Beim Ausmisten im Lockdown fallen einem mitunter Fundstücke aus der alten Normalität in die Hände. Zum Beispiel ein „Arte-Magazin“ von 2010, als das Wort „Querdenker“ noch als Kompliment galt. | Foto © Rüdiger Suchsland

Corona-Moralismus, Corona-Hedonismus, Corona ist eine kollektive Erfahrung – Gedanken in der Pandemie 118.

„Ein Hauptmittel, um sich das Leben zu erleichtern, ist das Idealisieren aller Vorgänge desselben.“
Friedrich Nietzsche

„Ich sehe als Liberaler eine große Verantwortung für das, was man in Freiheit schaffen kann. Und man muss überraschend sein. Nehmen Sie die ,Taz’-Kolumnistin, die Polizisten auf den Müll wünscht. Darüber, dass diese Kolumnistin jetzt Werbung für Luxusmode macht, schreibe ich: Wunderbar, sie hat kapiert, wie die Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert.“
Ulf Poschardt, Autor und Journalist

„Freiheiten sind nicht rechtfertigungsbedürftig.“
Robert Habeck

Liebe Leser, habt ihr schon „Lockdown-Schmerz“? Also sehnt ihr euch schon nach dem allmählich verblassenden Lockdown zurück? Als alles so schön ruhig war? Als man nicht ins Museum musste? „Als alles noch viel schöner war.“ 

Die Zeichen stehen auf Öffnung und Lockerung. Der Berliner Senat hebt die Beschränkungen der Gastronomie schrittweise auf. Restaurants, Cafés und Bars müssen jetzt auch innen öffnen. Oje, das wird ihnen schwerfallen. Auch in anderen Bundesländern gibt es Corona-Lockerungen. Die Testpflicht beim Shoppen, in Museen und in der Außengastronomie fällt. 

Aber immer noch sehen viele Menschen Nähe als Gefahr. Immer noch sind die Bewegungen ins Leben danach halbherzig und verunsichert. 

Nach nicht repräsentativen Beobachtungen teilen sich die Menschen in drei Gruppen: die einen von ihnen sitzen in der neuerdings wieder geöffneten Außengastronomie und haben das Gefühl, sie seien erst gestern zuletzt dagewesen. Sie haben nicht das Gefühl, dass irgendetwas anders ist als immer. Die zweite Gruppe fühlt sich ungefähr wie Robinson Crusoe, als er zurück nach England kam: Sie trinken und essen und trinken das Doppelte, weil man es gar nicht fassen kann und irgendwie das über die Lockdown-Pause Versäumte ja wieder aufholen muss.   

Die dritte Gruppe steht für das entgegengesetzte Extrem: Das sind die Menschen, die sich dauernd furchtsam umgucken, ob nicht ein Virus um die Ecke kommt oder ein Infizierter. Denen alles da draußen irgendwie laut und viel zu voll und in jeder Hinsucht unnatürlich, manchmal auch unanständig vorkommt. 

Und die ganz ganz schnell zahlen und wieder verschwinden in die Geborgenheit des trauten Heims.

Wer von Euch gehört zu welcher Gruppe? Antworten erbeten. 

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In der Bahn ein Husten. Reflexhafte Blicke in dessen Richtung. Erst jetzt fällt es mir auf. 

Tatsächlich bin ich auch heute nicht automatisch beunruhigt, wenn vor oder hinter mir ein Mensch dauernd hustet. Ich denke: im Zweifelsfall ist der erkältet. Oder er hat sich verschluckt. Wahrscheinlich bin ich einfach extrem unsensibel, jedenfalls unempfänglich für Corona.

Aber haben eigentlich alle anderen Menschen größere Sensibilitäten, und sind alle unisono beunruhigt, wenn in der Bahn einer hustet, oder ist das nur wieder mal Berlin-Mitte, das Mekka der Überempfindlichkeit? Bin ich die Ausnahme? 

Oder umgekehrt: Ist es möglicherweise doch etwas sehr Deutsches, in puncto Corona (über-)sensibel zu sein? Würden Franzosen, Spanier, Italiener, Briten, da ähnlich reagieren, die alle mehr Grund hätten, sich Sorgen zu machen, als wir Deutsche?

Oder ist das Ganze vielleicht eine Klassenfrage? Also: Sind Künstler, Bildungsbürger, „Eliten“ wie wirtschaftlich prekär sie immer auch leben mögen, auf dem Gesundheitsfeld empfindlicher als andere Schichten, Klassen, oder Berufszweige?

Vielleicht ist das alles aber auch die falsche Frage. Vielleicht muss man gar nicht aus Einzelbeobachtungen und Einzelerlebnissen irgendwelche allgemeinen Thesen ableiten, egal in welche Richtung. 

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„Als alles noch viel schöner war“, so hieß ein Text, den Peter Richter in der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb, über einen prächtigen Bildband mit Fotografien vom alten Dresden. Der zeigt vor allem das verschwundene Leben von früher, das man nur noch aus Romanen kennt. Sogar Katastrophen wie die brennende Kreuzkirche sehen da schöner aus. Richter schreibt: „Oft ist auch Hochwasser, dann schwimmen die Mietshäuser wie melancholische Schiffe durch die Straßen, und bei jedem zweiten Kind denkt man, es wär’ der kleine Erich Kästner.“ Und weiter: „[…] wenn man erst einmal so tief in der Nostalgie von Photographien mit großem Ph badet wie in diesem Prachtband, dann will man am Ende am liebsten auch, dass Reifröcke und Vatermörder wieder verpflichtend werden, zumindest für alle anderen.“

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Im Gespräch taucht die Frage auf, ob man vielleicht durch Corona ein anderer Mensch geworden ist, und den Kontakt zu seinem früheren Körper, den alten Bewegungsmustern verloren hat. Hat Corona uns alle bestimmte Bewegungen und Verhaltensweisen verlernen lassen? Gibt es einen Kontrast zwischen altem Ich und neuem Ich und geht beides noch zusammen?

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Ein privater Brief erzählt von der ersten Reise nach dem Lockdown. Sie führt nach Moskau. Dort ist alles lockerer. Wer Masken trägt, wird schief angeguckt. Ehrlicherweise ist das aber schon so, wenn man von einer deutschen Großstadt aufs Land kommt. 

Die Rede ist von dem „unausgesprochenen Pakt“ zwischen allen Menschen der gleichen Blase. Fällt man ihr in den Rücken, wenn man sich amüsiert, hat man kein Recht dazu? Bloß weil andere unter der Ausgangssperre nach Hause müssen? Das Über-Ich traktiert uns alle mehr, als uns lieb ist.

Ich komme da auf den Begriff „Corona-Moralismus“. 

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Es ist ganz bestimmt ein unpassender Vergleich, aber mir fällt gerade kein anderer ein: Diejenigen, die nach dem „Tag des Sieges“ am 8./9.Mai 1945 die KZ der Nazis überlebt hatten, teilten sich relativ bald in zwei Gruppen: Diejenigen, die Gefühle entwickelten, sie hätten nach alldem kein Recht, weiterzuleben, glücklich zu sein, sich zu amüsieren, eine Familie zu gründen, Karriere zu machen. Und die anderen, die genau das Gegenteil empfanden: Die das Gefühl hatten, jetzt auch stellvertretend für alle Toten leben zu müssen, zu sollen, das Leben auskosten zu dürfen. „Sie hätten es so gewollt!“

Dieser letzte Satz ist der zentrale, scheint mir. Denn die interessante Frage ist ja, ob die anderen Mitglieder der Blase es wollen würden, dass man sich amüsiert? Und warum? Oder warum nicht? 

Mein Verdacht ist der, dass der Umgang „unserer Kreise“ mit Corona insofern ein sehr negativistischer ist, als dass wir anderen im Zweifelsfall nichts gönnen, auf das wir selber gerade verzichten müssen. Die Mallorca-Flüge. Der Osterbesuch. Der Balkon. Die heimliche Party. Die Impfung. Die Impfung mit BionTech. 

Ein Wort wie „Impfneid“ gibt es, glaube ich, wirklich nur in Deutschland.

Was für ein Verhältnis haben wir Deutschen eigentlich zum Hedonismus?

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Es ist klar: Corona ist eine kollektive Erfahrung. Die eben auch reguliert wird. Also nicht die Erfahrung jedes Einzelnen sein darf, sondern eine ganz bestimmte Weise zu sein hat.

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Dagegen eine individuelle Erfahrung: Beim Ausmisten fielen mir noch ein paar schöne ältere Zeitungsseiten und Artikel in die Hände, die absolut nichts miteinander zu tun haben. Zum Beispiel ein „Arte-Magazin“ von 2010. Da findet sich ein Porträt von Ulrich Turkur, allen Ernstes mit dem damals noch völlig unbelasteten, schwärmerisch gemeinten Titel „Der Querdenker“. 

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Oder zwei kurz vor Weihnachten erschienene „Zeit“-Artikel zur „Macht der Wünsche“. „Was, wenn sie wahr werden?“ raunt Jens Jessen schön über die schlimmste puritanische Fantasie: „Ihre Erfüllung kann eine zwiespältige Angelegenheit sein“. 

Jaja.

Aber wenn sie nicht erfüllt werden, macht das auch nicht glücklich. Und ein bisschen maliziös kann man in diesem Fall hinzufügen, dass es sich als zur Ruhe gesetzter „Zeit“-Feuilletonchef auch etwas weicher gepolstert Moral predigen lässt. Aber das konnte man ja schon während des Lockdown beobachten. 

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Thomas Assheuers Überlegungen „Genug ist nicht genug“ sind da schon viel bedenkenswerter. „Unsere Wünsche“ gibt es nur selten, Wünsche sind gesellschaftlich produziert, weiß Assheuer und klärt uns über die kapitalistische Produktion des Begehrens auf. Gesellschaftliche Diskurse beeinflussen, lenken und manipulieren unsere Vorstellungen, auch unsere Wünsche nach Verzicht, Verlängerung des Lockdowns oder Abschaffung aller Kurzstreckenflüge.

Längst hat das kapitalistische Renditedenken auch private Beziehungen und Gefühle erfasst. 

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In der „Welt“ tat Jörg Phil Friedrich etwas, was man nicht darf (und was schon deshalb schätzenswert ist): Er verteidigte die Verschwörungstheorie. „Zweifler und Skeptiker genießen derzeit keinen guten Ruf. […] Verschwörungstheoretiker, so könnte man meinen, wenn man die aktuelle Berichterstattung verfolgt oder auch mit klugen Freunden und Bekannten spricht, sind irgendwie irrationale Spinner, die man besser nicht ernst nehmen sollte – höchstens, um sie zu bekämpfen, denn vielleicht sind sie sogar gefährlich.“ Der Autor relativiert das. Er argumentiert, und wer würde da widersprechen, dass niemals alle politischen Entscheidungsprozesse transparent sind, dass natürlich vieles in Politik und Wirtschaft im Geheimen geschieht, und dass das auch gut so ist. 

Friedrich unterscheidet lieber zwischen akzeptablen, also komplexen, und inakzeptablen, also simplizistischen, reduktionistischen Verschwörungstheorien. „Wenn man sich zu jeder politischen Entscheidung, die man nicht sofort deuten kann, sogleich eine Verschwörung ausdenkt, ist man aus wissenschaftsphilosophischer Sicht kein guter Verschwörungstheoretiker.“

Eine globale Weltverschwörung anzunehmen, erscheint vor allem unplausibel. Genauso unplausibel sei es aber, „anzunehmen, dass kurzfristige geheime Absprachen und langfristige wechselseitige Verbindlichkeiten, die aufgedeckt werden, nur Einzelfälle sind und dass unser politisches System in keinem nennenswerten Umfang von solchen Netzwerken beeinflusst wäre. Deshalb ist es notwendig, Verschwörungstheorien als mögliche Beschreibungen der Realität ernst zu nehmen, ihre Plausibilität sorgfältig zu prüfen und das Fundament der eigenen Überzeugungen an ihnen zu messen.“

Hat es also Sinn, den Begriff der Verschwörungstheorie grundsätzlich lächerlich zu machen und alle Skeptiker und Zweiflerinnen, die offiziellen Darstellungen von Politikern, populären Erklärungen von Wissenschaftlerinnen, staatstragenden Bewertungen von Intellektuellen und unkritischen Berichten von Journalistinnen prinzipiell kritisch infrage stellen, als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren?

Eher nicht. Wer Skepsis und Zweifel ablehnt, wolle sich, so Friedrich nur „selbst gegen Zweifel immunisieren“. 

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Interessant ist schließlich ein Streitgespräch zwischen der Soziologien Jutta Allmendinger und der CSU-Politikerin Dorothee Baer über das Verhältnis der Deutschen zur Technik. 

Dass etwas mehr Offenheit gut wäre, ist klar. Ob es aber eine gute Nachricht ist, wenn Baer meint, dass es „mentalitätstechnisch“ (lustiges Wort in dem Zusammenhang) „keine Rückkehr zur Normalität vor Corona geben kann“, möchte ich bezweifeln.

Allmendinger betont, das Abbauen von Unterschieden sei zentral. Sie klagt auch über Lehrer, „die das Digitale als Fremdkörper betrachten.“ Aber zugleich säht sie selber Zweifel, wenn sie sagt „dass die Digitalisierung die Unterschiede der Herkunft eher vergrößert und nicht verkleinert.“

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Eine große Mehrheit der Deutschen lehnt Gendern und Gendersternchen ab, schreibt „Die Zeit“. Rund zwei Drittel der Befragten (auch eine klare Mehrheit unter den Frauen) geht dabei vor allem die Kunstpause vor dem „-innen“ (Männer und alle anderen Geschlechter sind mitgemeint) und die Verwendung der Gendersprache in den Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernseh-Sender auf die Nerven. 

Einen kleinen, aber entscheidenden Schritt weiter geht die Romanautorin Nele Pollatschek („Das Unglück anderer Leute“). Pollatschek übt Grundsatzkritik: „Gendern […] ist sexistisch. Denn es ist diskriminierend, zwanghaft auf Geschlecht zu verweisen. Bei der geschlechtergerechten Sprache gibt es einen Widerspruch zwischen zwei emanzipatorischen Prinzipien: Sichtbarmachung und Neutralisierung. Auf der einen Seite haben Menschen ein Recht auf Sichtbarkeit. Es ist wichtig, dass Menschen sagen können: Ich bin schwul, ich bin Schwarz, ich bin eine Frau. Gleichzeitig darf Sichtbarkeit niemals erzwungen werden. Es ist diskriminierend, andere Menschen zu outen, es ist diskriminierend, permanent darauf hinzuweisen, dass jemand schwarz ist. Wenn wir aber Sichtbarmachung über Grammatik lösen – in diesem Fall durch feststehende Wortendungen –, dann ist die Sichtbarmachung nicht freiwillig. Gäbe es spezielle Endungen für jüdische Menschen, zum Beispiel ,Lehrerjud’, wäre das offensichtlich antisemitisch. Ähnlich diskriminierend sind weibliche Endungen, wir haben uns nur an sie gewöhnt. Gendern, wie wir es im Deutschen praktizieren, ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen. Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Diese Information ist so wichtig, dass sie immer mitgesagt werden muss. Und wir sagen: Nur diese Information muss immer mitgesagt werden. Es ist richtig, auf alle anderen Identitätskategorien nur dann zu verweisen, wenn sie relevant sind, nur das Geschlecht wird immer angezeigt, damit machen wir es zur wichtigsten Identitätskategorie.“

Auf einer Online-Veranstaltung des Potsdamer „Einstein Forums“ steht Nele Pollatschek, die sich konsequenterweise sogar als „Schriftsteller, Berlin“ ankündigen lässt, nun zum „Sexismus des Genderns“ Rede und Antwort. Am kommenden Dienstag, 8. Juni 2021, kann man online ab 19 Uhr teilnehmen – vorausgesetzt, man lässt sich beim Einstein-Forum registrieren.

1 Kommentar
  1. Ulla Geiger sagte:

    Vielen Dank! Habe mehrmals gelacht! … und interessant, dass es mal ein Zeit gab, als „Querdenker“ tatsächlich noch ein Kompliment war. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

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