Jeder Zyniker ist nur ein enttäuschter Moralist, lässt Susanne Heinrich in ihrem Film „Das melancholische Mädchen“ sagen. Nein, ein Zyniker will unser Kolumnist nicht sein. | Foto © Stadtkino

Lese-, Hör- und Streamingtips fürs blogfreie Wochenende, Hilfe für eine Schauspielerin und ein paar Sätze in eigener Sache – Apokalyptiker & Integrierte; Gedanken in der Pandemie 05.

 

„The streets are that empty. It seems as though the bulk of the city has retreated to their quarters, rightfully so. At this time, it seems very poignant to avoid all public spaces. Even the bars, as I told Hemingway, but to that he punched me in the stomach, to which I asked if he had washed his hands. He hadn’t. He is much the denier, that one. Why, he considers the virus to be just influenza. I’m curious of his sources.“
Der US-Schriftsteller F. Scott Fitzgerald über sich und seinen Freund Ernest Hemingway während der Spanischen Grippe – leider zu schön, um wahr zu sein.

 

Fake News gibt es viele. So auch leider, leider dieses wunderbare Zitat von Francis Scott Fitzgerald, das in den letzten Tagen durch die Medien geisterte. Auch die „Taz“ ist ihm aufgesessen, reagiert aber souverän: „Warum soll man denn Fakes vergessen, Non-Fakes aber nicht? Das war mal genau andersherum: Als Romane noch buchstäblich ergreifend waren, und Zeitungen eher was für den ebenso schnell- wie leichtgläubigen Plebs.“ schreibt „Taz“-Autor Ralf Sotschek. Recht hat er.

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Eigentlich wollte ich heute mal nur über schöne Dinge schreiben. Aber das ist nicht ganz so einfach in Corona-Zeiten. 

So muss ich zuerst eine Schauspielerin erwähnen, der es gerade nicht gut geht, nicht zuletzt in der Hoffnung dass wir alle ihr helfen können. Es handelt sich um Halima Ilter. Sie kommt aus Berlin und ist Deutsche. In den letzten Wochen hat sie im kurdischen Teil des Irak (oder im irakischen Kurdistan, das ist egal jetzt) mit einer spanischen Crew einen Film gedreht. Jetzt wollte sie zurück, alle Flüge sind gecancelt, und das deutsche Konsulat in Erbil hat sich (anscheinend auch in nicht eben freundlichen Worten) geweigert, ihr zu helfen oder auch nur Unterkunft zu besorgen – warum auch immer. Nun muss sie im spanischen Konsulat wohnen. 

Das, was ich daran ein bisschen skandalös im großen Wirbel finde, ist: Einerseits stopft Heiko Maas gecharterte Maschinen mit Touristen voll, die naiv (dumm?) genug waren, noch vor zwei, drei Wochen in Urlaub in Billigländer zu fliegen – zum Beispiel mit Friedrich Merz ins Resort nach Marrakesch. Aber eine deutsche Schauspielerin mit Migrationshintergrund, die im Irak gearbeitet hat, bekommt vom deutschen Konsulat vor Ort keine Unterstützung, sondern ist auf die Spanier angewiesen. 

Die Spanier wären schon längst weg, aber sie wollen nicht ohne sie weg. Die Spanische Botschaft meinte zur Regisseurin, Halima Ilter sei nicht ihr Problem, weil sie Deutsche ist und die Deutschen „viel besser aufgestellt“ sind als andere Vertretungen im Irak.

Vielleicht kommt Halima Ilter jetzt mit der spanischen Armee im Helikopter raus. Das wird ein schöner zweiter Dokumentarfilm, den die Spanier jetzt drehen.

»In der Krise zeigt sich Charakter“, behauptet Heiko Maas auf seiner FacebookSeite. Und Monika Grütters bietet „Hilfsmaßnahmen für Kreative“ an. Super, Frau Grütters.

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Jetzt aber. Am Wochenende kommen wir alle vielleicht endlich (oder noch mehr?) zum Lesen und Serien-Schauen. 

Für alle die es wissen wollen, aber nicht zu fragen wagten: Ich werde lesen. Und zwar in einem Buch über die Renaissance. Warum? Verrate ich nächste Woche. 

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Eine richtig interessante Geschichte ist zum Beispiel diese – und auch hier denkt man wieder: Als ob sie es geahnt hätte! Zwei Ärzte wurden nämlich zu den großen Helden am Beginn der modernen Medizin: Der Franzose Louis Pasteur schuf die Grundlagen der Bakteriologie, und bekämpfte aufsehenerregend Infektionskrankheiten. Sein Pendant in Deutschland ist Robert Koch. Er begründete die Seuchenlehre und die experimentelle Mikrobiologie. Mit aufwendigen Reihenuntersuchungen entdeckte er unter anderem den Erreger der Tuberkulose 1882 und den Erreger der Cholera 1883. Zu seiner Sternstunde wurde das Jahr 1892. Hier kam es in Hamburg zur letzten großen Cholera-Epidemie Europas. Mehr als 8.000 Menschen starben, was nicht zuletzt an den maroden, äußerst unhygienischen Trinkwasserleitungen lag. In einer Untersuchung über die Fauna im Hamburger Rohrnetz wurden mehrere Dutzend Tiere festgestellt, sogar Schlangen. 

„Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde“, notierte der Bakteriologe Koch damals entsetzt, nachdem er die Quartiere der Hamburger Armen besichtigt hatte. „Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln.“ Nicht nur Koch urteilte vernichtend, bald stand die Stadt stand unter Quarantäne. Als die Epidemie eingedämmt war, veränderte sich die Stadtplanung der Hansestadt komplett: Sozialwohnungen lösten die alten Arbeiterquartiere ab, eine neue Kanalisation und Wasserversorgung wurde geschaffen, Badeanstalten eingerichtet, die Versorgung mit Ärzten und Krankenbetten derart verbessert, dass das zuvor rückständige Hamburg nun die modernste Stadt im Deutschen Reich war. 

Koch übernahm auch das in England erfolgreiche „Leicester-System“ von James Young Simpson. Es bestand aus drei verknüpften Prinzipien: Überwachung, Meldung, Isolierung. 90 Jahre später wurde diese Methode von der WHO übernommen und seit 1977 gilt die Krankheit als ausgerottet.

Eine Dokufiction, die auf Arte am vorigen Samstag ausgestrahlt wurde, und in der Mediathek angesehen werden kann, erzählt von diesem „Duell im Reich der Mikroben“. 

Wer dann darüber mehr wissen will, und sich durchs Thema nicht abschrecken, sondern eher seltsam faszinieren lässt, dem empfehle ich vom Briten Richard J. Evans: „Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910“, ein wissenschaftliches Buch (bei Rowohlt vergriffen, aber antiquarisch erhältlich), aber auch ein süffig zu lesender Historienkrimi, der anhand der Cholera-Seuche eine Kulturgeschichte Hamburgs (meiner Geburtsstadt) erzählt, und mit unglaublich vielen Details aufwartet. 

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Daneben werde ich mich am Wochenende noch auf den Streaming-Seiten der Diagonale und des Kopenhagener Dokumentarfestivals herumtreiben, dann mal in die neue Freud-Serie schauen, über die man ja verschiedenes hört. Und in „Unorthodox“, Maria Schraders Serie nach Deborah Feldmanns Buch. 

Sehen könntet ihr auf der ARD beziehungsweise der Mediathek auch „Unsere wunderbaren Jahre“ – die ist zumindest interessant, auch dafür, was nicht gelingt. Ich finde, dass sich die Serie vor allem wegen einiger Schauspieler lohnt, allen voran der wahnsinnig guten Elisa Schlott, die längst als deutsche und intelligentere Version von Scarlett Johannson gelten müsste und der großartigen Vanessa Loibl – die mir leider leider bis dahin völlig unbekannt war. Shame on me. Und ja: Hans-Jochen Wagner ist so gut wie immer, aber bei dem ist das nichts Neues, scheint mir.

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Am Sonntag steht der 125. Geburtstag von Ernst Jünger an. Für mich kein sympathischer Schriftsteller, und das meine ich nicht nur politisch. Aber eine interessante, auch mit unter faszinierende Figur der deutschen Geistesgeschichte. Ich habe „Das abenteueliche Herz“ wirklich toll gefunden, und „In Stahlgewittern“ auch sehr lesensewert – der Roman über den Ersten Weltkrieg wird immer als Gegenstück zu Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ beschrieben. Tatsächlich hängen beide eng zusammen, und wer Jünger mit Remarque zurückweist, sollte wissen, dass dieser die „Stahlgewitter“ in einer Rezension hochgelobt hat. 

Ich kenne Linke, die sagen von sich selbst, sie hätten „eine morbide Faszination“ für Jünger. Da könnte man auch Bert Brecht zitieren: „Lasst mir den Jünger in Ruhe“. Peter Trawny hat ein kluges Buch über Jünger und die Bundesrepublik geschrieben. Und im tollen Forum des SWR hat man jetzt über ihn kontrovers diskutiert. Hier zum Nachhören. Dort gibt es auch noch ein zweites halbstündiges Radiostück, das auch von Jüngers Technikkritik und seinen – trotzdem ziemlich rechten – Öko-Ideen handelt. 

Überhaupt ist der SWR der zurzeit interessanteste Sender für alle, die mal Radiohören wollen, ohne mit Corona vollgeballert zu werden.

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Noch etwas in eigener Sache: Es gab sehr viele Reaktionen auf die ersten Folgen dieses Blogs, sehr positive und sehr negative. Ich möchte mich für beides bedanken! Bitte macht weiter so. Wer möchte, kann mich auch gern selbst anschreiben, in Rückmeldungen an Crew United oder persönlich per mail unter (Aktiviere Javascript, um die Email-Adresse zu sehen) oder auf Facebook: ruediger suchsland – gerne werde ich versuchen, auf alles zu antworten, aber ich kann das nicht versprechen. Denn während viele andere leider gerade zu wenig zu tun haben, haben wir Journalisten sehr viel zu tun, und übernehmen auch noch das, was normalerweise die Techniker machen. Hoffentlich bleibt das nicht so, aber manche Redaktionen werden versuchen, die Situation zu nutzen, und die Technik-Abteilungen abzuwickeln. Ich habe in den letzten Tagen mehr Praktisches, Konkretes über Online-Kommunikation gelernt als in vielen Jahren vorher. 

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Aus einigen der negativen Rückmeldungen sehe ich, dass ich den Sinn dieses Blogs offenbar noch nicht richtig verständlich gemacht habe. Zunächst einmal: Dies ist ein persönlicher Blog. Alles wird von mir verantwortet, es ist keine Meinungsäußerung von Crew United, oder allenfalls insofern, dass sie es mitteilenswert finden, und zeigen, wie tolerant sie sind. 

Darum schreibe ich auch bewußt „ich“, um klar zu machen, dass es persönlich ist. Es ist eine von vielen möglichen Reaktionen auf alles, was mit „Corona“ einhergeht. Wie viele andere reagiere ich halt erstmal mit tagebuchartigen persönlichen Überlegungen, die ich hier aber öffentlich mache. To whom it may concern…

Es ist klar, dass jeder in dieser Ausnahmesituation anders reagiert. Und wie sonst auch ist Textlesen immer auf eigene Gefahr und Verantwortung. Abgesehen davon ist das alles auch für mich learning by doing. Mit der letzten Folge 04 war ich gar nicht zufrieden. Mit Folgen 02 und 03 schon. Folge 01 musste sehr schnell fertig sein, die ging so. 

Aber jeder legt auch ein bisschen hinein, was er mitbringt. Das geht mir nicht anders. 

Natürlich möchte ich damit zugleich etwas Positives tun: Anregen zum Nachdenken, Weiterdenken, Querdenken, um die Ecke denken – Hauptsache kein Mainstream-Denken, das tun wir schon genug. Dafür das Kommentieren und Irritieren dieses Mainstream, des Eh-schon-Vorhandenen. Und da wir alle sowieso und gerade im Quadrat Medien verschiedener Art nutzen, soll auch diese Nutzung kommentierend begleitet werden. Von „Medienbeobachtung“ und „Neugier“ hatte ich in der ersten Folge geschrieben. Ich möchte Hinweise geben auf Sachen, die vielleicht übersehen werden. Und dies interpretieren. Als Angebot.

Dass das auf die eine oder den anderen dann miesepetrig oder zynisch wirkt, macht mich traurig, weil es so keineswegs gemeint ist. Im Gegenteil. Natürlich ist dies gerade keine Situation, in der besonders gute Stimmung aufkommt, andererseits machen mich die vielen Aktivitäten und Ideen dieser Tage optimistisch. 

Aber Gemecker? In Folge 02 wurden zwei Festivals gelobt und angepriesen, die Online streamen; in Folge 03 „Unterleuten“ gelobt und die Schauspieler*innen darin angepriesen, Woody Allen wenigstens unterhaltsam gefunden, die bloggenden Virologen auch, in Folge 04 sogar Jens Spahn gelobt, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Dunja Bialas. Nur Disney+ fand er nicht so toll.

Nur „zynisch“ bin ich nicht, und will ich nicht sein, auch wenn es in Susanne Heinrichs Film „Das melancholische Mädchen“ heißt, jeder Zyniker sei nur ein enttäuschter Moralist, und ich mit dieser Definition an der bestimmt was dran ist, gut leben könnte. 

Ich versuche hier einfach, realistisch zu sein (das macht mich glücklich, vielleicht auch andere), und wo es geht, ironisch (das entspannt und unterhält); und ich möchte niemandem Moral predigen. Darum habe ich zum Beispiel in Folge 04 versucht, einfach das zu Ende zu denken, was Jens Spahn im Interview sagt, und in den Handlungshinweisen für Ärzte steht. Ich habe zitiert, nicht kritisiert, eher mit meinen Worten gesagt: So ist das eben, so muss es wohl sein, auch wenn’s schlimm ist. Es gibt Menschen, die trösten solche Einsichten.

Ich schreibe diese Texte für Menschen, die mich schon kennen, oder die mich kennenlernen wollen. Nicht um Recht zu haben, sondern um eine Debatte zu beginnen, Widerspruch auszulösen, oder auch Sympathie. 

Es freut mich, wenn ihr weiterhin Lust habt, Euch darauf einzulassen. 

In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende! Und: bleibt gesund!

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