Zur Aufmunterung gibt’s heute eine kleine Hommage an Roald Dahl. Der hat nicht nur die Vorlage für „Der fantastische Mr. Fox“ und viele weitere Filme geliefert, sondern war irgendwie auch ein bisschen James-Bond. Und mit einer »oscar«-gekrönten Hollywood-Schauspielerin verheiratet. | Foto © 20th Century Fox

Wirtschaft & Gesellschaft: Exogene Schocks in ihrer Gesamtwirkung, Perspektivfragen und böse Rechnungen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 18. 

„Wer soll das bezahlen?
Wer hat soviel Geld?
Wer hat soviel Pinke-Pinke

In der ganzen Welt?“
Deutscher Evergreen, erstmals 1949

„Ich wasche meine Hände in Unschuld.“
Pontius Pilatus

„Auf welcher Faktenbasis tun wir all das, was wir tun? Was, wenn wir uns geirrt haben?“
Markus Lanz

 

Das Wochenende steht an, und auch wenn es, abgesehen vom schönen Wetter, zur guten Laune eigentlich nicht so viel Anlass gibt, möchte ich doch beginnen, auf ein paar unbestreitbar schöne Dinge hinzuweisen. 

Zum Beispiel auf Roald Dahl (1916-1990). Viele werden den Waliser mit norwegischem Vater als Kinderbuchautor und Filmvorlagengeber („Der Fantastische Mr.Fox“, „Charlie und die Schokoladenfabrik“) kennen, einige auch als Autor schwarzer sarkastischer Erwachsenengeschichten (“Küsschen, Küsschen“). 

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In der Übersicht der Johns-Hopkins-Universität sieht’s werden die Zahlen für die USA nach Regionen aufgesplittet. Dadurch steht das Land auf den ersten Blick nicht ganz so schlimm da. | Screenshot

Zahlen und Mathematik: Anderen Dimensionen der Krise: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 17. 

„Mit Statistiken kann ich alles beweisen, nur nicht die Wahrheit. Laut Statistik haben ein Millionär und ein armer Kerl jeder eine halbe Million“
Franklin D. Roosevelt (US-Präsident 1933-1945)

„Wir kriegen vieles im Moment zu wenig erklärt.“
Markus Lanz 

 

Bin ich paranoid, wenn mir zur Zeit dauernd George Orwell in den Sinn kommt? Aber wenn am Mittwochabend statt der vorab angekündigten und eingeforderten „Exit-Strategie“ der bislang nur bis zum 19. April geltende Ausnahmezustand verlängert wird, dann melden einige, wie der Deutschlandfunk, zutreffend „Verlängerung des Ausnahmezustands bis mindestens zum 3. Mai“. Bei anderen, wie dem MDR oder dem NDR aber heißt die Verlängerung des Ausnahmezustands jetzt „schrittweise Lockerung der Corona-Regeln“. Auch der Ausdruck „Kontakteinschränkung“ klingt nicht nur bürokratischer, sondern auch freundlicher, als Berührungsverbot, oder Versammlungsverbot. 

Aber auch derartige Sprachpolitik kann nicht über den schweren Kater hinweghelfen, den die unerwartet herben Ankündigungen der Bundesregierung hinterlassen haben. Kein bisschen Exit, kein bisschen Normalität. Bleierne Enttäuschung senkt sich über die Republik. 

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Bund und Länder wollen die Corona-Einschränkungen etwas lockern. Unser Kolumnist hätte mehr erwartet. | Foto © BR

Schaffen wir das? Wir wollen raus! Wann, wenn nicht wie. Begriffsschwämme in der Pandemie: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 16. Von Rüdiger Suchsland.

„To reach a port we must set sail – Sail, not tie at anchor. Sail, not drift.“
Franklin D. Roosevelt, US-Präsident 1933-1945

 

Kamen Ihnen, liebe Leser, nicht schon die letzten Jahre vor wie ein etwas dick aufgetragener Film? Der Brexit, Trump, die Pegida und dann noch Rechtsextremisten im Bundestag – das konnte schon alles nicht wahr sein. Als Politthriller wäre einem so ein Drehbuch zurückgegeben worden mit dem Vermerk: Ganz schön originell, aber etwas mehr Realismus sollte es schon sein. 

Und jetzt noch Corona – ja, genau … geht’s noch? 

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Fast wie eine schöne Erinnerung an bessere Tage kommt einem da „Die Getriebenen“ vor, ein ARD-Film über die Höhepunkte der sogenannten „Flüchtlingskrise“ zwischen Juli und Oktober 2015 (am Mittwoch im linearen Programm und eine Weile in der Mediathek). Das waren noch friedliche Zeiten. Viereinhalb Jahre und drei SPD-Chefs früher war Angela Merkel unumstritten als Kanzlerin und CDU-Chefin. 

Aber was ist das für ein Film? Irgendwie eine Satire, eine mitunter sogar ziemlich schrille Parodie des Betriebs und seiner Akteure, und dann wieder, so scheint mir wenigstens, ernst gemeint als Dokufiktion über Sachverhalte. Das zugrundeliegende Buch des (überaus konservativen) „Welt“-Journalisten Robin Alexander ist ja auch kein Roman, sondern ein, wenn auch klar tendenziöses, Sachbuch. 

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Zurück auf Normalbetrieb – aber wie genau? | Screenshot

Räte & Ratschläge: Obrigkeitsstaatliches Denken und gravierende Widersprüche vor dem Ende des Shutdown: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 15. 

„Und wenn er auch stürzte, so scheiterte er doch bei großem Versuch.“
Ovid, über Phaethon

„Wir haben wegen der Influenza ja auch keine Shutdowns gemacht.“
Alexander Kekulé, Virologe

„Ich habe immer noch den Eindruck, dass an vielen Stellen doch ein Verlautbarungsjournalismus stattfindet. Es wird das transportiert, was das Robert-Koch-Institut sagt oder was einzelne Wissenschaftler sagen. Es wird nicht genügend nachgefragt.“
Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus

 

Das Ende der Osterferien rückt näher. Heute in einer Woche ist der 21. April, zwei Tage nach jenem ominösen „19. April“, dem Sonntag nach Ostern und letzten Geltungstag der bisherigen Ausgangssperren und sonstigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Deutschland durch die Corona-Pandemie. Es nähern sich also die Tage der Entscheidung über die Frage: Wie soll es weitergehen? 

Von der Politik muss Klarheit und Transparenz verlangt werden. Ein Zeitplan, der zumindest in seinen Zielvorstellungen eindeutig ist, und insbesondere eine Richtung, wohin es gehen soll mit dem Programm zur Abschaffung aller Einschränkung unserer Rechte. Egal, wie das Danach aussieht – der Jetzt-Zustand darf nicht so bleiben, der Ausnahmezustand darf nicht zum Normalfall werden. 

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„Coronoia“ – ein Mini-Noir-Filmchen von und mit Robert Sigl. Kamera: Rostislav Stepanek, Musik: Markus Urchs. Auf Youtube. | Screenshot

Lauter gute Nachrichten: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 14. 

 

„Gründonnerstag 29 März 2018. Der Frankfurter Hauptbahnhof wurde von milder Abendsonne geflutet, die wartenden Passagiere an Gleis 9 warfen lange Schatten. Auf die Minute pünktlich um 18 Uhr 30 fuhr Tanja Arnheim mit ICE 375 aus Berlin ein. Als Jerome Daimler, der eine Tüte mit frischen Backwaren in der Hand hielt, Tanja auf Höhe des Bistros aussteigen sah, überlegte er für einen Moment, ob er ihr entgegen laufen sollte, aber dann fand er es charmanter, einfach stehen zu bleiben.“
Leif Randt: „Allegro Pastell“, Anfangssätze

 

Ein Prozent aller Deutschen ist gerade infiziert. Auch wenn morgen Karfreitag ist und es da noch die ganze Zeit ums Opfer geht, bevor danach dann die Wiederauferstehung dran ist, möchten wir uns heute mal auf ein paar gute Nachrichten konzentrieren. 

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Wer kennt Robert Sigl? Vermutlich viel zu wenige von Euch, die jetzt lesen. Denn Sigl ist einer der großen Unbekannten des deutschen Kinos, und das selbstredend zu Unrecht. Jetzt hat der Münchner Regisseur einen schönen witzigen stillen Kurzfilm gemacht. Er heißt „Coronoia“, und steht auf YouTube.

Das ist eine gute Gelegenheit, um nachdrücklich auf Sigl Regiedebüt hinzuweisen. Es heißt „Laurin“ und hätte es damals die verdiente Aufmerksamkeit bekommen – die deutsche Filmgeschichte wäre anders und vermutlich besser verlaufen. 

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Endlich macht mal einer wieder klare Ansagen, was noch geht oder nicht. Die Münchner „Bild“ hat’s heute getitelt. | Screenshot

Die Schönen, die Reichen und die Mächtigen. Und Super-Söder: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 13. Von Rüdiger Suchsland

„Gerechtigkeit sei eine Folgeerscheinung von Erfolg. Immer sei die gerechte Sache identisch mit der erfolgreichen. … Recht und Ethik, behaupte ein gewisser norddeutscher Philosoph namens Immanuel Kant, stünden außer jeden Verhältnisses: Recht und Boden aber, Recht und Klima, Recht und Volk, das meine er, der Otto Klenk aus München, die seien zweieinig, nicht zu trennen.“
Lion Feuchtwanger, „Erfolg“

 

„Bald wieder Fans im Stadion?“ Das sind doch tröstliche Aussichten! Nun erreicht darbende Fußballfans die wohl wichtigste Nachricht der letzten Wochen. Wenn alles gut läuft wird es bald nicht nur wieder Bundesliga-Fußball in Form von Geisterspielen geben, sondern auch echte Fans im Stadion. Denn der Mediziner Fritz Sörgel will in einer, wie es heißt „noch nie dagewesenen Studie“ Dauerkartenbesitzer von Bundesligavereinen auf Corona-Antikörper testen. Damit soll überprüft werden, wie hoch die Infizierung der Fans mit dem Corona-Virus ist, und ob der Fußball wirklich als Verstärker des Virus fungiert. 

Sörgel ist Professor für Pharmakologie und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er könnte zum Retter der Fans werden. Denn er will eine Studie an Dauerkartenbesitzern durchführen, um bald wieder Konzerte, Theatervorführungen, Lesungen und eben auch Fußballspiele vor Publikum möglich zu machen. 

Sörgels Argument ist sachlich, aber auch psychologisch: Wenn man den Leuten ein Jahr lang verbietet, auf Konzerte zu gehen, sollte man das mit Daten belegen können“, sagt Sörgel in der „Zeit“: „Auch wir Mediziner sollten uns fragen: Wie kriegen wir es in den Griff, dass das Volk nicht durchdreht?“

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Und was kommt dann? Im „After Corona Club“ des NDR debattieren Fachleute aus Psychologie und Wirtschaft, Soziologie und Politik, Wissenschaft und Medizin über unsere Zukunft. | Screenshot

Zuballern im tollen Netz: Bazooka halt. Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 12.

„Ich kann und will mein Gewissen nicht nach der diesjährigen Mode maßschneidern.“
Lillian Hellman

 

Was sich gerade ereignet, ist der Wunschtraum eines jeden Verschwörungstheoretikers: Voll-Überwachung, Ausgangsverbote, Bargeld gilt als schmutzig und könnte da kontaminiert auch bald verboten werden … 

Das Bemerkenswerte aber: Dies alles hat mit Verschwörung und Paranoia überhaupt nichts zu tun, denn die Lieblingsfrage des Verschwörungstheoretiker lautet: Cui Bono? Wem nützt es?

Aber auch wenn sich auf diese Frage keine Antworten ergeben, muss man auf der anderen Seite konstatieren, dass viele, die jetzt mit großem Vergnügen dem zustimmen, was die Wissenschaftler sagen und die Regierungen tun, doch ein bisschen in diesem Vergnügen zumindest an altkluge Kinder erinnern, an Heranwachsende, die stolz darauf sind, dass sie alles 150prozentig erfüllen, was die Erwachsenen ihnen vorgeben. Der Stolz, endlich dazu zu gehören, endlich erwachsen zu sein – den kann man in diesem Verhalten auch erkennen. 

Und wer widerspricht, der ist natürlich „kindisch“. 

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In Filmen wie „24 Days later“ hatte die Pandemie noch Unterhaltungswert. In der Wirklichkeit gibt es gute Gründe, zuhause zu bleiben. Aber der verordnete Hausarrest ist auch eine Form der Freiheitsberaubung. | Foto © DNA Film

Maß halten und Maß messen: Apokalyptiker & Integrierte: Gedanken in der Pandemie 11.

„Made the scene/ Week to week/
Day to day/ Hour to hour/
The gate is straight/ Deep and wide“
The Doors

„Handeln, im Unterschied zum Herstellen, ist in Isolierung niemals möglich; jede Isoliertheit, ob gewollt oder ungewollt, beraubt uns der Fähigkeit zu handeln.“
Hannah Arendt, „Vita Activa“

 

Es wird nicht leichter. Drei Wochen im Ausnahmezustand. Ein soziales Experiment. Ein Stresstest. Solche Beschreibungen habe ich schon von Freunden gehört – alles Euphemismen. Denn im Grunde genommen ist dieser erzwungene Hausarrest, und Sozialarrest natürlich eine Form der Freiheitsberaubung. Mit der Gewalt des Rechts und den Mitteln der Staatsmacht: Geldstrafen, Anzeige, Haft, etc. Sie mag ja aus guten Gründen geschehen, sie hat bestimmt auch die Mehrheit der Bürger hinter sich. Aber Demokratie ist eben etwas anderes, als die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit, sie bleibt immer noch der Schutz von Minderheiten gegen die Gewalt und Willkür der Vielen. Und dass die Vielen mit ihrem Schutz und ihrer Gesundheit argumentieren, und die Mehrheit der Wissenschaftler hinter sich haben, ist hier kein Gegenargument.
Es ist begründungspflichtig, Freiheit einzuschränken, und der Staat muss begründen, warum es, wenn es für Menschen angeblich gefährlich ist, sich außer Haus aufzuhalten, nicht genügt, all das auf freiwillige Basis zu stellen. Wer Angst hat, kann ja zuhause bleiben, und soziale Kontakte meiden. Klar: Das Gegenargument lautet, dass man die Anderen gefährdet.
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„Ich bin dafür. Muss aber nicht“, sagte ausgerechnet Loriot über den Humor. Sein rotes Sofa steht jetzt als Dauerleihgabe im Haus der Geschichte in Stuttgart. | Foto © SWR, Hugo Jehle

Wo bleiben die Corona-Witze? Die Humorbeilage zum Wochenende: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 10. 

„Warum sehen Aspirintabletten anders aus als Leguane? Weil sonst, stellt euch bloß mal vor, was dann passieren würde.“
Umberto Eco, „Nullnummer“

„Only connect.“
E. M. Forster

 

Die Sache mit dem Klopapier. Es leicht, darüber Witze zu machen, aber langsam stinkt sie doch ein bisschen – wobei „stinkt“ hier vielleicht nicht der ideale Ausdruck ist … Jedenfalls: Auch drei Wochen nach Beginn des Ausnahmezustand fehlt in den Supermärkten und Drogeriemärkten zumindest in Berlin-Mitte immer noch Klopapier. Wahrscheinlich gibt es am Morgen mal in paar Rollen, aber die sind dann 20 Minuten später abverkauft. Was soll man nun damit machen? Zwar werden Politiker, Funktionäre und Dienstleister auf allen Ebenen nicht müde zu betonen: Es gibt keine Engpässe. Die Versorgung ist gesichert. Aber der Blick ins Supermarktregal spricht das Gegenteil. 

Woran liegt das? Analfixierung der Deutschen, sagen die Psychologen, und verweisen darauf, dass in Frankreich genug da ist, während dort angeblich immer Rotwein und Kondome ausverkauft sind. Was die Frage aufwirft, wann der Rotwein getrunken wird, vorher oder nachher?

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Das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird für seine Berichterstattung in der Krise gelobt. Doch es gibt auch Kritik daran. | Screenshot

Die Pandemie der Medien: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 09.

 

„See a clinic full of cynics
Who want to twist the peoples‘ wrist
They’re watching every move we make
We’re all included on the list
The lunatics have taken over the asylum
The lunatics have taken over the asylum“
Funboy Three „The Lunatics“

„Der öffentliche Rundfunk darf sich über höhere Reichweiten freuen, doch sollte man sich nicht feiern oder gar sich selbst für systemrelevant erklären, gar preisen lassen. Denn welchem ,System’ dient man?“
Otfried Jarren, Medienforscher

 

Vor dem Virus habe ich überhaupt keine Angst. Wovor ich Angst habe, ist vor der Angst der Leute. Davor, wie eine Gesellschaft sich verrückt macht. 

Dass öffentlich-rechtliche Sender in den Panik-Modus umschalten und selbst einen Programm-Ausnahmezustand aus permanenten Sondersendungen etablieren, anstatt wenigstens in ihrem Programm Normalität, und das heißt dann auch Vielfalt und Diversität weiterzuführen, ist traurig. Es ist auch erschütternd, weil es den Ausnahmefall in einen Normalfall überführt, und auf Dauer stellt.

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Die Aufgabe ist aber nicht, die fünfte Variante der Merkel-Rede zu publizieren, sondern die Aufgabe ist die, nachzufragen, wo Nachfragen nötig sind. Und da zu kritisieren, wo es vielleicht Gründe gibt, zu kritisieren. Die Aufgabe ist die, das Haar in der Suppe zu finden, und nicht die, der Bevölkerung zu erklären, warum die längst missglückte Suppe es doch vielleicht wert ist, getrunken zu werden. 

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Deutsche Eltern schreckt das Bild. In Schweden setzt man auf die eigene Verantwortung. So vertraut die Politik ihren Bürgern. Das macht auch ein Vergleich der Regierungsansprachen deutlich. | Foto © Archiv

Was heißt Gesellschaft, gegen die Expertokratie und eine Erinnerung an Eva Hesse: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 08.

 

„April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.“
T. S. Eliot, „The Waste Land“

„There are a few crucial moments in life when you have to make sacrifices, not only for your own sake but also in order to take responsibility for the people around you, for your fellow human beings, and for our country.
That moment is now. That day is here. And that duty belongs to everyone.“
Stefan Löfven, Ministerpräsident von Schweden in seiner „Address to the Nation“ am 22. März 2020

 

Die ganz große Eva Hesse ist tot – what a pity. Eine Frau „wie es sie heute nicht mehr gibt“. Oder doch? Jedenfalls eine Mischung aus altmodischer großbürgerlicher Damenhaftigkeit mit einmaliger Ausstrahlung und viel Stil (Tücher von Chanel oder Hermes im Haar, große Sonnenbrillen auch in Innenräumen, Cigarillos in der Hand) und einer scharfen Intellektuellen, die ihr Leben vor allem für einen Dichter aufopferte: Ezra Pound, nach dem Krieg durch seine Sympathien für Mussolini Persona non Grata der europäischen Kultur, bis ihn Hesse, selbst eine radikale Linke, wieder in die Kreise der Avantgarde zurückholte: Durch ihre Übersetzungen und mehrere Bücher mit klugen Interpretationen. Hesse war auch Übersetzerin von T.S.Eliot. 

„Aufopfern“ ist übrigens fast wörtlich gemeint, denn weil man mit Übersetzung und Literaturkritik nicht viel verdient und das Erbe der reichen Diplomaten-Familie offenbar bald aufgebraucht war, lebte Hesse mit ihrem irischen Mann, der bei Siemens angestellt war, in München lange in einer Ein- später einer Zweizimmerwohnung. 

Über diese tolle Frau haben Willi Winkler in der SZ und Hannes Hintermeier in der FAZ zwei schöne, einander ergänzende Nachrufe geschrieben. Lesen könnte man auch noch das Interview, dass Hintermeier vor acht Jahren mit Hesse geführt hat.

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Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Diesen Eindruck hat man manchmal wenn dieser Tage über den schwedischen Sonderweg in Sachen Anti-Corona-Politik gesprochen wird. Da klingen viele Beiträge so, als wüssten alle anderen Bescheid, als wären die Schweden Verantwortungslose, Vollidioten, Hasardeure. Als hätten nicht alle in dieser eskalierenden Krise sich immer wieder korrigieren müssen.

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In der Virus-Krise sucht Schweden einen sehr eigenen Weg. Szenenfoto aus Ingmar Bergmans „Fanny und Alexander“ (1982) | Foto © Tobis

Abgerechnet wird zum Schluss: Die agile Hauptrisikogruppe, das schwedische Modell, und ein Krisenstab im Sender: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 07. 

„Es ist besser, im Stehen zu sterben, als auf den Knien zu leben.“
Alexander Lukaschenko, Staatschef von Weißrussland

 

In Krisenzeiten kümmern sich Chefs und Auftraggeber in sehr unterschiedlicher Weise um ihre Mitarbeiter. Im Medienfeld finde ich gerade den WDR vorbildlich. Vielleicht durch leidige Erfahrungen mit motorradfahrenden Omas und dem schwachen Umgang mit hausinternen, anonymen #MeToo-Beschuldigungen schlauer geworden, bekommen Mitarbeiter fast täglich eine umfangreiche Informationsmail mit einem Update vom eigens eingerichteten Krisenstab. 

Sechs positiv getestete Kollegen seien in Quarantäne, erfährt man da, bekommt Hinweise für Ausfallhonorare und anteilige Bezahlung bei Projekten, die nicht fertiggestellt werden können. Freie Mitarbeiter können bei der Personalabteilung ein Darlehen beantragen. 

Außerdem wird gebeten „da wir alle die WDR Server schonen sollten“, keine Videokonferenzen abzuhalten, da diese zu viel Datenmenge brauchen. Stattdessen rät der Krisenstab zur Audiokonferenz per Skype oder Festnetz und Handy. 

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Bücher und DVD gibt’s nicht nur bei Amazon. Auch klassisch Buchhandlungen bieten Telefon- und Onlinebestellungen mit Lieferservice an. Nicht nur in den Metropolen. | Foto © Buchhandlung Collibri

Wenn der Notfall da ist, kann man ihn nicht vorbereiten. Handeln kann man aber trotzdem: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 06.

„Unsere Körper pulsieren im Beat der Angst.“
Sasha Marianna Salzmann 

 

Hattet ihr, liebe Leser, ein angenehmes Wochenende? Wie ist es auf der Insel namens Corona-Island? Sonnig am Samstag, kalt am Sonntag. Wer hat den Online-Gottesdienst besucht, für wen war es ein Werktag im Heimat-Büro, äh Home Office? Wer ist rausgegangen und wer kommt schon auf zweistellige Tage im geschlossenen Pandemie-Knast? In den 70er-Jahren kam bei der politischen Linken, die mit den „politischen Gefangenen“ der RAF sympathisierte, der Ausdruck „Isolationsfolter“ auf. Wenn man denen gesagt hätte: Das ist doch „Social Distancing“, das würde uns allen ganz gut tun, hätte es zynisch geklungen. Heute meinen das nicht wenige ernst – jedenfalls den letzten Satz. Bin gespannt, wann der Ausdruck „Isolationsfolter“ wieder in Mode kommt. Kann nicht mehr lange dauern – wetten das?

Und für wen ist Corona-Island wie ein Gang in eine riesige Bibliothek oder Mediathek? Oder bleibt man einfach im Bett? Schon Lagerkoller? 

Ein bisschen entwickelt man wohl auch das Gefühl einer Weltraumfahrt: Völlig losgelöst, von der Erde, fliegt das Raaaaauuuumschiff …“ Man kann sich verlieren – keine Ground Control für den Major Tom in uns allen. Das Lied von David Bowie habe ich am Samstag gehört, ein Lokal, das in Berlin-Mitte Straßenverkauf macht, hatte gedacht: Da machen wir doch gleich noch Samstagsnachmittagsdisko für die ganze Straße.Immerhin war die Musik gut.

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Jeder Zyniker ist nur ein enttäuschter Moralist, lässt Susanne Heinrich in ihrem Film „Das melancholische Mädchen“ sagen. Nein, ein Zyniker will unser Kolumnist nicht sein. | Foto © Stadtkino

Lese-, Hör- und Streamingtips fürs blogfreie Wochenende, Hilfe für eine Schauspielerin und ein paar Sätze in eigener Sache – Apokalyptiker & Integrierte; Gedanken in der Pandemie 05.

 

„The streets are that empty. It seems as though the bulk of the city has retreated to their quarters, rightfully so. At this time, it seems very poignant to avoid all public spaces. Even the bars, as I told Hemingway, but to that he punched me in the stomach, to which I asked if he had washed his hands. He hadn’t. He is much the denier, that one. Why, he considers the virus to be just influenza. I’m curious of his sources.“
Der US-Schriftsteller F. Scott Fitzgerald über sich und seinen Freund Ernest Hemingway während der Spanischen Grippe – leider zu schön, um wahr zu sein.

 

Fake News gibt es viele. So auch leider, leider dieses wunderbare Zitat von Francis Scott Fitzgerald, das in den letzten Tagen durch die Medien geisterte. Auch die „Taz“ ist ihm aufgesessen, reagiert aber souverän: „Warum soll man denn Fakes vergessen, Non-Fakes aber nicht? Das war mal genau andersherum: Als Romane noch buchstäblich ergreifend waren, und Zeitungen eher was für den ebenso schnell- wie leichtgläubigen Plebs.“ schreibt „Taz“-Autor Ralf Sotschek. Recht hat er.

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Eigentlich wollte ich heute mal nur über schöne Dinge schreiben. Aber das ist nicht ganz so einfach in Corona-Zeiten. 

So muss ich zuerst eine Schauspielerin erwähnen, der es gerade nicht gut geht, nicht zuletzt in der Hoffnung dass wir alle ihr helfen können. Es handelt sich um Halima Ilter. Sie kommt aus Berlin und ist Deutsche. In den letzten Wochen hat sie im kurdischen Teil des Irak (oder im irakischen Kurdistan, das ist egal jetzt) mit einer spanischen Crew einen Film gedreht. Jetzt wollte sie zurück, alle Flüge sind gecancelt, und das deutsche Konsulat in Erbil hat sich (anscheinend auch in nicht eben freundlichen Worten) geweigert, ihr zu helfen oder auch nur Unterkunft zu besorgen – warum auch immer. Nun muss sie im spanischen Konsulat wohnen. 

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In Wolfgang Petersens „Outbreak“ ließ sich die Pandemie noch in 127 Minuten besiegen. Das war 1995. | Foto © Warner Brothers

Von kommenden Dingen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 04. 

„Wir sind gesessen, ein leichtes Geschlechte / In Häusern, die für unzerstörbare galten
(So haben wir gebaut die langen Gehäuse des Eilands Manhattan
Und die dünnen Antennen, die das atlantische Meer unterhalten). 

Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie / Hindurchging, der Wind!
Fröhlich machet das Haus den Esser: Er leert es. / Wir wissen, daß wir Vorläufige sind /
Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes. 

Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich /
Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit
Ich, Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen /
Aus den schwarzen Wäldern in meiner Mutter in früher Zeit“
Bertold Brecht

 

„Wenn die Ressourcen nicht ausreichen, muss unausweichlich entschieden werden, welche intensivpflichtigen Patienten akut-/intensivmedizinisch behandelt und welche nicht (oder nicht mehr) akut-/intensivmedizinisch behandelt werden sollen. Dies bedeutet eine Einschränkung der sonst gebotenen patientenzentrierten Behandlungsentscheidungen, was enorme emotionale und moralische Herausforderungen für das Behandlungsteam darstellt.“
Empfehlungen zur Ressourcenzuteilung in Notfall- und Intensivmedizin bei Covid-19-Pandemie

Als ich gestern über die wattierte Melancholie dieser Tage geschrieben habe, meinte ich: Die dumpfe Erwartung des Kommenden. Das seltsam Irreale des Geschehens. Die coole Apokalyptik, die zum Beispiel das oben zitierte Brecht-Gedicht durchzieht. Die coole Pragmatik der Handlungsempfehlungen für Intensivmediziner.

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