Ich hab noch eine Klinik in Berlin … Vorsicht, Nachsicht und das Präventionsparadox: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 33. 

„Ich habe keine Angst davor, zu erkranken. Wovor dann? Vor alledem, was die Ansteckung verändern kann. Davor, zu entdecken, dass das Gerüst der Zivilisation, so wie ich sie kenne, ein Kartenhaus ist.“
Paolo Giordano

„Ich habe keinen Text gefunden, der besagt, dass man nicht mit weniger Maßnahmen den gleichen Effekt erzielt hätte, den man jetzt hat.“
Jakob Augstein

 

Das Erste, das geschlossen wurde, und das Letzte, das geöffnet werden wird – so lautet die neue Definition von Kultur. 

„Systemrelevanz“ hat alle Chancen, das „Unwort des Jahres“ zu werden. Aber wie viele Unworte des Jahres sind derartige Benennungen vor allem Ausdruck der momentanen Moralisierung der Gesellschaft und einer Political Correctness, die die Wahrheit nicht aussprechen möchte, und lieber eine Feensprache bevorzugt. Systemrelevanz ist nämlich ein sehr wahrer, sehr präziser Begriff. Er bezeichnet: Was ist relevant für das System in den Augen des Systems?

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Man muss versuchen, sich ganz unverblümt klarzumachen, es auszusprechen und zu beschreiben, was eigentlich passiert ist. Wir sind überwältigt worden. Es ist über uns gekommen, wie ein Angriff von Außerirdischen. Aliens hätten grundsätzlich nicht viel geheimnisvoller, wohl aber beunruhigender sein können: Unsichtbar, fremdartig, ein „Es“, mit dem man nicht kommunizieren, das man bestenfalls beobachten kann. Plötzlich war es da und plötzlich war alles anders. 

Ich glaube, dass unsere Gesellschaft kollektiv das, was Corona bedeutet, noch gar nicht annähernd zu Kenntnis genommen, geschweige denn verarbeitet hat.

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Heute vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Ein Anlass, sich in den Mediatheken von Arte und ARD den Zweiteiler „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ von Volker Heise anzuschauen. | Foto © ARD

Unterhaltsame moralische Dilemmata absurde Regelungswut und brillante Theorien: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 32.

„Meine Herren, in hundert Jahren wird man einen schönen Farbfilm über die schrecklichen Tage zeigen, die wir durchleben. Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen? Halten sie jetzt durch, damit die Zuschauer in hundert Jahren nicht johlen und pfeifen, wenn Sie auf der Leinwand erscheinen.“
Joseph Goebbels, am 17. April 1945 in einer Ansprache zu seinen Mitarbeitern

„Die Geschäftigkeit der Deutschen ist ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden.“
Hannah Arendt, „Besuch in Deutschland“, 1949

 

„Was tun Sie, wenn Ihnen in Zeiten ausdrücklicher Ausgangsbeschränkung in Berlin die Decke auf den Kopf fällt?“
„Ich fahre nachts oft stundenlang durch das leere Berlin, diesen Anblick werde ich nie wieder vergessen. Die leeren Plätze, die dunklen Restaurants und Cafés, kaum Autos, manchmal ein Polizeiwagen, dann wieder Stille. In dem Film ,Vanilla Sky’ fährt Tom Cruise morgens durch das vollkommen ausgestorbene New York. So kommt es mir vor, ein seltsamer Wachtraum. Ich war am Flughafen und am Bahnhof – es war erschreckend, unwirklich, falsch.“
Ferdinand von Schirach, Jurist und Schriftsteller, in einem Zeitungsinterview.

Heute möchte ich Euch zum Abschluss der Woche ein Computerspiel empfehlen. Das ideale Vergnügen fürs Wochenende. Versprochen! Genau gesagt, sind es sogar ziemlich viele Computerspiele, und sie haben den Vorzug, dass sie uns, wie diese Psychotests in Frauen-, Männer- und Teenagerzeitschriften („Bin ich empathisch?“) auch noch etwas über uns selbst verraten. 

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Manch eine*r gebärdet sich in der Wiederöffnungsdiskussion als Kassandra. Die hatte einst die Trojaner gewarnt, besser kein Holzpferd in ihre Stadt zu schaffen. Wolfgang Petersen hatte den Rest der Geschichte vor 15 Jahren in „Troja“ erzählt. | Foto © Warner Brothers

Selbstbestimmung, Medien: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 31.

„I am just a reporter. I report what I see.“
Graham Greene „The Quiet American“

„So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie.“
Jürgen Habermas 

„Ach!“
Heinrich von Kleist, „Amphytrion“

 

Heute mal gleich zu Anfang ein Filmtip: „Mirage“, das ist nicht nur ein schnittiges französisches Militärflugzeug aus der Zeit, als unsere Väter Koteletten, Cordanzüge und Herrenhandtaschen trugen, uns mit dem Citroën mal eben zum Kiosk fuhren, wo wir uns vom Taschengeld „Michel-Vaillant“-Comics kauften, aus der Zeit also, als Frankreich noch eine ungebrochene Hoffnung verkörperte, nicht nur für Wolfram Siebeck, der abtrünnigen Filmkritiker, der den Deutschen erklärte, dass es jenseits des „Wienerwald“ noch für jede Familie ein Coq au Vin im Topf gab … Ach, diese 70er! Heiko Engelkes aus Paris, Alfred Grosser im Internationalen Frühschoppen, und Didi Thurau im Gelben Trikot bei der Tour de France … Aber ich schweife mal wieder ab. Zurück zur „Mirage“. 

Das ist nämlich auch der Titel eines Hollywood-Films von 1965, der im deutschen Verleih „Die 27. Etage“ heißt, obwohl er manchmal auch auf der 26. und 25. Etage spielt. Ach, diese deutschen Filmtitel! Edward Dmytryk führte Regie, die Hauptrolle spielt Gregory Peck, der schönste Verwirrte des Hollywood-Kinos. Diesmal spielt er einen Mann, der unter Gedächtnisverlust leidet und dem auch sonst allerlei merkwürdige Dinge geschehen. Die Welt ist aus den Fugen: Die zunehmende Unmöglichkeit die Welt zu begreifen, war auch in den 1950er und 60er Jahren schon ein Thema im Kino, dazu braucht man kein Corona, sondern nur die Erinnerung an Hitchcocks „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“, auch so ein deutscher Titel, der die Frage nahelegt, wer denn eigentlich der sichtbare Zweite ist?), oder an Pecks nächsten Film direkt nach Mirage: „Arabeske“, ein, wie ich finde, stark unterschätzter, vor allem visuell bezaubernder Film vom erst im letzten Jahr verstorbenen großen Stanley Donen (1924-2019), der schon als frühreifer Twen mit Musicalklassikern wie „On the Town“ (1949) und „Singin’ in the Rain“ (1952) Filmgeschichte schrieb, und den Rest seines Lebens, also etwa 69 Jahre lang, versuchte, etwas anderes zu machen. Über den mäßigen Zuspruch für diese für Hollywood zu guten Versuche tröstete sich Donen mit fünf Ehen, die sämtlich in Scheidung endeten (die letzte mit 80), und diversen Affairen, unter anderen mit Liz Taylor. 

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„In der Krise gibt es so etwas wie eine Sehnsucht, dass es doch eine bessere Welt gebe“, sagt Alexander Kluge, mit 88 Jahren der schnellste und jüngste unter den deutschen Filmregisseuren. | Foto © Alexander Kluge

Über die Vorzüge der Meinungsverschiedenenheit: Jeder hat seine Pandemie – Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 30.

„Haben wir überreagiert? Haben wir es übertrieben?“
Markus Lanz, 22. April 2020 

„In Notfällen wird man nicht mit Diskussionen anfangen. Aber gleich danach geht es darum, dass man so etwas, was nicht in unseren Körpern steckt, wie die Verfassung, dass man das wieder in Erinnerung ruft. Das ist etwas ganz Wichtiges. […] Es gibt eine Verhältnismäßigkeit.“
Alexander Kluge, Jurist, Autor und Filmemacher

 

Gestern musste alles allzuschnell fertig werden, darum hatte ich vergessen, die Links zu setzen. Denn selbstverständlich gibt es einen Link zu der englischsprachigen Fassung des wunderbaren Textes von chinesischen Regisseur Jia Zhang-ke. Der steht beim „Filmkrant“ in den Niederlanden.

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Auch ein deutscher Filmregisseur hat sich jetzt als erster zu Wort gemeldet. Klarerweise der schnellste und jüngste von allen, der gerade mal 88 Jahre junge Alexander Kluge. 

Im Deutschlandfunk sprach er über sein gemeinsames Buch, das er mit Ferdinand von Schirach in den letzten Wochen geschrieben hat. Neben der Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Einschränkungen und Opfern geht es darum, ob nach der Krise die Dinge überhaupt anders werden sollen. „In der Krise gibt es so etwas wie eine Sehnsucht, dass es doch eine bessere Welt gebe“, sagt Kluge. 

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Warum kommt der substanziellste Grundsatzbeitrag von einem 88-jährigen? Warum ist kein anderer aus der Filmbranche bisher darauf gekommen, dass man die Systemrelevanz des eigenen Schaffens am Besten dadurch belegen könnte, dass man etwas Systemrelevantes tut? Ich meine jetzt nicht, im Krankenhaus aushelfen, oder Masken basteln, das können andere besser. Sondern denken, schreiben, filmen … 

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Jia Zhang-ke ist einer der wichtigsten chinesischen Regisseure. In einer Filmzeitschrift schilderte er sein Leben in Corona-Zeiten. | Foto © Rapid Eye Movies

Alles locker, Schulter an Schulter, steht auf, wenn ihr Cinephile seid: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 29. 

„Das Kino ist in existenzieller Gefahr.“
Ulrich Matthes, Schauspieler, Präsident der Deutschen Filmakademie

 

Jia Zhang-ke – wisst ihr, liebe Leser, wer das ist? Keine Schande, wenn man das nicht weiß, könnte man aber. Dieser Jia Zhang-ke ist einer der wichtigsten Regisseure der Welt, einer der führenden chinesischen Regisseure und hat schon einen „Goldenen Löwen“ (2006) in Venedig gewonnen und andere große Preise. Ein Angehöriger der sogenannten „Sechsten Generation“ des chinesischen Kinos, das immer noch in Generationen geordnet wird. Die Sechste Generation, das sind jene Filmemacher die zwischen Anfang und Ende der 1960er-Jahre geboren sind und deswegen im Studentenalter waren, als 1989 die Studentenproteste am Tiananmen-Platz blutig niedergeschlagen wurden. Jeder, der das am Fernsehschirm erlebt hat, hat es nicht mehr vergessen. Diese Erfahrungen gehen in die Filme der Sechsten Generation ein. Was sie unterscheidet von der Fünften Generation“, von Regisseuren wie Zhang Yimou („Das Rote Kornfeld“) und Chen Kaige („Lebewohl meine Konkubine“), das ist, dass diese Filmemacher zum einen aus dem China von heute erzählen und fast nie Historienfilme drehen („Kostümfilme“ will ich nicht mehr sagen, neulich bekam ich die Post einer netten Leserin, die mich ganz zu Recht darauf hingewiesen hat, dass ja jeder Film ein Kostümfilm sei. Überraschenderweise war diese Leserin übrigens Kostümbildnerin.). Und sie arbeiten sehr dokumentarisch. 

Im „Filmkrant“, einer ziemlich guten niederländischen Filmzeitschrift, einer Art „Cahiers de Cinéma“ aus unserem Nachbarland Frankreich, hat der Regisseur jetzt einen Text zu Corona veröffentlicht. Er erzählt, wie er am 4. März zurück nach Peking geflogen kam, direkt von der Berlinale. Alle, die damals zurückkamen, waren gezwungen, sich in eine 14-tägige Selbstquarantäne zu begeben. Und Jia schreibt: 

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„Ich glaube nicht, dass Kunst sich einer Gesellschaft entziehen kann“, sagt die Schauspielerin Bibiana Beglau im Deutschlandfunk: „Oder wenn sie das tut, dann ist es Dekoration. Etwas künstlerisch zu begreifen, ist immer Dialog.“ | Foto © ZDF, Gordon Muehle

Leichter gesagt, als getan: Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Leben: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 28.

„Und scheint die Sonne noch so schön, am Ende muss sie untergehn.“
Heinrich Heine

 

Die Stimmung kippt gerade. Gestern wurden erste größere Teile der Ausnahmezustandsregelungen in einzelnen Bundesländern aufgehoben, in Niedersachsen wird man Gaststätten öffnen; jetzt beginnt der allgemeine Wettbewerb zwischen den Bundesländern. Nur die Kanzlerin scheint sich noch zu sträuben. Aber der Druck wächst. 

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Bibiana Beglau gehört zu denen, die mir das blogfreie lange Erster-Mai-Wochenende ungemein versüßt haben. In der DLF-Reihe „Klassik Pop etcetera“ hat sie eine Stunde lang Musik und damit sich selbst und ihren überaus exquisiten Geschmack vorgestellt. Schon der Auftakt mit „Popcorn“ von Hot Butter war der Wahnsinn, vielleicht auch nur für mich, da das auch für mich eines der Schlüssellieder meiner Kindheit und eine Madeleine zur Reise ins Reich meiner ersten Erinnerungen ist. 

Dazu philosophierte Beglau gescheit über den „Rettungsanker Musik“, erzählte vom Theater und sich selbst, und machte schöne Anmerkungen über die Rebellin Peaches: „Peaches ist eine wichtige Kämpferin dafür, dass man sich nach der Toilette nicht die Hände waschen gehen muss, eine, die der Vorstellung ,Ach, so bleiben wir immer eine saubere Gesellschaft’ […] den Tritt in die Fresse“ gibt. „Da hat sie meine tiefe Bewunderung dafür, dass immer wieder Gesellschaft lustvoll und scharf hinterfragt wird.“

Womit wir eigentlich schon wieder bei meinem Nach-wie-vor-Lieblingsthema, dem Gezeter über das Frank-Castorf-Interview im „Spiegel“ sind. 

Aber nicht jetzt. Weiter mit Bibiana Beglau. Sie erklärte auch warum Jörg Fauser und Rolf Dieter Brinkmann ein anderes Deutschland repräsentierten als viele Künstler, ein besseres Deutschland, und eine Kunst, die nicht vom schönen sauberen Minnegesang herkommt. „Sondern von einer Bar“. Allein wegen der Stimme Fausers in einem Musik-Stück, das sein Gedicht „Zu den Fragen der Zeit“ untermalt, und in dem er mit Frankfurter Dialekt ein bisschen klingt wie Uwe Ochsenknecht, lohnt es sich, den Link anzuklicken – unbedingt nachhören!!! 

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Der Theatermacher Frank Castorf. | Screenshot

Wer sich nicht fürchtet ist Verräter, Castorf ist infantil, und Distanz ist was für Reiche: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 27. 

„Ich zweifle daran, dass im Augenblick der Nutzen dem Aufwand entspricht. […] Mich stört in der momentanen Krise der Grad der Ideologisierung. Schon die Worte ,Lockdown’ und ,Shutdown’ machen mich bösartig. In einer Zeit von massiver Migration und Klimawandel und sozialer Not fängt jede Nachrichtensendung, jeder Zeitungsartikel mit der Worthülse ,In Zeiten von Corona …’ an. Für mich ist das eine Kampagne.“
Frank Castorf

„Bis vor Kurzem war dort der Hauptfeind der alte weiße Mann. Sehr viele junge Menschen, die gerade ihr Theaterwissenschaftsstudium hinter sich hatten, waren der Meinung, der alte weiße Mann sollte möglichst schnell verrecken. Jetzt ist das Virus da, und auch in den Theatern finden plötzlich alle, jeder Alte, auch wenn er über 80 Jahre und ein Mann ist, sollte um jeden Preis geschützt werden.“
Frank Castorf

„Wenn ihr mich braucht, schickt mir ein Zeichen. Ich werde da sein.“
„Batman“/Sebastian Pufpaff

 

Social Distancing ist eine Reiche-Leute-Idee – sage nicht ich, sondern Menschen in Pakistan. Dort können sich die Armen nämlich Distanz schlicht und einfach nicht leisten. Der Raum ist knapp. Die Forderung nach Abstandhalten klingt absurd. Darüber spricht der der Journalist und Autor Hasnain Kazim im Deutschlandfunk.

Der Begriff „Social distancing“ ist eh gehobener Schwachsinn, denn es geht ja eigentlich um körperliche Distanz, die gerade sozial sein soll. Aber es erzählt etwas über unser kollektives Unbewusstes, dass wir es weltweit so genannt haben. 

In Pakistan aber funktioniert beides nicht. Zehn oder zwanzig andere Menschen leben da unter einem Dach, man teilt sich denselben Raum zum Schlafen, Kochen, Essen und Wohnen. Dicht an dicht stehen und gehen die Menschenmengen. „Social distancing“, erklärt ein Pakistani, „ist das Gegenteil unserer Kultur!“ Denn nur die Nähe zu anderen sichert den Armen das Überleben. 

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Julian Nida-Rümelin ist Philosoph, war mal Kulturstaatsminister und hat sich die Deutsche Filmakademie ausgedacht. Zur Corona-Krise hat er auch viel zu sagen. | Wikipedia, CC BY 3.0

Lassen wir uns nicht entmündigen! Von der Grippe und anderen Viren: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 26. 

„1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
2. Warum? Stichworte genügen.
4. Möchten Sie unsterblich sein?
21.Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?“
Max Frisch, Fragebogen I. und XI. in: „Tagebuch 1966-1971“

 

Ein kleiner Fragebogen, als Max-Frisch-Hommage und Einübung in zukünftiges Verhalten: Was würdet ihr, liebe Leser, eigentlich tun, wenn ihr mir persönlich auf der Straße begegnen würdet? Wenn wir uns kennen würden, also normalerweise zumindest ein paar Höflichkeitsworte wechseln würden? Wenn ihr aber wüsstet, dass ich mit dem Sars-Cov-19-Virus infiziert bin?

Würdet ihr schreiend davonlaufen? Würdet ihr die Straßenseite wechseln? Würdet ihr mich beschimpfen, dass ich mich als grausliger Gefährder gefälligst schleichen und in Quarantäne begeben sollte? Dass ich verhaftet werden müsste? Würdet Ihr die Polizei rufen? 

Würdet Ihr fragen, ob ich gerade auf dem Weg zum Arzt bin? Ob ich vielleicht Hilfe brauche? Würdet ihr überhaupt mit mir sprechen? Warum?

Alle Antworten willkommen. 

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Wir müssen jetzt endlich zugeben: Die Bundesregierung hat Fehler gemacht. Sie hat nicht alles richtig gemacht. Sie macht weiter Fehler. Das ist nicht schlimm, womöglich sogar unvermeidlich. Wer handelt, macht immer Fehler. Aber wir müssen aus diesen Fehlern lernen; wir sollten sie nicht schönreden, nicht einfach geschehen lassen. Die Regierung darf Fehler machen, aber lernen müssen wir aus diesen Fehlern trotzdem.

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Privat hamsterten die Deutschen Klopapier und Nudeln, nun hamstert die Regierung Intensivbetten. | Foto © Das Futterhaus

Aufklärung & Absolutismus: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 25. 

„Zu Tode gefürchtet ist nämlich auch gestorben.“
„Die Presse“, Wiener Tageszeitung, vom 28. April 2020.

 

Morgen Abend sollten alle von Euch, die mal wieder richtig auf andere Gedanken kommen möchten, Arte einschalten. Dort läuft „Licht“, der neueste Film der in Berlin lebenden, in Potsdam lehrenden, österreichischen Regisseurin Barbara Albert. Es ist ihr erster Kostümfilm – und ein hochinteressanter, weil er realistisch ist, kein „Sinn-&-Sinnlichkeit“-Kitsch (gegen den natürlich auch nichts zu sagen ist). Dazu eine auf Tatsachen basierende facettenreiche Geschichte über Gefühle im absolutistischen Ständestaat, aus der Zeit Mozarts und jenen Jahren, als parallel zur Französischen Revolution, dem deutschen Idealismus und der Geburt der Romantik auch die Esoterik zurück in die europäischen Gesellschaften kam – in Gestalt des „Mesmerismus“. 

Wer kennt heute noch Franz Anton Mesmer (1734-1815)? Genau! Ist vielleicht auch ganz gut so. Aber in seiner Epoche war der Mann ein Star – als Wunderheiler mittels „Magnetismus“ und Hypnose. Bestenfalls ein Fall von alternativer Medizin, schlimmstenfalls ein esoterischer Scharlatan. Kulturhistorisch ist das aber trotzdem wahnsinnig interessant, weil es etwas erzählt über die traurige Sehnsucht vieler Menschen nach dem Unerklärlichen, Überwissenschaftlichen, der Sehnsucht nach einem Jenseits der Vernunft, die angeblich ja ach so kalt und unsinnlich ist. 

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Die Lola-Gala lief dieses Jahr im Corona-Stil. | Foto © Deutscher Filmpreis, Florian Liedel

Wolfgang Schäuble und der mittlere Realismus: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 24. 

„Wir alle wissen nicht, was unser Handeln für Auswirkungen hat. Aber die Politik muss trotzdem handeln. Und es gibt eben nie eine absolut richtige Entscheidung.“
Wolfgang Schäuble

„Philosophieren heißt Sterben lernen.“
Cicero

Was für ein Wochenende. So viel los, und dann musste man noch das schöne Wetter ausnutzen und zum See, wenn auch immer auf Abstand, klar. 

Dabei wollte ich eigentlich über die Chilenen schreiben, über die Österreicher, die Chinesen, endlich mal über die Italiener und, ja vielleicht auch mal wieder über die Schweden. Und dann kommt dieses Wochenende, und dann endet man … bei Wolfgang Schäuble. 

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Der Berliner „Tagesspiegel“ ist wirklich keine tolle Zeitung, eher ein ziemliches Provinz-Blatt. Aber manchmal gelingt auch dem Tagesspiegel ein Coup. Ein solcher Coup ist das Interview mit Wolfgang Schäuble am Sonntag. Schäuble spricht darin über die Dilemmata der Handelnden, und sagt wie zu erwarten viele kluge Dinge: „Wir müssen die verschiedenen Gesichtspunkte klug abwägen. […] Wir dürfen nicht allein den Virologen die Entscheidungen überlassen, sondern müssen auch die gewaltigen ökonomischen, sozialen, psychologischen und sonstigen Auswirkungen abwägen. Zwei Jahre lang einfach alles stillzulegen – auch das hätte fürchterliche Folgen.“ Es sind zum einen die kleinen bösen Bemerkungen, mit denen dieses Interview wirkt: „Wir können eben auch nicht sagen: Wir machen alles zu und lassen es dabei. Diesen Abwägungsprozess müssen wir deutlicher machen.“ 

“Müssen wir deutlicher machen.“ Da liegt die Kritik. 

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Auf der arte-Mediathek ist zurzeit Olivier Assayas’ Film „Ende eines Sommers“ sehen – von 2008 und aktueller denn je. | Foto © MK2 Diffusion

Im Gefängnis hat man wenigstens noch Hofgang – Apokalyptiker & Integrierte; Gedanken in der Pandemie 23. Von Rüdiger Suchsland

„In der Welt gibt es eine schreckliche Sache, nämlich dass jeder seine guten Gründe hat.“
Jean Renoir, „La règle du jeu“

„Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht

Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“
Bertolt Brecht, „Die Dreigroschenoper“

 

Heiligt der Zweck eigentlich die Mittel? Wir würden diese Frage ja intuitiv in den allermeisten Fällen verneinen. In der Corona-Pandemie verändern sich hier nach meinem Eindruck gerade die Maßstäbe. 

Das muss nichts Schlechtes sein. Vielleicht geht es im Gegenteil gar nicht anders, und vielleicht trifft auch hier der Satz zu, nach dem außergewöhnliche Umstände außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. 

Aber gehen wir mal weg von der Ebene der schnellen Bewertung, und schauen auf die Tatsachen. Was geschieht hier? Denkt die Regierung ihr Handeln in diesen Kategorien? Und falls ja: Hat sie recht?

Heiligt der Zweck der Pandemie-Eindämmung und der Vermeidung des Sterbens Einiger durch Covid-19 das Mittel der gewaltigen, generellen Rechteeinschränkung und des Herunterfahrens einer ganzen Gesellschaft? 

Heiligt der Zweck der Pandemie-Eindämmung und der Vermeidung des Sterbens Einiger durch Covid-19 auch das Mittel gewaltiger Kosten, ganz konkret zur Zeit je nach Berechnung und statistischen Daten zwischen 10 und 400 Millionen Euro pro vermiedenem Corona-Toten? 

Man kann beide Male darauf antworten: „Ja, unbedingt!“ Aber dazu muss man gefragt werden. 

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Einer der besten deutschen Filme aller Zeiten: Rudolf Thomés „Rote Sonne“ von 1970. | Foto © Arthaus

Politik in Zeiten demokratischer Zumutungen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 22.

„Diese Pandemie ist eine demokratische Zumutung.“
Angela Merkel

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“
Paulus

„Now this is not the end. It is not even the beginning of the end. But it is, perhaps, the end of the beginning.“ 
Winston Churchill

 

Wir alle kennen inzwischen Alexander S. Kekulé. Manche sind richtige Fans, und schreiben auf Facebook vom Camp Kekulé, andere gehören eher zur Boygroup von Christian Drosten. Wie die beiden sich eigentlich inhaltlich unterscheiden, kann man gar nicht so genau sagen, es geht eher um Stilfragen. Und die hängen wieder damit zusammen, dass der eine „drinnen“ ist, der andere „draußen“. Und auch wenn der Münchner Kekulé erklärter Fan des FC Bayern ist, ist er hier eher der Homo Novus, der mächtige. mit ein wenig Ressentiment ausgestattete Außenseiter, so eine Art RB Leipzig der Virologie. Drosten Regierungsberater, Kekulé Möchtegernregierungsberater. 

Kekulé hat viele interessante, zum Teil filmaffine Verwandte, und es würde sich lohnen, hier einmal richtig in Ruhe nachzuforschen: Der Uropa August Kekulé einer der Begründer der modernen Chemie, der Opa Oswald Urchs ein Nazi, der für die IG Farben in Indien tätig war und den Spitznamen „Gauleiter von Indien“ trug, Mutter und Vater Autoren und Filmemacher, Stiefvater auch Filmemacher, eine weitere Anverwandte (seine Tante?) eine der drei WG-Genossinnen von Uschi Obermeier in Rudolf Thomés „Rote Sonne“, einem der besten deutschen Filme aller Zeiten.

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Beim aktuellen Dauerthema fällt uns komischerweise immer zuerst Vic Dorn ein:
Nun nehmen Sie doch mal diese schreckliche Maske ab! | Screenshot

Wenn Nationalstaaten Klopapier kaufen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 21. Von Rüdiger Suchsland

„Das Dogma ist weniger wert als ein Kuhfladen.“
Mao Tse-tung

„Unmöglich zu erklären. Allmählich entfernte sie sich von jener Zone, in der die Gegenstände eine feste Form und Konturen haben, wo alles einen zuverlässigen und unveränderlichen Namen hat. Sie versank immer mehr in einer fließenden, ruhigen, unergründlichen Region, wo unbestimmte frische Nebel der Morgenfrühe schwebten.“ 
Clarice Lispector, „Nah dem wilden Herzen“

 

Zwei Inder werden sich ihr Leben lang an die Coronapandemie erinnern. Am 27. März erblickten in Raipur Zwillinge das Licht der Welt. Den Jungen nannten die Eltern Covid und das Mädchen Corona.

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Es passiert wirklich gerade soviel, dass es mir schwerfällt, den richtigen Anfang zu finden. Nicht erst heute. Genau genommen stört es mich selbst, hier oft soviel über Einzelheiten der Pandemie-Bekämpfung zu schreiben (auch wenn diese interessant sind, und voller kultureller Aspekte) und dafür so wenig „Feuilleton“ zu machen. So wenig spielerisch zu sein. Es wäre auch nötig, viel mehr darüber zu schreiben, wie wir leben in der Pandemie. Wie wir mit der Langeweile umgehen, mit der Langsamkeit und der Sprachlosigkeit unseres derzeitigen Lebens, mit der Leere auf den Straßen. Genauso wichtig ist es, über die Politik zu schreiben und über deren mediale Verarbeitung. Aber gleichzeitig ist es mindestens genauso wichtig, auf die Lebensrealität der Menschen zu schauen, wie ich das versucht habe, gestern zu tun: Was heißt das eigentlich, mit Kindern in der Pandemie zu leben? Und was heißt es eigentlich zum Beispiel, jetzt alleinerziehend zu sein? Genauso könnte man einmal über die Single-Haushalte sprechen, über diejenigen, die jetzt quasi gezwungen waren, einen Monat lang allein zu Haus zu stecken. Und die, wenn sie die Maßnahmen der Regierung korrekt befolgt haben, mit kaum jemanden physisch in Kontakt zu sein, schon gar nicht mit mehreren zusammen, ganz brutal vereinsamt sein müssen, allen technischen Kontaktprothesen zum Trotz. 

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Leute, macht euch locker. Ein bisschen unbeschwerter dürfte es schon zugehen in der Pandemie. | Foto © The Walking Dead, AMC

Kinder, Kinder: Je dunkler die Nacht umso heller scheinen die Sterne: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 20. 

„Es gibt mehr Dinge auf der Welt, die wir fürchten, als Dinge, die uns wirklich zerstören. Wir leiden viel öfter in unserer Vorstellung als in der Realität.“
Seneca

„Don’t worry. Be happy!“
Bobby McFerrin

 

Vor Corona gab es schon andere Schlachten. Heute vor genau 75 Jahren erreichten Einheiten der 5. Sowjetischen Armee unter Nikolai Bersarin bei Marzahn die Außenbezirke von Berlin. Damit begann die letzte Schlacht des „Dritten Reichs“. Am gleichen Tag heute vor 75 Jahren verließ ein Großteil der Nazi-Granden wie Heinrich Himmler und Hermann Göring die Stadt. Etwa 140.000 Mann, viele von ihnen Volkssturmtruppen, etwa ein Viertel nicht einmal bewaffnet, sollten die Reichshauptstadt verteidigen und die Agonie des NS-Staats verlängern. Ihnen gegenüber standen über 450.000 Mann der Roten Armee. In etwa zehn Tagen eroberten sie im Häuserkampf, Straße für Straße, den Großteil der Stadt. Berlin kapitulierte in den Morgenstunden des 2. Mai 1945. 

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Die Zustimmung der deutschen Bevölkerung zu den Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie sinkt kontinuierlich. Das zeigen einige wissenschaftliche Studien, die seit Beginn der Pandemie erforschen, wie sich die sehr weitreichenden Einschränkungen der Grundrechte und des öffentlichen Lebens auf die deutsche Gesellschaft auswirken. 

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Knapp 130 Millionen US-Dollar haben Popstars mit ihrem Wohltätigkeitskonzert „One World: Together at Home“ für die Weltgesundheitsorganisation gesammelt. Und schon ist die Welt wieder ein bisschen besser geworden. | Screenshot

Not & Spiele: Öffnungsdiskussionsorgien, Corona-Moralismus und Aufmärsche: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 19. 

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“
Friedrich Nietzsche

„Kommunikation ist das, was ankommt.“
Markus Lanz 

 

„Eine Lebenshymne“, sagte Igor Levit, sei Beethovens „Waldsteinsonate“. Wer es noch nicht bekommen oder es im Corona-Stress einfach wieder vergessen hat (kann passieren), den möchte ich hier mal daran erinnern, dass dieser sehr besondere Pianist während unser aller Corona-Zeit, die ins Beethoven-Jubiläumsjahr fällt, aus seinem Home-Office jeden Abend gegen 19 Uhr „Hauskonzerte“ gibt, in denen er Beethoven-Sonaten spielt. Vorige Woche tat er das ausnahmsweise woanders, nämlich in „Schloß Bellevue“ auf Einladung des Bundespräsidenten. Als Anregung, auch die anderen Konzerte nachzuhören, hier der Link zu diesem Termin. 

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Es lohnt sich immer noch, „Extra 3“ und die „Heute Show“ anzusehen. Allerdings sind beide Formate genau genommen weniger lustig, als auch die Intendanten glauben. Weil das, wovon sie erzählen, eigentlich sehr ernst und sehr nahe an der Wahrheit ist. 

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Das kann man von der „Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show“ auf RTL nicht behaupten. Dafür, dass es dann doch noch ernst wird, sorgte dann nach der Sendung die biedere Mehrheit der deutschen Medienöffentlichkeit. 

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