Willkommen bei TLNT & TLNT!

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Mentorenprogramme wollen den Einstieg in die Branche erleichtern. Der Verein TLNT & TLNT hat dabei Menschen mit Migrationshistorie im Fokus. | Foto © TLNT & TLNT

Der Einstieg in die Kreativbranchen ist eh schon kompliziert. Für Menschen mit „Migrationshistorie“ sind die Hürden noch viel höher, sagt Agnieszka Aksamit. Mit ihrem Mentorenprogramm erleichtert der Verein TLNT & TLNT benachteiligten jungen Menschen den Zugang zur Arbeitswelt. Gratis!

Netzwerke sind wichtig im Beruf. In Kreativbranchen wie Film und Fernsehen geht es gar nicht ohne. Schwierig aber, wenn man noch am Anfang steht und Zugang sucht in eine Branche mit eigenen Regeln und unbekannten Berufen. Mentorenprogramme wollen den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern. Auch bei TLNT & TLNT werden „Mentors“ und „Mentees“ verbunden. Mit einer Besonderheit: Das Programm richtet sich in erster Linie an junge Menschen mit Migrationshistorie. Und ist für die Mentees kostenlos.
Agnieszka Aksamit ist Sozialpädagogin und Gründerin der gemeinnützigen Organisation. In ihrer Zeit als Sozialarbeiterin in einer Fachstelle für Integration und Migration hatte sie schon vor langer Zeit die Idee. Während der Covid-Krise wurde das Programm von TLNT & TLNT zu einem Online-Format für Menschen, die im kreativen oder Tech Bereich Fuß fassen wollen – „wir bauen eine große Community auf“, sagt sie.

Frau Aksamit, viele Branchen benötigen Nachwuchs und eine neue Generation von Fachkräften. Da kommt Ihr Mentorenprogramm für junge Menschen ja zur richtigen Zeit.
Es geht uns vielmehr darum, junge Menschen dabei zu unterstützen und zu motivieren, ihren Wünschen und Zielen nachzugehen. Und eben auch die Zugänge dafür zu schaffen.
Das klingt ideologisch, aber in Deutschland ist es einfach keine Selbstverständlichkeit, insbesondere, wenn man eine Migrationsgeschichte hat. Der vermeintliche Wunschgedanke „Man muss sich nur genug anstrengen“ stimmt einfach nicht. Struktureller Rassismus, Klassismus und Diskriminierung sind die Realität der Menschen. Viele Personen aus unserer Zielgruppe nehmen Jobs an, die sie gar nicht machen möchten, da spielt Existenzangst eine große Rolle, aber auch der Zugang zu den richtigen Informationen.
Durch Verunsicherung und existenzielle Ängste entscheiden sich einige dann doch für Berufe, in denen sie sich grundsätzlich nicht sehen und wohlfühlen. Da geht viel Potenzial und Energie verloren, um sich nach etwas Passendem umzusehen. Das ist ein trauriger Kreislauf, in dem das eigene Talent nicht ausgeschöpft wird.

Wer sind diese „jungen Leute“?
Die meisten Teilnehmer*innen sind zwischen 17-27 Jahren. Wir möchten dennoch niemanden ausschließen – die meisten erfahren sowieso schon genug Ausschluss auf ihrem Lebensweg. Demnach sind vereinzelt auch jüngere oder ältere Personen dabei.
Sobald die Bewerbung eingeht, setzen wir uns mit ihnen in Verbindung und fragen nach ihren Wünschen und ihren Zielen für das Programm. Im nächsten Schritt suchen wir sowohl über die sozialen Medien als auch in unserem immer größer werdenden Netzwerk nach Mentor*innen. 

TLNT & TLNT nimmt also vor allem junge Menschen mit Migrationshistorie in das Programm auf?
Ja, die „Mentees“ kommen aus unterschiedlichen Ländern. Das sind zum Beispiel Menschen, die seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015 nach Deutschland gekommen sind – aus Syrien und Afghanistan, jetzt auch aus der Ukraine und aus Eritrea.
Viele der Mentees sind aber auch in Deutschland geboren und aufgewachsen und haben Diskriminierung und strukturellen Rassismus erfahren. Sie kämpfen mit Problemen, die den (weissen) deutschen Durchschnittsbürger nicht betreffen und haben eben nicht die gleichen Chancen. Gerade für diese Menschen sind kreative Berufe oft unerreichbar. 

Der Mangel an Kommunikation ist also eine sehr große Barriere?
Viele geflüchtete Menschen wissen schlichtweg nicht, wo sie suchen sollen. 

Man muss zum Beispiel die Internetseiten der Unternehmen erstmal kennen oder eben über ein großes Netzwerk verfügen, um mitzubekommen, wo aktuell gesucht wird. Außerdem zögern viele junge Menschen sehr, sich zu bewerben, weil es ihnen an Selbstvertrauen fehlt. Manchmal liegt es auch an ihrer familiären Situation, dass etwa die Eltern es vorziehen, dass ihre Kinder „sicherere“ Karrierewege einschlagen.
Denn die Wahrheit ist, dass sich durch die Digitalisierung der Tech- und Kreativmarkt verändert hat: Es gibt neue Berufe, in denen sehr gute Einkommen erzielt werden.

Doch die werden selten vermittelt oder von Berufsberatungen empfohlen. Da setzen wir dann an.
Wir möchten „empowern“, informieren und Wege in diese Berufe aufzeigen.

Wie finden die Teilnehmenden Ihr Programm?
Über die sozialen Medien zum Beispiel. Oder auch, weil es sich über ehemalige Teilnehmende rumspricht. Aus sozialpädagogischer Sicht ist es für uns wichtig, mit jeder Person, die sich bewirbt, zu sprechen und zu fragen, welche Ziele verfolgt werden sollen, an welcher beruflichen Position das Interesse besteht und welche Person als Mentor*in gesucht wird. Uns ist es wichtig, so gut es geht auf die Wünsche der einzelnen Mentees einzugehen. Anhand dieser Informationen suchen wir im nächsten Schritt  nach den Mentor*innen. 

Wer sind die Mentor*innen?
Fachleute aus der Kreativ- oder Technikbranche, die sich zur Verfügung stellen und auch selbst ein Interesse an persönlicher Entwicklung haben.
Wir haben einen Pool von Mentor*innen und analysieren anhand der Wünsche der Mentees, wo es Übereinstimmungen gibt. Wir berücksichtigen die Wünsche zum Geschlecht, der Herkunft, der Sprache der*des Mentors*in. Gleichzeitig achten wir darauf, dass es verbindende Werte gibt.
Dieser Screening/Matching Prozess erfordert viel Zeit und Arbeit, aber um unserem sozialpädagogischen Anspruch gerecht zu werden, nehmen wir diese gerne in Kauf. Für uns hat es Priorität, dass wir so gut es geht auf die Bedürfnisse und Erfahrungen der Mentees eingehen, um eine Beziehung auf Augenhöhe entstehen zu lassen.

Was bedeutet „eine Übereinstimmung“?
Viele der Bewerber*innen haben leider bereits schlechte Erfahrungen durch Praktika und andere Begegnungen gemacht. Wie erwähnt, gehen wir auf die Wünsche der Mentees ein. Es geht darum, dass man sich mit der Mentor*in identifizieren kann. Außerdem ist der Austausch über individuelle Herausforderungen und persönliche Erfolgserlebnisse, der eigenen Biografie sehr wertvoll innerhalb der Mentoring Beziehung und stärkt das Selbstvertrauen. Um individuelle Berufswege geht es übrigens auch in unserem Online Format TLNT.TALK. Wir zeigen dort Personen, die bereits in der Branche tätig sind und Inspiration für andere sein können.

Das Mentoring Programm findet online statt?
Genau, unser sechsmonatiges Programm ist in erster Linie ein Online-Format und bezieht somit auch Menschen mit ein, die nicht in einer Großstadt leben. In kleineren Städten gibt es noch weniger Informationsangebote, somit war es uns in der Konzeption wichtig,  Interessierte aus kleineren Städten mitzudenken. Um dennoch den Community-Aspekt zu leben und persönliche Begegnungen zu schaffen, laden wir die externen Mentees für zwei Veranstaltungen, die im Rahmen des Programms stattfinden, nach Berlin ein.

Was Sie beschreiben, ist in der Tat eine Menge Arbeit. Wie finanziert sich TLNT & TLNT?
In erster Linie finanzieren wir uns durch Spenden. Wir sind sehr stolz darauf, dass uns die Dojo Cares Foundation, seit über einem Jahr unterstützt: Sie stellen uns ihre Räume zur Verfügung, helfen bei der  Organisation und Durchführung des Programms und verfolgen vor allem dieselben Werte wie unser Verein. Darüber sind wir sehr dankbar.
Wir freuen uns außerdem sehr über unsere aktuelle Kooperation mit Nike. Im Rahmen des Programms „School to Swoosh“ organisieren wir gemeinsam Workshops und führen ein internes Mentorship durch. 

Nichtsdestotrotz sind wir weiterhin stark auf finanzielle Unterstützung angewiesen, um nicht nur als Verein zu bestehen, sondern um unsere Vision weiterzuentwickeln und all die Ideen, die wir haben, zu verwirklichen. Aktuell denken wir über eine Online-Plattform nach, in welchem Unternehmen ihre Stelleninserate mit unserer Community teilen können. Hier sind wir gerade in der Akquise für Partnerschaften und Unterstützer*innen. Wer Interesse hat, unsere Vorhaben zu unterstützen: Wir freuen uns auf ein Kennenlernen!

Was macht Sie in diesen drei Jahren bei TLNT & TLNT stolz?
Ich freue mich darüber, wenn die Mentees ihr eigenes Netzwerk aufbauen und sich gegenseitig unterstützen. Unser Ziel ist, einen Kreislauf über Generationen entstehen zu lassen, in dem Mentees, die in eine Entscheider*innen-Position kommen, anderen die Zugänge ermöglichen.

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