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„Rojo“ | Foto © Cine Global

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 15. Oktober 2020 – Teil 1.

Marketing-Sprache. Manchmal wundere ich mich doch, mit welchen Floskeln man mir die Meldungen serviert. Da werden Premieren als „zauberhaft“, „saustark“ oder „umjubelt“ beworben. Wenn dann die nächste große Kinohoffnung zum Streaming getragen wird, dann ist im Kinogeschäft niemandem zum Jubeln zumute. Da wird etwa Bob Chapek, CEO der Walt Disney Company, zitiert mit: „Wir sind begeistert, Pixars spektakulären und berührenden Film ,Soul‘ den Zuschauern im Dezember direkt auf Disney+ zugänglich zu machen.“ Und weiter im Werbetext: „Ein neuer Pixar-Film ist immer etwas Besonderes, und diese wirklich warmherzige und witzige Geschichte über menschliche Beziehungen und wie wir unseren Platz in der Welt finden, ist ein filmisches Highlight, das Familien nun gemeinsam über die Weihnachtsfeiertage genießen können.“ Vielen Dank. Für nichts.

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„Making Montgomery Clift“ | Foto © Missing Films

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 15. Oktober 2020 – Teil 2.

Mit der „Reise der Pinguine“ von Luc Jaquet setzte vor 15 Jahren eine Abkehr von den eher sachlich-ethnografischen Tierdokumentationen, wie sie etwa Heinz Sielmann oder Bernhard Grzimek vertraten. Keine überhöhenden und fiktionalisierende Erzählebenenen nach Art von Jaquet flicht dagegen der Filmemacher Roman Droux in seinen Film ein, was erfrischend authentisch ist. Stattdessen kommentiert er seine Gefühle und Stimmungen angesichts seines Lieblingstiers. Denn er unterhält fast schon eine karmaeske Verbindung mit Bären, seitdem er als kleines Kind diesen tierischen Gefährten aus Plüsch immer bei sich trug. Mit „Der Bär in mir“ erfüllt er sich den Wunsch seiner Kindheit und folgt dem Bärenforscher David Bittner in die Wildnis, um die Welt der Grizzlys in Alaska zu erkunden. Bittner begleitet seit Jahren die Bären Balu und Luna, die er nach ihrem Winterschlaf nun erneut aufsucht.

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Oft Drama, auch Melo, aber kein Kitsch: Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ wirkt wie ein ferner Spiegel unserer Tage. | Foto © ARD Degeto, X-Filme, Beta Film, Sky Deutschland, Frédéric Batier

Gezielte Verunsicherung: „Das Virus ist zu politisch geworden, obwohl es eigentlich nicht politisch sein sollte“: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 76

„es
kommt eine neue zeit
überhitzung verwüstung steppenbildung
es kommt eine neue zeit
die toten kommen wieder
einer nach dem anderen und
die ersten
werden deine spuren tragen“

Thomas Köck, antigone. ein requiem

„Die sanfte Revolution der Elektronengehirne hat in der Bundesrepublik längst begonnen. (…) In diesem Stadium des Aufbruchs (…) müssen Gefahren auf die Wand unserer Zukunft projiziert werden, Tendenzen zur Totalisierung des Staates auf Umwegen, zur Schematisierung und zur Entblößung und Degradierung der menschlichen Person.“
Hanno Kühnert, Redakteur, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 1969 

“Was ist das Beste an einer Staatskrise, einer Revolution? Ganz neue Möglichkeiten. Und neue Gewinner. Jetzt lass uns doch mal überlegen, wie wir das hier gewinnen können.“
aus: „Deutschland 89“

 

Corona ist da. Die Infektionen steigen. Beides steht nicht infrage. Infrage steht aber, was das heißt und wie man darauf reagiert. 

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Nachruf zu Lebzeiten. Und Nachleben im Tod. „Ich bin jetzt tot, und Sie, liebe Hörer, werden das eines Tages auch sein.“ Herbert Feuerstein lebt tatsächlich nicht mehr, aber in der Stunde seines Todes überrascht er das Publikum noch einmal – mit seinem Nachruf, den er vor fast sechs Jahren aufgezeichnet hat. Auf WDR 5 kann man ihn hören. Ein knapp zweistündiger Gang durch sein Leben, mit viel Musik, und vielen weiteren Sprechern. Und ein Lehrstück, wie man auch sterben kann: beiläufig, gelassen, unpathetisch. 

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Eine Liebererklärung ans Kino haben junge Filmemacher*innen aus Nordrhein-Westfalen NRW während der Pandemie gedreht. Ihren märchenhaften Spot wollen sie jedem Kino zur Eigenwerbung frei zur Verfügung stellen – „unser Beitrag zur Unterstützung der Kinolandschaft nach der Schließungen“. | Foto © Joscha Nivergall, Peter Wieler

Besonders die Kinos sind in Gefahr: Die Umsätze sind auf nahezu ein Viertel geschrumpft. Unter Pandemie-Bedingungen lässt sich nicht wirtschaftlich arbeiten – es fehlen Filme und Sitzplätze.

Und hier erstmal der Link zum heutigen Foto.

 

Wie geht Kino im Corona-Herbst? Der NDR betrachtet die Krise der Filmbranche: Die Kinos in Deutschland befinden sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Vereinzelte Erfolge können nicht über einen Mangel an Besuchern und Filmen hinwegtäuschen – und werden durch die Vorgaben eingeschränkt, berichtet ein Kinobetreiber: „Wir haben immer noch die Abstandsregelungen von 1,50 Meter und können eigentlich nur maximal ein Drittel der Plätze belegen. An den letzten Wochenenden waren wir tatsächlich schon ein paar Mal in der Situation, dass wir ein paar Leute wegschicken mussten, weil aufgrund der Abstandsregeln keine Plätze mehr da waren.“ Die ausverkaufte Vorstellung ist kein Trost – man sei weit davon entfernt, wirtschaftlich arbeiten zu können: „Denn die Bedingungen sind einfach so, wie sie sind. Da werden wir die nächsten Monate auch nicht unbedingt rauskommen. Es bleibt also schwierig.“ In Deutschland verzeichnen alle Kinos seit drei Monaten einen Umsatzeinbruch von 60 Prozent, während der kompletten Schließung zuvor waren es 100 Prozent, erklärt der NDR.

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„Eine Frau mit berauschenden Talenten“ | Foto © Neue Visionen, Guy Ferrandis

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 8. Oktober 2020 – Teil 1.

Die Karten wurden neu gemischt. Wie ein Fels in der Brandung stand James Bond im November auf dem Startplan, um Kinopublikum und Kinomacher sowas wie Erlösung aus einer langen Fastenzeit zu versprechen. Da hat man noch mal ordentlich was in das Marketing reingebuttert (wir berichteten vorige Woche), und dann krachte auch dieser Starttermin mit lautem Getöse und wurde zum ersten Dominostein, der eine Kettenreaktion auslöste, die noch nicht zum Stillstand gekommen ist. Der 12. November 2020 war in so greifbarer Nähe … vergeblich. Die zweite Corona-Welle ebbt noch nicht ab. Wir machen uns was vor, wenn wir denken, dass sich daran so schnell etwas ändern wird. Jetzt soll Bond im April 2021 ins Kino kommen, ein Jahr nach dem ursprünglich anvisierten Starttermin.
Aber eine Verschiebung von einem Jahr ist gerade hoch im Trend. „F9“, sprich die 9. Episode der „Fast-&-Furious“-Reihe wird nun auch verschoben, vom April auf Ende Mai 2021, um 007 nicht ins Gehege zu kommen. „Jurassic World“ rutscht mit der Lawine vom Sommer 2021 in den Juni 2022, meldet das Branchenblatt „Variety“ [auf Englisch].
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„Es ist zu deinem Besten“ | Foto © Studiocanal, Frédéric Batier

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 8. Oktober 2020 – Teil 2.

Ach, was wären die Töchter doch ohne ihre Väter. Das ist so ein Gedanke, der schon in den 1950er-Jahren in „Vater der Braut“ Konjunktur hatte und anscheinend bis heute zum Sittengemälde der Gesellschaft gehört: Der wohlhabende Rechtsanwalt Arthur (Heiner Lauterbach) , der cholerische Bauarbeiter Kalle (Jürgen Vogel) und der sanftmütige Physiotherapeut Yus (Hilmi Sözer) haben eines gemeinsam: Sie sind Väter von Töchtern. Und sie wollen diese Töchter (Janina Uhse, Lisa-Marie Koroll, Lara Aylin Winkler) vor ihren künftigen Ehemännern bewahren. Sie hecken einen Plan aus, diese loszuwerden und gehen damit einen Pakt ein – „Es ist zu deinem Besten“.
Nach „Das perfekte Geheimnis“, für den der italienische Film „Perfetti Sconosciuti“ Pate stand, gibt es ein weiteres Komödien-Remake. Marc Rothemund („Sophie Scholl“, „Dieses bescheuerte Herz“) bringt hier die deutsche Version der spanischen Komödie „Es por tu bien“ aus dem Jahr 2017 in die Kinos.

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Zwei Dokumentarfilme beschäftigen zurzeit die Feuilletons. Eigentlich das Territorium von ARD und ZDF. Doch die haben damit nichts zu tun. | Foto © Netflix

Zurzeit machen vor allem zwei Dokumentationen von sich reden. Und die stammen nicht von den Öffentlich-Rechtlichen, sondern von Privatsender und Streamingdienst. Anlass auch, zu fragen, was die anders machen im Stammgebiet von ARD und ZDF. 

Die gute Nachricht: Schon mehr als 100 Millionen Euro haben Bund und Länder für die Rettung der Kinos in der Corona-Krise bereitgestellt. Die schlechte Nachricht: Diese Hilfen wurden nicht zu Ende gedacht. Das wird zwar seit langem und immer wieder angemerkt, hat aber offenbar bislang wenig gebracht. Jedenfalls machen 33 unabhängige deutsche Filmverleiher mit einem offenen Brief nochmals auf das Problem aufmerksam. Obwohl man für viele Bereiche pragmatische Lösungen gefunden habe, sei es für die Verleiher bislang bei völlig unzureichenden und ineffizienten Maßnahmen geblieben. Das sei ein Fehler, durch den strukturelle Schäden für die gesamte Branche drohten. Der Brief im Wortlaut.

Der vorige Freitag könnte in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen, meint die „Taz“. Am 25. September startete nämlich die erste eigene deutsche Netflix-Dokuserie, „Einigkeit und Mord und Freiheit“. In vier Folgen schildert die Gebrüder Beetz Filmproduktion den Mordfall an Treuhand-Chef Detlev Rohwedder 1991, die verschiedenen Theorien über die Hintergründe und zugleich die Wirtschafts-Geschichte der deutschen Wiedervereinigung. Schon vor dem Start gab’s viel Lob in den Feuilletons, doch die „Taz“ interessiert hier nicht der Inhalt, sondern der „Blick hinter die Kulissen der neuen ARD- und ZDF-Konkurrenz“. Kurz: Was der Streamer anders macht.
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Wie Religion der Herrschaft nutzt, hatte Roland Emmerich schon vor einem Vierteljahrhundert in „Stargate“ offenbart. | Foto © Studiocanal

In der Dauerwelle: Widersprüchliche Statistiken und gute Fragen bei Markus Lanz: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 75.

„Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ,Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. […] Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ,noch‘ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“
Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“

 

Vor 80 Jahren, am 25.09.1940 brachte sich Walter Benjamin auf der Flucht vor der Nazi-Mordmaschine in den Pyrenäen um. Noch zwei Tage lang kann man im „Deutschlandfunk“ die Wiederholung jener „Langen Nacht“ hören und herunterladen, die Martin Opitz vor zehn Jahren über Benjamin produzierte. 

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Winter is coming. Eines muss man Markus Söder ja lassen: Die popkulturellen Referenzen sitzen bei ihm weit besser, als bei den allermeisten anderen Politikerkollegen. Und Söder ist einer der wenigen, der in der Popkultur sich zumindest so weit selber auskennt, dass er dafür sorgen kann, im richtigen Moment ein paar Zeichen zu setzen. So zum Beispiel diese Tasse bei seiner Parteitagsrede.

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„Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution“ | Foto © Entertainment One Germany

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 1. Oktober 2020 – Teil 2.

Nicht allein „Me Too“ oder die hiesige „#Aufschrei“-Debatte mögen ein Vehikel für das Thema Gleichberechtigung in der Filmerzählung sein. Denn aktuell war dieses Thema eigentlich schon immer: Das zeigt der „Miss-World“-Wettbewerb, der in den 1970er-Jahren auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit war. Doch für Sally (Keira Knightley) und ihre besten Freundin Jo (Jessie Buckley) bedeutet das Spektakel nichts anderes als die Veranschaulichung der gegenwärtigen Frauenverachtung. Für manche Teilnehmerin (Gugu Mbatha-Raw) wiederum  bedeutet der Wettbewerb nicht nur die Möglichkeit auf einen Preisgewinn, sondern auch die Chance zur Befreiung von Rassismus und Diskriminierung. Und so wurde der Wettbewerb eigentlich nie das, wozu er einst erdacht war (nämlich den gerade neu erfundenen Biniki zu bewerben). Er wurde zum Sprungbrett für weibliche Karrieren: Die Deutsche Petra Schürmann gewann 1956 neben Finninnen, Schwedinnen und anderen weißen Frauen – bis zum Jahr 1970, als erstmals Jennifer Hosten aus Grenada als Dunkelhäutige den Preis gewann. So wurde Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution: Die Regisseurin Philippa Lowthorpe („The Crown“) und die Drehbuchautorin Rebecca Frayn („The Lady“) hat die wahre Geschichte zu dieser auch amüsanten Filmgeschichte inspiriert.

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Michael Gwisdek war ein „Experte für gebrochen würdevolle Figuren“, meint die „Taz“. Zum Beispiel in „Oh Boy“. Am Dienstag ist der Schauspieler mit 78 Jahren gestorben. | Foto © Tobis, Julia Terjung

Der ARD-Programmdirektor lobt die Produzenten: Sie hätten „einen richtig guten Job gemacht.“ Auch die Ufa sieht sich fast wieder auf Vor-Corona-Niveau. Doch noch immer wird um einen echten Ausfallfonds, der die Branche in der Krise schützen soll. Wir beginnen mit drei Nachrufen. 

Michael Gwisdek ist tot. Der Schauspieler ist am Dienstag in Berlin mit 78 Jahren gestorben. Als erster deutscher männlicher Darsteller hatte er 1999 auf der Berlinale einen „Silbernen Bären“ erhalten. Seine Rolle in „Nachtgestalten“, war vergleichsweise klein, aber hatte den typischen Gwisdek-Touch.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ würdigt ihn mit einem kurzen Nachruf: Gwisdek „wurde nach der Wende zu einem der beliebtesten Schauspieler, mit seiner eleganten Präsenz überwand er alle Ossi-Wessi-Klischees, und mit seinem Air von Altersweisheit hielt er auch kitschige Figuren wie den Weizenfelder durchwandernden Großvater zuletzt in ,Traumfabrik‘ am Leben.“
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Manche denken bei den Maßnahmen gegen die Pandemie gleich an „1984“. | Foto © Archiv

Neues aus der „Man-weiß-ja-nie“-Gesellschaft: Maskenzwang, Bayern-Malus, Verbotslust und Lustverbot- Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 74.

„Das große Problem wird zunehmend in der Verfügung über die Informationen liegen, die von Automaten zu speichern sein werden, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Die Verfügung über die Information fällt immer mehr in die Zuständigkeit von Experten aller Art. … Es zeichnet sich eine Politik ab, in der der Wunsch nach Gerechtigkeit und der nach Unbekannten gleichermaßen respektiert sein werden.“
Jean-Francois Lyotard, „Das postmoderne Wissen“

 

Geht es euch, liebe Leser, eigentlich auch so: Dass man durch Corona wieder ein bisschen zur Zeichensprache zurückkehrt? Genau gesagt durch die Masken. Man verliert durch sie nämlich einen großen Teil seiner Ausdrucksfähigkeit; man muss in Gesprächen stärker mit den Händen sprechen, muss Emotionen, die man allein mit Augen nicht transportieren kann, sondern wozu man seinen Mund und die Grimassen und das Lachen braucht, genauso wie das Zusammenspiel zwischen Augen und Mund, man muss alles dies ersetzen durch Gesten. Es sind die Gesten der Präraffaeliten, Gesten der Kunst des Mittelalters: Zusammengefaltete Hände, oder die Hände zur Faust geballt, oder eine Hand auf dem Herzen, zusammen mit einer Verbeugung, wie sonst nur bei Japanern. Oder die offen gezeigte Hand. Eben vor allem die Hand.
Ob wir durch Corona auch zum Stummfilm zurückkehren? Das wäre mal was.

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„Persischstunden“ | Foto © Alamode

Alles Kino und noch mehr  … in der Woche vom 24. September 2020 – Teil 1.

Gleich zwei Neuzugänge haben sich in den Arthouse-Charts platziert. Das Bio-Pic über die Schauspielerin Jean Seberg, „Jean Seberg – Against all Enemies“, ist sowohl nach Gesamtbesucherzahlen, als auch im Kopienschnitt auf Platz 1. Auf den zweiten Platz rückte Roy Aderssons lakonische Betrachtung „Über die Unendlichkeit“. Die Zahlen für „Tenet“ (immer noch Top), „After Truth“ und Co liefert „Blickpunkt Film“. Bester Neueinsteiger ist demnach die Komödie „Hello Again“, ein Film der Warner Bros., zu dem es übrigens auch keine umfassende Pressebetreuung gab. 

Gute Nachrichten, wenn man denn so will, ist die Platzierung von „Wonder Woman 1984“ auf den 23. Dezember 2020, während „Soul“ von Walt Disney Studios fest auf dem 26. November 2020 stehen bleibt. Auch an dem neuen James Bond, „Keine Zeit zu sterben“, hat noch niemand gerüttelt, der 12. November 2020 bleibt. Andererseits: Sony Pictures hatte letzte Woche immerhin noch einen Film für dieses Jahr im Programm. Jetzt verabschiedet man sich aufs nächste. „Connected – Familie verbindet“ steht derzeit ohne Starttermin da. Universal wiederum hebt den Filmstart von „Candyman“ auf, ursprünglich sollte der am 15. Oktober starten. Der letzte Joseph Vilsmaier-Film, „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ mit Michael Herbig, wird von Leonine ebenfalls in den Dezember verschoben. 

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„Blackbird – Eine Familiengeschichte“ | Foto © Leonine

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 24. September 2020 – Teil 2.

Eine nervenaufreibende Familiengeschichte, die seit einem Urteil des Verfassungsgerichtes in Sachen Sterbehilfe auch hierzulande an Wichtigkeit gewonnen hat, ist die des dänischen Drehbuchautors Christopher Torpe und des Regisseurs Bille August aus dem Jahr 2014, die Roger Michell („Notting Hill“) für das Hollywood-Kino neu auf die Leinwand setzt: In „Blackbird – Eine Familiengeschichte“ laden Lily (Susan Sarandon) und ihr Mann Paul (Sam Neill) die erwachsenen Töchter Jennifer (Kate Winslet) und Anna (Mia Wasikowska) in jenes Landhaus am Meer ein, mit dem die Familie so viele Erinnerungen verbindet. Susan, unheilbar erkrankt, möchte ihrem Leben ein Ende setzen. Doch bevor sie das tut, verlangt sie von ihren Töchter, dass sie wieder zueinander finden. Wer hier zueinanderfindet ist ein Hochglanz-Cast, das dem Zuschauer nahezu einen theaterhaftes Erleben eines Kammerspiels beschert – und dass noch am Schluss durch einen narrativen Makel getrübt wird.

 

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Ein „Trauerspiel“ seien die Abstandsregeln in den Kinos, meint Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino. Auf der Filmkunstmesse Leipzig forderte sein Verband diese Woche einheitliche Regelungen, mit denen sich vernünftig arbeiten läßt. | Foto © AG Kino, Rainer Justen

Der Bund hat seinen Ausfallfonds für Dreharbeiten gestartet, doch der schützt nur, was eh schon gefördert und irgendwie „High-End“ ist. Alle Anderen warten weiter auf die versprochene Hilfe. Und auch die Kinos fordern endlich einheitliche und praxisgerechte Regelungen.

Einen Ausfallfonds für Filme und High-End-Serien hatte die Bundesregierung schon vor Wochen angekündigt. Jetzt ist er gestartet, meldet DWDL. Der ersehnte große Wurf ist das aber noch nicht, wie auch der Artikel klarstellt: Die Hilfe ist ausschließlich für Projekte gedacht, die bereits Fördermittel des Bundes erhalten haben.
Die Produzentenallianz zeigte sich in einer Stellungnahme am Freitag zufrieden mit dem Ausfallfonds des Bundes. Der reiche zwar nicht aus, doch man hoffe, dass damit „eine Signalwirkung einhergeht“ und Länder und Sender nachziehen, um auch Fernsehproduktionen abzusichern.
Entsprechendes hatten einige Länder wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen schon im Juli angekündigt, vorige Woche waren Berlin und Brandenburg nachgezogen. Noch sind das aber nur Planungen.
Auf die Lücken im Programm und die Schwierigkeiten einer umfassenden Lösung weist auch „Medienpolitik“ hin: Die TV-Sendergruppen hätten in der ersten Phase der Pandemie zwar den Produzent*innen mit der Übernahme eines Teils der zusätzlichen Kosten geholfen, doch bisher gebe es kaum Bereitschaft, mehr zu tun. Dabei gehe es doch „bei dem Ausfallfonds nicht um einen ,staatlichen Fonds‘, wie aus den Sendern immer wieder abwehrend zu hören ist, sondern um ein Hilfsangebot, dass von der Branche, die es verwertet, und den Ländern, die von Filmproduktionen wirtschaftlichen profitieren, mitgetragen wird.“ 

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Corona ist nicht mehr das einzige Thema, die Talk-Shows kommen nicht mehr hinterher. „Maischberger. Die Woche“ riss vieles an, dachte aber nichts zuende. | Foto © ARD

Corona und das Aufmerksamkeitsdefizit: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 73.

„No man is an Island / entire of itself“
John Donne, 1621 

„Niemand ist eine Insel“
Johannes Mario Simmel, 1975

 

Corona, Corona, Corona – das war einmal. Die Pandemie schafft es zurzeit einfach nicht zum Alleinstellungsmerkmal in den öffentlichen Diskursen der deutschen Republik. In anderen Ländern mag sich das anders verhalten, aber uns geht es dafür einfach zu gut. Zwar sind Covid-19, die neuesten Infektionstatistiken, der Stand der Impfstoff-Forschung schon zur Nachrichtenroutine geworden, so wie irgendein Anschlag im Nahen Osten, oder ein neuer SPD-Vorsitzender. 

Aber die zweite Welle ist einfach nicht da, so sehr Markus Söder das auch behauptet, so einschüchternd der jeweilige Hotspot der Woche auch wirken mag. Selbst im Partysündenpfuhl Berlin gehen die Infiziertenzahlen auch seit Ferienbeginn Ende Juni und über das Ferienende Anfang August mit seinen Rückkehrerwellen hinaus beständig zurück. Wir kaufen und tragen Masken, weil uns 0,02 Prozent der Berliner Bevölkerung gerade anstecken könnten (800 von 4 Millionen). De facto viel weniger. 

Bestimmt ist das auch in Deutschland alles sehr verhältnismäßig und vorausschauend gedacht von selbstlosen Entscheidern. 

Und in anderen Ländern ist es vermutlich anders und die Gefahr viel höher. Aber wir reden von Deutschland, heute zumindest. 

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