Foto © Schiwago Film GmbH – Tom Schilling in 'Oh Boy'

Why why why, Jan Ole? – Die Archive der Zukunft, die Zukunft des Fern­se­hens nach seinem Ende und warum 44 die neue 29 ist – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 65. Folge

»In diesem Augen­blick ging über die Brücke ein geradezu unend­li­cher Verkehr.«
Franz Kafka: »Das Urteil«

+ + +

Immer wieder Oh Boy. Immer wieder in Gesprächen mit Filme­ma­cher, Kollegen und »normalen« Zuschauern, in denen es eigent­lich um ganz anderes geht, kommt das Gespräch auf diesen Ausnah­me­film. Wo liegen die Qualitäten? Warum funk­tio­niert der Film so großartig? Ist er denn wirklich so gut? Und ist der Preis­regen berech­tigt? Ist dies eigent­lich ein Jungs-Film? Man kann über so etwas ewig nach­denken und debat­tieren.

Wer den Film von Jan Ole Gerster immer noch nicht gesehen hat, oder ihn noch einmal sehen will, hat dazu jetzt am kommenden Mittwoch in München Gele­gen­heit. Um 10.30 im Cinema gibt es eine Sonder­vor­stel­lung des Films – das ganze ist zwar offiziell eine Schü­ler­vor­stel­lung des Kultur­re­fe­rats – also eine offi­zi­elle Unter­richts­ver­an­stal­tung, liebe Lehrer, für die ihr die Mathe­stunde abblasen dürft –, neben Schülern sind aber auch alle anderen Zuschauer will­kommen.

Dieser Hinweis ist nicht völlig unei­gen­nützig, denn zusät­z­lich zum Film gibt es auch noch eine kurze Einfüh­rung und eine Diskus­sion, an der die Film­wis­sen­schaft­lerin Fabienne Liptay und der Psycho­ana­ly­tiker Andreas Hamburger teil­nehmen, und die von mir moderiert wird. Wer also endlich einmal über »Cinema Moralia« disku­tieren möchte, darf das dann nach Veran­stal­tungs­ende im Bier­garten auch tun.

+ + +

Einen inter­es­santen Text zu Oh Boy hat Constantin von Harsdorf auf »Cult« geschrieben . Darin reflek­tiert er darüber, was eigent­lich mit der Gene­ra­tion der Endzwan­ziger, Anfang-Dreißiger los ist, die die von Tom Schilling gespielte Haupt­figur verkör­pert? Die »Gene­ra­tion Y« (sprich: »Why?«), die alles zergrü­belt, hinter­fragt, nicht wirklich arbeiten will, aber auch nicht nur hedo­nis­tisch in den Tag rein leben, sondern mitunter Gutes und Wichtiges tun. Vor allem aber nichts Falsches. Das wäre meine Antwort: Sie wollen alles richtig machen, und bevor das schief geht, machen sie lieber gar nichts. Die Jugend von heute!

Weiterlesen

Innenansicht des Emek-Kinos, Istanbul

Resis­tanbul und Neues von der deutschen Filmö­ko­nomie – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 64. Folge

»Der Aufstand beginnt als Spazier­gang.«
Heiner Müller

+ + +

»Emek bisim, Istanbul bisim!« – so ging es los, und wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Als vor acht Wochen in Istanbul das Emek-Kino, eines der schönsten und ältesten Kinos der Stadt, abge­rissen werden sollte, unbe­dach­ter­weise während des Inter­na­tio­nalen Film­fes­ti­vals, gab es laute Proteste. Sie mündeten in zwei große Demons­tra­tionen, an denen auch berühmte Gäste des Festivals teil­nahmen, wie etwa Costa-Gavras. Über 1000 Menschen demons­trierten. Von der Polizei gab es Pfef­fer­spray und Tränengas, noch nicht, wie jetzt CS-Gas. Es gab Wasser­werfer und Prügel mit Knüppeln. Es gab also zumindest einen ganz zarten Vorschein dessen, was seit über zwei Wochen jetzt in Istanbul los ist.

+ + +

Mit einem Kino hat alles begonnen. Und dieses Kino war die Anstren­gung fraglos wert. Über Jahrzehnte war es »das« Festi­val­kino, ein fest­li­cher Ort, ohne Zucker­bäck­er­ro­mantik, aber erfüllt vom Charme der alten Zeiten mit seiner feier­li­chen Atmo­s­phäre, seinem marmornen Vorraum, seiner präch­tigen Bühne. Der Bauherr, ein Speku­la­ti­ons­un­ter­nehmen, dass auch in Deutsch­land Shopping-Malls baut, und dort ebenfalls, als ob es nicht genug gäbe, statt des Kinos ein straßen­block­großes Kaufhaus errichten will, sprach schön­fär­be­risch von »Umbau« – statt Abriss. Irgend­wann trat Attila Dorsay, Doyen der türki­schen Film­kritik, aus Protest zurück. Und bekam daraufhin sofort Angebote von den Bauherren zu Gesprächen. Es gab einen Baustopp. Wer könnte und würde bei uns eine solche Rolle spielen? Weiterlesen

© 2013 STUDIOCANAL: Neil (Ben Affleck) und Marina (Olga Kurylenko)

Mal wieder Kritik der Kritik; eine Veran­stal­tung in der Akademie der Künste und der türkische Vorfrüh­ling – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 63. Folge

»Wenn ein Kopf und ein Buch zusam­men­stoßen, und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buch?« – Georg Christoph Lich­ten­berg, deutscher Physiker und Schrift­steller (1742 – 1799)

+ + +

Man muss mehr über Film­kritik schreiben, viel mehr infrage stellen, was Film­kri­tiker tun, was die Film­kritik tut, und was mit ihr getan wird. Man muss auch versuchen, genauer zu klären, was Film­kritik ist, und – viel wichtiger – was nicht. Grund­sät­z­lich natürlich ist Schreiben über Film poten­tiell auch Film­kritik. Aber wir alle wissen, dass vieles, was als Film­kritik daher­kommt diese eben nicht ist. Filmkritik ist nur da, wo sie keine dienende Funktion hat. Sie dient nicht dem Kino, jedenfalls nicht mehr, als das Kino ihr dient. Sie ist nicht Knecht und das Kino nicht Herr. Weiterlesen

Still aus Laure Prouvosts Swallow

Überbau in Ober­hausen: Die Inter­na­tio­nalen Kurz­film­tage und grund­sät­z­liche Fragen über Flach­bild­schirme, flächige Bilder, flache Drama­tur­gien und die Flachheit der Kritik – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 62. Folge

Man hört Atem­geräu­sche, man sieht eine sonnen­durch­flu­tete Sommer­land­schaft, Gras, Bäume, ein Fluss, ein Bergsee. Dann Früchte: Himbeeren in einer Hand, eine aufge­bro­chene Papaya an einem Mädchen-Mund, eine Rosen­blüte, Vögel auf Ästen, Fische, Schmet­ter­linge, eine Biene, Blüten, fließender Honig, Füsse, Brüste, Arme, Münder, eine Off-Stimme, die von Natur erzählt, von Tagträumen und Sinnes­ein­drü­cken und immer wieder ein offener Mund, der betont einatmet…

+ + +

»You are inside this body… its wet.« – Eine so asso­zia­tive wie genau kompo­nierte Montage aus nur scheinbar unzu­sam­men­hän­genden Bildern und Tönen, die sich zu einem bezwin­genden Bewusst­seins­strom zusam­men­fügt, der uns in einen Garten Eden zurück­führt und in das verlorene Paradies aus Adoles­zenz und Entde­ckung der Sexua­lität. Man erinnert sich an Filme von Jane Campion, Sofia Coppola und Lucille Hali­l­ha­zovic – drei Frauen, die im Kino einen ganz eigenen Blick auf die sinn­li­chen Gewiss­heiten unseres Lebens geworfen haben, einen Blick, der so analy­tisch kühl ist, wie konkret, nie kalt distan­ziert.
Das Thema, das hier unauf­dring­lich, aber zwingend in 12 Minuten auf der Leinwand entfaltet wird, ist die Natur und die Körper­lich­keit. Ein Film, der trotz der Begren­zung auf zwei Film­di­men­sionen, viel­d­i­men­sional wirkt.
Er heißt Swallow und stammt von der in London lebenden fran­zö­si­schen Künst­lerin Laure Prouvost, und lief bei den Ober­hau­sener Kurz­film­tagen im inter­na­tio­nalen Wett­be­werb. Bei der Preis­ver­lei­hung gestern Abend ging er unver­dien­ter­maßen leer aus.

+ + +

Doch nur wenige Filme passten so gut zu dem über­grei­fenden Thema und der sie in zahl­rei­chen Podi­ums­dis­kus­sionen umspin­nenden Debatte, der dies­jäh­rigen Kurz­film­tage.
Es ist in Ober­hausen guter Brauch ein Thema zu setzen, und die Fülle der jähr­li­chen, auch immer ein bisschen zufällig wirkenden Formen und Themen der Programme, die hunderte von Kurz­filmen zwischen 1 und 60 Minuten zeigen, zu bündeln, und mit einer Frage­stel­lung zu struk­tu­rieren. Weiterlesen

Foto © Schiwago Film GmbH - Tom Schilling in "Oh Boy"

Die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel, Grund­ver­sor­gung gegen Quoten­denken: Der Deutsche Filmpreis ist vergeben – nun macht das deutsche Kino gegen das Fernsehen mobil; und was uns der Filmpreis sonst noch lehrt – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 61. Folge

Tom Schilling hat Ost-Abitur. Am John-Lennon-Gymnasium. So etwas gab es bei uns im Westen leider nicht. Es war halt nicht alles schlecht in der DDR, zum Beispiel lernte man, das bewies Schilling am Abend des Bundes­film­preises, gute Reden zu halten: Nach dem Spott über »das poin­ten­ge­spickte Ergebnis«, das ihm sein Reden­vor­for­mu­lierer vor seiner Laudatio auf Barbara Sukowa aufge­schrieben hatte, und das, so Schilling öffent­lich »den Wunsch nach konven­tio­neller Lange­weile aufkommen ließ«, formu­lierte er eine tolle Lobes­hymne: »Man glaubt immer, Männer hätten Angst vor intel­li­genten Frauen. Ich aber möchte Ihnen sagen, was Sie längst wissen: Das Gegenteil ist der Fall. Männer lieben intel­li­gente Frauen.«
Es war auch lustig auf Schil­lings Gesicht zu blicken, während andere »witzische« Texte verlesen wurden: Ungläu­biges, fassungs­loses Entsetzen, »Oh Boy!«

+ + +

Und die Bibel hat doch recht: David gewinnt gegen Goliath – es kam wieder, wie es meistens kommt beim Deutschen Filmpreis, jeden­falls seit er nicht mehr im Jury­ver­fahren sondern per Massen­ab­stim­mung vergeben wird: Die Preise bündelten sich auf ganz wenige Filme, aufwen­dige Groß­pro­duk­tionen sahnen die Tech­nik­preise ab (diesmal Cloud Atlas), andere, die oft nominiert sind – wie diesmal Auto­ren­kino-Veteranin Marga­rethe von Trottas Hannah Arendt – bekamen nur wenige Ausz­eich­nungen, oder gingen wie Oskar Roehlers Quellen des Lebens sogar ganz leer aus, und ein vergleichs­weise unab­hän­giger Film bekommt die Haupt­preise. Aber im Unter­schied zu Jahren, als mit der allzu luftigen Bayern-Klamotte Wer früher stirbt ist länger tot, dem schwerblü­tigen Vier Minuten oder dem Gutmen­schen­drama Halt auf freier Strecke schwache Konsens­filme über alle Ansätze zu mutigerem Kino – von Das Parfum bis zu Barbara – trium­phierten, ist Jan-Ole Gersters OH BOY! ein würdiger Sieger: Alles andere als konven­tio­nell, dabei so klug und witzig, wie es Ausländer dem deutschen Kino zwischen Wenders bis Schweig­höfer gar nicht zutrauen.

+ + +

Weiterlesen