Auch auf dem roten Teppich in Cannes können Filmschaffende leicht mal im Regen stehen. | Foto © Archiv cinearte

Unter den Filmfestspielen dieser Welt strahlt eines besonders hell. Kein anderes Festival schafft es, Kinokunst und Glamour so glänzend zu verbinden. Die Filme im Wettbewerb und auf der Siegerbühne sind zwar auch nicht massentauglicher als die anderer Festivals (manchmal sogar das Gegenteil), dennoch ist Cannes rund um die Welt ein Begriff, das berühmteste, ach was: beliebteste Filmfest. Sogar Lieder wurden darüber geschrieben. Heute noch.

Als das Festival am Sonntag zu Ende ging, bekräftigte es einmal mehr seinen Einsatz für das Wahre, Schöne, Gute. Und für dessen politische Verantwortung: Mit der „Goldenen Palme“ wurde „La vie d’Adèle“ ausgezeichnet, was auf Deutsch soviel wie „Adeles Leben“ heißt, auf Deutsch aber voraussichtlich unter dem Titel „Blue Is the Warmest Colour“ herauskommen wird, was sich anscheinend noch schlechter übersetzen lässt, weshalb also ein französischer Film auf Deutsch einen englischen Titel tragen wird, der mit dem Original nur wenig zu tun hat. Da ist er nicht allein … Aber ich komme vom Thema ab: Über drei Stunden erzählt der in Tunesien geborene französische Regisseur Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) die Geschichte der 15-jährigen Schülerin Adèle aus, die sich mehr zu Mädchen hingezogen fühlt und das schließlich leidenschaftlich mit der etwas älteren Künstlerin Emma (Léa Seydoux) durchlebt.

Ziemlich gewagt, freuten sich da Kritiker wegen der „sehr intensiven und ungewöhnlich langen Sexszenen“, die doch so natürlich und mutig wirkten, weil Kechiche so „sinnlich filmt wie kaum ein anderer.“, politisch mit Gefühl und so. Weshalb das Festival auch ein wenig seine Geschichte neu schrieb und zum ersten Mal den Hauptpreis nicht nur an den Regisseur, sondern auch seine beiden Hauptdarstellerinnen verlieh.

Längst überfällig war der Preis nach Meinung vieler sowieso. Denn zum ersten Mal wurde damit in Cannes ein Film ausgezeichnet, der offen das Thema Homosexualität behandelt. Der Zeitpunkt war geschickt gewählt, denn das französische Parlament hatte Ende April die umstritteneHochzeit für alle“ beschlossen, in Paris hatten sich am Sonntag 150 000 Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe zu einer letzten Demonstration versammelt, die in Krawallen und 300 Festnahmen gipfelte.

Die Demonstration vor der eigenen Tür sahen hingegen die wenigsten. Den deutschen Zeitungen jedenfalls waren die Proteste beim Festival keine Erwähnung wert. Kurz vor der Vorführung des baldigen Siegerfilms am Donnerstag im Festivalpalast waren nämlich auf der Straße ganz andere Töne zu hören. Cannes hatte seinen obligatorischen Skandal, bloß interessierte sich diesmal kaum einer dafür. Als vor zwei Jahren Lars von Trier in einer Pressekonferenz als Hitlerversteher Unsinn redete und deshalb vom Festival rausgeschmissen wurde, ging das rund um die Welt. Doch dieses Jahr ging es ja bloß um die Filmarbeit an sich: Die Filmschaffenden-Gewerkschaft Spiac-CGT protestierte in einer Pressemitteilung: „Wenn dieser Film auch ein künstlerisches Vorbild geworden ist, hoffen wir doch, dass er niemals ein Beispiel in Bezug auf die Produktion wird.

Filmschaffende hatten sich über „inakzeptable“ Arbeitsbedingungen beim Dreh von „La vie d’Adèle“ am Set in Lille beschwert. Die Gewerkschaft kritisiert Arbeitstage, die mit acht Stunden angegeben wurden, tatsächlich aber 16 Stunden dauerten. Löhne, die  brutto ausgezahlt wurden, wo netto versprochen war, „anarchische“ Arbeitspläne und Änderungen im letzten Moment, wegen denen auch während Ruhetagen oder in der Nacht kurzfristig zum Set gerufen wurde. „Die Leute wussten am Freitagabend noch nicht, ob sie am folgenden Samstag und Sonntag arbeiten würden.“

Solche Zustände seien für einen Autorenfilm mit begrenztem Budget durchaus nicht unüblich, erklärte die Tageszeitung Le Monde, die als eine der wenigen von den Protesten berichtete, fügte aber gleich hinzu: „Das von „La vie d’Adèle“ hat die vier Millionen Euro knapp überschritten, was ihn nicht zu einem armen Film macht.“ Nur waren halt für die Dreharbeiten zweieinhalb Monate veranschlagt gewesen, sie zogen sich aber schließlich doppelt so lange hin – ohne dass das Budget angepasst wurde, erklärt die Zeitung in einem zweiten Artikel mit weiteren unschönen Details von den Dreharbeiten. Um die 750 Stunden Material seien da zusammengekommen, berichtete der Filmkritiker Hugues Dayez.

Vincent Leclercq, Chef der regionalen Filmförderung Pictanovo, die „La vie d’Adèle“ mit 175 000 Euro unterstützte, widerspricht den Vorwürfen: „Ich habe keine schriftliche Beschwerde keines der Beschäftigten dieser Produktion erhalten.“ Gewiss habe er von Beschwerden gehört, „aber so, wie ich es verstanden habe, über andere Dreharbeiten.“

Doch ohnehin geht es der Gewerkschaft nicht um den einen Film, dessen Dreharbeiten schon im August abgeschlossen. Vielmehr nutzt auch sie die Aufmerksamkeit des großen Festivals für die Politik. Im Januar hatten die Gewerkschaften, darunter auch die Spiac-CGT, einen Tarifvertrag unterzeichnet, auf der Gegenseite aber nur ein Arbeitgeberverband. Die übrigen Produzentenverbände lehnen die Vereinbarung ab, die vor allem Mindestgagen, Überstundenvergütung, Nacht- und Sonntagsarbeit regelt. Sie argumentieren, dass gut 60 Filme nie hätten gedreht werden können, wenn man diese neuen Regeln auf sie angewendet hätte. Sie legten einen Gegenvorschlag vor, der unter anderem die Gagen mit dem Budget des Films verknüpft. Die Debatte ist entsprechend angespannt, ein Vermittlungsgespräch ist im Gange.

Auf dieser Gegenseite steht auch Wild Bunch, die Produktionsfirma von „La Vie d’Adèle“. Deren Geschäftsführer Brahim Chioua beruft sich da auf den Filmemacher Robert Guédiguian („Der Schnee am Kilimandscharo“): „Der sagte, hätte er die Arbeitsregelungen respektiert, hätte er seine sieben ersten Filme nie realisieren können.“ Zumal er ja auch nicht verstehe, meint Chioua, der Produzent, wie man einen Film mit der Stoppuhr in der Hand drehen soll. Gewiss hätten einige Mitarbeiter die Produktion verlassen, weil sie mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden waren, andere hingegen blieben dabei – und das schon seit Kechiches erstem Film: „Kechiche ist sehr anspruchsvoll! Und dadurch bekommt er diese Ergebnisse.“

Überhaupt verweist Chioua lieber auf einen anderen Film im Wettbewerb: „Only God Forgives“ von Nicolas Winding Refn: „Dieser Film wurde in Thailand gedreht. Da sollte man sich mal anschauen, unter welchen Bedingungen die Crew arbeiten musste.“

2 Kommentare
  1. Peter Hartig sagte:

    @Alex: Wieder was gelernt! Der Comic war mir leider auch nicht bekannt – wo ich doch sonst gerne meckere, dass Filmjournalisten sich noch zu selten mit dieser Schwesterkunst beschäftigen. Danke für die Information.

  2. Alex sagte:

    Hat jetzt nichts mit dem eigentlichen Thema des Artikels zu tun, aber nur als Hinweis: Der Titel „Blue is the Warmest Color“ ist gar nicht so abwegig, denn „La vie d’Adele“ ist eine Verfilmung des französischen Comics „Le Bleu est Une Couleur Chaude“, an dessen Cover sich auch das Filmposter orientiert (http://www.comicvine.com/le-bleu-est-une-couleur-chaude-1-le-bleu-est-une-c/4000-406740/) Dass es sich beim diesjährigen Cannes Gewinner um eine Comicverfilmung handelt, bleibt in der Presse auch gerne unerwähnt. Nicht dass es den Film besser oder schlechter machen würde, aber die Information an sich ist doch durchaus interessant, denn es ist die erste Goldene Palme für eine Comicverfilmung 🙂

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