Endlich macht mal einer wieder klare Ansagen, was noch geht oder nicht. Die Münchner „Bild“ hat’s heute getitelt. | Screenshot

Die Schönen, die Reichen und die Mächtigen. Und Super-Söder: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 13. Von Rüdiger Suchsland

„Gerechtigkeit sei eine Folgeerscheinung von Erfolg. Immer sei die gerechte Sache identisch mit der erfolgreichen. … Recht und Ethik, behaupte ein gewisser norddeutscher Philosoph namens Immanuel Kant, stünden außer jeden Verhältnisses: Recht und Boden aber, Recht und Klima, Recht und Volk, das meine er, der Otto Klenk aus München, die seien zweieinig, nicht zu trennen.“
Lion Feuchtwanger, „Erfolg“

 

„Bald wieder Fans im Stadion?“ Das sind doch tröstliche Aussichten! Nun erreicht darbende Fußballfans die wohl wichtigste Nachricht der letzten Wochen. Wenn alles gut läuft wird es bald nicht nur wieder Bundesliga-Fußball in Form von Geisterspielen geben, sondern auch echte Fans im Stadion. Denn der Mediziner Fritz Sörgel will in einer, wie es heißt „noch nie dagewesenen Studie“ Dauerkartenbesitzer von Bundesligavereinen auf Corona-Antikörper testen. Damit soll überprüft werden, wie hoch die Infizierung der Fans mit dem Corona-Virus ist, und ob der Fußball wirklich als Verstärker des Virus fungiert. 

Sörgel ist Professor für Pharmakologie und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er könnte zum Retter der Fans werden. Denn er will eine Studie an Dauerkartenbesitzern durchführen, um bald wieder Konzerte, Theatervorführungen, Lesungen und eben auch Fußballspiele vor Publikum möglich zu machen. 

Sörgels Argument ist sachlich, aber auch psychologisch: Wenn man den Leuten ein Jahr lang verbietet, auf Konzerte zu gehen, sollte man das mit Daten belegen können“, sagt Sörgel in der „Zeit“: „Auch wir Mediziner sollten uns fragen: Wie kriegen wir es in den Griff, dass das Volk nicht durchdreht?“

Ja, wie nur? Hoffentlich klappt es. Um den Fußballbürgerkrieg zu verhindern. Und stellen wir uns nur mal vor, was das den Clubs für neue Devotionalien-Chancen eröffnen würde: Die FC-Bayern-Atemmaske in Rot-Weiß, wobei der kreisrunde Nubbel in der Mitte dann auch in Weißblau gehalten werden könnte. St.-Pauli-Fans könnten eine mit dem Piraten-Totenkopf-Motiv erhalten. Und die 1899-Hoppenheim-Maske würde natürlich ein Porträt von Dietmar Hopp tragen – oder doch eine Zielscheibe … Nein dieser Scherz, speziell für unsere Freunde vom BVB, ging jetzt zu weit. Zumal Dietmar Hopp, wenn es so weitergeht, ja noch heilig gesprochen werden wird. Schließlich ist er als CureVac-Investor ja der Retter des Impfstoffs vor den Klauen der bösen Amis. 

Retter überall. 

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Noch eine gute Nachricht: Super-Söder schlägt wieder zu! Der schier übermenschliche bayrische Ministerpräsident hat eine der größten Sorgen seiner Untertanen südlich des Weißwurstäquators quasi im Handstreich beseitigt. „Machtwort von Söder“ verkündete die „Bild“-Zeitung, die offenbar während der Krisenwochen die Pressearbeit der Bayerischen Staatskanzlei übernommen hat, die Nachricht dem Volke: „Buch auf Parkbank lesen ist ERLAUBT! Ja, in Bayern darf auf einer Parkbank gesessen werden, um Musik zu hören oder ein Buch zu lesen“.

Ja! Endlich. Wie die Zeitung erinnert: „Es ist ein Dauerthema in München: Dürfen wir in Corona-Zeiten auf Park-Bänken sitzen, um ein Buch zu lesen? Gerade jetzt zu Ostern?“ „Im ,Bild’-Gespräch“, wie sonst, stellte Ministerpräsident Markus Söder „(53, CSU) deutlich klar.“ „Natürlich kann man auf einer Bank ein Buch lesen. Das ist kein Problem.“ Söder habe deswegen auch nochmals mit dem Innenministerium gesprochen. „Die stellen das klar.“ Jetzt „hat auch die Münchner Polizei endlich Klarheit.“ Puh! 

Hoffentlich wissen das auch die Kollegen im Norden. Sonst muss Super-Söder mal kurz hier einreiten und ein Machtwort sprechen.

Und wir lesen jetzt nur noch auf Parkbänken. An Ostern die „Häschenschule“, danach wieder Lion Feuchtwangers „Erfolg“ oder Thomas Manns „Gladius Dei“, die beide in München spielen: „Blick um dich, sieh’ in die Fenster der Buchläden. Deinen Augen begegnen Titel wie ,Die Wohnungskunst seit der Renaissance’, ,Die Erziehung des Farbensinnes’, ,Die Renaissance im modernen Kunstgewerbe’, ,Das Buch als Kunstwerk’, ,Die dekorative Kunst’, ,Der Hunger nach Kunst’ – und du musst wissen, dass diese Weckschriften tausendfach gekauft und gelesen werden, und dass abends über eben dieselben Gegenstände vor vollen Sälen geredet wird  …“ 

Ein belesenes Volk, die Bayern. Dürstend nach Bildung.

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Neulich habe ich ein paar Witze versprochen. Ein vielfach geteilter erzählt davon, was Donald Trump gemacht hätte, wäre er Kapitän der „Titanic“ gewesen: 1. „Da ist kein Eisberg!“; 2. „Wir werden den Eisberg nicht berühren.“; 3. „Wir haben den Eisberg kaum gestreift.“; 4. „Keiner konnte den Eisberg kommen sehen.“ 5. „Ich wusste vor allen anderen, dass es ein Eisberg war!“; 6. „Die Zahl der Toten beweist: Mein Plan funktioniert.“; 7. „Die Pinguine hatten den Eisberg mitgebracht!“; 8.“Ich bin der beste Kapitän, den es je gab.“ 

Die anderen Witze kommen morgen. Die Wirklichkeit ist witzig oder wenigstens absurd genug. Ist es nicht ein Wahnsinn, dass ausgerechnet Boris Johnson jetzt im Krankenhaus auf der Intensivstation liegt? Man überlege nur, wenn er jetzt auch noch … Manche finden das auch witzig. Wir nicht. Klar: Vielleicht ist Johnson da die eine oder andere Erfahrung eine Lehre, aber das alles gönnt man auch argen Feinden nicht. 

Hier kann man hören und lesen, wie die Briten über Johnson denken. 

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Eine lustige Geschichte ist die von den beiden französischen Schriftstellerinnen Leila Slimani und Marie Darrieussecq. Die beiden haben sich in ihrer Heimat den Hass der Internet-Gemeinde zugezogen, die sie mit Marie-Antoinette vergleicht und nun alles, was Schwarmdummheit, antiintellektuelles Ressentiment und Elitenhass hergeben, über den beiden auskübelt. 

Aber ein bisschen sind sie auch selber schuld. 

Slimani und Darrieussecq gehören zu den gefeiertsten Autorinnen der Millennial-Generation. Slimani hat für „Lullaby“ den Prix Goncourt gewonnen. In der „Le Monde“ schrieb sie nun einen Text, darüber, wie sie mit ihren Kindern nach Beginn des Ausnahmezustand Paris verlassen hat, und sich am 13. März in ihr Landhaus zurückzog, und kommentiert: „Es war ein wenig wie ,Dornröschen’“. Später schrieb sie über die heimische Idylle: „Heute Nacht konnte ich nicht schlafen. Durch mein Schlafzimmerfenster sah ich die Morgenröte über den Hügeln; den Raureif auf dem Gras, die Lindenbäume auf deren Ästen die ersten Knospen sichtbar werden …“ 

Darrieussecq wiederum schrieb in „Le Point“, wie sie, kaum auf dem Land angekommen, ihr Auto mit dem Pariser Nummernschild verbarg und nur noch den älteren Zweitwagen verwendet: „Ich fühle, dass es nicht gut ist, mit einem 75er Nummernschild herumzufahren.“

Und weiter ganz bukolisch: „Zwei Hirsche grasen in unserem Garten. Wir gehen zum Meer. Die Wellen schlagen; hart, stark, gleichgültig. Der Strand ist ausgestorben. Ich stelle mir eine Welt ohne Menschen vor.“ 

Zweimal Kitsch, ok. Zwei Hipster in Ferien halt. 

Und ein, sagen wir mal: politischer Fehler in Zeiten, in denen es in Frankreich Polizeisperren gibt, um die Leute davon abzuhalten, sich aufs Land zurückzuziehen. Aber jetzt schlagen die französische Provinz und weniger erfolgreiche Schriftstellerkollegen vereint zurück. 

„Hey, ihr Armen“ tweetete der Journalist Nicolas Quenel. „Ist alles in Ordnung, zu dritt in eurem 15qm-Appartement? Um die Zeit zu verbringen und den Ausgangssperrendruck zu lockern, könnt ihr ein bisschen was von Schriftstellern auf dem Land lesen.“ Félix Lemaître schrieb, „der Blick auf den Horizont“, von dem Slimani schreibe, sei ein „Klassenprivileg“. Die Bilder, mit denen der Text begleitet sei, schmeckten für all jene „nach Porno und Obszönität“, deren Blick in den nächsten Wochen nur aufs Reihenhaus gegenüber führe oder auf den Innenhof des Hochhauses. Diane Ducret sah ein „von den Gebrüdern Grimm phantasiertes Paralleluniversum.“

Das Leben der Leïla Slimani sei „ein bisschen zu rosa.“ „Zumindest haben wir nicht die selbe Erfahrung. Wenn der Ausnahmezustand für Leïla Slimani wie ein Märchen ist, dann ist er für mich eher wie ein Bauernschwank: Ich bin der Bauer, von niederer Klasse, ohne Ehre, sehne mich nach Freiheit und hoffe zu überleben indem ich nachhaltig bin.“ Ducret verglich Slimani mit der später geköpften Königin Marie-Antoinette, die sich in Versailles als Bäuerin kostümiert, weit weg von der Furcht und der Wut des Volkes.“ Und weiter: „Unsere intellektuellen Eliten haben die Bodenhaftung verloren, als hätte die Französische Revolution nie stattgefunden,und als hätte nur eine bestimmte Klasse das Recht, ihren Geschmack auszudrücken.“

Von meinem Fenster sehe ich den Himmel. Das Gebäude gegenüber ist schmutzig, die Straßen leer, angefüllt mit wachsender Angst. Vom Virus getroffen, vielleicht allein sterbend – würde sich das schlechter verkaufen als die Goldenen Hügel und Kamelien der Leïla Slimani. Aber es wäre repräsentativer für das, was wir erleben. 

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„Marie Antoinette“ ist übrigens der schönste Film von Sofia Coppola. Ein Isolationsfilm, Einsamkeitsfilm, wie gemacht für Corona-Ostern. Vor 14 Jahren habe ich über den Film geschrieben. 

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