Für eine neue Arbeitskultur

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Seit Jahrzehnten ringt die Branche um bessere Arbeitsbedingungen. Meist vergeblich, weil’s angeblich nicht anders geht. In der Diskussionsreihe „Ausnahmezustand Film?!“ kommen sie zu anderen Antworten. Auf dem Podium (von links): Judith Frahm, Fritzie Benesch, Christine Günther, Katja Rivas Pinzon und Oliver Zenglein. | Foto © Oliver Dietze

Wenn wir gute Filme machen wollen, muss auch das Umfeld stimmen. Gute Idee. Beim Max-Ophüls-Festival wurde diskutiert, wie das aussehen sollte. 

Für den deutschsprachigen Filmnachwuchs ist Saarbrücken die erste Adresse: Schon drei Wochen vor der Berlinale präsentiert der Max-Ophüls-Preis „junge Talente aus Deutschland, Österreich und der Schweiz“. Allein um die Entdeckung geht’s dem Nachwuchs offenbar nicht mehr. Mit Problemen in der Filmkunst hatten sich schon frühere Panels beschäftigt. Doch hier ging’s um Grundsätzliches: um „soziale Nachhaltigkeit und wie wir miteinander arbeiten wollen“. Und das Panel war gut besucht an einem Samstagmorgen um 10. 

Es war bereits die fünfte Veranstaltung in der Diskussionsreihe „Ausnahmezustand Film?!“, die Judith Frahm und Fritzie Benesch erst im November an der Filmuniversität Babelsberg gestartet hatten. Der Titel klingt reißerisch, trifft aber nur die Realität. Darauf stimmten die beiden Produktionsstudentinnen mit ein paar Zahlen aus Großbritannien ein („Varieté“ [auf Englisch] berichtete ausführlich): Neun von zehn Menschen, die dort in der Filmbranche arbeiten, hätten Probleme mit mentaler Gesundheit. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Angststörung zu leiden, sei doppelt so hoch wie in der übrigen Bevölkerung, 20 Prozent mehr Menschen seien  im Vergleich zur Gesamtbevölkerung an einer Depression erkrankt. „Das fanden wir ganz schön krass und dachten, wir öffnen mal mit diesen kleinen Zahlen unsere Gespräche.“

Über den Status quo und seine Probleme wurde bereits in den ersten vier Veranstaltungen gesprochen, erklärten sie vorab – über die „nach wie vor“ schwierige Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf; über Finanzierungsstrukturen und wie sie die Arbeitsbedingungen beeinflussen; über Dynamiken in der Produktionsphase … „Heute wollen wir den Fokus ein bisschen weniger auf die Problemfelder richten als vielmehr auf die Vision und das, was eigentlich möglich sein könnte.“

Also die Vision: „Wie sollte die Filmbranche aussehen in zehn Jahren?“ Als erste antwortete Christine Günther, Produzentin und Mitgründerin von Fireglory Pictures, und wünschte sich „Zustände von aktivem Zuhören“, um erstmal die Basis zu schaffen, „dass Gewerke sich sinnvoll austauschen können, sinnvoll planen können. Ich würde mir wünschen, dass Budgets und gewünschtes Ergebnis irgendwie in Relation zueinander stehen, möglichst deckungsgleich. Ich würde mir wünschen, dass es eine Work-Life-Balance erlaubt für alle Mitarbeiter. Und ich würde mir wünschen, dass wir eine maximale Diversität über die gesamte Produktions- und Auswertungskette haben. Im Hinblick auf alle Diversity Marker.“ Und weil sie schon mal beim „Hippiekram“ sei: „Ich würde mir wünschen, dass Drehtage mit Mindfulness starten und nicht schon in der Panik, wie man irgendwie durch den Tag kommt.“ 

Was übrigens auch kalkulatorisch sinnvoll sei – von wegen Hippiekram: Günther verwies auf die jüngste Studie der  Unternehmensberatung McKinsey zur Diversität. Da mangele es in der deutschen Filmbranche ähnlich an Bereitschaft wie bei der sozialen Nachhaltigkeit, dies zu integrieren. Was die Diversität betrifft komme McKinsey jedenfalls zu dem Schluss, „dass maximal diverse Teams homogene Teams immer outperformen“, sagt Günther. Und McKinsey stehe ja gewiss nicht im Verdacht, altruistisch zu sein.

So sieht es auch Katja Rivas Pinzon, DoP, Mitglied im Berufsverband Kinematografie (BVK) und Gründungsmitglied der Cinematographinnen: Sie stelle sich eine Crew vor, „die komplett gendergerecht besetzt ist, gerade in den technischen Gewerken“ – bei Kamera, Licht und Bühne sind Frauen noch deutlich unterrepräsentiert. Und anscheinend stehen sie immer noch vor den selben Vorbehalten wie vor 26 Jahren: Eine Kamera wiege am Ende niemals mehr als ein zwei- bis dreijähriges Kind, klärt Rivas Pinon auf. „Und wenn das trage, fragt mich auch keiner: Ist dir das nicht vielleicht zu schwer? Darf ich dir das abnehmen? Genau das wünsche ich mir.“ 

Und genug Zeit – nicht nur an den Drehtagen selbst, sondern vor allem für die Vorproduktion. Daran werde immer wieder komplett gespart, selbst im durchgestalteten Spielfilm, sagte Rivas Pinzon. „Das fällt einem immer auf die Füße. Es gibt immer so einen Moment, eigentlich bei fast jeder Produktion, wo einen die Welle überrollt und man vom Agieren ins Reagieren kommt. Das ist nicht gut für mein Stress Level, da ist nicht gut für das Stress Level von allem anderen. Und ist vor allem nicht gut fürs Endprodukt.“

Vor 26 Jahren hatten Vincent Lutz und Oliver Zenglein die Branchenplattform Crew United gegründet. Neben den praktischen Vorteilen für Filmschaffende, sollte sie auch mehr Transparenz in die Branche bringen. Seine Utopie fasste Zenglein in fünf Punkten zusammen:
# 20.000 Filmschaffende aller Gewerke, Berufe und Arbeitsformen haben sich solidarisch zusammengeschlossen, um die Bedingungen im Sinne aller zu verbessern.
# Die Verwendung von öffentlicher Filmförderung und Gebührengeldern wird ausnahmslos an die Einhaltung sozialer Mindeststandards geknüpft!
# Dasselbe gilt für die Einhaltung der Diversity Standards  des BFI [auf Englisch].
# Es werden Modelle in der Sozialversicherung entwickelt, die projektbezogen befristet Angestellte und Selbstständige in derselben Weise wie „unbefristet Festangestellte“ vom Sozialsystem profitieren lassen.
# Produktionsbudgets aller Produktionen sind signifikant erhöht!
Detaillierter ist es in der Stellungnahme von Crew United zum Filmfördergesetz (FFG) nachzulesen. 

Die Arbeitsbedingungen waren ein Thema von Anfang an. Doch in den 26 Jahren sei „leider nicht viel passiert“, sagte Zenglein. Wenigstens einmal im Jahr wird an die soziale Nachhaltigkeit erinnert, wenn der „Fair Film Award“ verliehen wird, den einst die Berufsverbände der Branche  ins Leben gerufen hatten. Unter den Nomierten und Preisträgern finden sich oft die selben Firmen und Teams. Für ihn zeige dass zweierlei: „Es steckt eine Haltung dahinter. Und es ist offenbar möglich.“ Auf Freiwilligkeit könne man aber nicht setzen: „Wir brauchen Bedingungen, die dazu zwingen.“ Bei der Filmförderungsanstalt allerdings wollte man von den Vorschlägen nichts wissen.

Umso besser, dass der Nachwuchs schon selbst daran arbeitet. „Dinge kommen ins Rollen, die nicht mehr aufzuhalten sind.“ Dazu kommt der Fachkräftemangel. Jetzt rächt sich, dass die Branche sich im Mittelbau jahrzehntelang auf billige Dauerpraktika verlassen hat, statt für den Nachwuchs zu sorgen. Im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen sei der Fachkräftemangel eine Chance, findet Zenglein. Aber dafür, sein Appell, brauche es starke Verbände. Also möglichst viele Mitglieder.

Die Haltung fängt schon bei der Sprache an: „Film ist Krieg“. Das würde sie „gerne mal alles demilitarisieren und die Sprache entwaffnen“, meinte Günther. „ Wir verbringen doch mehr Zeit mit dem Team als mit Partner, Familie oder Haustier.“ Also peilen sie bei Fireglory den 8-Stunden-Kamera-Tag an, „auch wenn das in der Realität immer noch 12 Stunden sind.“ Schichtsysteme, geteilte Stellen sollen helfen. Und Tarif ist selbstverständlich, sagt Günther: „Sonst machen wir das nicht. Wir können uns das leisten – das heißt, können wir eigentlich nicht. Aber wir sind ein kleiner Laden. Wir können eine Art Hippie-Anarchisten sein und machen, was wir wollen. Was wir wollen, sind vernünftige Bedingungen.“ 

Erst kommt die Pflicht, also Standards wie der Tarif, dann erst die Kür. „Du kannst auch nicht mit 50 Cent in die Konditorei gehen und die Sahnetorte wollen.“ No-Budget sei also auch keine Lösung: Die Mentalität dahinter ist falsch, meint Günther: „Wir sind Kunsthandwerker. Und dafür braucht es die richtige Ausstattung, damit das Ergebnis stimmt.“ 

Die falsche Einstellung wird gelehrt. An den Filmhochschulen waren Arbeitsbedingungen und ähnliches bislang kein Thema, die Ausbildung tut so, als gäbe es kein Arbeitszeitgesetz. „Es fehlt das Bewusstsein, dass wir eine arbeitende Branche sind“, findet Rivas Pinzon. Das zeige sich auch darin, dass es bis zum vorigen Jahr noch keine Ausbildungswege für den organisitatorischen Mittelbau gab.

Es sollte auch Schluss sein mit der Betonung des Genies, findet Günther: „Film ist Teamarbeit.  Das geht super, indem man sich austauscht und die Leute fördert, die im Team spielen wollen.  Nicht die Egoshooter.“ In den bestehenden Strukturen erkennt Rivas Pinzon wenig Hoffnung: Zur Novellierung des FFG hatten Verbände und Institutionen der Branche ihre Stellungnahmen abgegeben. „Aus jedem zweiten Statement spricht gefühlt eine Existenzangst. Da kann man keine Entscheidungen treffen.“

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