Oft Drama, auch Melo, aber kein Kitsch: Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ wirkt wie ein ferner Spiegel unserer Tage. | Foto © ARD Degeto, X-Filme, Beta Film, Sky Deutschland, Frédéric Batier

Gezielte Verunsicherung: „Das Virus ist zu politisch geworden, obwohl es eigentlich nicht politisch sein sollte“: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 76

„es
kommt eine neue zeit
überhitzung verwüstung steppenbildung
es kommt eine neue zeit
die toten kommen wieder
einer nach dem anderen und
die ersten
werden deine spuren tragen“

Thomas Köck, antigone. ein requiem

„Die sanfte Revolution der Elektronengehirne hat in der Bundesrepublik längst begonnen. (…) In diesem Stadium des Aufbruchs (…) müssen Gefahren auf die Wand unserer Zukunft projiziert werden, Tendenzen zur Totalisierung des Staates auf Umwegen, zur Schematisierung und zur Entblößung und Degradierung der menschlichen Person.“
Hanno Kühnert, Redakteur, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 1969 

“Was ist das Beste an einer Staatskrise, einer Revolution? Ganz neue Möglichkeiten. Und neue Gewinner. Jetzt lass uns doch mal überlegen, wie wir das hier gewinnen können.“
aus: „Deutschland 89“

 

Corona ist da. Die Infektionen steigen. Beides steht nicht infrage. Infrage steht aber, was das heißt und wie man darauf reagiert. 

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Nachruf zu Lebzeiten. Und Nachleben im Tod. „Ich bin jetzt tot, und Sie, liebe Hörer, werden das eines Tages auch sein.“ Herbert Feuerstein lebt tatsächlich nicht mehr, aber in der Stunde seines Todes überrascht er das Publikum noch einmal – mit seinem Nachruf, den er vor fast sechs Jahren aufgezeichnet hat. Auf WDR 5 kann man ihn hören. Ein knapp zweistündiger Gang durch sein Leben, mit viel Musik, und vielen weiteren Sprechern. Und ein Lehrstück, wie man auch sterben kann: beiläufig, gelassen, unpathetisch. 

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„Oh mein Gott. Oh mein Gott. Oh mein Gott“ – dreimal hintereinander rufen sie in der Stasi-Zentrale in einer Mischung aus Staunen, Schreck und schierer Fassungslosigkeit den Gott an, an den sie doch als linientreue hstorische Materialisten eigentlich nicht mehr glauben können. Dazu Bachs B-Moll Messe und Zeitlupe: Die Zeit scheint für ein paar Augenblicke stehengeblieben um 22.42 Uhr an jenem 9. November 1989, als die Fernsehbilder zeigen, was noch Stunden zuvor undenkbar schien. Die Stasi ist auch in „Deutschland 89“ wieder Hauptfigur. Im Zentrum aber steht diesmal Maria Schrader. Ihre Figur, die Agentin Leonora Rauch, ist das schwarze Gewissen dieser Staffel, der das Drehbuch die schönsten, klügsten, bissigsten Sätze gegeben hat, gegen Relativismus, gegen Mehrheitsdenke und Einheitsgesäusel: „Die Leute schreien nach Freiheit. Und was sie kriegen, ist Kapitalismus. Kapitalismus ist nichts als Kapitalismus. Der lässt sich für gar nichts einspannen. Nicht für Freiheit, nicht für irgendetwas. Der Kapitalismus spannt alles für sich ein. Und verschlingt es.“

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Ablenken oder entspannen von den ganzen Corona-Nachrichten kann man sich in den nächsten Tagen gleich doppelt: Die dritte, von acht auf zwölf Folgen erweiterte Staffel von „Babylon Berlin“ ist psychologischer angelegt, mehr Drama als Thriller, und betont die Parallelen zur Jetztzeit. 

Das fällt auch leicht: Denn die Handlung dieser schönen Serie spielt im September/Oktober 1929, den sechs Wochen vor dem „Schwarzen Freitag“, als aus dem kurzen Sommer der Goldenen Zwanziger der lange Winter der Weltwirtschaftskrise wurde, und die kommende Diktatur bereits am Horizont aufschien. Zugleich ist die Mordermittlung, mit der Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) und seine Kollegin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) diesmal zu schaffen haben, im Filmmilieu angesiedelt, denn das Opfer ist ein Ufa-Star, der Tatort die legendären Filmstudios in Neubabelsberg, eine Filmproduktion, hinter der eine ausländische Bande steht. Doch parallel gehen die politischen Intrigen weiter, die Morphiumsucht Raths, die Spekulationen des teuflischen Investors Alfred Nyssen (Lars Eidinger), der die Diagnose seines „Irrenarztes“, er sei manisch-depressiv, hellsichtig auf den Finanzmarkt überträgt: „Was wir jetzt gerade erleben, das ist eine Manie an der Börse.“

Wir haben also die Zutaten: Krise, Börse, Medien, gewürzt mit Drogen und Therapie – wenn das nicht alles überaus aktuell sein soll! 

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Nach drei Staffeln ist es Zeit, allmählich Bilanz zu ziehen. „Babylon Berlin“ ist Ausstattungsfilm, der auf den Mythos „Metropolis Berlin“ und „Goldene Zwanziger“ setzt, und darum dem Stadtmarketing der Hauptstadt gefallen wird, weil er auch den Drehort Berlin erschließt, gerade in seinen unbekannten, wenig abgefilmten Seiten und Orten, in denen das Alte die Erschließung der Vorkriegsmetropole noch überlebt hat. 

Dies ist ein Film, in dem viel gesungen und getrunken wird, und mehr als einmal Frauenbusen und Federboa, Lederstiefel und Uniform den Fetischismus, der zur Epoche und zum Medium gehört, bedienen. Es ist über die Thriller-Handlung hinaus oft Drama, auch Melo, aber es ist kein Kitsch. Eher ein Herantasten, und beflissenes Bemühen um Genauigkeit, aber auch eine sehr liebevolle Rekonstruktion tausender kleiner Details und Einzelheiten. Und auch des großen Unterschieds zwischen Frauen und Männern: Die Männer sind sämtlich Gezeichnete hier – vernarbt, kaputt, gequält und getrieben. Kaum einer geht gerade, kaum einer freut sich des Lebens. Die Frauen dafür um so mehr. Für sie ist die Epoche reiner Aufbruch. Nicht nur Sehnsucht, sondern Erfüllung; die Befreiung aus dem Korsett der Vergangenheit, ein Frühling der Chancen und Möglichkeiten. 

Als Historienfilm betrachtet ist „Babylon Berlin“ eine viel bessere historische Rekonstruktion, als das, was in der Regel im deutschen Kino für zum Teil viel mehr Geld zu sehen ist. 

Die Wirkung der Serie liegt darüber hinaus darin, dass die Weimarer Republik und ihre Krise im Rückblick wie ein ferner Spiegel unserer Tage wirken. Ein Spiegel, der auch verzerrt, in dem man aber sich wiedererkennen kann. 

Man darf hoffen, dass die Macher Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten auf diesen Spiegel-Effekt in Zukunft noch stärker setzen. Etwas mehr „Das Weiße Band“ und etwas weniger „Cabaret“, auch etwas weniger „Tatort“ und etwas mehr „Lola rennt“ – und „Babylon Berlin“ wäre perfekt. 

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Eine Seuche kommt darin nicht vor. Wenn man wieder aufgetaucht ist aus dem Bingewatching, kann man sich dann auf die Unterschiede der Epochen besinnen und fragen: Was ist das eigentlich, was gerade passiert? Die Zeichen mehren sich, dass wir alle Corona noch gar nicht verstanden haben. 

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Hendrik Streeck, einer der führenden Virologen des Landes und nicht im Verdacht, zu den Corona-Skeptikern zu gehören, wählte auch diese Woche klare Worte, Worte gegen den Trend. Und gegen die politischen Entscheidungen: „Wir müssen mit dem Überdramatisieren aufhören“. Die Sterblichkeit des Corona-Virus liege in Wirklichkeit viel niedriger als gedacht, und die Gesellschaft habe übertrieben Angst. Streeck empfiehlt daher eine Rückkehr zur „Lebensnormalität“, was immer das sein soll. Das Risiko der Krankheit Covid-19 sei inzwischen gut kalkulierbar und legitimiere eine übertriebene Verbotspolitik nicht mehr. 

Man habe in Deutschland derzeit eine völlig normale Sterblichkeitsrate. Bei der Hitzewelle 2018 und bei der Grippewelle 2017 habe man sehr viel deutlicher eine Übersterblichkeit gesehen. „Wir haben es mit einem ernstzunehmenden Virus zu tun, aber wir dürfen dieses Virus nicht mehr überdramatisieren.“

Streeck wies darauf hin, dass die Sterblichkeit von Corona-Infizierten sehr viel niedriger sei, als man das im Frühjahr befürchtet hatte. „Dieses Virus ist tödlich nur für wenige. Genauso wie viele andere Viren auch“, meinte Streeck.

Die zunehmenden Erkenntnisse der Wissenschaft sollten Mut machen: Es gebe fast keine Übertragung über Gegenstände. Auch gebe es im normalen Alltagsgeschäft (etwa im Einzelhandel) wenige Ansteckungsrisiken. Viele Infektionen verliefen komplett ohne Symptome. Nur noch fünf Prozent der Infizierten bräuchten überhaupt eine klinische Versorgung, weitaus weniger gar eine intensivmedizinische.

Streeck wies auf die letztlich sehr niedrige Sterblichkeitsrate von höchstens 0,37 Prozent hin: Die Angst vor dem Corona-Virus findet er häufig irrational. Zu oft würden kleinste Nebenrisiko-Wahrscheinlichkeiten zu großen Themen von Politik und Medien. „Das Virus ist zu politisch geworden, obwohl es eigentlich nicht politisch sein sollte“, konstatiert der Forscher und plädiert für ein Ende des Krisen- und Panikmodus, der Umgang mit dem Virus müsse zur in ein normales Risikohandling, wie bei vielen anderen Risiken des Lebens auch, übergehen. 

Ängste zu schüren sei der falsche Weg, weil man damit die Gesellschaft spalte. 

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„Wir hatten bislang nie einen exponentiellen Anstieg“ erklärt Streeck auf NTV. „Zu viel Angst“ der Deutschen verstelle den Blick auf intelligente Lösungen in der Krise. „Das Virus ist ja schon Teil von unserem Alltag. Wir würden es nur mit den allerhärtesten Maßnahmen schaffen, es einzudämmen. […] wir haben es über den Sommer hinweg nicht geschafft, pragmatische Lösungen zu finden, wie man in bestimmten Bereichen weitermachen kann, wenn die Infektionszahlen deutlich steigen. Da wurden Chancen ausgelassen. Meine Sorge für den Herbst ist, dass wir zu wenig über Lösungen diskutieren und zu viel darüber, wie wir das Leben wieder zurückfahren.“

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Im aktuellen Kursbuch erinnert der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer an seine Erfahrungen als junger Arzt mit der Hongkong-Grippe, die im Winter 1969/70 allein in Westdeutschland über 40.000 Tote kostete. Medikamente oder Impfstoff gab es nicht. Die Krankenhäuser waren überfüllt, die Patienten lagen auf den Gängen. „Ebenso wie die Asiatische Grippe rund zehn Jahre zuvor galt die Hongkong-Grippe nicht als Gefahr, vor der man sich schützen muss, eher als Schicksal, das die Bevölkerung schon irgendwie bewältigen würde. […] Angesichts der Corona Pandemie knapp 50 Jahre später ist alles anders. Während die früheren Epidemien als Wellen angesprochen wurden (und damit ein Naturphänomen imaginiert wird), beherrscht jetzt eine (Corona-)Krise über Monate hin alle Medien – führende Politiker bemühen Kriegsrhetorik.

Schmidbauers „notwendiger Zwischenruf“ ist überaus lesenswert, weil er auf eine Menge Argumente eingeht. Beim nächsten Mal werde ich noch mehr zitieren. Diesmal nur der Hinweis, dass er im Vergleich der beiden Epidemien den Umschlag vom Fatalismus zur Erregung beschreibt – und man kann hier bemerken, dass beide Verhaltensweisen (beide !) – nicht wünschenswerte Zustände beschreiben, sondern Mangelerscheinungen sind.

„Die Intensivmedizin spielt im Umgang mit Covid-19 eine wichtige Rolle. Staatliche Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bürger werden jetzt damit gerechtfertigt, dass ohne eine Kontrolle der Epidemie die intensivmedizinische Versorgung zusammenbricht. Auf die Paradoxie, dass Menschen plötzlich Opfer für ein Gesundheitssystem bringen sollen, das doch eigentlich für die Menschen da ist, hat jüngst der Zürcher Philosoph Olivier Del Fabbro hingewiesen.“

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Auch der Epidemiologe Gérard Krause, ähnlich wie Streeck ein vom Fernsehen gern zitierter Experte und Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, zieht die jetzt beschlossenen Verschärfungs-Maßnahmen in einem „Spiegel“-Interview in Zweifel: Zum einen mit praktischen Argumenten: „Wenn man Betriebszeiten grundsätzlich kürzt, dann bedeutet das ja, dass mehr Kunden in einer kürzeren Zeit zusammenkommen könnten.“ Vor allem aber mit einer grundsätzlich anderen Gewichtung: „Vor 2020 ist mir jedenfalls nie untergekommen, dass Sperrstunden als Infektionsschutzmaßnahme in Erwägung gezogen wurden. […] Ich bedaure, dass der Schutz der alten Bevölkerung nicht im Mittelpunkt der Debatte steht. Stattdessen sprechen wir über Bußgelder für Einzelne, die ,Mickey Mouse’ auf ihr Datenblatt im Restaurant schreiben. Wir arbeiten uns an Schulklassen und kleinen Betrieben ab, statt uns den Herausforderungen zum direkten Schutz der älteren Bevölkerung zu stellen. […] Aus epidemiologischer Sicht müssen wir also auf diese Personengruppen unseren Fokus legen und sie bestmöglich schützen. Die Bewältigung der Pandemie entscheidet sich in den Altenheimen und nicht in den Klassenräumen der Schulen oder den Foyers der Hotels.“

Am Anfang sei es Strategie gewesen, die Pandemie zu verlangsamen. Aber „Jetzt sind wir mitten in der Pandemie, sie ist nicht mehr zu stoppen. Im Mittelpunkt steht jetzt die Abmilderung des Schadens: gesellschaftlicher Art, gesundheitlicher Art und wirtschaftlicher Art. […] Die Pandemie im wörtlichen Sinne zu stoppen, ist nach meiner Einschätzung schlicht nicht möglich. Hoffnungen in diese Richtung zu wecken, droht Enttäuschung zu erzeugen und riskiert die Akzeptanz der Maßnahmen.“ 

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Statt sich an solche Ratschläge zu halten, und gelassen zu agieren, herrschen auch bei den politischen Entscheidern Hektik und Panik vor: 

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Der neueste Einfall: Innerdeutsche Reisebeschränkungen – pünktlich zum 30. Jubiläum der Wiedervereinigung, und erstmals seit Ende des Eisernen Vorhangs. 

Im miserablen Deutsch der verwalteten Welt ist die Rede von „Inländischem Risikogebiet“ und „Beherbergungsverbot“. 

Dieses Wohn-Verbot auf Verdacht ist schon prinzipiell extrem fragwürdig, weil zu den Grundrechten der Bürger ja die Freizügigkeit gehört, also die Möglichkeit, sich im Land so zu bewegen wie man möchte. Genau genommen sogar in ganz Europa. Plötzlich aber verwandelt sich die Bundesrepublik wieder in das alte Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das vor über 200 Jahren (1806) von Napoleon völlig zu Recht abgeschafft worden war. 

Das bestand aus rund 300 Einzelstaaten. Genau so zersplittert wirken die gegenwärtigen Regelungs-Auswüchse der politischen Bürokratie. Zudem ist vieles aus epidemiologischer Sicht fragwürdig.

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Leider gibt es aktuell keine einheitlichen Regelungen. Stattdessen entscheidet jedes Bundesland für sich selbst, wie es mit Reisenden aus innerdeutschen Risikogebieten umgeht. Die Bundesländer haben „Einreiseverbote“, „Beherbergungsverbote“ oder „Quarantäneanordnungen“ für Reisende aus deutschen Risikogebieten verhängt, das heißt zum Beispiel, Hotels dürfen solche Reisenden nur aufnehmen, wenn sie einen aktuellen negativen Corona-Test haben. 

Zugleich ist unklar, welche praktischen Konsequenzen solche Regelungen überhaupt haben. NRW etwa hat ein Beherbergungs-, aber kein Einreiseverbot für Personen aus Risikogebieten zu touristischen Zwecken erlassen. Die Landesregierung macht davon aber bisher keinen Gebrauch. Es gibt hier nämlich keineswegs einen Automatismus. Welche Gebiete betroffen wären, muss vom NRW-Gesundheitsministerium konkret bestimmt werden. Das ist bislang noch nicht erfolgt und es ist auch nicht bekannt, ob und wann das überhaupt geschieht.

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Diese neuen innerdeutschen Reiseregelungen sind weder überschaubar noch schlüssig, zudem werden sie allzu kurzfristig verabschiedet und verkündet, dann aber wieder von vielen, die sie verkünden, doch nicht vollzogen. Berufliches Pendeln innerhalb Deutschlands sowie Familienbesuche sind von den Vorschriften sowieso nicht betroffen. 

Als ob die Absicht in einer gezielten Verunsicherung der Bevölkerung liegt. 

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„Wenn man ein Buch öffnet, weiß man nicht, wohin man geht. Man lässt sich führen in Zeiten, an Orte, zu Gefühlen, mit denen man sich sonst nicht ohne weiteres eingelassen hätte. Überhaupt sind unsere Leben Irrpfade, die wir auf verschiedene Weisen rekapitulieren – je nachdem, zu welcher Zeit und mit welchen Personen wir leben.“

Wieder mal ein Zufallsfund in einer Buchhandlung, der mich ergriff: Von Pascal Quignard, 1949 geboren und in Frankreich immerehin „Prix-Goncourt“-Preisträger hatte ich noch nie etwas gehört – wie wohl die meisten Deutschen. In seiner Heimat ist er einer der wichtigsten Gegenwartsautoren. Nur klägliche vier von über 30 Bänden sind bisher übersetzt. Einer davon heißt „Über das Einst“. Es sind 45 mehr oder weniger kurze Szenen, manchmal innere Monologe, oft kleine Geschichten, Skizzen, Handlungsfragmente, die wie Splitter eines größeren Blocks wirken, und sich beim Lesen nach und nach zu diesem zusammenfügen. 

Hinten auf dem Buchrücken steht diese Episode – ich weiß nicht, ob sie historisch ist, aber ich glaube, es kaum. Eher klingt sie, wie etwas von Borges:

“Im Jahr 53 wurden einhundertvierundvierzig römische Legionäre von den Parthern gefangengenommen.
Dann wurden sie von den Hunnen gefangengenommen.
Dann wurden sie von den Chinesen gefangengenommen.
Alle waren sie Männer von Licinius Crassus.
Einhundertvierundvierzig Römer machen Bekanntschaft mit China.
Drei kehrten zurück.
Sie waren sehr alt. Sie sprachen von einer Vergangenheit, die nicht die Vergangenheit war, sondern eine andere Welt.
Man hörte ihnen zu. Man lächelte. Man verstand nichts von alldem, was sie sagten.
Da man ihnen nicht glaubte, nahmen sie sich das Leben.“

Das gefiel mir, reichte aber noch nicht aus, um zu zünden. Aber beim Blättern las ich in die letzte Geschichte. Sie handelt von dem früheren japanischen Brauch, die Alten in die Berge zu tragen. und sie dort zum Sterben zurückzulassen. Ein ehrfürchtiger Sohn bringt es nicht übers Herz, und kommt dadurch in Schwierigkeiten. Das hat mich dann überzeugt. 

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Bei uns regt man sich über 4.000 Neuinfektionen gewaltig auf. Der Blick nach Indien könnte uns beruhigen. Dort sieht es nochmal etwas anders aus. Es infizieren sich zur Zeit um die 80.000 Menschen täglich, der Spitzenwert lag schon bei über 90.000. Jetzt könnte man sagen: Dort leben auch 1,3 Milliarden Menschen, aber wenn wir mal nachrechnen, sind es im Schnitt immer noch weit mehr Neuinfektionen als bei uns, allerdings bei einer im Durchschnitt viel jüngeren Bevölkerung. Und die Unterschiede der Krankenhäuser und Gesundheitssysteme haben wir jetzt noch gar nicht berücksichtigt. 

Der „Spiegel“ hat sich dazu mit der indischen Biostatistikerin Bhramar Mukherjee unterhalten. Der Beitrag liefert viele Fakten und Zahlen. 

Indien ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was sich mit begrenzten Ressourcen leisten lässt. Für uns interessant ist, dass die Wissenschaftler davon ausgehen, dass wir die Zahl der Infizierten in Indien um den Faktor 19 bis 20 unterschätzen, das heißt, dass die allermeisten Infizierten überhaupt nicht registriert werden. 

Mukherjee fordert von der Regierung, dass diese klar macht, was sie jetzt vorhat. „Wenn sie es auf Herdenimmunität abgesehen hat, weil sie glaubt, dass ein solches Vorgehen den wenigsten Schaden anrichtet, dann ist das für ein Land wie Indien womöglich eine begründete Strategie. Aber dann muss sich die Regierung auch hinstellen und sagen: ,So viele Tote müssen wir als Gesellschaft verkraften. Sind wir bereit dazu?’“ Für Indien sind die Aussichten noch düsterer als für Deutschland: „Das Virus wird uns noch lange begleiten. Es wird mindestens bis Ende 2022 dauern, um die Hälfte der indischen Bevölkerung zu impfen. Wir haben sieben Monate hinter uns. Aber wir haben noch zwei Jahre vor uns.“

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