Im Kino klappt’s irgendwie besser mit dem Impfen. Szenenfoto aus „Outbreak – lautlose Killer“ von 1995. | Foto © Warner Bros.

Die Welt im Orientexpress: Wohlstand tötet; ein Jahr Ausnahmezustand und endlich wieder harter Lockdown – Rüdiger Suchslands „Gedanken in der Pandemie“ – Folge 107 auf „Out-takes“.

„Qui mori didicit servire dedidicit“ („Wer zu sterben gelernt hat, zu dienen verlernt hat.“)
Seneca 

„Der Rechtsstaat hat nicht zu siegen, er hat auch nicht zu verlieren, er hat zu existieren.“
Helmut Schmidt, Bundeskanzler 1974-1982

„Wir versuchen jetzt, die Brücken zu bauen, aber wir wissen auch nicht, wohin wir die genau bauen. Also, das Ufer sehen wir ja auch nicht.“
Angela Merkel, Bundeskanzlerin 2005-2021

„I look at the world and I see all absurdity all around me. People do strange things constantly to the point that for the most part we manage not to see it.“
David Lynch

„And here you start to get a sense of the challenges that our medical mathematicians must contend with.“
Siddhartha Mukherjee, Mediziner

 

Ein Jahr Corona. Seit Ausbruch des Virus hat es 124 Millionen 120.424 nachgewiesene weltweite Covid_19-Fälle gegeben. Nur 2.731.715 verliefen tödlich. (Quelle: Worldometer vom 22.03.2021; auch für alle folgenden Zahlen) Das sind gerade mal 2,2 Prozent aller Fälle. 

Erstaunlich ist hier vor allem der Vergleich zwischen Europa und dem Rest der Welt. Japan hat nur 70 Tote pro 1 Million Einwohner, Bangladesch nur 53, Pakistan 62, und selbst das in den Städten enorm dicht besiedelte Indien nur 115 Tote – in Europa liegen die Zahlen zehnmal so hoch. 

Es scheint ein globales Mysterium zu sein: in den ersten Monaten der Pandemie musste man fürchten, dass es die meisten Toten in der Dritten Welt geben würde, etwa in den vollkommen überfüllten Slums indischer Megastädte. Eine falsche Annahme. Denn heute steht fest: die Zahlen sind in allen vermeintlich armen und unterentwickelten Ländern viel niedriger als in Europa oder den USA, oder in einem sogenannten Schwellenland wie Brasilien.

Woran liegt das? 

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Gewidmet hat sich dieser Frage unter anderem jetzt Siddhartha Mukherjee, ein indischer Arzt und Medizin-Wissenschaftler, der mit seinem Buch „The Emperor of All Maladies“ den „Pulitzer-Preis“ gewann und einen Weltbestseller landete. 

In einem ausführlichen 40.000-Zeichen-Essay im „New Yorker“ schreibt Mukherjee jetzt über das „Mysterium“: „And there lies an epidemiological mystery. The usual trend of death from infectious diseases?malaria, typhoid, diphtheria, H.I.V.?follows a dismal pattern. Lower-income countries are hardest hit, with high-income countries the least affected. But if you look at the pattern of Covid-19 deaths reported per capita?deaths, not infections?Belgium, Italy, Spain, the United States, and the United Kingdom are among the worst off. The reported death rate in India, which has 1.3 billion people and a rickety, ad-hoc public-health infrastructure, is roughly a tenth of what it is in the United States. In Nigeria, with a population of some two hundred million, the reported death rate is less than a hundredth of the U.S. rate. Rich countries, with sophisticated health-care systems, seem to have suffered the worst ravages of the infection. Death rates in poorer countries?particularly in South Asia and large swaths of sub-Saharan Africa?appear curiously low. (South Africa, which accounts for most of sub-Saharan Africa‘s reported COVID-19 deaths, is an important exception.).“

Es ist ein faszinierender Text. Es macht Spaß, ihn zu lesen und man lernt eine ganze Menge. Denn es ist auch ein optimistischer Text. Alleine schon die Neugier und Lebensfreude, mit denen der indische Arzt den größten Slum in seiner Heimatstadt beschreibt: „Dharavi, in Mumbai, is Asia‘s largest slum: a million residents live in shanties, some packed so closely together that they can hear their neighbors‘ snores at night. When I visited it a few years ago, open drains were spilling water onto crowded lanes. The tin roofs of the houses overlapped one another like fish scales; a roadside tap dripped a brown fluid that passed for potable water. When a toddler ran out from an open door onto the street, a neighbor caught him and lifted him up. Someone in the family?I counted six people in a single room, including an elderly couple?sent another child to retrieve him. In that episode alone, I later realized, I had witnessed at least nine one-on-one contacts.“

Mukherjee beschreibt dann Fälle, in denen alte Menschen nur leicht erkranken und innerhalb von vier Tagen wieder in normalen Zustand sind. Keine Ausnahme, sondern de Regel – und eine optimistische Botschaft!

„Nigeria was predicted to have between two hundred thousand and four hundred and eighteen thousand Covid-19 deaths; the number reported in 2020 was under thirteen hundred. Ghana, with some thirty million residents, was predicted to see as many as seventy-five thousand deaths; the number reported in 2020 was a little more than three hundred.“

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Was aber ist nun die Lösung des Rätsels? Warum so wenig Tote in den arme Ländern? Die Lösung: Es gibt keine. Genau gesagt: Es gibt nicht eine, sondern viele. 

Natürlich spielt der demografische Faktor eine Rolle. Aber Mexiko zum Beispiel hat eine ähnliche Bevölkerungsstruktur wie Indien: Wenig Alte, viele Junge. Aber es gibt dort zehnmal so viel Tote. 

Liegt es vielleicht daran, wer mit wem zusammen wohnt und wie viele? Offensichtlich kann die Enge eines Haushalts keine Ursache sein, denn sonst gäbe es in Indien viel mehr Tote. Allerdings spielt offensichtlich eine Rolle, dass in armen Ländern die Menschen viel weniger Zeit zu Hause verbringen und viel mehr Zeit an der frischen Luft. Mukherjee schreibt darüber, dass ein Drittel aller Toten in den Wohlstandsländern in Altersheim und Pflegeheim angesteckt wurden. 

Man möchte darüber nicht reden, denn zumindest in Deutschland glaubt man offenbar, dass die Konzentration auf Alte und Pflegebedürftige irgendetwas mit Selektion zu tun hätte, und dass es irgendwie ungerecht wäre, wenn man die Alten und Pflegebedürftigen isolierte oder „aussortierte“. Tatsächlich ist es ungerecht aber genau andersrum: Die Gleichbehandlung ist das Ungerechte! Dadurch, dass wir die Alten und Pflegebedürftigen nicht besonders schützen, geben wir sie zum Sterben preis.

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Mukherjee zitiert zunächst William von Ockham, das Vorbild für Umberto Ecos Philosophen-Detektiv William of Baskerville. Der ist dafür bekannt, dass er gesagt hatte, wenn man die Ursache für ein Ereignis sucht, dann sollte man sich auf die einfachste Theorie konzentrieren, und möglichst keine exzentrischen Hypothesen vertreten.

Aber dann kommt er auf Agatha Christie, und zitiert ihren berühmten Roman „Mord im Orientexpress“. Dort wird eine Leiche gefunden, die von mehr als einem Dutzend Stichwunden durchbohrt ist. Hercule Poirot, der Meisterdetektiv an Bord des Zuges, scheitert mit allen Erklärungsversuchen. Irgendwann begreift er, dass der Mord ein lange geplanter Akt kollektiver Rache war: Es gab nicht einen Mörder, sondern eine Vielzahl von Mördern. Mukherjee schlussfolgert, dass dies genau die plausible Erklärung für die Wirkung des Coronavirus ist. Es gibt nicht eine Ursache für hohe Todeszahlen, sondern viele:

„Die Covid-19-Pandemie wird uns viele Lektionen lehren – unter anderem über virologische Überwachung, Immunologie, Impfstoffentwicklung und Sozialpolitik. Eine der Lektionen betrifft nicht nur die Epidemiologie, sondern auch die Erkenntnistheorie: die Theorie darüber, wie wir wissen, was wir wissen. Epidemiologie ist keine Physik. Der menschliche Körper ist kein Newtonscher Körper. Wenn es um eine Krise geht, die soziale und biologische Kräfte kombiniert, tun wir gut daran, das kausale Patchwork anzuerkennen.“

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In Deutschland sind die Zahlen mit nur 897 Corona-Toten auf eine Million Gesamtbevölkerung relativ günstig im EU-Vergleich (zum Beispiel Österreich: 1005; Frankreich: 1417; Spanien: 1573), andererseits auch viel schwächer als zum Beispiel Dänemark (414). Erst recht als in Russland (653) oder der Türkei (354), deren Regierungen man unterstellt, mit den Zahlen nicht ehrlich umzugehen, und sie zu manipulieren. 

Ein besonderer Fall ist Serbien. Das Nicht-EU-Mitglied, das zweifellos eine weitaus schlechtere Gesundheitsversorgung hat und viel weniger Geld als die Wohlstands-Länder Westeuropas, hat mit nur 570 Toten auf 1 Million die besten Zahlen in Zentraleuropa. 

Der Osteuropa Vergleich ist fast noch aufschlussreicher, denn dort sind die Zahlen ansonsten überdurchschnittlich schlecht: Polen: 1305; Tschechien: 2314; Slowakei: 1667; Ungarn: 1913; Rumänien: 1163; Bulgarien: 1739; Kroatien: 1416; Slowenien: 1912; Bosnien Herzegowina: 1818; Montenegro: 1923.

Machen die Serben möglicherweise etwas richtig? Kann es sein, dass sie sogar etwas besser machen, als die unanfechtbare großartige Kanzlerin Mutti Angela Merkel und ihr herausragender Gesundheitsminister Jens Spahn? Nein! Das kann nicht sein!! 

Es muss einfach daran liegen, dass die Serben nicht Mitglied der EU sind, und im Gegensatz auch zu allen ihren Nicht-EU-Nachbarländern den chinesischen Impfstoff verwenden, den die EU bisher noch nicht mal versucht zuzulassen. 

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Das arme Land am Rande der Europäischen Union hat bislang zweieinhalb Mal so viel Menschen seiner Bevölkerung geimpft als Deutschland. Und das obwohl dort die medizinische Infrastruktur am Boden liegt, Tausende von Ärzten das Land verlassen haben – allein über 2000 serbische Ärzte arbeiten in Deutschland – und es von den hier verwendeten Impfstoffen so gut wie nichts bekommen hat. Stattdessen setzt man in Serbien auf den chinesischen Impfstoff! Eine Million Dosen haben die Chinesen geliefert, und auch sonst ist der serbischen Regierung jede Hilfe hochwillkommen. 

Sogar die traditionell serbenkritische und bundesregierungstreue „Taz“ berichtet nun über das „Impfschlaraffenland“ Serbien.

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Die Folge ist, dass sogar Deutsche nach Serbien fliege, um sich dort impfen zu lassen. Ud wiederum die Folge davon ist Trash-Journalismus, wie dieser Beitrag auf RTL. 

Vollkommen schleierhaft ist mir nun aber, warum sich der RTL-Reporter dann nicht impfen lässt, sondern sich, zumindest in diesem Film, in der letzten Sekunde allem verweigert. Muss man das? Muss man hier ein deutscher Gutmensch sein und sich „nicht vordrängeln“? Oder ist man nicht in Wahrheit ein Exploitation-Reporter des Resterampe-Senders, der dem Gesundheitspersonal und den Behörden dort die Zeit stiehlt und sich noch toll vorkommt, einen reißerischen Bericht „mit schrecklichem Ergebnis“ nach Hause zu bringen?

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Vor einem Jahr begann der erste Lockdown – „der ja keiner war“ (Anne Will) – und mit ihm unser Leben in einem gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und juristischen Ausnahmezustand.

Man kann alles Mögliche daran schönreden, aber es gibt nicht viel zu verteidigen. Das einzige was für diesen Ausnahmezustand spricht, ist, dass er möglicherweise Menschenleben rettet, Leben von Menschen die sonst gestorben wären. Möglicherweise! Und dass niemand bisher einen wirklich besseren Weg kennt, um diese Leben zu retten. 

Ob der Ausnahmezustand und die mit ihr einhergehenden Pandemieeindämmungsmaßnahmen am Ende wirklich Erfolg haben, ist aber einstweilen völlig offen. Denn keineswegs ist entschieden, ob nicht andere mögliche Wege innerhalb des Handlungsspielraums von Demokratien eine bessere Alternative darstellen. 

Wir müssen hier wieder einmal auf Schweden kommen, dem Land, das alles anders macht als die anderen, und dem dieser andere Weg viel mehr Freiheiten und weit weniger wirtschaftliche Schäden beschert – das dies aber mit höheren Todeszahlen (auf die Bevölkerung gerechnet) erkauft. Allerdings – und auch das  Fakt – nähern sich unsere Todeszahlen denen der Schweden seit Monaten ständig an. Die leichte schwedische Übersterblichkeit des letzten Jahres hat ihre Ursachen vor allem in den ersten Monaten der Pandemie. In der zweiten Jahreshälfte und in den ersten Monaten des Jahres 2021 starben in Schweden im Durchschnitt weniger Menschen als in Deutschland. 

Außerdem mag es nach wie vor eine unbequeme Wahrheit sein, aber wir müssen uns dieser Wahrheit trotzdem stellen: Dass die meisten Menschen, die an Corona gestorben sind, über 80 Jahre alt waren, und viele von ihnen im vergangenen Jahr sowieso gestorben wären, nur an anderen Krankheiten, oder einfach an Altersschwäche.

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Es ist erstaunlich, wie wenig sich in diesem einen Jahr geändert hat! Es ist traurig, wie wenig wir gelernt haben!! Es ist bezeichnend als wie unbeweglich wie denkfaul und wie Realität verweigern sich unsere – die deutsche, die europäische, die demokratische– Gesellschaft in diesem einem Jahr gezeigt hat erwiesen hat!!!

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Der Lockdown wiederholt sich, und mit diesem Wiederholungen hat man selber auch das Gefühl, sich ständig zu wiederholen. Es gibt Momente, an denen ich in diesem Blog schreibe und mich frage ob ich nicht das Gleiche schon mal geschrieben habe oder schon zehnmal. Und wahrscheinlich habe ich das auch. Aber was soll man tun? Auch die Regierungs-Verlautbarungen auch die Pressekonferenz und von Söder, Laschet und Konsorten, sind immer dieselben. Und deswegen müssen auch die Gegenreden und Einsprüche dieselben sein. Sie müssen es vielleicht erst recht sein – in einem gesellschaftlichen Zustand, in dem die Menschen gefühlt sich jeden Tag weiter in die alltäglich gewordenen Freiheitseinschränkungen einfinden, in dem jeden Tag weniger rebellisches Potential und Bürgerrechtssinn in der Bevölkerung vorhanden ist. 

Stattdessen wird in jeder Ecke etwas schön geredet. Und diejenigen, die da nicht (mehr) mitmachen wollen, die landen meistens in Resignation oder einer bleiernen Melancholie. Die wenigen, die ihre Emotionen schlechter beherrschen können, die über weniger Manieren verfügen (oder hier verfügen wollen), oder die einfach wütend sind, werden dann von der Gesellschaft, insbesondere von ihren Institutionen in Politik und Medien diffamiert. Sie werden als „Corona-Leugner“ geschmäht, werden pauschal mit Rechtsextremisten in einen Topf geworfen – als ob das nicht viel zu einfach wäre.

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Am flexibelsten und diesem Sinne am krisenfestesten sind ausgerechnet die Briten und die Schweden. Ausgerechnet! Man muss sie beide nicht mögen, und ich hätte es zumindest von den Schweden nicht erwartet, aber beides sind Gesellschaften, die sich jetzt im Unterschied zum übrigen Europa als flexibel und pragmatisch erweisen. Die in der Lage sind, auf die Krise elastisch zu reagieren, und ihren politischen Kurs immer wieder vergleichsweise unideologisch an die Gegebenheiten anzupassen. Dazu gehört unter anderem auch, sich nicht mit so vielen Prinzipienfragen aufzuhalten.

Ganz anders wir. 

Realitätsverweigerung ist Trumpf.

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Ich schreibe das jetzt nicht um euch zu haben, aber um doch einige skeptische Leser daran zu erinnern, dass ich mir hier in diesem Ort immer schon die Mühe gegeben habe, den Tatsachen nüchtern ins Auge zu sehen. Vor einem Jahr am 26.03.2020, in der vierte Folge dieses Blogs, schrieb ich: „Wir wissen sehr genau, dass der Sturm erst noch kommen wird. Wir wollen es uns nicht eingestehen, aber wir können es auch nicht verdrängen. … [unsere] Gesellschaft ist es nicht gewohnt, Opfer zu bringen, weil sie es nicht musste. Sie ist es schon gar nicht gewohnt, sich selber zu opfern, ihre Angehörigen, einzelne Menschen.  Wir alle konnten es uns jahrzehntelang nicht vorstellen, uns selbst zu opfern, unser Leben hinzugeben, schon gar nicht für die Gesellschaft, den Staat, die Nation. Wir sind es auch nicht gewohnt, über andere Menschenleben zu entscheiden, über Leben und Tod. Zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht. Es beginnt schon damit, dass sehr viele Menschen, die heute leben, noch nie einen Toten gesehen haben, erst recht nicht einen Menschen, der stirbt. 

Das alles ist schön für uns. Aber es könnte der Moment kommen, wo genau das nötig ist. Im Zweifelsfall kommt der Moment, an dem Menschen unserer Gesellschaft (wir selbst?) zumindest unser Leben riskieren müssen, um andere Menschenleben zu retten. Oder an dem wir zwischen Menschenleben entscheiden müssen. 

Es sind Situationen, die wir bisher nur aus dem Kino kennen. 

Es ist bemerkenswert, wie sich unsere Debatte jeden Tag der Diskurs ein bisschen weiter verschiebt in die genannte Richtung von Entscheidungen über Leben und Tod, von Entscheidungen, bei denen bestimmte Teile der Gesellschaft gegenüber anderen geopfert werden. Das es leider auch bei uns viele Tote geben wird; darauf werden wir gerade – sehr klug, sehr schonend – öffentlich vorbereitet.

Dass man besser wie in Italien Menschen sterben ließe, wie einige vorlaut schnell reagierten, sagt die Liberale nicht, und dies ist auch nicht die logische Folge ihrer Gedanken. Die Leute sterben, obwohl es in Italien strenge Sperren gibt – weil eben das Gesundheitssystem schlechter ausgestattet ist.

Dass die Zahlen zurückgehen, ist eine Hoffnung, dass Grundrechtseinschränkungen dabei helfen, eine Behauptung, und „wozu führt das alles?“ eine legitime Frage, mit der sich zu viele gerade nicht auseinandersetzen wollen, weil die Antwort unbequem ist.“

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Schon damals ging es darum, ob der Preis des Shutdowns nicht zu hoch ist. Oder ab wann er das wäre? „Nimmt man beide Fragen zusammen, dann ergibt sich: Der Shutdown ist nicht bedingungslos. Die Argumentation des Anfangs, nach der der Shutdown eben so lange gehen werde, wie es dauert, die Infektionskurve abzuflachen, ist schon zusammengebrochen. Denn wir wissen: Das wird nicht gelingen. Es war eine fromme Hoffnung. Irgendwann werden zuviele infiziert sein, um noch alle im üblichen Maß zu versorgen. Und irgendwann wird der Preis zu hoch. Dann wird man abwägen müssen.“

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Die Behauptung von der dritten Welle ist eine Lüge. Es gibt keine dritte Welle, den die zweite ist nie geendet; sie wurde nur abgeflacht. Es gibt kleine Senkungen und Erhebungen, wie Ebbe und Flut, aber kein Ende der Welle.

Seit gut einem Jahr gibt es weltweit nur das eine beherrschende Thema: Coronavirus. In diesen nun gut zwölf Monaten brach hierzulande die Wirtschaft ein, Grundrechte wurden eingeschränkt, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, Schulen und Kitas mussten monatelang schließen, bevor sie nun ab und zu und nur unter scharfen Auflagen wieder öffnen dürfen. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) behauptet nun: „Das sind jetzt noch drei, vier schwere Monate: März, April, Mai, Juni.“ 

So lange habe die Coronavirus-Pandemie starke Auswirkungen auf unser Leben. Diese Einschätzung äußerte Merkel in einem öffentlichen Gespräch, das sie auf digitalem Wege mit Mitarbeitern von Hilfs- und Krisentelefonen führte. Danach würden die Effekte des Impfens deutlich werden. „Dann wird es deutlich besser, aber im Augenblick fällt jeder Tag schwer. Das merkt man ja jedem an.“ 

Der politische Umgang mit der Corona-Krise sei von Ungewissheit geprägt, sagte die Kanzlerin. „Wir versuchen jetzt, die Brücken zu bauen, aber wir wissen auch nicht, wohin wir die genau bauen. Also, das Ufer sehen wir ja auch nicht.“ sagte sie dieser Tage in einem Momet seltener Einsicht in die Konzeptlosigkeit ihrer Politik.

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„Es sind jeweils zivilisatorische Errungenschaften. Man sperrt seine Bürger nicht ein, man erschießt sie nicht an der Grenze, man richtet Verbrecher nicht hin, und man verbietet nicht weite Teile des öffentlichen und kulturellen Lebens, woraufhin Menschen ihre Existenz verlieren, in Armut und Depression abstürzen, und Kinder und Jugendliche ein Jahr oder mehr ihrer Entwicklung versäumen (nicht weil Schule ausfällt, sondern weil ALLES ausfällt).“ Dietrich Brüggemann.

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„Von Reisen, die nicht nötig sind, wird abgeraten.“ Hier geht es schon los mit der falschen Kommunikation der Regierung. Ich möchte von der Regierung keine Ratschläge erhalten. Keine schlechten und auch keine guten. Ich möchte einfach gesagt bekommen, was sie tut, und im schlimmsten Fall irgendwelche Dinge verboten bekommen, wenn es unbedingt nötig ist. Und den Rest, den kann ich und können wir alle selbst entscheiden.

Es ist nämlich weder die Aufgabe der Regierung, noch ist die Regierung in der Position irgendjemandem von uns Ratschläge zu geben.

Sonst könnten wir ja mal anfangen, umgekehrt der Regierung auch ein paar gute Ratschläge zu geben. Zum Beispiel den … aber lassen wir das.

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Diese Kommunikation über mehr oder weniger schlechte Ratschläge entlarvt aber die Haltung. Es ist eine moralische und moralisierende Kommunikation, keine sachliche und politische. Es wird Druck aufgebaut nach dem Motto: Wir können es euch nicht verbieten, aber es wäre halt besser. Und wenn ihr schon in Urlaub fahrt und sei es auch nur von Rostock an die Ostsee, dann glaub bloß nicht, dass ihr euch damit gut fühlen könnt, glaubt bloß nicht, dass wir das irgendwie toll finden. Sondern im Gegenteil: Schämt euch dafür! Schämt euch, dass ihr nicht so viel Selbstdisziplin habt, dass ihr mal zwei Jahre auf Urlaub verzichten könnt.

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Warum soll man ein paar hunderttausend Leute, die nach Mallorca fliegen, jetzt diffamieren?

Jetzt wird wahnsinnig viel Energie darauf verwendet, die Mallorca-Flieger und damit auch die, die jetzt schon nach Mallorca geflogen sind, zu diffamieren und zu schikanieren, also ihnen möglichst Nachtests und zusätzliche Quarantäne-Pflichten aufzuerlegen. Das ist ein Skandal für sich, und reiner Populismus – als ob niemand wüsste, dass das sowieso kaum kontrolliert wird.

Mallorca gibt jetzt allen Ministerpräsidenten die Möglichkeit sich auf zu spielen und auf die Heimat-Trommel einzutrommeln, nach dem Motto: Wenn man nach Malle fliegen darf, warum darf man da nicht in der Lüneburger Heide Urlaub machen? 

Die Frage ist berechtigt, der Anti-Malle-Populismus keineswegs. In der Logik hat das sowieso nur zur Folge dass man auch nicht mehr nach Malle fliegen darf – in der Lüneburger Heide ist man dann noch lange nicht aufschlagen. 

Wir sollten auch nicht vergessen, dass die Grenzen bei uns vorläufig nicht geschlossen sind. Das bedeutet: jeder von uns kann jederzeit sofort mit dem Zug, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad nach Frankreich fahren oder in die Schweiz oder nach Österreich oder nach Dänemark oder in die Niederlande oder nach Belgien oder nach Luxemburg – und in vielen dieser Länder sind die Inzidenzen sowieso niedriger als bei uns. Wo ist also das Problem?

Die Regierenden sollten nicht so viel über Dritte Wellen reden und über neue Risikogruppen, über Mallorca und Ausgangssperren, sondern Konzentration üben.

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50 Prozent der Briten geimpft, keine 10 Prozent der Deutschen geimpft. Das sind die Zahlen. Und warum das alles? Weil unsere Behörden übervorsichtig sind weil sie keine Notfallzulassung machen weil sie alles ganz genau und nach dem Buch machen wollen. Aber das Virus hält sich nicht nach dem Buch. Und wegen 25 Fällen auf 20 Millionen gerechnet macht man einen Impfstoff. Das illustriert die Übervorsicht, von der hier die Rede ist.

Diese Vorsicht kostet nicht nur Geld, sie kostet Leben.

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Dafür dann Vorwürfe von Politikern gegen Fluggesellschaften. Und der alte Fetisch einer „effektiven Kontaktnachverfolgung“ (heute mal Bodo Ramelow). Natürlich wäre eine solche Kontaktnachverfolgung schön. Aber auch wenn sie funktionieren würde und praktisch möglich wäre – was sie nicht tut -, bringt sie überhaupt nichts im Vergleich zu effektivem Testen und zu einem effektiven Schnelltest System. Dies ist die Aufgabe der Politiker insbesondere der Ministerpräsidenten und der Bundesregierung. Und hier versagen sie. Alles andere sind Ablenkungsversuche; Nebelkerzen, Entlastungsangriffe. 

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Wozu müssen Höchstzahlen für erlaubte Treffen festgelegt werden? Wozu muss man festlegen, aus wie viel Haushalten sich Menschen treffen dürfen?

Die Menschen machen sowieso, was sie wollen – und das ist auch gut so!

Genau diese Tatsache ist die einzige, die so etwas wie Evolution am Leben erhält. Wenn die Bundesregierung die Evolution hätte organisieren müssen, statt die Pandemie-Bekämpfung, dann wäre die Menschheit schon in der Steinzeit ausgestorben.

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