlich in Halle an der Saale verliehen wird. Thies überreichte denn auch in Weimar in Kooperation mit dem BDF (Bundesverband der Deutschen Film- und Fernsehmusik) den „VFF Fernsehfilmmusikpreis“. Der Preis ging an die Komponisten Lorenz Daangel und Fabian Zeidler und den Produzenten Ingo Fliess für die Musik zum ZDF-Film „Rosenthal“.  Weiterlesen

„Oderbruch“. | Foto © ARD Degeto/Syrreal Dogs/CBS/Stefan Erhard

Die Degeto rief zum Ideenwettbewerb für Geschichten aus dem Osten. Gut gemeint, aber Thema verfehlt?  

Um „die Zusammenarbeit mit ost- und mitteldeutschen Produktionsfirmen zu stärken“ hatte die ARD Degeto zum Ideenwettbewerb für „Ostside-Stories“ aufgerufen. Ein Krimi oder Threiller sollte es sein. Rund 40 Produktionsfirmen reichten ihre Exposés für einen Stoff ein, „der regionale Perspektiven aufgreift und zugleich ein breites Publikum anspricht.“ Das trifft ein aktuelles Thema: Über das Leben im Osten wird bislang vor allem von Filmschaffenden aus dem Westen erzählt – und oft falsch, kritisieren Filmschaffende aus dem Osten. 

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„Deutschland ist dank des neuen Produktionsanreizes zurück im internationalen Wettbewerb“, freut sich Jörg Bachmaier. Ein „automatisiertes, steuerbasiertes Modell“ wäre aber auch ihm lieber gewesen. | Foto © Studio Babelsberg

In Studio Babelsberg hat sich der allgemeine Produktionsrückgang besonders deutlich bemerkbar gemacht. CEO Jörg Bachmaier ist trotzdem zuversichtlich. Auf der MediaTech Hub Conference spricht er nächste Woche über die Technik für die Zukunft.

Herr Bachmaier, der Branche geht es bereits im dritten Jahr nicht gut. Wo sehen Sie zurzeit die größten Herausforderungen –  beziehungsweise entscheidenden Stellschrauben?
Zwei große Krisen in der Filmbranche der letzten Jahre – die Covid-Pandemie und der Doppelstreik der Gewerkschaften WGA und SAG-AFTRA in den USA – hatten weltweit Auswirkungen. Die Folgen spüren wir noch heute: Zahlreiche internationale Produktionen wurden verschoben, verkleinert oder ganz gestrichen. Parallel dazu erleben wir eine Marktkonsolidierung, das heißt weniger Projekte, weniger Aufträge, weniger Anbieter durch Zusammenschlüsse von Studios und Produktionsfirmen – und dazu immer engere Budgets. Das verschärft den internationalen Wettbewerb enorm.
Speziell in Deutschland hat die Regierungskrise Ende 2024 die Umsetzung der geplanten Filmförderreform verzögert und Produzenten verunsichert. Gerade für internationale Produktionen ist diese Unsicherheit ein erheblicher Standortnachteil, denn Verlässlichkeit und Planbarkeit sind für unsere Kunden entscheidend. Daher haben wir begrüßt, dass die Bundesregierung im Sommer die Verdoppelung der Fördermittel für Filme und Serien verkündet hat. Auch wenn wir uns ein automatisiertes, steuerbasiertes Modell gewünscht hätten, bietet die nun geplante Lösung die Chance auf eine schnelle und wirksame Entlastung der Branche. 

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Ewige Warterei in „Cast Away“ (© Paramount)

Fast fertig sei die Förderreform. Auch die Investitionsverpflichtung kommt „in Kürze“, verspricht der BKM. Doch bis alle Pläne auch umgesetzt sind, wird es wohl schon wieder Sommer sein.

Der BKM hatte sich vorigen Freitag erneut mit Streamern und Sendern „in sehr konstruktiven Gesprächen ausgetauscht. Den Entwurf für ein Investitionsverpflichtungsgesetz wird Staatsminister Weimer zeitnah vorlegen“, verspricht die Pressemitteilung. Dann wäre endlich vollbracht, was seine Vorgängerin Claudia Roth vor die Jahren angekündigt hatte: die gründliche Reform der Filmförderung für eine stärkere Branche und bessere Filme – der „große Wurf“.

Ganz so grundsätzlich war die Reform doch nicht durchdacht, es ging vornehmlich wieder nur ums Geld und wie es vermeintlich zielführender verteilt werden sollte. Immerhin brachte Roth in letzter Minute noch das neue Filmfördergesetz durch, die Finanzierung indes blieb offen: ein Steueranreizsystem und eine Investitionsverpflichtung für Streamer und Sender waren mal Teil der Reformpläne.

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Am Set von „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ (2012). | Foto © Stadion Babelsberg

Die Branche hat Krise genug, aber dahinter wächst ein noch größeres Problem: Stell dir vor, du produzierst wieder Filme, und es ist keiner mehr da!

Die deutsche Filmbranche steht unter Druck – um es möglichst neutral auszudrücken. Gefühlt alle zwei Monate erscheinen Offene Briefe, in denen die Lage dramatischer geschildert wird. Von „Abgrund“ und „Katastrophe“ ist die Rede. Mitunter gibt es auch Zahlen dazu, vereinzelte Umfragen bestätigten bislang den Abwärtstrend.

Einen aktuellen Überblick gibt die „Übersicht der Produktionen 2015 bis heute“ bei Crew United. Auch hier keine gute Nachricht: Es geht weiter nach unten, und das immer schneller. Der Ausblick aufs laufende Jahr spiegelt eine strukturelle Entwicklung wider, die Sorgen macht: Bislang liegt die Zahl an Spielfilmen (Kino und TV) und Serien um ein Viertel unter dem Vorjahr; bei den Dokumentarfilme ist ein Rückgang auf ein Drittel, bei Kinodokus gar ein Zehntel des Vorjahrs (gezählt wurden nur Produktionen mit einem Drehstart in 2025, die im Dreh oder abgedreht sind und einen deutschen Produzenten oder Koproduzenten haben – also auch alle Projekte, die teils oder komplett im Ausland gedreht werden; Dokuformate erscheinen zum Teil verzögert in der Datenbank).

Zwei zentrale Ursachen prägen die aktuelle Lage. Zum einen wirtschaftliche Faktoren: Überall werden Haushalte gekürzt; die Inflation geht weiter; Produktionskosten steigen; Erlöse bei der Verwertung sinken; es herrscht Zurückhaltung bei Investitionen in Inhalte; weniger internationale Produktionen produzieren in Deutschland.

Zum anderen strukturelle Probleme: Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wird weiter gespart; Privatsender investieren deutlich weniger in Fiktion; Streamer reduzieren ihre Ausgaben für deutschen „Content“ – zu viel davon findet nur begrenzte Aufmerksamkeit. Derweil drehen deutsche Produktionen zunehmend im Ausland. Oft aus finanziellen Gründen, denn zwei zentrale Förderinstrumente sind immer noch in Arbeit: Investitionsverpflichtung und Steueranreizmodell (inzwischen ohne Steuern).

Zugegeben, die Listen sind lang. Was dabei aber leicht vergessen geht: Es gibt noch zwei Kernprobleme mit Wechselwirkung. Die Auftragsflaute bekommen natürlich auch die Filmschaffenden zu spüren: Mehr als 60 Prozent der aktiven Crew-United-Member mit Berufen hinter der Kamera haben in diesem Jahr noch kein einziges Projekt in ihrer Filmografie eingetragen. Bei den Schauspieler*innen sind es fast 80 Prozent.

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Gewerkschaftskundgebung während der Tarifverhandlungen im vorigen Jahr. Die Gagentabelle geht von einer 50-Stunden-Woche aus, doch oft wird noch länger gearbeitet. Sonst könne man in Deutschland keine Filme drehen, lautet die übliche Begründung. | Foto © Christian von Polentz/Verdi

Alle müssen sparen, die Förderreform ist immer noch eine Baustelle. Es soll aber noch einen Grund geben, warum Produktionen im Ausland drehen. 

Dass sich die „Produktionsflucht“ aus Deutschland gerade beschleunigt, sei wohl auch ein bisschen die Schuld der Filmschaffenden, hat Lisa Priller-Gebhardt für die „Süddeutsche Zeitung“ [Bezahlschranke] beim „Bayerischen Filmgipfel“ herausgefunden: „Fragt man unter Produzenten nach weiteren Gründen dafür, dass sie inzwischen um Deutschland einen Bogen machen, dann ist schnell auch vom neuen Tarifvertrag die Rede, der Anfang Mai in Kraft getreten ist. Er umfasst unter anderem eine Begrenzung der Tageshöchstarbeitszeit, Zuschläge für lange Drehtage sowie einen zusätzlichen bezahlten freien Tag je 20 Drehtage, zweimalige Gagenerhöhungen um 2,5 Prozent sowie eine branchenweite betriebliche Altersvorsorge mit vier Prozent Arbeitgeberzuschuss von nächstem Jahr an.“ 

Die größte Interessenvertretung der Produzent*innen kennt die Realitäten besser: „Unsere Branche muss für Fachkräfte und Nachwuchs attraktiv sein, nur so bleibt sie zukunftsfähig“, meldete die Produktionsallianz zum Start des Tarifvertrags. Denn nicht nur wegen der Produktionsflaute hat die Branche Probleme, Nachwuchs zu finden und Fachkräfte zu halten, hatte zum Beispiel vor zwei Jahren Dominique Ott-Despoix im „Fluter“ geschildert. 

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Hauptsache billig. Drehstart zur dritten Staffel von „Charité? in Tschechien 2019. | Foto © MDR/Ufa Fiction/Stanislav Honzík

Die Förderreform lässt weiter auf sich warten. Unterdessen zieht es Produktionen lieber in billigere Nachbarländern. Sogar die öffentlich-rechtlichen Sender ziehen dabei mit.

Während die Feuilletons mit dem neuen Kulturstaatsminister noch die Kultur erörten, drängt die Branche zum Handeln. 22 Berufsverbände und Vereinigungen haben einen Offenen Brief an BKM Wolfram Weimer geschrieben – mit der „dringenden Erwartung, dass Sie zwei zentrale Förderinstrumente aus dem Koalitionsvertrag zügig umsetzen: ,eine gesetzliche Investitionsverpflichtung sowie ein steuerbasiertes Anreizmodell, um die Wettbewerbsfähigkeit des Filmstandorts Deutschland durch eine zeitnahe Reform der Filmförderung zu verbessern.’“  

Im ganzen Wortlaut ist der Offene Brief zurzeit nur auf „Blickpunkt Film“ [Bezahlschranke] zu lesen. Darin schließen sich die Unterzeichnenden ausdrücklich einem ähnlichen Appell an. Schon im März, kurz nach der Wahl, hatten mehrere Verbände mit Sitz im FFA-Verwaltungsrat gemahnt [hier bei „Blickpunkt Film“]: „Deutschlands Filmtalente sind auf Weltniveau, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind es derzeit nicht. Deswegen befindet sich die deutsche Filmproduktionslandschaft in einer strukturellen Krise.“ Gemeint ist: Der großen Reform fehlen noch Steueranreize und Investitionsverpflichtung.  

Denn ohne die „rauscht die Produktion von TV-Serien und Kinofilmen am heimischen Markt vorbei in Länder wie Spanien, Italien, Polen, Ungarn, Tschechien oder eben Österreich“, schreibt Achim Rohnke, Geschäftsführer des Verbands Technischer Betriebe für Film & Fernsehen (VTFF), in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Da sieht er auch die Öffentlich-Rechtlichen in der Verantwortung: 

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Eigentlich hätte eine obligatorische betriebliche Altersvorsorge für Filmschaffende sogar im neuen Filmfördergesetz stehen sollen. Der Kulturausschuss des Bundestags hat sie wieder gestrichen. Jetzt kommt sie wenigstens als Tarifvertrag. Szenenfoto aus „Jetzt oder nie“ (2000). | Foto © Wild Bunch

Ab Juli haben Filmschaffende Anspruch auf betriebliche Altersvorsorge – „bei allen Dreharbeiten obligatorisch, verbindlich“. Das ist gewaltiger Fortschritt bei der sozialen Absicherung. Ausnahmen gibt es freilich weiterhin. 

Mit den Beschäftigungsverhältnissen der Branche tut sich das deutsche Sozialsystem bekanntlich schwer. Besonders die Rente macht vielen Filmschaffenden Sorgen. Ab 1. Juli wird’s besser! Dann tritt der neue Tarifvertrag über eine betriebliche Altersvorsorge in Kraft, auf den sich Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) und Schauspielverband (BFFS) mit der Produktionsallianz geeinigt hatten. Damit werde die „betriebliche Vorsorge bei allen Dreharbeiten obligatorisch, verbindlich“, erklärt Heinrich Schafmeister vom BFFS 

Dafür setzt man auf ein bewährtes System: die Pensionskasse Rundfunk (PKR). Allen Filmschaffenden, die in einer Filmproduktion mitwirken, steht für diese Zeit eine Zahlung in die betriebliche Altersvorsorge bei der PKR zu. Das heißt: die Produktionsfirmen zahlen einen Betrag in Höhe von 4 Prozent der vereinbarten Gage (zusätzlich zur Gage!) bei der PKR ein, die Filmschaffenden zahlen den gleichen Betrag als Eigenanteil. Eine entsprechende Regelung muss aber in den Arbeitsvertrag eingefügt werden.  

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Die Erwartung an Vertrauenspersonen sind hoch. Sie sollen die Abläufe in der Filmproduktion kennen, beratungssicher sein und vor allem unabhängig. „Das ist nicht einfach“, sagt Thomas Biniasz. | Foto © Pexels

Im September startet die erste Weiterbildung zur Vertrauensperson – sogar mit Zertifikat. Thomas Biniasz und Christine von Fragstein von Fair Play Film + Kultur haben die  Weiterbildung entwickelt, die Produktionsallianz ist Co-Veranstalterin.

Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Thomas Biniasz:
In Kooperation mit der Produktionsallianz veranstalten wir ja bereits Workshops zum Thema Leadership. Nun gibt es seit vorigem Herbst den Respect Code Film, den die Produktionsallianz mit Verdi, dem BFFS und vielen weiteren Sendern und Verbänden initiiert hat …

… und der unter anderem und vor allem Vertrauenspersonen am Set vorsieht.
Thomas Biniasz:
Und weil es bislang keine zertifizierte Weiterbildung zur Vertrauensperson gibt, gingen wir auf die Produktionsallianz zu und wir entschieden, das gemeinsam in die Welt bringen. Die inhaltliche Arbeit kommt vor allem von Christine und mir. Wobei wir viele Gespräche mit Produktionen und Geschäftsführenden führten und schauten, ob das auch für sie passt.

Den RCF haben Sender, Streamer und Verbände unterschrieben. Darin ist zwar viel geregelt, aber doch mit sehr viel „kann“ und „sollte“. Wie verbindlich ist denn da eine Weiterbildung für Vertrauenspersonen? Oder ein Zertifikat?
Christine von Fragstein:
Der RCF ist ja zuerst mal eine Selbstverpflichtung und eine Handlungsabsicht. Und jetzt kommen im Zuge der ganzen Diskussion aus der Branche schon viele Wünsche. Die Produktionsallianz entwickelt zurzeit eine Handlungsempfehlung für Filmproduktionen aus dem Respect Code Film. Und darin ist der Einsatz von externen Vertrauenspersonen ein ganz wichtiger Baustein. Der Gedanke: Damit schaffen wir einen „Safe Space“ und können auch ein Stück weit dieses Schweigen und diese Angst, die oft herrscht, durchbrechen. Die Weiterbildung ist also ziemlich maßgeblich zur Erfüllung des RCF.

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Wenn das Fernsehen von Ostdeutschland erzählt, wimmelt es meist von Klischees und Stereotypen. „Es fehlt einfach an Entdeckungslust, am Blick für Überraschendes, an Neugierde“, findet der Drehbuchautor Torsten Schulz. Das war mal anders (Szenenfoto aus „Polizeiruf 110: Vor aller Augen“, 2013). | Foto © RBB/Conny Klein

35 Jahre nach der Wiedervereinigung hat der Westen immer noch ein schräges Bild vom Osten. Film und Fernsehen tragen eifrig dazu bei – an den Entscheidungspositionen sind Ostdeutsche eine verschwindende Minderheit. Das muss sich ändern, fordert das  Netzwerk Quote-Ost noch einmal in einem Offenen Brief.   

Wieso gilt Diversität eigentlich nicht für Ostdeutsche? In einem Offenen Brief fordert das Netzwerk Quote-Ost mehr Ostdeutsche in Entscheidungs­positionen. 35 Jahre nach der Wiedervereinigung seien sie gerade in der Film- und Fernsehbranche noch „erschreckend“ unterrepräsentiert: „Es handelt sich hier ganz klar um eine strukturelle Benachteiligung.“ 

Den Brief gab’s zwar schon im Februar zur Bundestagswahl, doch nun ging er auch an den neuen Kulturstaatsminister und findet mehr Beachtung. Michael Hanfeld hält die Forderungen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke] für „ziemlichen Nonsens“: „Quotenvorgaben bedeuten das Ende der Kreativität und der Kunstfreiheit“ und führten eh „auf den Holzweg“.  

Ganz so einfach macht es sich Torsten Schulz nicht. Er ist Professor für Drehbuch an der Filmuniversität Babelsberg und Mitbegründer der Initiative. „Grundsätzlich und von Hause aus“ sei er selbst „immer noch gegen solche Quoten. […] Aber die Ungerechtigkeiten erscheinen mir hier zu massiv und verfestigt“, erklärt er im Interview mit Michael Pilz in der „Welt“ [Bezahlschranke]. 

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