Cooles Plakat. Aber so richtig Lust aufs Kino macht es nicht. Schade. | Foto © Entertainment One

Und was machen die Franzosen anders? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 223. Folge.

Gerade in Hamburg. Hier ein längeres Gespräch mit einem Kino-Vorführer. Wir kommen auf Plakate. Er mag Berlin Alex­an­der­platz. Dafür, warum der Film aber unter den Erwar­tungen mancher bleibt, hat er eine inter­es­sante Erklärung: Die Plakate in Deutsch­land seien oft sehr schlecht. So auch hier.

Das verstehe er nicht, »warum die vom Verleih so ein Plakat machen. Das ist gar kein Plakat. Das sieht ganz gut aus, ist aber nur stylisch. Es macht auf nichts Lust. Und ich verstehe nicht, warum da kein Schau­spieler drauf ist. Die Jella Haase ist doch so bekannt.«

Ähnliches bei Undine, der schon länger im Kino läuft: »Da ist kein Schau­spieler zu sehen. Die Gesichter sind abgewandt, die Farben trübe. Wer soll da reingehen und warum?« Das Plakat ist so Wannabe und um die Ecke gedacht, wie der ganze Film.

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Auf Christopher Nolans „Tenet“ müssen wir noch wer-weiß-wie-lange warten. Aber sein „Inception“ läuft wieder. Mit einem Film- und vielen Lesetipps verabschiedet sich unser Kolumnist in die Sommerpause. | Foto © Warner Brothers

Todo cambia: Letzte Worte zur Sommerpause: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 71.

„Heute ist nicht alle Tage. Ich komm’ wieder, keine Frage.“
Paulchen Panther

„Hot summer streets/ And the pavements are burning/ I sit around/ Trying to smile but/
The air is so heavy and dry/
Strange voices are saying/ (What did they say?)/ Things I can’t understand/ It’s too close for comfort

This heat has got/ Right out of hand/
It’s a cruel, (cruel), cruel summer/ (Leaving me) leaving me here on my own

It’s a cruel, (it’s a cruel), cruel summer/ Now you’re gone“
Bananarama „Cruel Summer“

 

Wir erleben ein brutalen Sommer. Jetzt macht auch noch dieser Blog Sommerpause. Ob es wirklich gut ist, eine Sommerpause zu machen, wo doch das Virus alles andere als eine Pause macht, das weiß ich nicht. Aber allemal ist es klug, Kraft zu tanken für den Winter, der nicht nur kalt wird, sondern hart, für die zweite Welle, die auf die eine oder andere Weise kommen wird, und mancherorts schon da ist. Mit der Kraft meine ich (das weiß wohl jeder, der das hier in den letzten Monaten gelesen hat) nicht alleine körperliche Kraft, sondern vor allem geistige, ein geistiges Widerstands-Potenzial. Es mag einfacher sein, mit dem Strom zu schwimmen, aber es macht einen auf die Dauer stärker, wenn man versucht, resistent zu sein. 

Was auch wichtig ist, um diese nächsten Wochen zu überstehen, bis wir uns wieder hören und lesen, dazu habe ich hier noch ein paar Tipps: Geht ins Kino! Geht überhaupt raus! Bleibt nicht zuhause hocken, schmort nicht im eigenen Saft, streamt nicht soviel, verliert euch nicht in virtuellen Welten. Im Kino werdet ihr auf fremde Menschen stoßen und das macht Spaß. Man kann da auch alte Filme wiedersehen. Einen von denen, den ihr in jedem Fall wieder sehen solltet und das könnt ihr schon nächste Woche, ist „Inception“ von Christopher Nolan. 

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Die Frage beschäftigt nicht nur College-Klamotten: Gibt es ein Recht auf Party? Klar gibt’s das. Aber wann darf es eingeschränkt werden? | Foto © Universal

Partys, Konsens, und böse Menschen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 70.

„Die Gedanken sind frei,/ wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei,/ wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,/ kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei: / Die Gedanken sind frei.“
Volkslied

„Ich spreche aus der Sicht desjenigen, der Stadt und Land liebt, aber nicht die Vorstädte. Denn sie führen zum Verlust von Vielfalt, Komplexität – Lebensqualität. Also wird dieser Vortrag geprägt von Werten, weniger von Fakten. Doch ich beziehe mich auf Fakten, wo ich kann, und urteile, wo ich es für nötig halte.“
David Riesman, US-Soziologe

„Ich plädiere dafür, den Kampf gegen die Leichtgläubigkeit wieder aufzunehmen und an die Freiheit und Würde der menschlichen Erfahrung zu glauben, nämlich daran, dass der Mensch fähig ist, von sich selbst zu lernen.“
Marina Garces, Philosophin, in: „Neue radikale Aufklärung“

 

„Gibt es ein Recht auf Party?“ Falsche Frage, liebe „Süddeutsche Zeitung“ – setzen, Sechs in Bürgerrechte! Die richtige Frage lautet: Wann darf man das Recht auf Party einschränken? 

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Überwachen und schlafen: Die Entpowerungs-Gesellschaft und ihre Wächter: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 69.

„Die gegenwärtige Gleichgültigkeit im Umgang mit der Privatsphäre lässt ahnen, wie Staat und Konzerne in Zukunft über uns verfügen werden, sollten wir Ihnen erlauben, noch umfassendere Instrumente der Kontrolle einzuführen. Dann wird es allerdings zu spät sein zum Widerstand.“
Juli Zeh/Ilija Trojanow: „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“

„Am Sport fällt zunächst die extreme Reduktion weiterreichender Sinnbezüge auf  […] vielmehr scheint sich der Körper geradezu als als Fluchtpunkt der Sinnlosigkeit zu eignen, wenn er nicht in der puren Faktizität beharrt, sondern unter dem Gesichtspunkt von Sport zum Ausgangspunkt einer eigenen Sinnsphäre dient. Der Sport braucht  […] keine Ideologie.  […] Er präsentiert den nirgendwo sonst mehr so recht in Anspruch genommenen Körper. Er legitimiert das Verhalten zum eigenen Körper durch den Sinn des Körpers selbst.“
Niklas Luhmann: „Soziale Systeme“

„Ich bin in Partystimmung geh mir aus dem Weg./
Ich feier, ich pöbel, ich spring durch den Club und dreh ab./
Ich bin ein braves Mädchen, aber nicht heute Nacht.“
Kitty Kat: „Braves Mädchen“

 

Wer profitiert davon, wenn Bürger gesund leben? Natürlich die Bürger, möchte man antworten. Aber nicht sie allein. Mindestens genauso, vielleicht sogar noch mehr, profitieren davon die Krankenkassen, die Arbeitgeber, die Versicherungen, und der öffentliche Gesundheitshaushalt. Freilich müsste man in diese Rechnung auch die Kosten der Rentenzahlungen miteinberechnen. Trotzdem gilt einstweilen: Ein kranker Mitarbeiter oder ein kranker Versicherter ist teurer, als ein gesunder. 

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Der Schauspieler Matthias Brandt hat ein Buch geschrieben. Unser Autor ist bezaubert. |  Foto © ZDF, Oliver Vaccaro

Viele brave Bürger, die Naivität von Christian Drosten und der staatliche Eingriff in die Gesichter aller Menschen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 68.

„Was ist eigentlich eine zweite Welle? Das ist gar nicht so genau definiert.“
Christian Drosten, Virologe

„Die Welt war jung und Deutschland ein Wort/ Und Squash war noch gar kein Sport
Da machte Urlaub noch richtig Spaß/ Und im Fernseh’n gab’s ,Wünsch Dir was!’
Als Willy Brandt Bundeskanzler war / Hatte Mutti noch goldenes Haar
Waren Cindy und Bert noch ein Paar / Als Willy Brandt Bundeskanzler war“
Funny van Dannen

 

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – mit diesem Gedicht schrieb sich Paul Celan auf immer in die deutsche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Celan ist einer der rätselhaftesten (oder verrätseltsten?) und womöglich undurchschaubarsten Dichter deutscher Sprache. In den 60er-Jahren genoss er den Ruhm eines Popstars des Bürgertums, Idol der postfaschistischen Heideggerianer genauso wie der neuen jungen Dichter der Moderne, die ihn zu ihren Tagungen der „Gruppe 47“ einluden – aus denen wiederum über den Auschwitz entkommenen Siebenbürger Juden auch das boshafte Bonmot übermittelt ist: „Der liest ja wie Goebbels“. Celans Vortagsstil stammt aus einem ganz anderen, komplett verschwundenen Deutschland; der Sound seiner Gedichte aber ist universal und wird von jeder Generation neu entdeckt. 

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Es geht nicht darum, Diversität zu fördern, es geht darum, Diversität zu akzeptieren: Burhan Quarbani zeigt in „Berlin Alexanderplatz“ ein buntes Deutschland ohne zu romantisieren. | Foto © One Germany

Pflege, Familien, Ernährung, Diversität und Döblin: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 67.

„Lasst viele bunte Blumen blühen!“
Mao Tse Tung

„Versöhnen statt spalten.“
Johannes Rau 

 

„Die Koalition lässt Familien im Stich“ sagt Grünen-Chefin Annalena Baerbock, die auch selbst Mutter zweier Kinder ist, im Gespräch mit dem Münchner Merkur. „Frauen verdienen ja oft weniger, arbeiten Teilzeit, und wer steckt dann zurück, wenn die Kita schließt? Die Frau.“ Und auf ein bislang übersehenes Thema macht Baerbock ebenfalls aufmerksam: „Heimische Betriebe, die verstärkt Schutzausrüstungen herstellen, damit Deutschland unabhängig von internationalen Lieferketten wird, lässt die Bundesregierung jetzt im Regen stehen.“

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Ein Dschungel der Kassen, Ämter und Dienste, im Ergebnis Verzweiflung. Während der Pandemie waren die Pflegekräfte und Betreuerinnen aus Polen plötzlich verschwunden. Seit einige Zeit dürfen sie wieder kommen, und der Druck nimmt ab – das hilft der Sache nicht. „Die Zeit“ schreibt über die Krise des Pflegesystems, die nichts mit Corona zu tun hat. Während Arbeit und Kinderkriegen heute deutlich besser vereinbar sind als früher, wurden Pflegende und Pflegebedürftige politisch vernachlässigt. 

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Höchst bedauerlich, dass deutsche Filme nicht mal zehn Prozent des intellektuellen Niveaus haben, das man in zeitgenössischer Architektur findet, findet unser Kolumnist. | Screenshot

Wir sollten lernen, mit Corona zu leben: Zukunft für alle, Discount Visions, The Power of Later: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 66.

„Alles Denken, welches nicht zur Utopie führt, ist nur ein Suchen nach anderen Organisationsformen innerhalb derselben symbolischen Ordnung, in der die Misere erst entstanden ist.“
Peter Grundmann, Architekt 

„Dass wir letzten Spätsommer nicht auf die Idee gekommen sind, eine ansteckende Krankheit zu erfinden, die das Wirtschaftsleben weltweit zumindest lahmlegen könnte, werfe ich uns irgendwie schon vor. Es wäre das viel, viel einfachere Szenario gewesen.“
Toni Fluid, Utopie-Designerin, Agentur „Infinite Data Studios“ 

 

Corona wird uns nicht verlassen. Sie wird Teil unseres Lebens werden, und wir werden uns an Corona gewöhnen. Wir werden bald nicht mehr alle überall und jederzeit diese Masken tragen, obwohl viel mehr von uns Masken tragen werden, als in der Zeit vor dem Februar dieses Jahres, öfters und an mehr Orten.

Es wäre schön, wenn wir einen Impfstoff hätten, aber es ist eher falsch, mit einem zu rechnen. Hoffen darf man natürlich (vgl. Pandora), aber die Enttäuschung ist programmiert. Wir sollten unsere Impfstofffixierung abstreifen, und vielmehr beginnen, mit Corona zu leben. Denn vielleicht wird uns Corona nie mehr verlassen. 

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Die erste Corona-Serie ist auch schon in Entwicklung. Sie soll von einem Covid-19-Ausbruch in einer großen Fleischfabrik erzählen. Originell!

Corona-Serien, Diversity-Check, Buchtips: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 65.

„All inferences from experience suppose, as their foundation, that the future will resemble the past, and that similar powers will be conjoined with similar sensible qualities. If there be any suspicion that the course of nature may change, and that the past may be no rule for the future, all experience becomes useless, and can give rise to no inference or conclusion. It is impossible, therefore, that any arguments from experience can prove this resemblance of the past to the future; since all these arguments are founded on the supposition of that resemblance.“
David Hume: „An Enquiry Concerning Human Understanding“

 

„Husten und niesen Sie in die Armbeuge.“ Das sagt mir der „Münchner Verkehrs Verbund“, weil sie dort offenbar nicht glauben, dass ein erwachsener Mensch, selber weiß, wie er husten könnte. Der Nanny-Staat wird alltäglich. Wie in einem ganz schlechten Science-Fiction. 

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Kleine Erinnerung: Vor vier Monaten, Ende Februar, gab es in Italien die ersten Corona-Fälle. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sagte damals, Corona sei „bei weitem nicht gefährlicher als die Grippe“. Der Charité-Chefvirologe Christian Drosten sagte, er würde „natürlich“ weiterhin nach Italien reisen. Der Lausanner Epidemiologe Marcel Salathé meint, er sehe seiner geplanten Italienreise „relaxed“ entgegen.

Moral: So kann man sich täuschen. Auch als Experte. 

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Das Smartphone ist unser Freund – nicht nur im Kino bei „Her“. Im wahren Leben schützt es uns vor der Pandemie. | Foto © Wild Bunch

„Söder ante portas“, Polizei und RTL und die Tracing-App: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 64. 

„Brennt das Land nieder. Reißt das Gebäude ein. Holt die Guillotine aus dem Keller, tötet Hunderttausende! Plündert, vergewaltigt! Hungert und friert! Und wenn ihr dazu nicht bereit seid, gebt Ruhe. Ihr könnt euch feige nennen oder vernünftig. Haltet euch für Privatmänner, für Mitläufer oder Anhänger des Systems. Für unpolitisch oder individuell. Für Verräter an der Menschheit oder treue Beschützer des Menschlichen. Es macht keinen Unterschied. Tötet oder schweigt. Alles andere ist Theater.“
Juli Zeh: „Corpus Delicti“, 2009

„Die Statistik ist etymologisch die Kenntnis des Staates, die Kenntnis der Kräfte und der Ressourcen, die einen Staat in einem gegebenen Moment charakterisieren […] Das ist es, was man damals die ,Arcana Imperii‘, die Geheimnisse der Macht, nannte und was eindeutig ein Bestandteil der Staatsraison war. Und insbesondere die Statistiken sind lange Zeit als Geheimnisse der Macht, die nicht veröffentlicht werden dürfen, behandelt worden.“
Michel Foucault: „Sicherheit, Territorium, Bevölkerung – Geschichte der Gouvernementalität“, 1978

„Der Zweck der Revolution ist die Abschaffung der Angst.“
Theodor W. Adorno, 1936

 

Ischgl ist die Stadt mit der größten Corona-„Durchseuchung“ der Welt – und 85 Prozent der Leute, die das Virus hatten, haben überhaupt keine Symptome. 

Das berichtet „Die Zeit“. Die Medizinische Universität Innsbruck hat demnach in einer umfassenden Studie untersucht, wie viele Bewohner des österreichischen Skiorts Ischgl Antikörper gegen das Corona-Virus entwickelt haben. Ihr Ergebnis: 42,4 Prozent der untersuchten Menschen wiesen Antikörper auf.

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Er war der Geschichtsphilosoph der Filmmusik: Der italienische Filmkomponist Ennio Morricone ist heute gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. | Foto © CC BY 2.0

Wieder mal Maskendebatte, der Geschichtsphilosoph der Filmmusik und die Verlierer der Krise: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 63.

„Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank.“
Bertolt Brecht

„Snyder: ,Wäre es nicht möglich, dieses viele Vieh, wenn es eh so wertlos ist, dass man’s verbrennen kann, den vielen, die da draußen stehen und die’s so gut gebrauchen können, einfach zu schenken?‘
Mauler: ,Lieber Herr Snyder, Sie haben den Kern der Lage nicht erfasst. Die vielen, die da draußen stehen: das sind die Käufer! […] Sie mögen niedrig scheinen, überflüssig, ja lästig manchmal, doch dem tiefen Blick kann nicht entgehen, dass sie die Käufer sind!’“
Bertolt Brecht

 

Er war der Geschichtsphilosoph der Filmmusik: Der große italienische Filmkomponist Ennio Morricone ist heute früh in Rom im Krankenhaus gestorben. Morricone wurde 91 Jahre alt und gehörte ganz ohne Zweifel zu den großen Filmmusikern. 

Berühmt wurde er mit den sogenannten Spaghetti-Western von Sergio Leone, mit Horrorfilmen von Dario Argento, bevor er mit Regisseuren wie Pier Paolo Pasolini, Bernardo Bertolucci, Henri Verneuil Brian De Palma und Quentin Tarantino zusammengearbeitet hat. Insgesamt hat Morricone die Musik für mehr als 500 Filme geschrieben. 

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New Work verspricht mehr Freiheit, mehr Sinn, mehr Verantwortung. Aber sind wir schon bereit fürs Home Office? | Foto © United Artists

Kosten und Nutzen des Home-Office: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 62. 

„… ich aber will nun endlich das amtlich verordnetes Schweigen in dieser Angelegenheit weichen. Die Maßnahmen, dessen bin ich sicher, waren seinerzeit so erfolgreich, dass der Öffentlichkeit kein anderer Schaden erwachsen kann, als ein durch Abscheu hervorgerufener Schock, wenn sie erfährt, was jene entsetzten Regierungsbeamten damals vorfanden.“
H. P. Lovecraft, „Schatten über Innmouth“

 

Es ist ein hochinteressanter Satz, mit dem der Roman „Schatten über Innsmouth“ eröffnet wird. Das Buch von H. P. Lovecraft ist eine Horrorgeschichte. Es geht dann um merkwürdige Geschehnisse und eine geheime Untersuchung der Beamten der Bundesregierung über „gewisse Zustände im alten Seehafen Innsmouth“, und dann geht es weiter: „Die Öffentlichkeit erfuhr zum ersten Mal im Februar davon, als zunächst eine Serie von Razzien und Verhaftungen stattfand und bald darauf unter entsprechenden Vorkehrungen eine sehr große Zahl morscher, wurmstichiger und offenbar leerstehender Häuser in dem verlassenen Hafenbezirk niedergebrannt oder gesprengt wurde.“ Dann ist die Rede von „Beschwerden von Seiten zahlreicher liberaler Organisationen. Sie führten zu langen vertraulichen Besprechungen, ihre Vertreter durften bestimmte Lager und Gefängnisse besichtigen. Daraufhin verhielten sich diese Gesellschaften überraschen passiv und zurückhaltend. 

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Dumm ist nur, wer Dummes tut, weiß Forrest Gump. Idioten können durchaus nützlich sein, weil sie Normen in Frage stellen, meint Zoran Terzic. Schließlich hat er ein Buch über „Leben und Handeln im Zeitalter des Idioten“ geschrieben. | Foto © Paramount

Die Kulturgeschichte der Idiotie  von der Antike bis Donald Trump: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 61. 

Zoran Terzic wurde in Banja Luka geboren, studierte Soziologie, Jazz Piano und Kommunikations-Design in Nürnberg und Wuppertal, Bildende Kunst in New York. 2006 promovierte er mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit. Seit 2001 lebt er als Autor, Musiker und Kurator in Berlin. Jetzt hat er eine Kulturgeschichte der Idiotie verfasst, die mittels philosophischer und kultureller Referenzen von der Antike über Rousseau bis Donald Trump führt. Neulich habe ich mit Terzic ein Gespräch über sein Buch geführt: 

 

Herr Terzic, Sie sind Literaturwissenschaftler und haben jetzt ein Buch mit dem Titel „Idiocracy. Leben und Handeln im Zeitalter des Idioten“ geschrieben. Es handelt sich um eine Kulturgeschichte der Idiotie von der Antike bis heute. Was hat sie überhaupt auf dieses Thema gebracht?

Nichts Konkretes, sondern eine grundsätzliche Stimmung. Das Thema schien mir naheliegend zu sein und ich dachte auch, es sei einfach [lacht]. Erst später habe ich herausgefunden, dass sich viele große Köpfe an dem Thema die Zähne ausgebissen haben. Mir geht es nicht um den Gegenstand des Schimpfworts und auch nicht um Kranke, die in einer Anstalt sind. 

Ihr Buch funktioniert auch als Lexikon der Idiotie. Obwohl es flüssig geschrieben ist und einen stringenten Argumentationsgang hat. Schon in der Einleitung kommen seriöse Menschen wie Lavater, Georg Büchner und antike Autoren zu Wort die das Motiv des Idioten beschreiben … Weiterlesen

Gar keine Frage: Es ist nicht lustig ist, in Deutschland Polizist zu sein. Im Kino aber schon ein bisschen – wir erinnern uns an „Knocking on Heaven’s Door“. | Foto © Buena Vista

Freunde und Helfer, zurück ins Office Office: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 60.  

„Angesehen werden heißt, sich als unbekanntes Objekt unerkennbarer Beurteilungen erfassen …“
Jean-Paul Sartre

 

Erstmals Zoomkonferenz als Host. 30 bis 40 Menschen schauen einen an, aber man kann nicht zurückschauen. Man kann sie auch nicht anschauen. Man wird angeschaut und kann nicht zurückblicken. 

Dabei wusste schon Jean-Paul Sartre, dass der Blick das entscheidende Medium des Menschlichen ist. In seinem Kapitel „Reflexion sur le regard“ in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ hat der französische Existenzphilosoph eingehend beschrieben, wie wir uns den Anderen mittels des Blicks unterwerfen oder von ihm unterworfen werden.

Sich nicht ansehen zu können, ist unmenschlich. Man kann nicht mehr durch Blicke und damit verbundene kleine Gesten kommunizieren. Wie kann man eigentlich flirten per Zoom?

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„Das Grabmal einer großen Liebe“: Der Stummfilm findet nur noch in exklusiven Nischen statt oder irgendwo auf Youtube. Einzig der deutsch-französische Sender Arte pflegt die Vielfalt und Schönheit des Stummfilms im Programm. | Archivfoto

Pandemie-Konformismus, Journal des Verschwindens und Chiffren für das Dahinter: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 59. 

„Il faut savoir encore sourire/
Quand le meilleur s’est retiré/
Et qu’il ne reste que le pire/
Dans une vie bête à pleurer“
Charles Aznavour

„Sie haben es abgerissen. Ein aus der Mode gekommenes Restaurant mit riesigem Speisesaal. […] Die Durchreisenden bevorzugten den offenen Saal mit Blick auf die Bahnhofsuhr. […] Die Zeit ist um, meinten sie. Und eröffneten eine gläserne Theke für den Durchgangsverkehr. Du sollst dich nicht aufhalten. Iss, zahle und verschwinde hier.“
Raymond Dittrich

 

Corona-Zeiten waren Zeiten, in denen wir auch das Filme-sehen neue entdeckt haben. Wir sollten dies nicht verlernen über diesen Sommer unseres Leichtsinns, bevor die zweite Welle kommt und wir kulturelle Überlebenstechniken viel wichtiger brauchen, als Virologie.

Unser Umgang mit Filmgeschichte ist insgesamt ungemein schludrig. Kein Vergleich zu unserem Umgang mit alten Gemälden oder Klassikern der Literatur.

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Stummfilme, das wissen wir ja eigentlich auch, waren nicht stumm oder still. Sie waren begleitet von Musik, oft eigens komponierter, und oft von Soundeffekten. Wir nennen diese Filme so, weil man ab Ende der 20er Jahre mit „Tonfilm“ geworben hat. 

Heute kann man diese Filme in der Regel nur in Filmmuseen sehen und dies sehr selten, denn auch die Stummfilme, die überhaupt noch existieren, also zwischen 10 und 20 Prozent der Werke, die mal irgendwann gemacht wurden, sind in den allermeisten Fällen überhaupt nicht zugänglich. Denn die Rechteinhaber verlangen viel zu viel Geld dafür, dass sie im Kino gezeigt werden. Wer heute bedeutende Werke der Filmgeschichte spielen möchte, ist mit massiven finanziellen Forderungen konfrontiert. 

Hinzu kommt, dass die interessantesten Werke der alten Filmgeschichte nicht immer diejenigen sind, die wir heute am besten kennen. Auch nicht immer die großen, besonders berühmten Filme, nicht immer die repräsentativen sogenannten „Meisterwerke“. So ähnlich, wie die „Mona Lisa“ nicht unbedingt das beste oder auch nur wichtigste Gemälde der Renaissance ist (vielmehr hat sich diese Vorstellung von der „Mona Lisa“ als „dem“ Non-plus-ultra-Meisterwerk überhaupt erst im 19. Jahrhundert herausgebildet), so wenig ist „Metropolis“ von Fritz Lang (meiner persönlichen Ansicht nach ein ganz toller, unbedingt sehenswerter und sehr besonderer Film, und ohne Frage auch ein ungemein wichtiger) der beste oder der interessanteste Film seiner Epoche.

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Von Frank­reich lernen, heißt Kino lernen: Aber die deutsche Film­för­de­rung hat nur Til Schweiger im Kopf und treibt die eigene Selbst­ab­schaf­fung voran, anstatt sich etwas vom guten Handwerk der Franzosen abzu­schauen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 220. Folge

»Neither you nor I can stop the march of time.«
Jean Renoir »La Grande Illusion«

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Das CNC, die fran­zö­si­sche Film­för­de­rung macht es vor: Auf die Corona-Ausfälle reagiert man in Frank­reich mit einem ausge­klü­gelten, intel­li­genten, wohl­ab­ge­wo­genen, aufein­ander abge­stimmten Programm, das den ganzen Bereich des Films und der Film­dis­tri­bu­tion berück­sich­tigt, das keine Erbhöfe vertei­digt und die Struk­turen von gestern nicht konser­viert, das nach vorne blickt und das überholte Grenzen und Grenz­zäune einebnet.
Bedau­er­lich, dass man so etwas in Deutsch­land nicht mal zur Kenntnis nimmt.

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»Ernstes, heiter verpackt« – so heißt der (unfrei­willig?) zynische Titel der neuesten Pres­se­mit­tei­lung der FFA, der beweist, dass die deutsche Film­för­der­an­stalt auch nach Ende der Kino­schließungs­zeit in jenem geistigen Lockdown verharrt, in den sie sich selbst lange vor Corona hinein­be­geben hat: Ideenlos, innerlich gelähmt, ohne Ehrgeiz, der Krise zu trotzen, ohne Phantasie, wie das geschehen könnte, wird halt Til Schweiger gefördert, der wird’s schon richten. Dessen neuer Film-Titel, Die Rettung der uns bekannten Welt, ist längst erklärtes FFA-Programm.
Aber die Welt, die der FFA bekannt ist, hat nie existiert.

»Ernstes, heiter verpackt« ist zynisch, weil keinem, der gerade mit Film zu tun hat, nach dieser Art von hein­zehr­hard­t­hafter Heiter­keit zumute ist, nach Schmun­zelei ange­sichts des Ernstes der Lage. Und weil die FFA-Funk­ti­onäre, die im Gegensatz zu allen anderen sehr fest auf ihren 5000-Euro-Stühlen sitzen, mit so einer Formu­lie­rung außer ihrer grund­sätz­li­chen Unsen­si­bi­lität nur beweisen, dass ihnen auch das charak­ter­liche Format fehlt, das in beson­deren Situa­tionen wie diesen nötig ist. Auch in Corona-Zeiten soll einfach weiter­ge­lacht und gekichert und geschmun­zelt werden – dass Film aber auch zu etwas anderem gut sein könnte, als uns in Lachsäcke zu verwan­deln und in die späten Fünziger, die Heinz-Ehrhardt-Kicher­jahre zurück­zu­ver­setzen, dass Film den Menschen etwas zum Nach­denken, zum Aufwühlen, zum Sein-Leben-ändern, etwas Rele­vantes, nicht Eska­pis­ti­sches geben könnte, kommt im FFA-Horizont gar nicht vor. Weiterlesen