Klima der Angst

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Schwere Vorwürfe gegen Til Schweiger: Mitarbeiter*innen berichten von Druck und Schikanen beim Dreh. Der Fall rückt auch die Arbeitsbedingungen der Branche ins Scheinwerferlicht.

Als Regisseur und Schauspieler Til Schweiger ist einer der größten deutschen Kinostars. Mit „Manta Manta – Zwoter Teil“ gibt er zurzeit an der Kinokasse Vollgas. Doch am Set ist die Begeisterung offenbar nicht ganz so groß, berichten Maike Backhaus und Alexandra Rojkov im „Spiegel“ [Bezahlschranke]. Dort erzählen mehrere Mitarbeiter*innen von Schikane bis hin zu Gewalt bei einem Dreh. Schweiger widerspricht der Darstellung.

Der „Perlentaucher“ fasst die heftigen Vorwürfe zusammen: „Das Einmann-Filmstudio (Produktion, Drehbuch, Regie, Hauptrolle) neige nach Angaben diverser Crewmitglieder am Set zu erheblichem Alkoholkonsum und entsprechend jähzornigem Auftreten (angeblich sogar gegenüber Kinderdarstellern). Crew-Mitglieder behaupten, dass er einem Mitarbeiter bei einer Auseinandersetzung angeblich ins Gesicht geschlagen hat. Eine Statistin soll spontan zu einer Entblößung gedrängt worden sein, eine Mitarbeiterin habe sich bei einer waghalsigen Szene schwer verletzt. Daneben dehne er Arbeitszeiten so weit, bis Crewmitglieder körperlich und psychisch am Ende seien und sich Unfälle am Set häuften.“

Zitiert wird auch die „Süddeutsche Zeitung“ [Bezahlschranke], für die sich  Aurelie von Blazekovic und David Steinitz ihrerseits umgehört haben. „Schweigers Verhalten sind an seinen Sets Dutzende Menschen ausgesetzt […].  An Sets, die über die Jahre mit Steuergeldern in Millionenhöhe durch die Bundes- und Landesförderungen mitfinanziert wurden. Was jetzt publik wird, hätte die Constantin unter Martin Moszkowicz, die von Schweiger stattdessen finanziell gut profitierte, schon lange umtreiben müssen. Sie hätte Schweiger vor sich selbst schützen müssen – und sie hätte die Menschen schützen müssen, die ihm in ihrer Arbeit ausgesetzt sind.“

Als eine der ersten hatte sich die Schauspielerin Nora Tschirner auf Instagram gemeldet: „Die Sets von ,Keinohrhasen’ und ,Zweiohrküken’, die mittlerweile sehr lange zurückliegen, habe ich tatsächlich als außergewöhnlich konstruktiv, gemeinschaftlich und wertschätzend erlebt“, schreibt Tschirner in der Kommentarspalte. Gleichwohl findet sie im Video, „dass in diesem Artikel sehr viel stimmt.“ Die Zustände in der Filmbranche seien „ein absolut offenes Geheimnis“, sagte Tschirner: „Wenn man als Verantwortlicher so etwas hört und noch nicht einmal sagt: ,Wir gucken uns das mal genauer an, wir gehen der Sache mal auf den Grund‘, sondern sagt: ,Nee, ist alles cool‘, und damit auch den Mut ignoriert der Leute, die sich das eben in ihren Positionen eigentlich überhaupt nicht leisten können, die ja Angst haben, ihren Namen zu sagen, und sich das nicht leisten können, da ein Fass aufzumachen – also das ist echt höhnisch. Und da mache ich nicht mehr mit.“

Mit mehr als 50 Weggefährt*innen Schweigers hatten die „Spiegel“-Journalist*innen gesprochen, erklärt Claudia Reinhard in der „Berliner Zeitung“. „Sämtliche Schilderungen der cholerischen Entgleisungen des Filmemachers wurden von der Constantin Film GmbH, die die ,Manta-Manta’-Fortsetzung mitproduzierte, dementiert; manche Behauptungen sogar ins Gegenteil verkehrt. […] Auf die ,lückenlose Aufklärung’, die Claudia Roth nun von Constantin Film gefordert hat, dürfte die Kulturstaatsministerin lange warten. Die Zeit sollte sie nutzen, um Erkenntnisse aus der Schweiger-Recherche in den laufenden Reformationsprozess der Filmförderung einfließen zu lassen. Denn dass sich bei den Produktionsbedingungen einiges verbessern muss, ist nicht erst klar, seit auch Menschen außerhalb der Branche wissen, dass einer der erfolgreichsten deutschen Filmemacher seit Jahren Angestellte tyrannisiert haben soll. Dass zum Beispiel Ruhezeiten bei Drehs nicht eingehalten werden, ist Standard. […] Angesichts der bestehenden Verhältnisse klingt auch Roths Vorschlag eines ,Code of Conduct’, einer Selbstverpflichtung der Branche, wenig zielführend. Lieber gleich weiter zum nächsten von Roth vorgeschlagenen Schritt, sollte die Selbstverpflichtung keine durchgreifende Wirkung zeigen: den ,Code of Conduct’ für alle Förderungen verbindlich zu machen. Denn besonders dort, wo Steuergelder fließen – auch ,Manta Manta – Zwoter Teil’ wurde mit gut einer Million Euro gefördert –, wäre es legitim und ist augenscheinlich angebracht, sicherzustellen, dass Gesetze zum Arbeitsschutz eingehalten werden.“

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ [Bezahlschranke] versteht die ganze Aufregung nicht: „Er trinkt zu viel, dann benimmt er sich schlecht: Sehr viel mehr hat der ,Spiegel’ gegen Til Schweiger nicht in der Hand.“ Was Claudius Seidl in seinem Kommentar meint, berichtet ebenfalls der „Perlentaucher“: „An Sets herrsche nun einmal ein rüder Umgangston, sollte Schweiger ein Alkoholproblem haben, sollte man eher Mitleid mit ihm haben, und wenn sich im überarbeiteten Team Unfälle häufen, sei dies eher dem Produktionsleiter anzulasten, der den Dreh nicht abbricht. In der Branche hört Seidl vor allem davon, ,dass die Schweiger-Geschichte eher davon ablenkt, wie viel Angst, welcher Druck und was für ein Zynismus bei deutschen Dreharbeiten im Spiel sind – und zwar nicht nur dann, wenn Männer inszenieren. Es ist das System, das böse ist: Es wird mit zu wenig Geld nach zu strikten Fernsehformvorgaben viel zu viel gedreht.“

Anmerkung der Redaktion: Dass es trotzdem auch anders geht, zeigt alljährlich der „Fair Film Award“.

Auch im „Spiegel“ will Hannah Pilarczyk mehr über die Arbeitsbedingungen an deutschen Filmsets wissen. Sie fragte Oliver Zenglein von Crew United. Überrascht sei er leider nicht, antwortet Zenglein. Es sei aber eine Chance, „über notwendige Reformen zu sprechen“: „Es herrscht allgemein ein enormer Druck, der seit Jahren weiter steigt, weil das Geld immer knapper und der Anspruch immer größer wird. Dazu immer wieder extrem lange Arbeitszeiten und mittelalterliche Machtstrukturen. Ist dann jemand in Personalunion Regisseur*in, Drehbuchautor*in, Hauptdarsteller*in und Co-Produzent*in, macht das die Gestaltung von angemessenen Entscheidungsprozessen besonders unter Druck noch schwerer. […] Durch die zu niedrigen Budgets fehlt schon zum Start einer Produktion die Zeit für eine angemessene Vorbereitung. Oft sind die Drehbücher auch noch nicht fertig oder werden noch ständig umgearbeitet. Das wiederum erhöht den Druck am Set, weil hier geleistet werden muss, was eigentlich in der Produktionsvorbereitung hätte passieren müssen. Zum anderen werden aus Kostengründen die Drehtage immer weniger – übrigens besonders bei den Öffentlich-Rechtlichen. Manche berichten noch von ,Tatort’-Folgen mit 30 Drehtagen. Mittlerweile scheint es üblich zu sein, dass ARD und ZDF 19 Drehtage für einen TV-Film veranschlagen. Der soll im besten Fall auch noch im Ausland gedreht werden und schön viele Actionszenen enthalten. Zu den Bedingungen ist das eigentlich nicht machbar.“

Ein Bild aus der Praxis gibt ein Kommentar auf dem Instagram von Crew United: „Ich hab’ 20 Jahre in der Branche gearbeitet. Es ist völlig normal, dass Ruhezeiten nicht eingehalten werden können, Arbeitszeiten von 10 Stunden täglich sind die Regel (nicht die Ausnahme, wie das Bundesarbeitsschutzgesetz es vorsieht), die Dispos werden so geschrieben, dass es aussieht, als wär’ alles korrekt, aber jeder weiß, dass die eh nur für die BG sind und das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Cholerische Regisseure oder Schauspieler*innen sind normal, niemand schützt das Team vor deren Launen. So schön der Job eigentlich ist, kreativ, gute Köpfe, so bescheiden ist es, ihn ausüben zu müssen, um Geld zu verdienen. Ich bin bei etlichen Produktionsfirmen auf der Schwarzen Liste gelandet, weil ich den Mund aufgemacht hatte und hab’ irgendwann einfach keinen Bock mehr gehabt auf den Mist. Wenn man selbst um Essenpausen kämpfen muss und in einer verdreckten Messiewohnung Leute schminken soll für ein überflüssiges Stück Scripted Reality. ist irgendwann einfach Feierabend.“

 

1 Kommentar
  1. Serafina sagte:

    Ich kann mich dem Instagram Kommentar nur anschließen. Die Bedingungen werden immer schlechter. Junge Menschen wie Berufsanfänger werden regelrecht verheizt. Die Arbeitszeiten ausgereizt, 12 Stunden sind eher normal geworden. Ich war letztes Jahr nach einem Monat Serie ( 15 Std. Mit an und Abfahrt) erschöpfter als nach 4 Monaten Festspielen als Allein Verantwortliche. Tatort oder Spielfilme werden mittlerweile auch unter soviel Zeitdruck produziert, das ich mir eher andere Arbeitsmöglichkeiten suche.

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