Zu Ostern sollte „Der Junge und die Wildgänse“ in die Kinos kommen. Das geht jetzt nicht. Weitere Filme weichen fürs erste aufs Streaming aus. | Foto © Capelight

Immer wieder erwische ich mich bei der unnützen Überlegung, was ich gerade tun würde oder zu tun hätte, wenn die Zeit nicht so wäre, wie sie gerade ist. Ostern steht an und ich hätte mich über ein paar freie Tage gefreut. Ein paar freie Tage, die die Zeit angehalten hätten. Aber die Zeit ist angehalten worden, das Hamsterrad ist stehen geblieben. Die Flut an Pressevorführungen verebbte auf einen Schlag. Heute ist der vierte Startdonnerstag ohne Kinostarts. Der neue James Bond würde in die zweite Woche gehen. Jetzt würden die Biografien von Marie Curie („Marie Curie – Elemente des Lebens“, Marjane Satrapi) und Harriet Tubman („Harriet – Der Weg in die Freiheit“, Kasi Lemmons) in die Kinos gekommen. Mit „Königin“ (May El-Toukhy, mit Trine Dyrholm) wäre der dänische und mit „Als wir tanzten“ (Levan Akin) der schwedische „Oscar“-Beitrag gestartet. Mit den Kindern wäre man in den Animationsfilm „Mina und die Traumzauberer“ (Kim Hagen Jensen, Tonni Zinck) oder in „Der Junge und die Wildgänse“ (Nicolas Vanier) gegangen. Bis auf den letzten Titel wird alles nur verschoben.

Bei diesem letzteren lehnt sich der deutsche Verleihtitel stark an „Amy und die Wildgänse“ (Carroll Ballard, Start in Deutschland Anfang 1997) an und erzählt eine ganz ähnliche Geschichte. Bereits der Dokumentarfilm „Nomaden der Lüfte“ hatte Ultraleichtflugzeuge für seine Aufnahmen verwendet. Das Team machte es sich zu nutze, dass sich die Vögel auf die Kameraleute prägen ließen. Der Umweltaktivist Christian Moullec und seine Frau Paola machten nichts anderes, um die fast ausgestorbene Zwerggans zurück nach Skandinavien zu bringen. Sie zogen Küken auf, und es ist der 14-jährige Sohn, der, statt am Computer zu daddeln, sich aufschwingt, um den Gänsen die Flugroute zu zeigen. Viele Flugaufnahmen und Landschaften, etwas für die große Leinwand. Und ausgerechnet dieser Jugend- und Abenteuerfilm fällt nun aus dem Startkalender raus. Heute wäre er in die Kinos gekommen. Der Verleih Capelight entschied sich nun, am ursprünglichen Kinostart für einen Einsatz im Heimkino.

Einen anderen Weg beschreitet der Verleih DCM. Die Udo Lindenbergfilm „Lindenberg! Mach dein Ding“ (Hermine Huntgeburth), der Mitte Januar in die Kinos kam, wird seit gestern in Düsseldorf gezeigt. Auf dem Parkplatz des Messegeländes spannte man die 400 Quadratmeter große hydraulische Leinwand, die dort Ansässige vom Open-Air-Kino am Robert-Lehr-Ufer kennen. Tickets gibt es im Vorverkauf. Weitere Autokinos dürften allerdings folgen. Dario Suter, der Managing Director des Filmverleihs DCM formulierte in der entsprechenden Pressemeldung: „Unser Kinoherz blutet in Anbetracht weltweit geschlossener Filmstätten. Ein Lichtblick, dass das Autokino sich mit den sozialen Abstandsregeln vereinbaren lässt und in dieser einsamen Zeit Menschen ein gemeinsames Erlebnis bietet. Wir freuen uns, dass unser Film Lindenberg! Mach dein Ding in Düsseldorf den Auftakt zur Eröffnung gibt und wünschen den Betreibern aller Autokinos viel Erfolg!“

Einen zweiten Anlauf nimmt auch der Film „Der Krieg in mir“ (Sebastian Heinzel). Ursprünglich kam die Dokumentation, die nachspürt, wie Traumata der älteren Generationen durch Krieg oder andere extreme Ausnahmesituationen, auch unser Leben prägen, Anfang März ins Kino. Der Filmverleih Wessel hält gerade jetzt diesen Film für wichtig und stellt ihn für eine limitierte Zeit auf die Plattform Kino-on-Demand.de, auf der man das Kino seiner Wahl direkt unterstützen kann.

Salzgeber bringt in seinem Salzgeber Club diese Woche und wieder exklusiv und für eine limitierte Zeit den Film „This is Not Berlin“ in die Auswertung. „This is Not Berlin“ spielt in Mexiko Stadt. Während 1986 gerade die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, begegnet Carlos, gspielt von Xabiani Ponce de León, die Liebe, den Sex, Drogen, das pulsierende Leben. Punk und Exstase sind die Hauptantriebe. Hari Sama hat den Film autobiographisch angelegt und setzt auf ein atmosphärisches Zeitporträt. In Malagá gewann der mexikanische Film den Spezialpreis der Jury und auch die Kamera von Alfredo Altamirano wurde ausgezeichnet.

Rein auf Spendenbasis stellt der Berliner Verleih Arsenal jede Woche eine andere Auswahl an Filmen online. Das Arsenal-Kino, Heimstätte der Berlinale-Sektionen Forum und Forum Expanded hat zwei Säle. Arsenal 3 ist dabei der digitale Kinoraum. Der Zugang zu den Filmen ist frei. Man hofft natürlich, dass Nutzer*innen trotzdem etwas einzahlen, damit man die Lizenzen stemmen kann. Diese Woche ist zum Beispiel Ulrike Ottingers „Bildnis einer Trinkerin“ (1979) in der Auswahl. In der vierten Corona-Woche folgt dann „Freak Orlando“ (1981). Ein weiterer Titel ist „An Elephant Sitting Still“ (Hu Bo, 2017), einer der schönsten Filme des Kinojahres 2018. Einen Tag lang folgen wir vier ProtagonistInnen durch Episoden der Grausamkeit, die Zeugnis vom Egoismus der Gesellschaft im Großen und der Familie im Kleinen ablegt. Jede Hoffnung scheint unmöglich und doch ist „An Elephant Sitting Still“ kein desillusionierender Film. Ganz im Gegenteil, Hu Bo schafft es, die Erfahrung der Demütigung, der Gewalt, der Schuld und der Wut einem so nahe zu bringen, dass man mitzufühlen lernt. 

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