Etwas ist anders im neuen Lockdown, merkt die Schriftstellerin Juli Zeh: „Es wird mehr diskutiert.“ | Foto CC BY-SA 4.0, Sven Mandel

Wahrheit schlägt Wut, Robert Fisk, Juli Zeh, Checks and Balances: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 82.

„Covid-19, unless it suddenly turns into a tiger, will be seen as just another risk to human life – like car crashes, cancer, war, etc. Human’s don’t necessarily fight disease, injustice and sorrow. They just survive and bash on regardless.“
Robert Fisk

„I am just a reporter. I report what I see.“
Graham Greene: „The Quiet American“

 

Fast auf den Tag genau zehn Jahre ist es her, da waren wir zusammen essen. In einem türkischen Restaurant in Mannheim, während des Filmfestivals von Mannheim-Heidelberg. Robert Fisk war dort zu Gast. Eigentlich nur als Begleiter seiner zweiten Frau Nelofer Pazira, die aus Afghanistan stammt, und deren Spielfilm „Act of Dishonour“ dort im Wettbewerb lief, und später eine Auszeichnung gewann. Aber zumindest bei den Politikinteressierten des Festivals hatte sich schnell herumgesprochen, wer hier unscheinbar in der ersten Reihe den Film-Gesprächen folgte: Einer der berühmtesten Gegenwartsjournalisten des angelsächsischen Sprachraums. 

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Es war ein kurzer Neustart für die Kultur: Kinos im Stillstand, die Zweite. | Foto © Elisabeth Nagy

An diesem Morgen: Identitätspolitik, Seperatismus und der Terror der Gegenwart und der kybernetische Staat der Zukunft: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 81.

Manche von euch, liebe Leser, werden sich daran erinnern, dass ich im Frühjahr mal die „Moral Machine“ des MIT vorgestellt habe. Hier noch mal ein paar Links über dieses sehr ernst gemeinte digitale Spiel, in dem wir unsere moralischen Instinkte überprüfen oder auch in Frage stellen oder auch trainieren können.  Unsere moralischen Instinkte in Bezug auf die Gewichtung verschiedener Leben gegeneinander, in Fällen, in denen wir keine Chance haben, einer solchen schrecklichen, oft auch perversen Entscheidung auszuweichen. Die Alternative läge nur darin, ich fürs Nicht-Handeln zu entscheiden, was oft noch schlimmere Folgen hätte, und moralisch als Handeln durch Unterlassung nicht unbedingt besser zu bewerten ist.

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Die USA wählen. Und wer sich immer noch über das politische Klima wundert, kann ja bei „Bob Roberts“ nachsehen, was Hollywood schon vor 30 Jahren zu erzählen wusste. | Foto © Lions Gate

Gegen den Lockdown des Denkens, Voodoo-Gesundheitspolitik: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 80.

„Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht, die erste Erscheinung des Neuen der Schrecken.“
Heiner Müller, 1979

 

Alle reden über den Lockdown. Wir auch. Aber nicht nur. 

Trotzdem, da wir ja ein demokratischer, so meinungsfreudiger wie meinungsneugieriger, pluralistischer Blog sind, und uns neben den Jubelhymnen und Freudentränen auch gleich schon wieder Meckermails erreichen, erlaube ich mir, Euch, lieben Lesern, zum Auftakt gleich ein paar Fragen zu stellen: Was denkt ihr über den Lockdown? Gibt es etwas, wovor ihr Euch besonders fürchtet, was Euch besonders nervt? Oder umgekehrt: Worauf ihr Euch womöglich freut – außer dass die Infektionszahlen vielleicht sinken, und das alles wahrscheinlich dem Klima gut tut?

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Wir wiederholen ein Foto aus dem Frühjahr. Leider. Ab Montag werden die Kinos wieder dichtgemacht. | Foto © Elisabeth Nagy

Geht ins Kino: Und dann Winterschlaf oder doch Aufwachen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 79.

„Lassen Sie es mich ganz klar sagen: Es ist richtig, und es ist wichtig, und es ist unverzichtbar, dass die Maßnahmen, die die Pandemie bekämpfen sollen, und die teilweise erheblich sind, und erheblich in unsere Freiheitsrechte eingreifen, öffentlich diskutiert, öffentlich kritisiert und öffentlich auf ihre Angemessenheit hin befragt werden. Das begreife ich als Zeichen unserer offenen Gesellschaft.“
Angela Merkel, Regierungserklärung am 29. Oktober 2020

„Hurra, hurra, die Schule brennt!“
Extrabreit

 

Es ist wieder Corona! Im letzten kurzen Sommer gab es öfters Momente, da habe ich gedacht: Wie schön war doch eigentlich Corona! Wie schön waren diese zwei Monate oder ein bisschen länger zwischen Anfang März und Anfang Mai, in denen das Leben zwangsweise stillgelegt war. Jetzt ist es wieder soweit. Der große Unterschied ist, dass wir in die Dunkelheit hinein reisen. In die Dunkelheit des Winters. In den nasskalten November, den Monat, in dem sich schon ohne Corona die meisten Menschen, übers Jahr gerechnet, umbringen. In Berlin, das sich zu dieser Zeit auch nicht groß von Warschau unterscheidet, ist es alles noch viel schlimmer, als wenn man in München oder Freiburg oder Köln oder Mannheim wohnte, aber dort ist es auch schlimm genug. Jetzt ist es wieder soweit. Viel Zeit zum Lesen, Fersehgucken, Schlafen. Aber ich gebe es zu: Die Freude bleibt aus.

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15 Minuten Corona-Reflexion von Bertrand Bonello. „Où En Êtes-Vous? Numéro 2“ entstand diesen Sommer. | Foto © Rectangle Productions

Kein Grund zur Panik, wir sind ja Familie oder: Wenn Onkel Jupp und Tante Erna zum Hotspot werden – Apokalyptiker & Integrierte; Gedanken in der Pandemie 78.

Wenigstens zu Beginn etwas sehr Schönes: Eines der schönsten Kinogängererlebnisse des Jahres hatte ich diese Woche in der Retrospektive des Berliner Arsenal zum französischen Ausnahmeregisseur Bertrand Bonello, dessen wunderschöner antikolonialistischer Essayfilm „Zombi Child“ gerade in den Kinos läuft.

„Où En Êtes-Vous? Numéro 2“ entstand diesen Sommer, eine Selbstreflexion in Form eines 15-minütigen Briefs an seine 17-jährige Tochter. Dies ist eine Corona-Reflexion zu neu montierten klaustrophobischen Bildern seiner Filme über Stillstand, Verlust, das Ende der Dinge, die ungewisse Zukunft und geträumte Filmprojekte, aber vor allem eine Ode an die Schönheit. Fazit: Spring always returns. Und There’s always the music!

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Die Politik wirkt wirr in diesen Tagen. Das kann niemanden glücklich machen. | Foto © Just Watch

35 ist das neue 50 und Weiteres aus dem ganz normalen Wahnsinn der Pandemiebekämpfung: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 77.

„Auf den Notfall rekurriert man, um schnellstmöglich zur Normalität zurückzukehren, auf den Ausnahmefall rekurriert man hingegen, um die Regel zu brechen und eine neue Ordnung durchzusetzen.“
Carl Schmitt (1888-1985), Staatsrechtler und politischer Philosoph 

 

Eigentlich wäre hier unbedingt der Blick ins Ausland nötig und auch das statistische Untersuchen der verschiedenen Wellen und Bögen und Kurven, ob sie nun exponenziell sind oder nicht. Dafür ist in diesem Blog leider im Augenblick keine Zeit und auch kein Raum. Das wird sich ändern, aber erst in ein ein paar Wochen.

Genauso, wie es hier mehr Vielstimmigkeit geben müsste. Im Augenblick fährt auch dieser Blog nur „auf Sicht“. Ich versuche, wichtiger Kritik und differenzierten Stimmen Raum zu geben; es bleibt aber kein Raum, um Themen zu vertiefen oder deutlicher auf Kunst und Kultur einzugehen, auf den Medienbetrieb, oder auch deutlich zu machen, dass in Deutschland immer noch „das Glas halbvoll“ ist, oder dreiviertelvoll, wenn es um Corona-Bekämpfung geht. 

Es ist wichtig das zu sagen, denn ich selbst bin mit diesem Zustand unzufrieden. Die „Gedanken in de Pandemie“ sollen kein Corona-Meckerblog sein, ein Raum für Vielfalt sehr wohl. In diesen Wochen heißt das trotzdem: Keine Kür, nur Pflicht.

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Oft Drama, auch Melo, aber kein Kitsch: Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ wirkt wie ein ferner Spiegel unserer Tage. | Foto © ARD Degeto, X-Filme, Beta Film, Sky Deutschland, Frédéric Batier

Gezielte Verunsicherung: „Das Virus ist zu politisch geworden, obwohl es eigentlich nicht politisch sein sollte“: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 76

„es
kommt eine neue zeit
überhitzung verwüstung steppenbildung
es kommt eine neue zeit
die toten kommen wieder
einer nach dem anderen und
die ersten
werden deine spuren tragen“

Thomas Köck, antigone. ein requiem

„Die sanfte Revolution der Elektronengehirne hat in der Bundesrepublik längst begonnen. (…) In diesem Stadium des Aufbruchs (…) müssen Gefahren auf die Wand unserer Zukunft projiziert werden, Tendenzen zur Totalisierung des Staates auf Umwegen, zur Schematisierung und zur Entblößung und Degradierung der menschlichen Person.“
Hanno Kühnert, Redakteur, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 1969 

“Was ist das Beste an einer Staatskrise, einer Revolution? Ganz neue Möglichkeiten. Und neue Gewinner. Jetzt lass uns doch mal überlegen, wie wir das hier gewinnen können.“
aus: „Deutschland 89“

 

Corona ist da. Die Infektionen steigen. Beides steht nicht infrage. Infrage steht aber, was das heißt und wie man darauf reagiert. 

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Nachruf zu Lebzeiten. Und Nachleben im Tod. „Ich bin jetzt tot, und Sie, liebe Hörer, werden das eines Tages auch sein.“ Herbert Feuerstein lebt tatsächlich nicht mehr, aber in der Stunde seines Todes überrascht er das Publikum noch einmal – mit seinem Nachruf, den er vor fast sechs Jahren aufgezeichnet hat. Auf WDR 5 kann man ihn hören. Ein knapp zweistündiger Gang durch sein Leben, mit viel Musik, und vielen weiteren Sprechern. Und ein Lehrstück, wie man auch sterben kann: beiläufig, gelassen, unpathetisch. 

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Wie Religion der Herrschaft nutzt, hatte Roland Emmerich schon vor einem Vierteljahrhundert in „Stargate“ offenbart. | Foto © Studiocanal

In der Dauerwelle: Widersprüchliche Statistiken und gute Fragen bei Markus Lanz: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 75.

„Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ,Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. […] Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ,noch‘ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“
Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“

 

Vor 80 Jahren, am 25.09.1940 brachte sich Walter Benjamin auf der Flucht vor der Nazi-Mordmaschine in den Pyrenäen um. Noch zwei Tage lang kann man im „Deutschlandfunk“ die Wiederholung jener „Langen Nacht“ hören und herunterladen, die Martin Opitz vor zehn Jahren über Benjamin produzierte. 

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Winter is coming. Eines muss man Markus Söder ja lassen: Die popkulturellen Referenzen sitzen bei ihm weit besser, als bei den allermeisten anderen Politikerkollegen. Und Söder ist einer der wenigen, der in der Popkultur sich zumindest so weit selber auskennt, dass er dafür sorgen kann, im richtigen Moment ein paar Zeichen zu setzen. So zum Beispiel diese Tasse bei seiner Parteitagsrede.

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Manche denken bei den Maßnahmen gegen die Pandemie gleich an „1984“. | Foto © Archiv

Neues aus der „Man-weiß-ja-nie“-Gesellschaft: Maskenzwang, Bayern-Malus, Verbotslust und Lustverbot- Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 74.

„Das große Problem wird zunehmend in der Verfügung über die Informationen liegen, die von Automaten zu speichern sein werden, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Die Verfügung über die Information fällt immer mehr in die Zuständigkeit von Experten aller Art. … Es zeichnet sich eine Politik ab, in der der Wunsch nach Gerechtigkeit und der nach Unbekannten gleichermaßen respektiert sein werden.“
Jean-Francois Lyotard, „Das postmoderne Wissen“

 

Geht es euch, liebe Leser, eigentlich auch so: Dass man durch Corona wieder ein bisschen zur Zeichensprache zurückkehrt? Genau gesagt durch die Masken. Man verliert durch sie nämlich einen großen Teil seiner Ausdrucksfähigkeit; man muss in Gesprächen stärker mit den Händen sprechen, muss Emotionen, die man allein mit Augen nicht transportieren kann, sondern wozu man seinen Mund und die Grimassen und das Lachen braucht, genauso wie das Zusammenspiel zwischen Augen und Mund, man muss alles dies ersetzen durch Gesten. Es sind die Gesten der Präraffaeliten, Gesten der Kunst des Mittelalters: Zusammengefaltete Hände, oder die Hände zur Faust geballt, oder eine Hand auf dem Herzen, zusammen mit einer Verbeugung, wie sonst nur bei Japanern. Oder die offen gezeigte Hand. Eben vor allem die Hand.
Ob wir durch Corona auch zum Stummfilm zurückkehren? Das wäre mal was.

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Corona ist nicht mehr das einzige Thema, die Talk-Shows kommen nicht mehr hinterher. „Maischberger. Die Woche“ riss vieles an, dachte aber nichts zuende. | Foto © ARD

Corona und das Aufmerksamkeitsdefizit: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 73.

„No man is an Island / entire of itself“
John Donne, 1621 

„Niemand ist eine Insel“
Johannes Mario Simmel, 1975

 

Corona, Corona, Corona – das war einmal. Die Pandemie schafft es zurzeit einfach nicht zum Alleinstellungsmerkmal in den öffentlichen Diskursen der deutschen Republik. In anderen Ländern mag sich das anders verhalten, aber uns geht es dafür einfach zu gut. Zwar sind Covid-19, die neuesten Infektionstatistiken, der Stand der Impfstoff-Forschung schon zur Nachrichtenroutine geworden, so wie irgendein Anschlag im Nahen Osten, oder ein neuer SPD-Vorsitzender. 

Aber die zweite Welle ist einfach nicht da, so sehr Markus Söder das auch behauptet, so einschüchternd der jeweilige Hotspot der Woche auch wirken mag. Selbst im Partysündenpfuhl Berlin gehen die Infiziertenzahlen auch seit Ferienbeginn Ende Juni und über das Ferienende Anfang August mit seinen Rückkehrerwellen hinaus beständig zurück. Wir kaufen und tragen Masken, weil uns 0,02 Prozent der Berliner Bevölkerung gerade anstecken könnten (800 von 4 Millionen). De facto viel weniger. 

Bestimmt ist das auch in Deutschland alles sehr verhältnismäßig und vorausschauend gedacht von selbstlosen Entscheidern. 

Und in anderen Ländern ist es vermutlich anders und die Gefahr viel höher. Aber wir reden von Deutschland, heute zumindest. 

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Venedig zeigt seine Wettberbsfilme im Kino und setzt auf Abstand und Maske. Das älteste Filmfestival der Welt ist somit das erste der ­großen A-Festivals, das der Pandemie trotzt. Was aber keine Hoffnung schüren soll soll, dass nun die anderen automatisch folgen. | Screenshot

Der Urlaub der Anderen und der Ast, auf dem wir alle sitzen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 72.

„There are no second acts in american lives“
F. Scott Fitzgerald

 

Willkommen zurück, liebe Leserinnen und Leser! Ich hoffe, Ihr habt den Sommer gut überstanden. Es war ein kurzer Sommer, und es war ein wilder Sommer, und wenn wir nicht auch mal froh gewesen wären, ein bisschen Urlaub zu machen, dann hätte man sehr gut auch weiterhin täglich einen Pandemie-Blog machen können, und sei es nur über den Urlaub der Anderen. Das Urlaubsverhalten der Deutschen, aber auch des Urlaubs-Reaktionsverhalten der deutschen Politiker, ist ein Kapitel für sich, und Thema für mehr als einen Blog.

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Bevor ich aber wieder mitten hineinspringe in unser Thema, nochmal einen Schritt zurück: Wir sind wieder da – aber ich für meinen Teil bin in den nächsten vier Wochen noch ein bisschen eingeschränkt wieder da. Nämlich nur mit einem einzigen wöchentlichen Text mit meinen „Gedanken in der Pandemie“. Das hat einfache praktische Gründe. Zur Zeit befinde ich mich nämlich auf dem Lido in Venedig – ein sehr schöner Ort, an dem ich sehr gerne bin. Hier findet das erste halbwegs normale Filmfestival seit der Pandemie wieder statt – gleich eines der ganz Großen: Das älteste Filmfestival der Welt. Natürlich unter diversen Auflagen und Pandemie-Beschränkungs-Bedingungen, die auch im großen Ganzen alle sehr sinnvoll erscheinen. Wie das im Einzelnen und wie gut im Besonderen das funktioniert, habe ich anderenorts vorige Woche bereits beschrieben. Das übers Unmittelbare hinaus für uns alle Interessante daran ist natürlich, dass diese Großveranstaltung unter Pandemie-Bedingungen ein Modell abgibt für alle derartigen Veranstaltungen bis mindestens Ende kommenden Jahres.

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Cooles Plakat. Aber so richtig Lust aufs Kino macht es nicht. Schade. | Foto © Entertainment One

Und was machen die Franzosen anders? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 223. Folge.

Gerade in Hamburg. Hier ein längeres Gespräch mit einem Kino-Vorführer. Wir kommen auf Plakate. Er mag Berlin Alex­an­der­platz. Dafür, warum der Film aber unter den Erwar­tungen mancher bleibt, hat er eine inter­es­sante Erklärung: Die Plakate in Deutsch­land seien oft sehr schlecht. So auch hier.

Das verstehe er nicht, »warum die vom Verleih so ein Plakat machen. Das ist gar kein Plakat. Das sieht ganz gut aus, ist aber nur stylisch. Es macht auf nichts Lust. Und ich verstehe nicht, warum da kein Schau­spieler drauf ist. Die Jella Haase ist doch so bekannt.«

Ähnliches bei Undine, der schon länger im Kino läuft: »Da ist kein Schau­spieler zu sehen. Die Gesichter sind abgewandt, die Farben trübe. Wer soll da reingehen und warum?« Das Plakat ist so Wannabe und um die Ecke gedacht, wie der ganze Film.

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Auf Christopher Nolans „Tenet“ müssen wir noch wer-weiß-wie-lange warten. Aber sein „Inception“ läuft wieder. Mit einem Film- und vielen Lesetipps verabschiedet sich unser Kolumnist in die Sommerpause. | Foto © Warner Brothers

Todo cambia: Letzte Worte zur Sommerpause: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 71.

„Heute ist nicht alle Tage. Ich komm’ wieder, keine Frage.“
Paulchen Panther

„Hot summer streets/ And the pavements are burning/ I sit around/ Trying to smile but/
The air is so heavy and dry/
Strange voices are saying/ (What did they say?)/ Things I can’t understand/ It’s too close for comfort

This heat has got/ Right out of hand/
It’s a cruel, (cruel), cruel summer/ (Leaving me) leaving me here on my own

It’s a cruel, (it’s a cruel), cruel summer/ Now you’re gone“
Bananarama „Cruel Summer“

 

Wir erleben ein brutalen Sommer. Jetzt macht auch noch dieser Blog Sommerpause. Ob es wirklich gut ist, eine Sommerpause zu machen, wo doch das Virus alles andere als eine Pause macht, das weiß ich nicht. Aber allemal ist es klug, Kraft zu tanken für den Winter, der nicht nur kalt wird, sondern hart, für die zweite Welle, die auf die eine oder andere Weise kommen wird, und mancherorts schon da ist. Mit der Kraft meine ich (das weiß wohl jeder, der das hier in den letzten Monaten gelesen hat) nicht alleine körperliche Kraft, sondern vor allem geistige, ein geistiges Widerstands-Potenzial. Es mag einfacher sein, mit dem Strom zu schwimmen, aber es macht einen auf die Dauer stärker, wenn man versucht, resistent zu sein. 

Was auch wichtig ist, um diese nächsten Wochen zu überstehen, bis wir uns wieder hören und lesen, dazu habe ich hier noch ein paar Tipps: Geht ins Kino! Geht überhaupt raus! Bleibt nicht zuhause hocken, schmort nicht im eigenen Saft, streamt nicht soviel, verliert euch nicht in virtuellen Welten. Im Kino werdet ihr auf fremde Menschen stoßen und das macht Spaß. Man kann da auch alte Filme wiedersehen. Einen von denen, den ihr in jedem Fall wieder sehen solltet und das könnt ihr schon nächste Woche, ist „Inception“ von Christopher Nolan. 

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Die Frage beschäftigt nicht nur College-Klamotten: Gibt es ein Recht auf Party? Klar gibt’s das. Aber wann darf es eingeschränkt werden? | Foto © Universal

Partys, Konsens, und böse Menschen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 70.

„Die Gedanken sind frei,/ wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei,/ wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,/ kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei: / Die Gedanken sind frei.“
Volkslied

„Ich spreche aus der Sicht desjenigen, der Stadt und Land liebt, aber nicht die Vorstädte. Denn sie führen zum Verlust von Vielfalt, Komplexität – Lebensqualität. Also wird dieser Vortrag geprägt von Werten, weniger von Fakten. Doch ich beziehe mich auf Fakten, wo ich kann, und urteile, wo ich es für nötig halte.“
David Riesman, US-Soziologe

„Ich plädiere dafür, den Kampf gegen die Leichtgläubigkeit wieder aufzunehmen und an die Freiheit und Würde der menschlichen Erfahrung zu glauben, nämlich daran, dass der Mensch fähig ist, von sich selbst zu lernen.“
Marina Garces, Philosophin, in: „Neue radikale Aufklärung“

 

„Gibt es ein Recht auf Party?“ Falsche Frage, liebe „Süddeutsche Zeitung“ – setzen, Sechs in Bürgerrechte! Die richtige Frage lautet: Wann darf man das Recht auf Party einschränken? 

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Überwachen und schlafen: Die Entpowerungs-Gesellschaft und ihre Wächter: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 69.

„Die gegenwärtige Gleichgültigkeit im Umgang mit der Privatsphäre lässt ahnen, wie Staat und Konzerne in Zukunft über uns verfügen werden, sollten wir Ihnen erlauben, noch umfassendere Instrumente der Kontrolle einzuführen. Dann wird es allerdings zu spät sein zum Widerstand.“
Juli Zeh/Ilija Trojanow: „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“

„Am Sport fällt zunächst die extreme Reduktion weiterreichender Sinnbezüge auf  […] vielmehr scheint sich der Körper geradezu als als Fluchtpunkt der Sinnlosigkeit zu eignen, wenn er nicht in der puren Faktizität beharrt, sondern unter dem Gesichtspunkt von Sport zum Ausgangspunkt einer eigenen Sinnsphäre dient. Der Sport braucht  […] keine Ideologie.  […] Er präsentiert den nirgendwo sonst mehr so recht in Anspruch genommenen Körper. Er legitimiert das Verhalten zum eigenen Körper durch den Sinn des Körpers selbst.“
Niklas Luhmann: „Soziale Systeme“

„Ich bin in Partystimmung geh mir aus dem Weg./
Ich feier, ich pöbel, ich spring durch den Club und dreh ab./
Ich bin ein braves Mädchen, aber nicht heute Nacht.“
Kitty Kat: „Braves Mädchen“

 

Wer profitiert davon, wenn Bürger gesund leben? Natürlich die Bürger, möchte man antworten. Aber nicht sie allein. Mindestens genauso, vielleicht sogar noch mehr, profitieren davon die Krankenkassen, die Arbeitgeber, die Versicherungen, und der öffentliche Gesundheitshaushalt. Freilich müsste man in diese Rechnung auch die Kosten der Rentenzahlungen miteinberechnen. Trotzdem gilt einstweilen: Ein kranker Mitarbeiter oder ein kranker Versicherter ist teurer, als ein gesunder. 

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