Michael Gwisdek war ein „Experte für gebrochen würdevolle Figuren“, meint die „Taz“. Zum Beispiel in „Oh Boy“. Am Dienstag ist der Schauspieler mit 78 Jahren gestorben. | Foto © Tobis, Julia Terjung

Der ARD-Programmdirektor lobt die Produzenten: Sie hätten „einen richtig guten Job gemacht.“ Auch die Ufa sieht sich fast wieder auf Vor-Corona-Niveau. Doch noch immer wird um einen echten Ausfallfonds, der die Branche in der Krise schützen soll. Wir beginnen mit drei Nachrufen. 

Michael Gwisdek ist tot. Der Schauspieler ist am Dienstag in Berlin mit 78 Jahren gestorben. Als erster deutscher männlicher Darsteller hatte er 1999 auf der Berlinale einen „Silbernen Bären“ erhalten. Seine Rolle in „Nachtgestalten“, war vergleichsweise klein, aber hatte den typischen Gwisdek-Touch.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ würdigt ihn mit einem kurzen Nachruf: Gwisdek „wurde nach der Wende zu einem der beliebtesten Schauspieler, mit seiner eleganten Präsenz überwand er alle Ossi-Wessi-Klischees, und mit seinem Air von Altersweisheit hielt er auch kitschige Figuren wie den Weizenfelder durchwandernden Großvater zuletzt in ,Traumfabrik‘ am Leben.“
Die „Taz“ versucht mit sympathischer Ratlosigkeit, dem Schauspieler über seine Rollen etwas näher zu kommen und sich dabei noch ein wenig die Welt zu erklären: Gwisdek sei ein „Experte für gebrochen würdevolle Figuren“. In späteren Jahren habe er „immer wieder solche leicht angeknacksten Charaktere gespielt. Menschen, bei denen das Leben seine Spuren hinterlassen hat, auch im Gesicht, das in Gwisdeks Fall beeindruckend zerfurcht war. Immer hatte man bei ihm auch den Eindruck, dass er in seinem Spiel ein bisschen so etwas wie Fleisch gewordene DDR-Geschichte verkörperte. Was einerseits an seiner ostdeutschen Biografie und andererseits an seiner spezifischen Art mit diesem gelassenen Berliner Singsang beim Sprechen, dieser leicht servil spannungslosen und dabei doch sehr würdigen Körpersprache gelegen haben mag. Was im Übrigen alles Projektionen aus der Sicht eines Westdeutschen sein könnten.“
Die „Frankfurter Rundschau“ bedauert noch heute, dass Gwisdek schon im ersten Bodensee-„Tatort“ von 2002 erschossen wurde. Schreck und Enttäuschung nicht nur fürs Publikum, „dass der Tatort nicht dieses eine Mal einen unfähigen Polizisten in seinen Reihen behalten wollte. Eine typische Gwisdek-Rolle nämlich: ein leicht aufgekratzter, seine Verlegenheit hinter permanentem Übermut verbergender Mensch, einer, der die Dinge an sich im Griff haben will – oder sogar gemütlich sein –, während jeder sieht, dass davon keine Rede sein kann. Eine tragische Figur, aber kein Tragöde.“ Gwisdek sei selbst in „wirklich läppischen Filmen“ zu ertragen gewesen: Er „rettete in solchen Fällen nicht die Filme, sympathischerweise versuchte er es nicht mal, aber er selbst ging unbeschadet aus der Sache hervor. Staunend – die Augenbrauen nicht selten tatsächlich hochgezogen, aber nicht pikiert, sondern verblüfft – und wie von einer Schutzhülle umgeben schien er durch sie hindurchzugleiten.“
Bei MDR Kultur erinnerte der Filmkritiker Knut Elstermann am Mittwoch an „einen der renommiertesten deutschen Charakterdarsteller.“ Gwisdek sei einer der ganz großen Komödianten des Theaters gewesen, der immer mit einem gewissen schlaksigem Charme aufgetreten sei. Gwisdek sei in seinen Rollen oft ein trauriger Clown gewesen. Zudem, so Elstermann, war er immer ein Film-Besessener gewesen, schon von Jugend an, auch besessen von der Freude an der Selbstdarstellung.“
In der „Berliner Zeitung“ verabschiedet sich die Drechbuchautorin Regine Sylvester, die mit dem Schauspieler Michael Gwisdek befreundet war: „Von dir konnte man lernen, Filme und Schauspieler uneingeschränkt zu lieben. Keiner konnte Filme so nacherzählen und Schauspieler so neidlos vergöttern wie du. Micha ging nicht ans Telefon, wenn Karajan oder Furtwängler dirigierten, bloß keine Unterbrechung. Und keine Ausschnitte beim Sport. Die Körpersprache von Boris Becker war schon beim Rauskommen wichtig. Micha holte während des Spiels keine Cracker und verkniff sich die Toilette, er wollte alles erleben, nur ,Konsumierer’ sein, ,eine der luxuriösesten Sachen, die es gibt’.“

Der Regisseur Joachim Kunert ist mit 90 Jahren gestorben: Die „Berliner Zeitung“ erinnert an einen Filmemacher, den immer wieder eine Frage beschäftigte: Ins Langzeitgedächtnis habe sich Kunert 1965 mit „Die Abenteuer des Werner Holt“ eingeschrieben, nach dem Roman von Dieter Noll. „Zum ersten Mal skizzierte ein Defa-Film, wie es dazu kommen konnte, dass so viele junge Menschen den Nazis bedenkenlos und fanatisch folgten. Der Film erzählte nicht nur, wie sie am Ende des Krieges, als Luftwaffenhelfer, verheizt wurden, sondern stellte die Frage, warum sich die Mehrheit bis zum Schluss nicht dagegen wehrte.“

Der DoP Michael Chapman ist am vorigen Sonntag gestorben. Er wurde 84 Jahre alt. Chapman hatte unter anderem mit Martin Scorsese „Taxi Driver“ und „wie ein Wilder Stier“ gedreht, zweimal war er für den „Oscar“ nominiert, erhalten hat er ihn nicht. Kino „sollte nicht schön sein — es sollte angemessen sein“, hatte Chapman vor vier Jahren in „Variety“ erklärt.
Das Camerimage in Polen hatte Chapman damals für sein Lebenswerk geehrt. Im Werkstattgespräch berichtete er von seinen Anfängen im New Hollywood und schwärmte in „cinearte“ von „Taxi Driver“, seiner ersten Arbeit mit Martin Scorsese: „Das beste Drehbuch, daß ich je verfilmt habe – du folgst einfach nur dem Text. Der Film war Low Budget, der Dreh nachts. Die ,Techniker‘ haben bestimmt, was gedreht wird. New York City setzt das Licht. Die Stadt ist einer der Hauptdarsteller. Wir fuhren durch und schauten, was die Stadt uns anbot.“
„Awards Daily“ widersprach dem DoP jetzt ein letztes Mal und würdigte „Michael Chapmans angemessene Schönheit“ [auf Englisch], denn die hätten seine Bilder trotzdem: „Die Kinematografie wird oft als Handwerk angesehen – und gewiss ist sie das auch. Doch Michael Chapman ist einer dieser Arbeiter, die ihr Handwerk zu einer Form der Kunst erhoben haben.“

 

Vielerorts wird wieder gedreht, aber der Motor stottert nach wie vor. Produzenten und Berufsverbände hadern allerdings weniger mit Corona, sondern vor allem mit der Politik, berichtet „Menschen machen Medien“, die Zeitschrift der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Weil eine Film- und TV-Produktion gegen alles Mögliche, aber nicht gegen die Folgen einer Pandemie versichert werden kann, fordert die Filmbranche „in seltener Einmütigkeit“ einen Ausfallfonds für TV-Produktionen.
Bislang gibt es einen solchen Ausfallfonds nur für Kinofilme und High-End-Serien. Dafür hat der Bund 50 Millionen Euro vorgesehen. Dem steht zwar (laut Produzentenallianz) ein Kinoproduktionsvolumen von etwa 600 Millionen Euro gegenüber, das macht aber nichts, denn das Geld ist eh nicht für die gesamte Sparte gedacht, sondern nur für jene Projekte, die schon bundesgefördert sind. Die BKM betreibt mit diesem Ausfallfonds also lediglich Bestandspflege und hält ihre eigenen Schäfchen trocken.
Abgesehen von den übrigen Kinoproduktionen, die weiterhin allein im Regen stehen, sind auch die TV-Produktionen ohne Schutz. Ihr Produktionsaufkommen ist viermal so hoch: rund 2,5 Milliarden Euro, sagt Christoph Palmer, Geschäftsführer der Produzentenallianz. Zwar zahlen ARD und ZDF pauschal 50 Prozent solcher Mehrkosten, „aber auf den restlichen 50 Prozent bleiben die Produzenten sitzen, und das stellt für kleinere und mittlere Firmen eine echte Herausforderung dar“, sagt Palmer.
42 Verbände und Organisationen der Film- und Fernsehbranche appellieren an die Bundesländer wie auch an die TV-Sender und Streamingdienst-Anbieter, einen Ausfallfonds einzurichten.
Die Angesprochenen hatten sich vorige Woche erstmals direkt über einen Ausfall­fonds beraten, meldet die Produzentenallianz. „Wie aus Verhandlungskreisen zu hören war, verlief das Gespräch sehr konstruktiv. Die Sender würden jetzt bereit sein, weiterhin einen Teil des Risikos bei corona-bedingten Produktionsstopps zu übernehmen. Die Suche nach einer einvernehmlichen Lösung soll in den nächsten Tagen fortgesetzt werden.“
„Fakt ist: Es gibt ein Eckpunktepapier der Länder. Danach wollen die Länder 45 Prozent der Schadenskosten absichern. 45 Prozent sollen von den Fernsehveranstaltern beigetragen werden. Der Eigenanteil der Produzenten würde zehn Prozent betragen“, berichtete „Der Tagesspiegel“ am Mittwoch.
Nach Auffas­sung der Produ­zen­ten­al­li­anz sei eine Absi­che­rung rund 100 Millio­nen Euro erfor­der­lich. Von den Sendern erwar­te man mindes­tens 40 Millio­nen Euro, „verteilt auf alle betei­lig­ten Sender­grup­pen und Strea­mer.“
Zum Vergleich: Rund 550 Millionen Euro hat Großbritannien hat vorige Woche für die unabhängigen Produktionsfirmen als Ausfallfonds bereitgestellt, berichtet „Screen Daily“ [auf Englisch].

Den „Teufelskreis“ hatte der Deutsche Kulturrat Ende August beschrieben: Es gebe umfangreiche Hilfen für die Filmwirtschaft, viele Produktionen seien wieder angelaufen, doch in „diese Lobeshymne auf die Produzenten können die Kinos nicht einstimmen. Sie hatten auf einen kraftvollen Neustart gehofft und wurden mehrfach enttäuscht: Von der Landespolitik, die auf unflexiblen Vorschriften beharrt, und von Produzenten, die trotz großzügiger finanzieller Förderungen längst fertiggestellte Kinofilme einlagern oder an Streaming-Plattformen verkaufen. Selbstverständlich muss ein Produzent wirtschaftlich rechnen und benötigt eine bestimmte Anzahl von Zuschauern, um seinen Film zu refinanzieren. Doch das Risiko einer wieder zum Leben erwachenden Spielfilmkultur darf nicht den Kinos allein überlassen werden. Auch die Produzenten müssen im eigenen Interesse hier mehr Mut zeigen, abgefedert durch einen Ausfallfonds. […] Ohne gute Filme kein Neustart der Kinos, und ohne gut besuchte Filmtheater keine erfolgreiche Verwertung der für das Kino produzierten Filme. Es ist ein Teufelskreis!“
Junge Kulturschaffenden sollten lieber nochmal über ihre Berufswahl nachzudenken, empfiehlt Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat: „Wer mit Unsicherheit schlecht leben kann, der sollte von einer freiberuflichen Tätigkeit in der Kreativbranche Abstand nehmen“, erklärte er in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Vor allem die Corona-Krise habe gezeigt, wie wichtig finanzielle Rücklagen sind, und nur die wenigsten Freiberufler und Solo-Selbstständige seien in der Lage gewesen, solche zu bilden. Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld hätten nicht gegriffen. „Viele sind daher auf die Grundsicherung angewiesen“, betonte Zimmermann.

Die Ufa sei fast wieder auf dem Produktions-Niveau der Vor-Corona-Zeit, erklärt Nico Hofmann der „Augsburger Allgemeinen“: „Fast alle unsere Produktionen drehen wieder – unter strengsten Sicherheits- und Hygienemaßnahmen. Seitdem die neuen Regelungen in Kraft getreten sind, hatten wir keinen Corona-Fall. Kommt es zu Erkrankungen, könnten wir die Betroffenen sehr schnell ausfindig machen“, erklärt der Produzent. „Die Crew hinter der Kamera trägt Maske oder hält den Mindestabstand ein. Die Schauspieler, die sich aus dramaturgischen Gründen in Szenen näherkommen, werden regelmäßig getestet. Zum Teil leben die Hauptdarsteller in Quarantäne.“
Durch diese Anforderungen „brauchen wir im Schnitt zehn Prozent länger für jede Produktion. Das führt zu Mehrkosten, die sich die Sender und Produzenten aktuell zu je 50 Prozent teilen. Das ist vorbildlich.“ Doch beim Ausfall von Film- und Fernsehproduktionen gebe es in Deutschland (entgegen anderen Ländern wie Österreich, Großbritannien oder Schweden) „noch kein breit aufgestelltes System, das alle Betroffenen finanziell auffängt. Vor allem für kleinere Unternehmen, also Produzenten, die im Jahr drei bis fünf Projekte stemmen, wird es dann brenzlig.“ Immerhin gebe es auf Bundesebene einen Fonds, der Künstlern hilft.

Der Bund setzt auf High-End-Serien: Seit 2015 fördert der German Motion Picture Fund (GMPF) hochwertige (und teure) Serien. Unter anderem „Dark“, „Babylon Berlin“, „Bad Banks“ und „Oktoberfest 1900“ – was Ansporn gibt, sich hier doppelt anzustrengen: Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat am Mittwoch eine „spürbare“ Aufstockung des Topfes angekündigt. Statt wie bisher 15 Millionen Euro sollen ab dem kommenden Jahr 30 Millionen Euro in den GMPF fließen.

 

Als erste deutsche Regisseurin überhaupt gewann Maria Schrader den wichtigsten amerikanischen Fernsehpreis. Für die Miniserie „Unorthodox“ wurde sie mit dem „Emmy“ ausgezeichnet – als beste Regisseurin. Den Abend dominierten jedoch besonders drei Produktionen und die Schelte für Donald Trump, berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.
Deborah Feldman, die mit ihrem autobiografischen Roman die Vorlage geliefert hatte, lobt Schrader im Interview mit der „Berliner Zeitung“: „Sie ist nicht nur eine tolle Schauspielerin, sondern auch eine einzigartige Regisseurin. Wo auch heute noch viele Männer in dem Job herumschreien, beleidigen und drohen, wird sie immer sanfter, je gestresster sie ist. Und der Dreh von ,Unorthodox’ war sehr stressig. Es gab nur ein sehr kleines Budget und ein sehr kleines Zeitfenster. Maria hat mit ihrer souveränen Art das Beste aus allen im Team herausgeholt. Sie hat sich rund um die Uhr eingesetzt, an alles und jeden gedacht, und mit dem Emmy widerlegt sie das Klischee, dass Frauen mit dem Älterwerden an Relevanz verlieren. Sie wird einfach immer besser.“

 

30 Jahre nach der Wiedervereinigung greift Netflix den Mord an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder auf. Am Donnerstag startete der Streamer seine erste deutsche True-Crime-Serie. Doch die Filmemacher von der Gebrueder Beetz Filmproduktion hatten mehr im Sinn als ein Whodunit.
So etwas hatte anscheinend die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erwartet: „Das Line-up der Beiträger ist beachtlich, kontrastreich und mit Reizfiguren gespickt“, die vier Episoden „atmosphärisch dicht und an Informationen reich“ – bloß: die Schnitzeljagd führe nirgendwo hin, „substantiell Neues erfahren wir nicht. Den Vorhang zu und alle Fragen offen, könnte es am Ende heißen, wenn die Scheinwerfer ausgehen über einem so vorgestellten, zutiefst zerrissenem statt wiedervereinten Land. Zwei Generationen nach der Wende ist das eine ebenso verführerische, lehrreiche wie düstere Geschichtsstunde.“
Was es wohl von Anfang auch sein sollte, trotz True-Crime-Format. Als Netflix vor zwei Jahren auf die deutschen Produzenten zukam, musste Christian Beetz dem Europa-Chef das Thema erstmal erklären: „Ihr kennt Deutschland immer nur als das Vorzeigeland mit seiner friedlichen Revolution von 1989 und der anschließenden Wiedervereinigung. Aber wir sind auch ein gespaltenes Land. Wir können weiterhin spüren, ob jemand eine Ost- oder eine West-Biografie hat“, zitiert ihn „Der Tagesspiegel“. Die rigorose Abwicklung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt spielte bei diesen Verwerfungen eine bedeutende Rolle. „Da gab es eine Demütigung, die man noch immer spürt. Vor zwei Jahren gingen die Montagsdemos wieder los, mit Pegida und der AfD gab es wieder ganz andere Bewegungen in Deutschland.“
„Was den Fall betrifft, haben die Filmemacher nichts Neues zu erzählen“, meint „Die Zeit“, aber sie berührten große Fragen: „In der letzten Szene fährt ein Junge mit seinem Fahrrad auf der Straße durch ein Dorf in Sachsen. Am Gepäckträger hat er eine Deutschlandfahne befestigt, und weil er um die Kamera weiß, die ihm folgt, schaut er dauernd zurück, während er doch vorwärts strampelt, dieser Bengel der Geschichte.“
„In mitreißenden Schnitt-Collagen machen die Regisseure sichtbar, wie bei vielen Bürgern der damaligen DDR die Hoffnung auf gerechtere Verhältnisse jäh in die Erkenntnis mündete, dass in ihrem Leben kein Stein auf dem anderen bleiben würde. Wie die mutigen Demonstrationen für Freiheit sich zu Versammlungen gegen Massenarbeitslosigkeit wandelten. Und wie sich bei vielen Ostdeutschen das Gefühl breit machte, über den Tisch gezogen worden zu sein. „Genau diesem Gefühl geben die Macher von ,Rohwedder’ Raum“, schreibt „Der Spiegel“, und „vom Riss, der nie verheilte.“
Für die Gebrüder Beetz sei die Arbeit mit Netflix eine völlig neue Erfahrung gewesen, berichtet „Der Tagesspiegel“ weiter: „Anders als beim deutschen Fernsehen war die Produktion vollfinanziert, ganz ohne Diskussion über Tarife und Bankkredite. Bemerkenswert war für Christian Beetz überdies die absolute Freiheit, die Netflix den Machern von ,Rohwedder’ gegeben hat. ,Mach mal, was du denkst. Wir sind dein Sparringpartner und weisen vielleicht ab und zu darauf hin, dass wir eine Entertainment-Plattform sind.‘“

„1980 war das Jahr, in dem der rechte Terror eskalierte“, sagt der Journalist Ulrich Chaussy. Vor 40 Jahren starben 13 Menschen bei einem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest, 211 wurden verletzt. Die damaligen Ermittler sahen kein politisches Motiv und schlossen auf einen Einzeltäter – der noch dazu bei dem Attentat selbst ums Leben kam. Chaussys Recherchen ergaben anderes.
Er schrieb erst ein Buch, „wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“, der Regisseur Daniel Harrich („Meister des Todes“) machte 2013 einen Spielfilm daraus: „Der blinde Fleck“. Der Generalbundesanwalt nahm die Ermittlungen wieder auf, doch diesen Juli wurden sie nach fünfeinhalb Jahren wieder eingestellt. Für den BR legten Chaussy und Harrich nun nochmal alle Mosaiksteinchen zusammen. Die Dokumentation „Ermittlungen? Eingestellt! Das Oktoberfestattentat und der Erlanger Doppelmord“ ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

Amokläufe, Geiselnahme als Live-Event, Oetker-Kidnappping – wie hiesige Filme mit zeitgenössischen Dramen TV-Geschichte geschrieben haben, betrachtet „Der Tagesspiegel“ und stellt fest: Wenn wirkliche Gewalt im deutschen Fernsehen verfilmt wird, steht meist nicht die Tat selbst im Fokus, sondern Folgen, Ursachen oder Verarbeitung. „Im amerikanischen Kino bilden Amokläufe ein eigenes Subgenre. Obwohl sich an deutschen Schulen seit 2002 auch ein halbes Dutzend solcher Bluttaten ereignet haben, ist das Thema in der hiesigen Film- und Fernsehlandschaft nicht populär.“

 

Diese Woche im Kino: „Pelikanblut“. Die Regisseurin Katrin Gebbe sprach mit der „Berliner Zeitung“ über ihren Film, in dem ein Kind lächelnd grausam wird und seine Adoptivmutter an ihre Grenzen treibt. „Wir neigen generell dazu, Probleme auszublenden. Vielleicht beschäftigen sich weibliche Filmemacherinnen, die jetzt mehr und mehr die Chance haben, ihre Filme zu machen, anders mit diesen Themen“, sagt Gebbe. Und: „Kunst darf poetisch sein. Das will man leider Filmen oft gar nicht zugestehen, vielleicht weil etliche auch gar keine Vielschichtigkeit mehr aufweisen und der Zuschauer das nicht mehr gewohnt ist. Der Film hat aber so viele Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen. Ich finde es selber toll, wenn ich aus dem Kino nach Hause komme und noch drei Tage daran knuspern muss.“

„Wieso soll ich meine Zeit verplempern, indem ich mich erhole?“ fragt Rosa von Praunheim die „Berliner Zeitung“ zurück: Der Filmemacher hat viel für die Emanzipation der Homosexuellen getan. Nun sei es an Zeit, von den bösen Schwulen zu erzählen. Zum Beispiel von Adolf Hitler. „Auf jeden Fall ist es sinnvoll, Tabus zu brechen“, meint der 77-Jährige. „Wenn wir an den Missbrauch in der katholischen Kirche denken, die Tuntenparties im Vatikan. Gucken Sie die Whistleblower an, der Irak-Krieg wurde mit einer Lüge begründet. Das ist die Regel, hat Hitler auch so gemacht. Die Lügen, die Trump in die Welt setzt … Da muss man Licht hineinbringen.“

Der Schauspieler Oliver Masucci hat sich für seinen Part als Rainer Werner Fassbinder einen Rollenbauch angefressen, bemerkt die „Süddeutsche Zeitung“ und macht sich Gedanken zur männlichen Körpermitte: „Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen besteht darin, dass Frauen in Gewichtsdingen immer fragen würden. ,Findest du, dass ich zugenommen habe…?‘ Männer konstatieren das Offensichtliche, heroisch, wortkarg, gnadenlos gegen sich und andere. ,Bin. Ich. Fett.’

Hugh Laurie hat in diesem Jahr erst einen Tag gearbeitet, erzählt er der „Berliner Zeitung“. „Und da habe ich in einem Glaskasten im Tonstudio ein Hörbuch eingelesen. Eigentlich hätten im Frühjahr die Dreharbeiten zur zweiten Staffel ,Avenue 5‘ beginnen sollen, doch die wurden immer wieder verschoben, aktuell auf November. Wobei die derzeitige Entwicklung in Großbritannien mich auch daran zweifeln lässt. Denn wie soll man bei all den Abstands- und Sicherheitsregeln eine Serie mit 200 Statisten und einer Crew aus 100 Leuten drehen? Aber ich will mich nicht beklagen, schließlich nage ich nicht am Hungertuch und bin in meinem Beruf vollkommen flexibel und auf mich alleine gestellt. Mir tun die kleinen Unternehmer leid, die ihre Angestellten irgendwie weiterbezahlen wollen. Die Leute, die all ihr Erspartes in einen Pub oder ein Restaurant gesteckt haben. Die brauchen wirklich Hilfe. Zumal ich denke, dass wirtschaftlich gesehen das Schlimmste erst noch auf uns zukommt.“

 

Jahrzehntelang schrieb der französische Schriftsteller Gabriel Matzneff pädophile Bücher. Jahrzehntelang feierte ihn die Pariser Literaturszene dafür. Dann klagte ihn an Neujahr ein Opfer an. Matzneff beteuerte seine Reue, allerdings habe das „zu jener Zeit“ niemand als Verbrechen angesehen.
Naja – eigentlich doch: Die französischen Gesetze wurden da zwar bis vor kurzem sehr gerne missverstanden, doch manchen war auch so klar, dass da etwas richtig sein kann. Die kanadische Schriftstellerin Denise Bombardier etwa hatte Matzneff schon in den 1990er-Jahren im französischen Fernsehen wegen seiner autobiografischen Erzählungen über Sex mit Minderjährigen kritisiert. Wie es ihr in der Runde prominenter Männer erging, kann man sich heute noch auf Youtube ansehen [auf Französisch]. Der Regisseur Claude Lanzmann fand, Matzneff hätte sie während der Sendung ohrfeigen sollen, schreibt das St. Gallener „Tagblatt“.
Ähnliches hatten auch Maren Kroymann (heute Schauspielerin) und Lieselotte Steinbrügge (inzwischen emeritierte Professorin) erlebt. Gemeinsam mit einer Kommilitonin hatten sie Anfang der 1980er-Jahre in einem Aufsatz kritisiert, wie die damals populären Fotografien von David Hamilton gelobt und verharmlost würden. Den Weichzeichner-Bildern halbverhüllter junger Mädchen in schwülem Ambiente sei das „Fehlen des männlichen Voyeur-Blicks“ hoch anzurechnen, hatte ihr Doktorvater geschrieben. Die drei widersprachen.
„Liest man unseren Aufsatz heute, ist es geradezu auffällig, wie brav wir uns mit den 24 Fußnoten um die Einhaltung wissenschaftlicher Konventionen bemüht haben und vor allen Dingen – wie aktuell er ist. Was vor 40 Jahren eine interessante Debatte hätte werden können, wurde einfach nur zu einer schnöden Demonstration von Machtdiskursen. Wenn wir sie damals schon hätten führen können, wäre uns womöglich das Pathos und die Dramatik erspart geblieben, die heutige Gender-Debatten oftmals prägen.“ Stattdessen bekamen sie richtig Ärger, berichten sie in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“.
Hamilton hatten mehrere Frauen kurz vor seinem Tod 2016 vorgeworfen, er habe sie missbraucht.

 

Die Rettung ist gescheitert – das Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München wird Ende 2020 geschlossen, berichtet die „Medienkorrespondenz“ und fasst die Ereignisse zusammen. Die hatte die Fachzeitschrift „FKT“ bereits am 1. August angekündigt und mit einem ausführlichen Pressespiegel dokumentiert. „Es geht um eine langjährige technologische Perle, um eine Art Erfinderwerkstatt“, erklärt das „Handelsblatt“. Das IRT ist das Forschungsinstitut aller öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschland, Österreichs und der Schweiz, wird von diesen finanziell getragen und gibt unter anderem deren Technische Richtlinien heraus.
Das ZDF hatte sich als erster Sender erklärt, sich aus dem IRT zurückzuziehen. Und begründete es auch damit, dass der Bedarf des Senders an dem „rundfunkspezifischen Know-how“ sinke. Grund für das Aus sei jedoch „grobes Missmanagement“, schreibt die „Berliner Zeitung“: Das Institut war von einem Patentanwalt um 200 Millionen Euro an Lizenzerlösen betrogen worden.
Die verbliebenen 13 Gesellschafter wollten den Anteil des ZDF nicht übernehmen – laut „Süddeutsche Zeitung“ 2,5 Millionen Euro im Jahr, eine „für öffentlich-rechtliche Verhältnisse geringe Summe“. „Nach unserer Einschätzung gehört das Thema technische Forschung heute anders als früher nicht mehr zum Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“, sagt etwa ein Sprecher des NDR der„FKT“, die von der Fernseh- und Kinotechnischen Gesellschaft herausgegeben wird. Und NDR-Produktionsdirektor Sascha Molina erklärte der „Süddeutschen Zeitung“: „Technische Qualität ist längst nicht mehr so wichtig wie Inhalte. Der Zuschauer soll sehen, wofür wir sein Geld ausgeben.“

 

Was spielt der ORF wo in zehn Jahren? Die Programmdirektorin Kathrin Zechner skizziert im Interview mit „Horizont“ ein Szenario: „Das so lange geübte und durch den Kinofilm vor über 100 Jahren entstandene 90-Minuten Format wird bestehen bleiben, mit starken Inhalten und starkem Label. Der Allerwelts-90er, die liebliche Schmonzette, das wird aus dem eigenproduzierten Repertoire verschwinden und in die KI-Welt der Kommerziellen übersiedeln. Die linear erzählte Serie, das, womit die Streamer punkten, wird noch stärker werden, selbst für den Preis, dass sie selten bis kaum wiederholbar ist und im linearen Fernsehen problematisch anzubieten. Die klassische Serie mit hohem Wiederholungspotenzial hat nur mit starken Themen, starken Typen und Milieus, mutiger Sprache und mehrschichtiger innerer Qualität eine Chance.“

„Diversität ist ein Riesenthema, bei dem uns der Nachholbedarf bewusst ist“, gesteht Clemens Bratzler, Programmdirektor beim SWR: „Wir können die Breite der Gesellschaft nur erreichen, wenn wir sie auch zeigen. Wir haben viel vor“, sagt er im Interview mit DWDL und hat besonders die jüngeren Zielgruppen im Blick. „Insgesamt werden derzeit mehr als 50 digitale Formate entwickelt, die im Haus oder gemeinsam mit Produktionsfirmen entstanden sind. Dabei lernen wir ganz viel, probieren aus. Wir sind mutiger als früher und werden deshalb auch regelmäßig scheitern.“
Der SWR gehe aber noch weiter und will den Sendeaufwand fürs lineare Fernsehen bis 2024 um ein Drittel reduzieren. „Es geht also um eine massive Umverteilung vom Linearen ins Nonlineare, um nicht nur mal ein Feuerwerk zu veranstalten, sondern nachhaltig Budgets anders zu nutzen“, betont Bratzler.

 

Unter Corona-Bedingungen lief das Filmfest Oldenburg. „Bei weitem nicht so lebendig wie sonst ging es in den Kinos zu. Viele Plätze blieben leer, weit mehr, als durch die Abstandsregeln bedingt“, bedauert der Rückblick beim NDR und zitiert den Festivalleiter Torsten Neumann: „Das haben wir geahnt. Wir stellen ja die Welt auch nicht auf den Kopf mit dem Festival. Es gibt immer noch eine Hemmschwelle, sich irgendwo hinzubegeben. Das Wichtigste, was wir jetzt machen, ist, wir setzen Zeichen, dass Kultur und Menschen zusammengehören. Wir müssen aufpassen, wenn wir durch diese Krise gehen, dass wir nicht unsere eigene Kultur verloren haben.“

„Über 800 Fachbesucher*innen“ meldete die Filmkunstmesse zu ihrem Abschluss am vorigen Freitag. Viele Regisseur*innen und Schauspieler*innen hätten ihre Filme persönlich vorgestellt, die Filmkunstmesse „in einer schwierigen Zeit eine unglaublich positive Energie freigesetzt“, sagt Felix Bruder, Geschäftsführer des Veranstalters AG Kino – Gilde. „Die Menschen haben gespürt, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind und nehmen neue Impulse mit nach Hause.“ Das gelte auch für die AG Kino, die Interessenvertretung der Arthouse-, Programm- und Filmkunst-Kinos, selbst: „Auch wir haben mit den digitalen Angeboten, den dezentral organisierten Veranstaltungen und einem neuen Online-Ticketing System für die Fachbesucher Impulse bekommen, die wir sicher auch in Zukunft weiterentwickeln.“

Freiheit für die Unterwerfung: Die Hygienedemonstranten sehen die Demokratie in eine Diktatur kippen. Doch wenn sie Freiheit rufen, meinen sie nur ihre persönliche, bemerkt die „Tageszeitung“. „Es ist nicht so, dass sie die Realität des Virus ablehnen – und deshalb die Maßnahmen des Staates ablehnen. Es ist vielmehr genau andersherum: Weil sie die Eingriffe des Staates nicht akzeptieren – akzeptieren sie auch nicht die Realität des Virus, der Bedrohung, der Krise. Und genau darin reproduzieren sie das neoliberale Konzept des Staates, der nur die Rahmenbedingungen für den Markt zu garantieren habe, in entstellter Form.“
Die Verschwörungsgläubigen unter ihnen erzeugten „darüber hinaus noch einen Überschuss. Indem sie den Adressaten ihrer Empörung personalisieren. Genauer gesagt: sie erzeugen, benennen, beschwören einen konkreten Adressaten: Bill Gates, George Soros, Rothschild, Rockefeller, die Illuminati. Egal. Irgendwer soll verantwortlich sein. Und die sollen dann weg. Alle. Mitsamt ,ihrem‘ Virus.“

Nur die Harten dürfen in den Garten? Sieger, Aufsteiger und Gewinner sind das gesellschaftliche Ideal im Kapitalismus. Wer dessen Wachstumsdoktrin kritisiert, muss auch seine Archetypen infrage stellen, meint der Autor Tim Leberecht („Gegen die Diktatur der Gewinner“) in der „Süddeutschen Zeitung“: Nur eine Abkehr vom sozialdarwinistischen Menschenbild der Gegenwart helfe, die Krisen-Ära zu meistern. „Mittlerweile darf man zwar hin und wieder scheitern. Aber nur im Sinne des aus der Silicon-Valley-Start-up-Szene importierten ,Fail Forward‘, wo man missglückte Versuche als Lernerfahrung betrachtet. Die richtigen Verlierer sind die anderen, die nicht mehr Schritt halten können mit Globalisierung und Digitalisierung. Denn das Gewinnen ist der Quellcode des Wachstumsprinzips, des Motors unseres Wohlstands. Wer das ungehemmte Wachstum eindämmen will, der muss nicht nur neue wirtschaftliche und sozialpolitische Instrumente überprüfen, sondern auch die Psychologie des Gewinnens. In einer Gesellschaft des inklusiven Wachstums kann man verlieren, ohne Verlierer zu sein oder zum Gewinner werden zu müssen. Sie schafft Platz für Negativität, für sogenannte negative Emotionen wie Melancholie oder Trauer.“

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