„Eine Frau mit berauschenden Talenten“ | Foto © Neue Visionen, Guy Ferrandis

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 8. Oktober 2020 – Teil 1.

Die Karten wurden neu gemischt. Wie ein Fels in der Brandung stand James Bond im November auf dem Startplan, um Kinopublikum und Kinomacher sowas wie Erlösung aus einer langen Fastenzeit zu versprechen. Da hat man noch mal ordentlich was in das Marketing reingebuttert (wir berichteten vorige Woche), und dann krachte auch dieser Starttermin mit lautem Getöse und wurde zum ersten Dominostein, der eine Kettenreaktion auslöste, die noch nicht zum Stillstand gekommen ist. Der 12. November 2020 war in so greifbarer Nähe … vergeblich. Die zweite Corona-Welle ebbt noch nicht ab. Wir machen uns was vor, wenn wir denken, dass sich daran so schnell etwas ändern wird. Jetzt soll Bond im April 2021 ins Kino kommen, ein Jahr nach dem ursprünglich anvisierten Starttermin.
Aber eine Verschiebung von einem Jahr ist gerade hoch im Trend. „F9“, sprich die 9. Episode der „Fast-&-Furious“-Reihe wird nun auch verschoben, vom April auf Ende Mai 2021, um 007 nicht ins Gehege zu kommen. „Jurassic World“ rutscht mit der Lawine vom Sommer 2021 in den Juni 2022, meldet das Branchenblatt „Variety“ [auf Englisch].
Und Warner Bros.? Der Major stellt seinen Plan auch auf den Kopf. Komplett. „Dune“ von Denis Villeneuve fällt für das Startjahr 2020 aus und wird voraussichtlich im Oktober 2021 ins Kino kommen. „The Batman“ von Matt Reeves startet dann erst im März 2022. Und so weiter, das kann man bei „Blickpunkt Film“ oder gleich bei der Quelle bei „Variety“ nachlesen, halt auf Englisch.
Nun springt Constantin in die Bresche und hält diesem mauen Filmjahr die Treue. Martin Moszkowicz von Constantin Film meldete am Dienstag auf seinem Twitter-Account die aktuellen Veröffentlichungsdaten, die von 2021 zurück auf 2020 geschoben wurden. Und so rutscht der neue Eberhof-Film „Kaiserschmarrndrama“, der vom August zuerst auf 2021 geschoben wurde, auf den von 007 verlassenen Platz am 12. November 2020. „Blickpunkt Film“ fasst auch die Constantin-Meldungen zusammen und berichtet von den positiven Reaktionen, die prompt und überschwänglich folgten. Ein kurzes Aufatmen.
Die Kinobetreiber, zumal in Übersee, fühlen sich aber zu Recht abgehängt, die Verlegung des Bond-Films war ein Schuss in den Rücken. Die Kinokette Cineworld zog prompt die Reißleine und kündigte an, ihre Kinos in den USA, wo Kinos immer noch keinen Regelbetrieb haben, und in Großbritannien zu schließen. Die AMC wollen Dank dem Deal mit Universal, der ein reduziertes Auswertungsfenster erlaubt, geöffnet bleiben. Die Cinemark-Kinos ebenso. Christian Bräuer, Präsident der CICAE, bittet um Gehör und um Hilfe – europaweit: Die Politik möge den Kulturort Kino unterstützen, bevor es zu Insolvenzen kommt. Der Appell ist auf der Site von AG Kino zu lesen.
Aber nicht nur Kinosäle sind in Gefahr. „Blickpunkt Film“ meldete am 1. Oktober, dass der Verleih Entertainment One, der erst vorige Woche die „Misswahl“ in die Kinos gebracht hat, vor dem Aus stehe, und das bereits zum Ende dieses Monats. Ein Update oder eine offizielle Stellungnahme gab es bis Redaktionsschluss nicht.
Der nach Produktionskosten gerechnet mäßige Erfolg von Christopher Nolans „Tenet“ könnte an all der Vorsicht, weitere Blockbuster zu starten, die dann das in ihr gesetzte Vertrauen, hohe Gewinne einzufahren, nicht erfüllen können, nicht unschuldig sein. Der „Guardian“ bringt eine Meinungskolumne von Guy Lodge. Überspitzt schreibt er, „Tenet“ hätte das Kino vielleicht ganz zu Fall gebracht: „Tenet didn’t just fail to save cinema – it may well have killed it for good“.
Umso höher sollte man das Engagement von Warner werten. Punkt. Ob nun Disneys Weg, „Mulan“ auf seine Plattform statt ins Kino zu bringen, so viel mehr gebracht hat, darf bezweifelt werden. Ab sofort ist die Realverfilmung von Niki Caro auch auf anderen Plattformen und dort preisgünstiger im Sichtungsangebot.
Kino ist ein magischer Ort. Ein magischer Ort gleich in der Nachbarschaft. Auf der Plattform „Zurück ins Kino“ gibt es jetzt eine „Liebeserklärung an das Kino“. Kurz „Kinoliebe“. Ein Werbespot, den Kinobetreiber kostenlos auf Leinwand oder digital einsetzen können. Die Macher erklären: „Kino ist ein Ort für Träume und Fantasien. Ein Ort, der Raum bietet, dem Alltag zu entfliehen, den eigenen Sorgen und der gerade jetzt die Möglichkeit bietet, in andere Welten zu tauchen. Unser Spot #kinoliebe feiert genau das und erinnert uns daran, dass das Kino nebenan da ist!“ Das Team von Hannah-Lisa Paul (Regie), Tim Pfeffer (Kamera) und Julius Wieler(Produktion) konnten zum Beispiel André Hennicke als Kartenabreißer … ’tschuldigung: als Zauberer gewinnen.
„Jim Knopf und die Wilde 13“ hat „Tenet“ vom ersten Platz verdrängt, in dessen sechster Einsatzwoche. Etwa 150.000 Besucher in 645 Kinos meldet „Blickpunkt Film“. Die Platzierungen der Arthouse-Charts meldet Programmkino.de. Nach Gesamtbesucherzahlen liegt „Persischstunden“ weiter vorne, im Kopienschnitt stieg „Niemals Selten Manchmal Immer“ direkt auf Platz 1 ein. Im Gesamtbesucherbereich immerhin auf Platz 2. Dort gefolgt von Oskar Roehlers Fassbinder-Film „Enfant Terrible“. Und es kommt was nach: Filme, die in den USA nur per Stream verfügbar sind, kommen bei uns doch ins Kino. So wird die Tobis Ende Oktober „Greenland“ mit dem inzwischen auf Rettungs-Filme abonnierten Gerald Butler in der Hauptrolle ins Kino bringen. Warner Bros. startet wiederum zum gleichen Termin „Hexen hexen“ von Robert Zemeckis.
Zuerst aber die neuen Filme der Woche. Die Woche verspricht haitianischen Voodoo („Zombi Child“), eine drogenvertickende Isabelle Huppert („Eine Frau mit berauschenden Talenten“), einen Wirtschaftskrimi mit Mark Ruffalo („Vergiftete Wahrheit“), eine Komödie mit Heiner Lauterbach, Jürgen Vogel und Hilmi Sözer („Es ist zu deinem Besten“), einen südkoreanischen Zombiefilm („Peninsula“) und den Festivalliebling „Milla meets Moses“.

Ich fange mal mit der wunderbaren Huppert an. Isabelle Huppert ist „Eine Frau mit berauschenden Talenten“. So der deutsche Verleihtitel bei Neue Visionen. Der Originaltitel der Verfilmung der Vorlage von Hannelore Cayre lautet gar nicht mal so schlicht „La daronne“. Das kann „die Alte“ aber auch „Mutter“ heißen, erklärt Patience, die nun von der Huppert gespielt wird, ihrem (nicht nur) Chef Philippe (Hippolyte Giradot). Für den Einsatzleiter einer Sondereinheit der Pariser Drogenbehörde fungiert sie als Dolmetscherin und Übersetzerin aus dem Arabischen. Der Drogenmarkt der Stadt wird von einer Unbekannten aufgemischt, die man „la daronne“ nennt. Als Alt würde man aber jede Frau über 30 bezeichnen, stellt Patience klar.
Soviel zum Titel der Komödie. Nur im Ansatz ein Krimi, und das Gesellschaftskritische, das eines bei einer Schriftstellerin, die zugleich auch Strafrechtsanwältin ist, erwarten würde. Das Ass im Ärmel der Inszenierung von Jean-Paul Salomé („Rache ist weiblich“, „Arsène Lupin“) ist Isabelle Huppert. Die Rolle der Patience ist ein Geschenk. Salomé, der bei der Pressetour zu Paul Verhoevens Film „Elle“ längere Zeit Isabelle Huppert in seiner Funktion als damaliger Präsident der Unifrance begleitet hatte, wollte unbedingt mit der Schauspielerin zusammenarbeiten, und sie wünschte sich eine Komödie.
Aus dem Setting und den Nebenfiguren erfährt das Publikum nach und nach, was Patience bewegt und warum sie tut, was sie tut. Sie arbeitet zwar für die Polizei, ist mit ihren Methoden aber nicht immer einverstanden. Sie weiß um die Schattierungen der Welt. Und als sie bei einer Abhöraktion erkennt, dass der Sohn der Pflegerin, die sich aufopfernd um ihre Mutter im Heim kümmert, ins Visier von Ermittlungen geraten ist, will sie helfen. Das ist der Auslöser zu einer Neuorientierung, woraus der Film dann sein komödiantisches Potenzial schöpft. Mit einer gesunden Portion Pfiffigkeit nutzt sie ihre Kenntnisse der Drogenszene und macht Geld aus den Drogen, die bei dem missglücktem Einsatz verschwunden sind. Ihre Motivation ist ihre prekäre Lage, das Pflegeheim muss bezahlt werden und so weiter … Womit wir wieder bei „der Alten“ wären. Und da darf die Huppert richtig Spaß haben und auch das Publikum. So eine schmächtige Person und so fiese Drogendealer, denen sie die Ware weggeschnappt hat. Mehr soll nicht verraten werden.

Horror oder Drama? Ein Internatsfilm oder ein historischer Film auf den Zuckerrohrplantagen Haitis? In Berlin richtet das Arsenal gerade eine Werkschau mit Filmen von Bertrand Bonello aus. „Walk on the Wild Side“ wird das Programm betitelt. Auch „Saint Laurent“ (2014) oder „Nocturama“ (2016) werden gezeigt und natürlich „Zombi Child“, der voriges Jahr in Cannes im Programm Quinzaine des Réalisateurs Premiere feierte, um später auch in Toronto, San Sebastian, Wien und Hamburg Station zu machen.
Bonello verbindet zwei Erzählstränge, die über 50 Jahre auseinander liegen. Mélissa (Wislanda Louimat) stammt aus Haiti und ist neu auf der Eliteschule, die den Kindern von Angehörigen der Ehrenlegion vorbehalten ist. Mélissas Mutter hatte diese Auszeichnung erhalten, sie starb aber bei dem Erdbeben 2010. Damals kam Mélissa nach Paris zu ihrer Tante, einer Mambo, also einer haitianischen Voodoo-Priesterin. Die Mädchen in ihrer Klasse wissen zuerst nicht recht, ob Mélissa cool ist. Es ist ihre Mitschülerin Fanny (Louise Labeque), die sie unbedingt in ihre geheime Clique aufnehmen möchte. Die Mädchen treffen sich nachts, und Mélissa hat Geschichten über ihren Großvater zu erzählen. Der war 1962 gestorben und wieder aufgeweckt worden, um daraufhin als Zombi auf einer Plantage zu schuften. Sie erwähnt sogar seinen Namen: Clairvius Narcisse (Mackenson Bijou).
Narcisse gab es wirklich, seine Geschichte war ein Fall für die Wissenschaft. Und auch für das Kino. Wes Craven drehte, inspiriert von einem wissenschaftlichen Bericht, den Horrorfilm „Die Schlange im Regenbogen“. Diese Geschichte, die in den 1960ern spielt, läuft parallel zu dem Schulalltag in Paris der Jetztzeit. Bonello inszeniert zwar haitianische Rituale und streift Drama mit fantastischen Elementen, aber sein Film behandelt sowohl die Auswirkungen der französischen Kolonialzeit als auch die Nöte von Teenagern, die an der ersten Liebe verzweifeln. Nach den Voodoo-Erzählungen setzt sich Fanny in den Kopf, den Jungen, der mit ihr Schluß gemacht hat, mit Voodoo an sich zu binden. Bonello drehte den Film mit einem sehr beschränkten Budget auf Haiti in nur vier Wochen ab. Erklärungen gibt es wenige, der Film wirkt eher auf einer spirtuellen Ebene, als dass man ihn erklären sollte.

Auch im Dokumentarfilmbereich gibt es diese Woche Empfehlungen: „Im Stillen laut“ gehört definitiv dazu. Erika Stürmer-Alex, Jahrgang 1938, ist Malerin und Grafikerin. Christine Müller-Stosch, ebenfalls Jahrgang 1938, ist Malerin und Autorin und Theologin. Die beiden Frauen leben auf einem Hof in Brandenburg, dem Kunsthof Lietzen. Seit 40 Jahren sind sie ein Paar. Therese Koppe porträtiert zwei Künstlerinnenbiografien der DDR, sie porträtiert darüber hinaus auch eine langjährige Partnerschaft und Liebe.
Der Abschlußfilm an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf wurde auf der Dok Leipzig 2019 erstmalig vorgestellt und lobend erwähnt. Auf der Duisburger Filmwoche gewann er den Publikumspreis. Das liegt sicherlich in der zurückgenommen, beobachtenden Art der Dokumentation. Koppe und ihre Kamerafrau Annegret Sachse hören zu, und den beiden Frauen hört man gerne zu. Wenn sie aus alten Stasi-Akten vorlesen, wenn wir aus Tagebuchnotizen Einblick in die Vergangenheit nehmen können, und wenn die beiden über ihre Stellung als Künstlerinnen der DDR sinnieren. Sie lachen, als in ihrer Stasi-Akte von einer Versammlung nackter Künstler und Künstlerinnen auf ihrer Künstlerkolonie berichtet wird, und gleichzeitig stimmt das nachdenklich, weil dieser Eintrag den Blick der DDR-Obrigen auf ihren Lebensstil entlarvt, denn sie suchten Freiheit und künstlerische Entfaltung, wurden aber als verdächtig eingestuft und überwacht.
Wie ihr Schaffen und ihre Suche nach Ausdruck damals konkret ausgesehen hat, zeigt Koppe anhand von Archivmaterial. Das Arbeiten im Sozialismus war dann auch mühselig, sie versuchten sich zu arrangieren, ohne ihre Überzeugungen zu verraten, um sich selbst treu zu bleiben. Mit der Wende wurde nicht alles gleich gut. Zum Beispiel kamen prompt ehemalige Besitzer und erhoben Anspruch auf ihren Hof. Eine weitere Krise, die die beiden Frauen bewältigten. Immer nachdenklich, aber bestimmt, selbstkritisch und mit Humor.

Ursprünglich hieß die Dokumentation von Regisseur Marc Uhlig „Unser Erbe“. Gemeint ist, dass der Mensch die Gaben der Erde als Erbe überantwortet bekommt, um sie künftigen Generationen weiterzuvermachen. Uhlig greift aus diesen Gaben den Humus heraus, die dünne Schicht Erde, die den Menschen ernährt. Ernähren soll. Aber der Mensch zerstört das, was über die Erdgeschichte hinweg gewachsen ist innerhalb kürzester Zeit. Radikal und gründlich, als gäbe es kein Morgen. Angeblich bleiben uns nur noch 60 Jahre, in denen die Ernte ausreichen wird, um uns zu ernähren.
„Unser Boden, unser Erbe“ holt Bio-Bauern und Gärtnermeister und Ökonomen und Agrarwissenschaftler vor die Kamera. Beschaffenheit und Qualität der Äcker werden in Makroaufnahmen sichtbar gemacht: So muss Boden beschaffen sein, erkennt eines. Gleichzeitig versammelt Uhlig aber die, die trotzdem nachhaltig Lebensmittel produzieren und die vermitteln, dass sich Boden auch erholen kann. Wenn wir etwas dafür tun.
Dabei spricht die Dokumentation sicherlich ein bereits sensibilisiertes Publikum an, kann aber darüber hinaus kaum einen größeren Kreis erreichen. Dafür reichen weder die Schauwerte, noch vermittelt sich eine Dringlichkeit, den Konsum zu ändern. Dafür ist die Dokumentation zu zurückhaltend, Uhligs Ansatz ist auch, ein positives Bild zu vermitteln und keine Horror-Szenarien. Andererseits beschränkt man sich auf dieses knappe Segment, und kann die Nöte, die zumindest zum Teil den Billigkonsum notwendig machen, gar nicht in Relation setzen. Da bewahrheitet sich, was auch hier erwähnt wird, nämlich dass ein Konsument nicht sehen kann, ob der Landwirt seinen Boden über Jahre hinweg pflegt oder dem Boden die Frucht entreißt und sich nicht darum schert, ob dieser dabei erschöpft wird. So ist wohl das Anliegen, für mehr Respekt zu werben gegenüber der Natur und gegenüber denjenen, die dafür sorgen, dass wir nicht verhungern.

Noch mehr gibt’s in Teil 2 zu sehen.

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