„Coronoia“ – ein Mini-Noir-Filmchen von und mit Robert Sigl. Kamera: Rostislav Stepanek, Musik: Markus Urchs. Auf Youtube. | Screenshot

Lauter gute Nachrichten: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 14. 

 

„Gründonnerstag 29 März 2018. Der Frankfurter Hauptbahnhof wurde von milder Abendsonne geflutet, die wartenden Passagiere an Gleis 9 warfen lange Schatten. Auf die Minute pünktlich um 18 Uhr 30 fuhr Tanja Arnheim mit ICE 375 aus Berlin ein. Als Jerome Daimler, der eine Tüte mit frischen Backwaren in der Hand hielt, Tanja auf Höhe des Bistros aussteigen sah, überlegte er für einen Moment, ob er ihr entgegen laufen sollte, aber dann fand er es charmanter, einfach stehen zu bleiben.“
Leif Randt: „Allegro Pastell“, Anfangssätze

 

Ein Prozent aller Deutschen ist gerade infiziert. Auch wenn morgen Karfreitag ist und es da noch die ganze Zeit ums Opfer geht, bevor danach dann die Wiederauferstehung dran ist, möchten wir uns heute mal auf ein paar gute Nachrichten konzentrieren. 

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Wer kennt Robert Sigl? Vermutlich viel zu wenige von Euch, die jetzt lesen. Denn Sigl ist einer der großen Unbekannten des deutschen Kinos, und das selbstredend zu Unrecht. Jetzt hat der Münchner Regisseur einen schönen witzigen stillen Kurzfilm gemacht. Er heißt „Coronoia“, und steht auf YouTube.

Das ist eine gute Gelegenheit, um nachdrücklich auf Sigl Regiedebüt hinzuweisen. Es heißt „Laurin“ und hätte es damals die verdiente Aufmerksamkeit bekommen – die deutsche Filmgeschichte wäre anders und vermutlich besser verlaufen. 

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Zu Ostern sollte „Der Junge und die Wildgänse“ in die Kinos kommen. Das geht jetzt nicht. Weitere Filme weichen fürs erste aufs Streaming aus. | Foto © Capelight

Immer wieder erwische ich mich bei der unnützen Überlegung, was ich gerade tun würde oder zu tun hätte, wenn die Zeit nicht so wäre, wie sie gerade ist. Ostern steht an und ich hätte mich über ein paar freie Tage gefreut. Ein paar freie Tage, die die Zeit angehalten hätten. Aber die Zeit ist angehalten worden, das Hamsterrad ist stehen geblieben. Die Flut an Pressevorführungen verebbte auf einen Schlag. Heute ist der vierte Startdonnerstag ohne Kinostarts. Der neue James Bond würde in die zweite Woche gehen. Jetzt würden die Biografien von Marie Curie („Marie Curie – Elemente des Lebens“, Marjane Satrapi) und Harriet Tubman („Harriet – Der Weg in die Freiheit“, Kasi Lemmons) in die Kinos gekommen. Mit „Königin“ (May El-Toukhy, mit Trine Dyrholm) wäre der dänische und mit „Als wir tanzten“ (Levan Akin) der schwedische „Oscar“-Beitrag gestartet. Mit den Kindern wäre man in den Animationsfilm „Mina und die Traumzauberer“ (Kim Hagen Jensen, Tonni Zinck) oder in „Der Junge und die Wildgänse“ (Nicolas Vanier) gegangen. Bis auf den letzten Titel wird alles nur verschoben.

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Die Kamerafrau will eigentlich ganz großes Kino machen, aber mit Kurt wird es auch schon schräg genug? Beim Dreh im Brautmodengeschäft erklärt Ulla Geiger (vorne) die Szene, dann wird improvisiert. | Foto © Ulla Geiger

Der Titel täuscht – sie tat es doch. Mit Mitte 60 erfüllte sich Ulla Geiger den Traum, der sie einst in die Branche ­gebracht hatte: Sie drehte ihren Debütfilm. Und als alles gut schien, kam das Virus dazwischen: Der Kinostart musste abgesagt werden. Also gibt’s das Werk erstmal als Stream: „Wir drehen keinen Film“.  Ihr Erlebnisbericht:

Mit Mitte 60 habe ich meinen Debütfilm gedreht. Eigentlich hatte ich Filmemacherin werden wollen,  seit ich 30 Jahre alt war, aber mein Leben hat immer wieder Haken geschlagen und mich woandershin gespült. Nie hatte ich gesagt „Nein, das ist aber jetzt nicht zielführend!“, sondern ich bin mit dem Leben mitgegangen. Dabei habe ich dann so ganz unbemerkt alles gelernt, was ich nun für die Arbeit an diesem Film hatte brauchen können.

Das Ziel „Filmemacherin“: 1981, mit 30 Jahren, lag ich in letzten Zügen meines Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in München, hatte aber keine Lust mehr auf die anvisierte Kunsterzieher-Laufbahn. Das Studium war aber nicht umsonst gewesen. Ich hatte meine optische Wahrnehmung gesteigert und war durch fotografische Maltechniken zu einer Detailfieslerin geworden. 

Die verrückten Filme von Carlos Saura hatten es mir damals angetan – ein Faktor für meinen Entschluss, Filmemacherin zu werden. Ich überlegte, ob ich mit einem Studium an der HFF meinen Eltern weiter auf der Tasche liegen sollte – ich hatte ja schon zehn Jahre studiert. Also entschied mich, das Filmhandwerk von der Pike auf zu lernen. Ich machte ein Praktikum bei einer Kinderserie, und wurde dort noch für eine kleine Rolle engagiert, die ich eigentlich gar nicht wollte. Ich wollte beim Film alles machen nur nicht Schauspielerin, nicht zuletzt aus Trotz gegen meine Mutter, die, selbst ehemals Schauspielerin und Sängerin, immer sagte: „Kind, du gehörst vor die Kamera!“ Wie witzig, dass sie irgendwie recht behalten hat, ich bin ja auch Schauspielerin geworden! 

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Endlich macht mal einer wieder klare Ansagen, was noch geht oder nicht. Die Münchner „Bild“ hat’s heute getitelt. | Screenshot

Die Schönen, die Reichen und die Mächtigen. Und Super-Söder: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 13. Von Rüdiger Suchsland

„Gerechtigkeit sei eine Folgeerscheinung von Erfolg. Immer sei die gerechte Sache identisch mit der erfolgreichen. … Recht und Ethik, behaupte ein gewisser norddeutscher Philosoph namens Immanuel Kant, stünden außer jeden Verhältnisses: Recht und Boden aber, Recht und Klima, Recht und Volk, das meine er, der Otto Klenk aus München, die seien zweieinig, nicht zu trennen.“
Lion Feuchtwanger, „Erfolg“

 

„Bald wieder Fans im Stadion?“ Das sind doch tröstliche Aussichten! Nun erreicht darbende Fußballfans die wohl wichtigste Nachricht der letzten Wochen. Wenn alles gut läuft wird es bald nicht nur wieder Bundesliga-Fußball in Form von Geisterspielen geben, sondern auch echte Fans im Stadion. Denn der Mediziner Fritz Sörgel will in einer, wie es heißt „noch nie dagewesenen Studie“ Dauerkartenbesitzer von Bundesligavereinen auf Corona-Antikörper testen. Damit soll überprüft werden, wie hoch die Infizierung der Fans mit dem Corona-Virus ist, und ob der Fußball wirklich als Verstärker des Virus fungiert. 

Sörgel ist Professor für Pharmakologie und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er könnte zum Retter der Fans werden. Denn er will eine Studie an Dauerkartenbesitzern durchführen, um bald wieder Konzerte, Theatervorführungen, Lesungen und eben auch Fußballspiele vor Publikum möglich zu machen. 

Sörgels Argument ist sachlich, aber auch psychologisch: Wenn man den Leuten ein Jahr lang verbietet, auf Konzerte zu gehen, sollte man das mit Daten belegen können“, sagt Sörgel in der „Zeit“: „Auch wir Mediziner sollten uns fragen: Wie kriegen wir es in den Griff, dass das Volk nicht durchdreht?“

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In der Netflix-Serie „Dark“ trat Peter Schneider weltweit auf. Doch die Nöte seines Berufsstands kennt er auch. | Foto © Julia Terjung, Netflix

Der Schauspieler Peter Schneider hat eine beeindruckende Filmografie. Doch wenn es um die soziale Absicherung geht, erlebt er das Gleiche wie viele seiner Kolleg*innen. In einem Brandbrief erklärt er verständlich, woran es hakt. 

Ich möchte diese für viele existentiell bedrohliche Situation zum Anlass nehmen und Sie gerne auf ein seit Jahren existierendes Grundproblem unseres Berufsstandes hinweisen. Vielleicht können wir ja in einen Austausch kommen.

Kurz zu mir: Ich bin 1975 in Leipzig geboren, absolvierte nach dem Abitur 1995 ein Musikstudium und von 1998-2002 ein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig, welches ich mit Diplom abschloss. Seitdem bin ich vor allem als Schauspieler, aber auch als Musiker, Komponist und musikalischer Leiter an verschiedenen Theatern in Deutschland tätig. Unter anderem arbeitete ich an der Volksbühne Berlin, dem HAU Berlin, am Schauspiel Leipzig, Chemnitz, Zittau und Rudolstadt, dem TdjW Leipzig, den Staatstheatern Schwerin, Karlsruhe, den Theatern Heilbronn und Plauen-Zwickau und an den Bühnen der Städte Halle, Gera und Altenburg.

Seit einer intensiven Zusammenarbeit mit Edgar Reitz 2001 bis 2002 („Heimat 3″) arbeitete ich in über 80 Film- und Fernsehproduktionen mit. So spielte ich zum Beispiel die Hauptrollen in Philipp Kadelbachs Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ („Deutscher Fernsehpreis 2015“ als bester Fernsehfilm) oder aber auch in Hans Weingartners hochgelobtem Psychodrama „Die Summe meiner einzelnen Teile“. Für diese wurde ich 2012 für den „Deutschen Filmpreis“ in der Kategorie „beste darstellerische Leistung männliche Hauptrolle“ und 2013 für den „Preis der deutschen Filmkritik“ nominiert. Ebenfalls 2013 erhielt Mareille Kleins Film „Gruppenfoto“, in dem ich die Hauptrolle spiele den „Max-Ophüls-Preis“. Ich bin Mitglied der Deutschen und der Europäischen Filmakademie.

Wie sie meiner Vita entnehmen können, bin ich beruflich sehr viel rumgekommen. Weil ich nie irgendwo fest engagiert war, habe ich so als „Solokämpfer“ in Hunderten verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen gearbeitet. Da mich solche Dinge interessieren, habe ich mich aufgrund meiner individuellen beruflichen Entfaltung intensiv mit dem Sozialversicherungsrecht und meinem sozialversicherungsrechtlichen Status beschäftigt. Ich möchte Ihnen gerne erklären, wo seit Jahren ein Problem für uns sogenannte „freiberufliche Schauspieler*innen“ liegt, das nun in dieser Krise für viel mehr von uns als sonst existentielle Probleme mit sich bringt. Anmerken möchte ich, dass wir quantitativ im deutschen Künstlerkanon, aber auch im Schauspielbereich vom Status her eine Minderheit sind (geschätzt 10.000 Leute), weshalb wir aber auch keine große Lobby haben und es wenig Erfahrungen mit uns gibt.

Das möchte ich ändern. Und anhand meiner Situation erklären, worum es mir geht. Die Ausgangssituation ist komplex und kompliziert.

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Und was kommt dann? Im „After Corona Club“ des NDR debattieren Fachleute aus Psychologie und Wirtschaft, Soziologie und Politik, Wissenschaft und Medizin über unsere Zukunft. | Screenshot

Zuballern im tollen Netz: Bazooka halt. Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 12.

„Ich kann und will mein Gewissen nicht nach der diesjährigen Mode maßschneidern.“
Lillian Hellman

 

Was sich gerade ereignet, ist der Wunschtraum eines jeden Verschwörungstheoretikers: Voll-Überwachung, Ausgangsverbote, Bargeld gilt als schmutzig und könnte da kontaminiert auch bald verboten werden … 

Das Bemerkenswerte aber: Dies alles hat mit Verschwörung und Paranoia überhaupt nichts zu tun, denn die Lieblingsfrage des Verschwörungstheoretiker lautet: Cui Bono? Wem nützt es?

Aber auch wenn sich auf diese Frage keine Antworten ergeben, muss man auf der anderen Seite konstatieren, dass viele, die jetzt mit großem Vergnügen dem zustimmen, was die Wissenschaftler sagen und die Regierungen tun, doch ein bisschen in diesem Vergnügen zumindest an altkluge Kinder erinnern, an Heranwachsende, die stolz darauf sind, dass sie alles 150prozentig erfüllen, was die Erwachsenen ihnen vorgeben. Der Stolz, endlich dazu zu gehören, endlich erwachsen zu sein – den kann man in diesem Verhalten auch erkennen. 

Und wer widerspricht, der ist natürlich „kindisch“. 

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In Filmen wie „24 Days later“ hatte die Pandemie noch Unterhaltungswert. In der Wirklichkeit gibt es gute Gründe, zuhause zu bleiben. Aber der verordnete Hausarrest ist auch eine Form der Freiheitsberaubung. | Foto © DNA Film

Maß halten und Maß messen: Apokalyptiker & Integrierte: Gedanken in der Pandemie 11.

„Made the scene/ Week to week/
Day to day/ Hour to hour/
The gate is straight/ Deep and wide“
The Doors

„Handeln, im Unterschied zum Herstellen, ist in Isolierung niemals möglich; jede Isoliertheit, ob gewollt oder ungewollt, beraubt uns der Fähigkeit zu handeln.“
Hannah Arendt, „Vita Activa“

 

Es wird nicht leichter. Drei Wochen im Ausnahmezustand. Ein soziales Experiment. Ein Stresstest. Solche Beschreibungen habe ich schon von Freunden gehört – alles Euphemismen. Denn im Grunde genommen ist dieser erzwungene Hausarrest, und Sozialarrest natürlich eine Form der Freiheitsberaubung. Mit der Gewalt des Rechts und den Mitteln der Staatsmacht: Geldstrafen, Anzeige, Haft, etc. Sie mag ja aus guten Gründen geschehen, sie hat bestimmt auch die Mehrheit der Bürger hinter sich. Aber Demokratie ist eben etwas anderes, als die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit, sie bleibt immer noch der Schutz von Minderheiten gegen die Gewalt und Willkür der Vielen. Und dass die Vielen mit ihrem Schutz und ihrer Gesundheit argumentieren, und die Mehrheit der Wissenschaftler hinter sich haben, ist hier kein Gegenargument.
Es ist begründungspflichtig, Freiheit einzuschränken, und der Staat muss begründen, warum es, wenn es für Menschen angeblich gefährlich ist, sich außer Haus aufzuhalten, nicht genügt, all das auf freiwillige Basis zu stellen. Wer Angst hat, kann ja zuhause bleiben, und soziale Kontakte meiden. Klar: Das Gegenargument lautet, dass man die Anderen gefährdet.
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„Ich bin dafür. Muss aber nicht“, sagte ausgerechnet Loriot über den Humor. Sein rotes Sofa steht jetzt als Dauerleihgabe im Haus der Geschichte in Stuttgart. | Foto © SWR, Hugo Jehle

Wo bleiben die Corona-Witze? Die Humorbeilage zum Wochenende: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 10. 

„Warum sehen Aspirintabletten anders aus als Leguane? Weil sonst, stellt euch bloß mal vor, was dann passieren würde.“
Umberto Eco, „Nullnummer“

„Only connect.“
E. M. Forster

 

Die Sache mit dem Klopapier. Es leicht, darüber Witze zu machen, aber langsam stinkt sie doch ein bisschen – wobei „stinkt“ hier vielleicht nicht der ideale Ausdruck ist … Jedenfalls: Auch drei Wochen nach Beginn des Ausnahmezustand fehlt in den Supermärkten und Drogeriemärkten zumindest in Berlin-Mitte immer noch Klopapier. Wahrscheinlich gibt es am Morgen mal in paar Rollen, aber die sind dann 20 Minuten später abverkauft. Was soll man nun damit machen? Zwar werden Politiker, Funktionäre und Dienstleister auf allen Ebenen nicht müde zu betonen: Es gibt keine Engpässe. Die Versorgung ist gesichert. Aber der Blick ins Supermarktregal spricht das Gegenteil. 

Woran liegt das? Analfixierung der Deutschen, sagen die Psychologen, und verweisen darauf, dass in Frankreich genug da ist, während dort angeblich immer Rotwein und Kondome ausverkauft sind. Was die Frage aufwirft, wann der Rotwein getrunken wird, vorher oder nachher?

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Das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird für seine Berichterstattung in der Krise gelobt. Doch es gibt auch Kritik daran. | Screenshot

Die Pandemie der Medien: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 09.

 

„See a clinic full of cynics
Who want to twist the peoples‘ wrist
They’re watching every move we make
We’re all included on the list
The lunatics have taken over the asylum
The lunatics have taken over the asylum“
Funboy Three „The Lunatics“

„Der öffentliche Rundfunk darf sich über höhere Reichweiten freuen, doch sollte man sich nicht feiern oder gar sich selbst für systemrelevant erklären, gar preisen lassen. Denn welchem ,System’ dient man?“
Otfried Jarren, Medienforscher

 

Vor dem Virus habe ich überhaupt keine Angst. Wovor ich Angst habe, ist vor der Angst der Leute. Davor, wie eine Gesellschaft sich verrückt macht. 

Dass öffentlich-rechtliche Sender in den Panik-Modus umschalten und selbst einen Programm-Ausnahmezustand aus permanenten Sondersendungen etablieren, anstatt wenigstens in ihrem Programm Normalität, und das heißt dann auch Vielfalt und Diversität weiterzuführen, ist traurig. Es ist auch erschütternd, weil es den Ausnahmefall in einen Normalfall überführt, und auf Dauer stellt.

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Die Aufgabe ist aber nicht, die fünfte Variante der Merkel-Rede zu publizieren, sondern die Aufgabe ist die, nachzufragen, wo Nachfragen nötig sind. Und da zu kritisieren, wo es vielleicht Gründe gibt, zu kritisieren. Die Aufgabe ist die, das Haar in der Suppe zu finden, und nicht die, der Bevölkerung zu erklären, warum die längst missglückte Suppe es doch vielleicht wert ist, getrunken zu werden. 

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Filme wollte sie schon machen, als sie 30 war. Dann kamen nochmal 30 Jahre und einige Umwege, bis Ulla Geiger (links) sich an ihren ­Debütfilm wagte. Ihr Hauptdarsteller Michael Ransburg (rechts) bekräftigte sie in ihrem Entschluss. Die Premiere sollte im März sein. Nun startet „Wir drehen keinen Film“ erstmal online. | Foto © Ulla Geiger

 

Voraussichtlich bleiben die Kinos länger geschlossen. Das Erlebnis, gemeinsam mit Fremden etwas zu erleben, wird weiterhin nicht möglich sein. Ideen, wie man Filme trotzdem zum Publikum bringt, gibt es immer mehr; viele unterschiedliche Konzepte tauchen auf. Ich fürchte, das verzettelt sich. Im Zweifel wird man nicht erstmal auf die Suche gehen, wie man an einen Film rankommt, sondern doch bei den großen Anbietern Netflix, Amazon Prime und seit kurzem Disney+ bleiben. Es fehlt sicherlich eine gemeinsame Plattform, von der aus das Publikum auswählen könnte. Bis dahin stelle ich die verschiedenen Ansätze vor.

Die Idee eine Plattform zu schaffen, von der aus man die verschiedenen Aktionen aus dem Kulturbereich (Kino ebenso wie Konzerte und Museumsauftritte) sehen kann, hatte ein Team auf dem Hackathon #WirVsVirus der Bundesregierung vom 20. bis 22. März 2020. Bei Culturestreams kann man nun die unzähligen Kultur-Streams gebündelt oder gefiltert auffinden. Die Seite ist noch in der Beta-Version. Von dieser Seite aus kommt man zum Beispiel auf Kinoflimmern: 

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Deutsche Eltern schreckt das Bild. In Schweden setzt man auf die eigene Verantwortung. So vertraut die Politik ihren Bürgern. Das macht auch ein Vergleich der Regierungsansprachen deutlich. | Foto © Archiv

Was heißt Gesellschaft, gegen die Expertokratie und eine Erinnerung an Eva Hesse: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 08.

 

„April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.“
T. S. Eliot, „The Waste Land“

„There are a few crucial moments in life when you have to make sacrifices, not only for your own sake but also in order to take responsibility for the people around you, for your fellow human beings, and for our country.
That moment is now. That day is here. And that duty belongs to everyone.“
Stefan Löfven, Ministerpräsident von Schweden in seiner „Address to the Nation“ am 22. März 2020

 

Die ganz große Eva Hesse ist tot – what a pity. Eine Frau „wie es sie heute nicht mehr gibt“. Oder doch? Jedenfalls eine Mischung aus altmodischer großbürgerlicher Damenhaftigkeit mit einmaliger Ausstrahlung und viel Stil (Tücher von Chanel oder Hermes im Haar, große Sonnenbrillen auch in Innenräumen, Cigarillos in der Hand) und einer scharfen Intellektuellen, die ihr Leben vor allem für einen Dichter aufopferte: Ezra Pound, nach dem Krieg durch seine Sympathien für Mussolini Persona non Grata der europäischen Kultur, bis ihn Hesse, selbst eine radikale Linke, wieder in die Kreise der Avantgarde zurückholte: Durch ihre Übersetzungen und mehrere Bücher mit klugen Interpretationen. Hesse war auch Übersetzerin von T.S.Eliot. 

„Aufopfern“ ist übrigens fast wörtlich gemeint, denn weil man mit Übersetzung und Literaturkritik nicht viel verdient und das Erbe der reichen Diplomaten-Familie offenbar bald aufgebraucht war, lebte Hesse mit ihrem irischen Mann, der bei Siemens angestellt war, in München lange in einer Ein- später einer Zweizimmerwohnung. 

Über diese tolle Frau haben Willi Winkler in der SZ und Hannes Hintermeier in der FAZ zwei schöne, einander ergänzende Nachrufe geschrieben. Lesen könnte man auch noch das Interview, dass Hintermeier vor acht Jahren mit Hesse geführt hat.

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Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Diesen Eindruck hat man manchmal wenn dieser Tage über den schwedischen Sonderweg in Sachen Anti-Corona-Politik gesprochen wird. Da klingen viele Beiträge so, als wüssten alle anderen Bescheid, als wären die Schweden Verantwortungslose, Vollidioten, Hasardeure. Als hätten nicht alle in dieser eskalierenden Krise sich immer wieder korrigieren müssen.

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In der Virus-Krise sucht Schweden einen sehr eigenen Weg. Szenenfoto aus Ingmar Bergmans „Fanny und Alexander“ (1982) | Foto © Tobis

Abgerechnet wird zum Schluss: Die agile Hauptrisikogruppe, das schwedische Modell, und ein Krisenstab im Sender: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 07. 

„Es ist besser, im Stehen zu sterben, als auf den Knien zu leben.“
Alexander Lukaschenko, Staatschef von Weißrussland

 

In Krisenzeiten kümmern sich Chefs und Auftraggeber in sehr unterschiedlicher Weise um ihre Mitarbeiter. Im Medienfeld finde ich gerade den WDR vorbildlich. Vielleicht durch leidige Erfahrungen mit motorradfahrenden Omas und dem schwachen Umgang mit hausinternen, anonymen #MeToo-Beschuldigungen schlauer geworden, bekommen Mitarbeiter fast täglich eine umfangreiche Informationsmail mit einem Update vom eigens eingerichteten Krisenstab. 

Sechs positiv getestete Kollegen seien in Quarantäne, erfährt man da, bekommt Hinweise für Ausfallhonorare und anteilige Bezahlung bei Projekten, die nicht fertiggestellt werden können. Freie Mitarbeiter können bei der Personalabteilung ein Darlehen beantragen. 

Außerdem wird gebeten „da wir alle die WDR Server schonen sollten“, keine Videokonferenzen abzuhalten, da diese zu viel Datenmenge brauchen. Stattdessen rät der Krisenstab zur Audiokonferenz per Skype oder Festnetz und Handy. 

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Bücher und DVD gibt’s nicht nur bei Amazon. Auch klassisch Buchhandlungen bieten Telefon- und Onlinebestellungen mit Lieferservice an. Nicht nur in den Metropolen. | Foto © Buchhandlung Collibri

Wenn der Notfall da ist, kann man ihn nicht vorbereiten. Handeln kann man aber trotzdem: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 06.

„Unsere Körper pulsieren im Beat der Angst.“
Sasha Marianna Salzmann 

 

Hattet ihr, liebe Leser, ein angenehmes Wochenende? Wie ist es auf der Insel namens Corona-Island? Sonnig am Samstag, kalt am Sonntag. Wer hat den Online-Gottesdienst besucht, für wen war es ein Werktag im Heimat-Büro, äh Home Office? Wer ist rausgegangen und wer kommt schon auf zweistellige Tage im geschlossenen Pandemie-Knast? In den 70er-Jahren kam bei der politischen Linken, die mit den „politischen Gefangenen“ der RAF sympathisierte, der Ausdruck „Isolationsfolter“ auf. Wenn man denen gesagt hätte: Das ist doch „Social Distancing“, das würde uns allen ganz gut tun, hätte es zynisch geklungen. Heute meinen das nicht wenige ernst – jedenfalls den letzten Satz. Bin gespannt, wann der Ausdruck „Isolationsfolter“ wieder in Mode kommt. Kann nicht mehr lange dauern – wetten das?

Und für wen ist Corona-Island wie ein Gang in eine riesige Bibliothek oder Mediathek? Oder bleibt man einfach im Bett? Schon Lagerkoller? 

Ein bisschen entwickelt man wohl auch das Gefühl einer Weltraumfahrt: Völlig losgelöst, von der Erde, fliegt das Raaaaauuuumschiff …“ Man kann sich verlieren – keine Ground Control für den Major Tom in uns allen. Das Lied von David Bowie habe ich am Samstag gehört, ein Lokal, das in Berlin-Mitte Straßenverkauf macht, hatte gedacht: Da machen wir doch gleich noch Samstagsnachmittagsdisko für die ganze Straße.Immerhin war die Musik gut.

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Jeder Zyniker ist nur ein enttäuschter Moralist, lässt Susanne Heinrich in ihrem Film „Das melancholische Mädchen“ sagen. Nein, ein Zyniker will unser Kolumnist nicht sein. | Foto © Stadtkino

Lese-, Hör- und Streamingtips fürs blogfreie Wochenende, Hilfe für eine Schauspielerin und ein paar Sätze in eigener Sache – Apokalyptiker & Integrierte; Gedanken in der Pandemie 05.

 

„The streets are that empty. It seems as though the bulk of the city has retreated to their quarters, rightfully so. At this time, it seems very poignant to avoid all public spaces. Even the bars, as I told Hemingway, but to that he punched me in the stomach, to which I asked if he had washed his hands. He hadn’t. He is much the denier, that one. Why, he considers the virus to be just influenza. I’m curious of his sources.“
Der US-Schriftsteller F. Scott Fitzgerald über sich und seinen Freund Ernest Hemingway während der Spanischen Grippe – leider zu schön, um wahr zu sein.

 

Fake News gibt es viele. So auch leider, leider dieses wunderbare Zitat von Francis Scott Fitzgerald, das in den letzten Tagen durch die Medien geisterte. Auch die „Taz“ ist ihm aufgesessen, reagiert aber souverän: „Warum soll man denn Fakes vergessen, Non-Fakes aber nicht? Das war mal genau andersherum: Als Romane noch buchstäblich ergreifend waren, und Zeitungen eher was für den ebenso schnell- wie leichtgläubigen Plebs.“ schreibt „Taz“-Autor Ralf Sotschek. Recht hat er.

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Eigentlich wollte ich heute mal nur über schöne Dinge schreiben. Aber das ist nicht ganz so einfach in Corona-Zeiten. 

So muss ich zuerst eine Schauspielerin erwähnen, der es gerade nicht gut geht, nicht zuletzt in der Hoffnung dass wir alle ihr helfen können. Es handelt sich um Halima Ilter. Sie kommt aus Berlin und ist Deutsche. In den letzten Wochen hat sie im kurdischen Teil des Irak (oder im irakischen Kurdistan, das ist egal jetzt) mit einer spanischen Crew einen Film gedreht. Jetzt wollte sie zurück, alle Flüge sind gecancelt, und das deutsche Konsulat in Erbil hat sich (anscheinend auch in nicht eben freundlichen Worten) geweigert, ihr zu helfen oder auch nur Unterkunft zu besorgen – warum auch immer. Nun muss sie im spanischen Konsulat wohnen. 

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„Isadoras Kinder“ gewann in Locarno den Regie-Preis und sollte eigentlich im April in die deutschen Kinos kommen. Doch die sind nun geschlossen. Die Verleiher haben sich darum etwas Neues ausgedacht. | Foto © Eksystent

Die Kinos sind geschlossen. Eine Filmerfahrung, die man in der Regel gemeinsam erlebt, wird so eine ganze Weile lang nicht mehr stattfinden. Darunter leiden die Kinos und ihre Betreiber und ihre Mitarbeiter*innen. Darunter leiden die Verleihfirmen, und mitnichten sind das nur die Majors. Und Filmemacher*innen, die lange auf einen Kinostart hingearbeitet haben, werden geradezu unsichtbar. In Zeiten, wo der nächste Film als Heimkino nur einen Klick bei den großen Streamingdiensten entfernt ist, braucht es besondere Anstrengungen Präzens zu zeigen – auch um den Kontakt zum Publikum nicht zu verlieren. Was tun?

Grandfilm, ein kleiner Verleih aus Nürnberg machte den Anfang. Da trudelte eine Pressemitteilung in die Mailbox, bereits am 17. März, dass sie jetzt einen Vimeo-Channel eröffnet hätten. Der Geschäftsführer von Grandfilm, Patrick Horn, formuliert es in der Mitteilung so: „Es ist ein Zeichen der Solidarität, die Kinos sind genauso wie wir Verleiher existenziell von dem aktuellen Lockdown betroffen. Wir wollen nun ein Zeichen setzen und bieten über Vimeo unsere Filme zu minimalen Vertriebskosten an. Die Einnahmen werden wir mit den von den Ausfällen unserer Kinostarts betroffenen Kinos teilen. Wir hoffen auf all die Kinozuschauer*innen zuhause und appellieren an deren Solidarität.“

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