23 für die „Lola“

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Gruppenbild mit BKM. Die Deutsche Filmakademie hat die Nominierungen für die „Lola“ (rechts) bekanntgegeben. 23 Filme stehen in 17 Kategorien in der Endrunde. | Foto © DFA/Eventpress/Sascha Radke

Die Filmakademie hat die Nominierungen zum „Deutschen Filmpreis“ bekanntgegeben. Natürlich gab’s auch wieder Gründe zu mäkeln.

Im Mai schließt der Reigen der Preisgalas, wenn in Berlin die „Lola“ vergeben wird. Die Deutsche Filmakademie hat vorige Woche ihre Nominierungen für die höchsten Auszeichnungen im Land bekanntgegeben. Da freuen sich nicht nur die meisten Förderer und überbieten sich gegenseitig: 10 Nominierungen meldet die Mediendeutsche Medienförderung (MDM), 14 die Filmstiftung NRW, 21 die Moin im Hamburg, 29 gar das Medienboard in der Hauptstadt. Wobei sich die Förderer den Ruhm bei etlichen Nominierungen teilen.

Insgesamt sind 23 Titel in der Auswahl, freuen kann sich auch ein Film allein: Das Kriegsdrama „Im Westen nichts Neues“, das bekanntlich ohne Förderung entstand und trotzdem sieben „Baftas“ und vier „Oscars“ gewann. In 12 der 17 Kategorien ist der Film von Regisseur Edward Berger für eine „Lola“ nominiert. 

„So einig waren sich Deutsche und Briten selten. Jedenfalls, was den Filmgeschmack im Jahr 2023 angeht“, bemerkt Marius Nobach im „Filmdienst“: „Von den ,Bafta Awards’ unterschied sich die Verkündigung für die ,Lola’-Kandidaten am 24. März nur in den fehlenden Nominierungen als bester internationaler Film (logischerweise), fürs Casting (das der ,Deutsche Filmpreis’ nicht auszeichnet) und fürs Drehbuch, dafür geht der bei den Briten unberücksichtigte Hauptdarsteller Felix Kammerer mit ins Rennen.“

Als „möglichen Geheimtipp“ sieht er Ilker Çataks „Das Lehrerzimmer“: „Çatak ist auch als Regisseur nominiert sowie zusammen mit Johannes Duncker als Drehbuchautor, außerdem ging neben einer weiteren Nominierung für die verdiente (und immer noch „Lola“-lose!) Kamerafrau Judith Kaufmann eine an Hauptdarstellerin Leonie Benesch, die mit ihrer furiosen Interpretation einer an ihren moralischen Maßstäben zu scheitern drohenden Lehrerin die Favoritin für den Darstellerinnen-Preis sein dürfte.“
Überrascht ist er hingegen über einen anderen Kandidaten für den besten deutschen Film: „,Holy Spider’ des gebürtigen Iraners Ali Abbasi […] fand zudem auch bei den Regisseuren sowie für die Hauptdarsteller Zar Amir Ebrahimi und Mehdi Bajestani Berücksichtigung, was bei aller Intensität und Vielstimmigkeit des Thrillers um einen aus religiös verbrämtem Frauenhass handelnden Prostituierten-Serienmörder zwiespältig zu werten ist. Die Qualitäten des Films sind immens und unter anderem durch den Darstellerinnen-Preis in Cannes und vier Nominierungen für den ,Europäischen Filmpreis’ schon mehrfach anerkannt worden, zudem hat er durch die Frauenrecht-Proteste im Iran zusätzliche Brisanz erhalten. Doch letztlich handelt es sich eben um einen im Iran spielenden, in Jordanien gedrehten Film eines Regisseurs, der in Dänemark ausgebildet wurde und arbeitet. Wie bei ,Spencer‘ im letzten Jahr lassen sich die ,Lola’-Nominierungen für ,Holy Spider’ nur durch die Beteiligung einer deutschen Produktionsfirma (in diesem Fall One Two Films) verstehen, deren exakt berechneter Anteil an dem Film 41,36 Prozent betragen soll – und damit mehr als die 31,05 Prozent aus Dänemark (für das ,Holy Spider’ unter anderem ins ,Oscar’-Rennen ging) und die kleineren Anteile aus Schweden und Frankreich.“

Auch „Der Spiegel“ stößt auf eine „Kuriosität der Nominierungsliste: Während also ,Rheingold’ im Rennen um den besten Spielfilm ist, wurde der Film in keiner einzigen der Spezialkategorien berücksichtigt. Umgekehrt bringt es Frauke Finsterwalders Neuinterpretation des Mythos um Kaiserin Elisabeth, ,Sisi & Ich’, zwar auf insgesamt vier Nominierungen (Sandra Hüller als beste Hauptdarstellerin, Kamera, Ton und Kostümbild) – ist aber nicht unter den besten Spielfilmen insgesamt.“

Am Auswahlverfahren der Filmakademie gab es diesmal auch Kritik, meldet die Deutsche Presse-Agentur (DPA): Christian Petzolds „Roter Himmel“ hatte es nicht einmal in die Vorauswahl geschafft. „Petzolds Film gewann bei der Berlinale anschließend eine der wichtigsten Auszeichnungen – den ,Großen Preis der Jury’.“

Grund genug für Reformen beim „Deutschen Filmpreis“, denn der bleibe „ein Problemkind“, fand da Andreas Busche im „Tagesspiegel“. „Dass ,Roter Himmel’ auf der Vorauswahlliste zum Deutschen Filmpreis fehlt, wurde bereits heftig diskutiert. Kulturstaatsministerin Claudia Roth antwortete Anfang Februar in der ,B.Z.’ auf die Kritik an der Deutschen Filmakademie, dass die gut 2.000 Mitglieder die Netflix-Produktion ,Im Westen nichts Neues’ für den Filmpreis berücksichtigt haben: ,Einen deutschen Film zu ignorieren, der neun ,Oscar’-Nominierungen und 14 ,Bafta’-Nominierungen bekommen hat, wäre sicher erklärungsbedürftig.’ Der Satz müsste ihr nun eigentlich auf die Füße fallen. Eine Filmakademie, die – im Gegensatz zu einer unabhängigen internationalen Jury – nicht die Qualität des Films eines renommierten deutschen Filmemachers erkennt, muss sich tatsächlich erklären. Beziehungsweise: aus dieser Peinlichkeit ihre Schlüsse ziehen.“

Soll heißen: Eine unabhängige Jury, „die was vom Kino versteht“, könne besser entscheiden. „Die Intransparenz bei der Vergabe der ,Lolas’, die – wenn man ehrlich ist – primär die Existenz der Deutschen Filmakademie rechtfertigt, steht schon lang in der Kritik. Dass Steuergelder dazu verwendet werden, dass eine Branche dieses Geschenk unter sich aufteilt, ist schwer vermittelbar. Und in Deutschland auch einmalig. Forderungen nach einer unabhängigen Jury wurden schon unter Roths Vorgängern abgebügelt.“

Forderungen nach einer Jury kommen regelmäßig, wenn die Filmakademie ihre Auswahl, Nominierungen und Preisträger bekannt gibt. Und in der Regel kommen sie aus den Reihen der Filmkritik, die bereits die Anfänge der Filmkademie mißtrauisch beäugte. Die war nämlich 2003 nicht nur „wenn man ehrlich ist“, sondern erklärtermaßen zu dem alleinigen Zweck gegründet worden, den „Deutschen Filmpreis“ zu vergeben. Das mag in Deutschland einmalig sein, ist in anderen Filmländern aber üblich.
„Größtmögliche Autonomie der Künstler und so wenig Staatspaternalismus wie möglich“, versprach sich der damalige BKM Julian Nida-Rümelin damit, und „notwendige Sachkunde“ sowieso: Die Filmschaffenden selbst sollten demokratisch entscheiden – also jene, die was vom Kino verstehen. 
Bis dahin hatte ein Gremium „aus Politikern, Filmförderern, Kirchen- und Gewerkschaftsvertretern, Fernsehleuten und Kritikern“ entschieden, „dem man regelmäßig Proporzdenken, Biederkeit und Kinoferne vorwarf“, schrieb Andreas Kilb erst im Januar in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (um trotzdem sogleich wieder nach einer Jury zu rufen). 

Die rund 2.200 Mitglieder der Deutschen Filmakademie können nun abstimmen, wer am 12. Mai einen Preis bekommt. Fest steht bereits, dass der Regisseur Volker Schlöndorff mit dem Ehrenpreis und „Die Schule der magischen Tiere 2“ als besucherstärkster Film ausgezeichnet werden. 

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