Corona ist nicht mehr das einzige Thema, die Talk-Shows kommen nicht mehr hinterher. „Maischberger. Die Woche“ riss vieles an, dachte aber nichts zuende. | Foto © ARD

Corona und das Aufmerksamkeitsdefizit: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 73.

„No man is an Island / entire of itself“
John Donne, 1621 

„Niemand ist eine Insel“
Johannes Mario Simmel, 1975

 

Corona, Corona, Corona – das war einmal. Die Pandemie schafft es zurzeit einfach nicht zum Alleinstellungsmerkmal in den öffentlichen Diskursen der deutschen Republik. In anderen Ländern mag sich das anders verhalten, aber uns geht es dafür einfach zu gut. Zwar sind Covid-19, die neuesten Infektionstatistiken, der Stand der Impfstoff-Forschung schon zur Nachrichtenroutine geworden, so wie irgendein Anschlag im Nahen Osten, oder ein neuer SPD-Vorsitzender. 

Aber die zweite Welle ist einfach nicht da, so sehr Markus Söder das auch behauptet, so einschüchternd der jeweilige Hotspot der Woche auch wirken mag. Selbst im Partysündenpfuhl Berlin gehen die Infiziertenzahlen auch seit Ferienbeginn Ende Juni und über das Ferienende Anfang August mit seinen Rückkehrerwellen hinaus beständig zurück. Wir kaufen und tragen Masken, weil uns 0,02 Prozent der Berliner Bevölkerung gerade anstecken könnten (800 von 4 Millionen). De facto viel weniger. 

Bestimmt ist das auch in Deutschland alles sehr verhältnismäßig und vorausschauend gedacht von selbstlosen Entscheidern. 

Und in anderen Ländern ist es vermutlich anders und die Gefahr viel höher. Aber wir reden von Deutschland, heute zumindest. 

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Dafür, dass angeblich so wenig Menschen die Argumente der Verschwörungstheoretiker und „Hygiendemonstranten“ und anderer Corona-Relativierer teilen, und dafür, dass diese Argumente und Einwände alle eh Unsinn sein sollen, wird für mein Gefühl in unseren Medien ziemlich viel Aufhebens um sie gemacht. 

Im Ernst glaubt doch wohl kaum jemand, dass sich Deutschland auf dem Weg in eine Gesundheits-Diktatur befindet. Man könnte es also gelassener angehen. 

Vielleicht würde die Erklärung, warum es in Österreich und der Schweiz keine Corona-Demos gibt, auch erklären, warum das in Deutschland anders ist. Mein Eindruck: Erstens hat die Opposition ihre Arbeit nicht gemacht. Hätten Grüne und Linke nicht alle Corona-Maßnahmen ähnlich vorbehaltlos unterstützt, wie SPD und Liberale die Regierung des Deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg, hätte sich die legitime Opposition nicht mit Rechtsextremisten abgefunden. In Deutschland bekommt jeder Unsinn Aufmerksamkeit, sobald Rechtsextremisten involviert sind, zugleich lehnt man jede Debatte ab. Keine gute Mischung. 

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In dem ziemlich chaotischen neuen Format, mit dem Sandra Maischberger versucht, ihre Position im bereits beschrumpften Talk-Show-Angebot der ARD zu retten, zeigten sich die Prioritäten der augenblicklichen deutschen Nachrichtenlage und die Art, wie bei uns alle möglichen Dinge (nicht/nur halbgar/nicht zuende) debattiert werden, recht genau – in ihren guten, wie ihren schechten Seiten.

„Maischberger. Die Woche“ riss vieles an, dachte aber nichts zuende.

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„Ich will auch keinen zwingen, in der Europäischen Union zu bleiben“ – ein kleiner utopischer Moment an einem routinierten Abend, für einen Augenblick ein anderes Europa vorstellen: ohne Bremser, ohne autoritäre Regierungen, welche Presse- und Meinungsfreiheit beschneiden, ohne Verhandlungen, die noch den klügsten Kompromiss faul aussehen lassen. Jean Asselborn, der Luxemburgische Außenminister, sagte das, als er unter Bezug auf die aktuelle Flüchtlingssituation die „Unmenschlichkeit in einem Europa der Werte“ beklagte. Dies war ein Augenblick der Konzentration in einem unkonzentrierten Abend.

Davon abgesehen blieb Sandra Maischbergers Sendung auch an diesem Mittwoch die Talk-Show zum Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom: Flüchtlinge in Moria, Corona in Deutschland, Bob Woodward über Trump, die Bundesliga und das Weltklima waren die Hauptthemen, immerhin gestreift wurden auch noch Europa und Armin Laschets Chancen auf den CDU-Vorsitz. Alles in knapp 80 Minuten – da kann nichts weitergedacht werden, können Lösungen nicht mal angedeutet werden.

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Um so auffälliger, dass eines der wichtigsten Themen der Woche fehlte: Hatte man in der letzten Sendung noch gleich sehr aktuell die Bilder vom brennenden Lager in Moria gezeigt und besprochen, vermied man jede Erwähnung der Pressekonferenz, bei der NRW-Innenminister Reul bereits am Morgen ein Neonazi-Netzwerk in Mühlheim und beim LKA aufgedeckt hatte. Über diese aktuelle „Schande bei der Polizei“ (Herbert Reul) hätte man zwischen dem üblichen Corona-Für-und-Wider, den Flüchtlingsdebatten über „Pull-Effekte“ und den Klimadiskussionen über den Nutzen des Emissionshandels schon mal sprechen können.

Warum fehlte das? Offenbar verkannte die Maischberger-Redaktion die Brisanz eines Themas, obwohl anm dieser Brisanz bereits zuvor die „Tagesthemen“ keinen Zweifel gelassen hatten. Dabei hätte die rechtsextreme Unterwanderung der Polizei gut zu einem Format gepasst, das eher funktioniert wie ein Stammtisch, wo jeder mal reinrufen darf, was ihm gerade einfällt. Gesprächsfluss Fehlanzeige!

Maischbergers Sendung befindet sich nach wie vor im Experiment-Modus, und leidet unter einer extremen Durch-Formatierung, die fortwährend Unruhe schafft und keine echte Diskussion aufkommen lässt. Immer wenn es spannend zu werden droht, setzt sich die Moderatorin um oder es wird irgendwohin geschaltet, oder ein Filmchen abgespielt.

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Immerhin einen kleinen konzentrierten Schlagabtausch gab es bei Maischberger zwischen Jean Asselborn und dem österreichischen EU-Jungkonservativen Lukas Mandl, der Menschenrechte und Flüchtlingshilfen für „Nabelschau der Europäer“ hält. Die Verhältnisse in den Lagern an Europas Grenzen empörten den feschen Jungspund Mandl nicht, sondern nur Asselborn polemische Bemerkung am Rande, „die Österreicher jodeln vielleicht“, andere engagierten sich. „Ich verstehe es nicht“ klagte Asselborn, nicht resignativ, sondern leidenschaftlich, „es ist das Heute, was zählt.“

Zuvor hatte „Cicero“-Chef Christoph Schwennicke, auch ein in den Medien gern gesehener Rechtaußen unter den Journalisten, nur vor dem „Pull-Effekt“ gewarnt, der aufkäme, falls Deutschland Flüchtlinge aufnehmen würde, während Sportreporter Marcel Reif, bevor er über die Bundesliga zu sprechen hatte, erklärte, dass „die Menschheit“ sich verliere und vergesse, wenn sie in Moria nichts unternehme. Beim Thema Bundesliga waren sich Kaiserslautern-Fan Reif und Fußball-Verächter Schwennecke dann immerhin in einem einig: „Leidenschaft hat etwas mit Kontrollverlust zu tun.“

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Etwas mehr solchen Kontrollverlusts wünschte sich Asselborn auch bei der deutschen Corona-Politik, und kommentierte eher undiplomatisch: „Unverhältnismäßig“ sei da so einiges, es würde mit Zahlen hantiert ohne den „Bezug zur Zahl der Tests und zur Zahl der Krankenhäuser“ herzustellen. Fazit: „Die deutsche Seele müsste schauen, dass sie etwas flexibler wird.“

Dem stimmte auch die deutsch-kroatische Autorin und „SZ“-Kolumnistin Jagoda Marinic zu. Auch sie hätte „leise Zweifel“ am Handeln der Politiker und der Komminikation über „Risikogebiete“ und riet den Deutschen zu „ein bisschen Demut“.

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Auch am Ende der Sendung stand dann nochmal was Neues, nämlich ein von Maischberger moderiertes Streitgespräch zwischen Sarna Röser vom „Bund Junger Unternehmer“ und dem Fridays-for-Future Aktivisten Jakob Blasel, der jetzt für die Grünen in den nächsten Bundestag will. Allzuviel Streit gab es dann nicht, weil zum Charme der Jugend die Weisheit des routinierten Funktionärs trat: Röser wie Blasel machten Punkte, ohne ihr Gegenüber direkt anzugreifen, und vermieden alles, was vom Publikum zuhause als Bedrohung verstanden werden könnte.

Man solle bloß die Wirtschaft nicht vernachlässigen, warnte Röser, sonst „werden wir freitags ganz andere Demos erleben!“ Und der Emissionshandel, so Blasel sei „ein supertolles Instrument, nur lasch gestaltet“. Von Maischberger gefragt, ob er denn Kurzflüge oder Fleischverzehr verbieten wolle, betonte Blasel er wolle gar nichts verbieten, Konsumverzicht löse das Generationenproblem der Erderwärmung nicht. 

Hier haben die Grünen erkennbar vom Veggie-Day-Debakel gelernt. Darüber wie man Dinge wirklich ändert, allerdings noch nichts.

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