La grande bellezza: Großer Abräumer beim Europäischen Filmpreis

Warum Sabotage und Verrat die Tugenden unseres Zeit­al­ters sind; wie die Bundes­re­pu­blik Schind­luder mit Kino-Meis­ter­werken treibt; und was passiert eigent­lich, wenn jemand ein Attentat auf die Bundes­kan­z­lerin verübt? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 77. Folge

Genies setzen sich immer durch, hieß es letzte Woche in der Süddeut­schen. Wobei gerade das Feuilleton der SZ ja oft wie der Gegen­be­weis zu dieser These wirkt. Aber um so mehr muss man einen wirklich nach­ge­rade genialen Text loben, der ebenfalls vorige Woche in der SZ zu lesen war. Unser Lieb­lings­kri­tiker Fritz Göttler schrieb dort ganz offen darüber, dass er noch niemals in New York war. Vor allem outete er sich, dass er gar nicht dahin will, weil er die Stadt längst kennt – aus dem Kino natürlich. Und dort sieht sie besser aus als in natura. Darum hat man keine Lust hinzu­fahren. »Die Wirk­lich­keit der Stadt liegt darin, dass sie Projek­ti­ons­fläche bleibt«, schreibt Göttler, »den einzig­ar­tigen Eindruck des Fremden und des Heimi­schen möchte ich nicht der Zers­tö­rung durch die Wirk­lich­keit aussetzen.«

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Wer SPD-Mitglied ist und noch nicht abge­stimmt hat, den kann man nur auffor­dern, es schleu­nigst zu tun – bis morgen Abend muss die Stimme bei der SPD sein. Stimmen sollte man m.E. unbedingt mit Nein. Dies nicht allein aus staats­po­li­ti­schen Gründen, nicht nur, weil diese größte Koalition aller Zeiten, die jetzt droht, als Ausdruck gewordene Alter­na­tiv­lo­sig­keit bereits als solche der poli­ti­schen Kultur schadet. Die staats­po­li­ti­sche Verant­wor­tung fordert von der SPD gerade, eine Konstel­la­tion abzu­lehnen, bei der die Republik von einer Elefan­ten­ko­ali­tion aus über 80 Prozent der Bundes­tags­ab­ge­ord­neten regiert wird – denn gerade in Krisenz­eiten braucht das Land eine starke Oppo­si­tion. Und warum sollte man das Monopol auf eine linke Oppo­si­tion um Gregor Gysi über­lassen?

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Gerade in Fragen von Bildungs- und Kultur­po­litik droht von der GroKo Ungemach. Denn der Koali­ti­ons­ver­trag bedeutet Politik auf Kosten der Zukunft und der zukünf­tigen Gene­ra­tionen, und ist das Dokument einer No-future-Haltung: Hier konnte sich die SPD mit keiner einzigen ihrer zentralen bildungs­po­li­ti­schen Forde­rungen durch­setzen. Zwar sind laut Vertrag angeblich Bildung, Wissen­schaft und Forschung »Kern­an­liegen« der Koalition. Aber es gibt kein Ganz­tags­schul­pro­gramm, die Bafög-Erhöhung fällt ersatzlos weg, ebenso die verläss­liche Verbes­se­rung der Finan­zie­rung der Hoch­schulen, die die SPD gefordert hatte, darin im Gleich­klang mit dem Wissen­schaftsrat, der eine Stei­ge­rungs­rate in Höhe des Infla­ti­ons­aus­gleichs plus 1 Prozent für dringend erfor­der­lich. Alles bleibt unkonkret. Das Gerede von der »Bildungs­re­pu­blik« bleibt hohle Rhetorik. Weiterlesen

Paul Giamatti in PARKLAND

»Bigger than life«: Kennedy, Kracauer, der PR-Overkill und der letzte Tango des klassischen Autorenkino – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 76. Folge

Ein ähnliches Verhältnis wie unsereins zum 11.September 2001 hatte die Generation davor zum 22. November 1963, dem Tag des Mordes an US-Präsident John F. Kennedy in Dallas. Fast jeder, den man fragt, der seinerzeit erwachsen war, weiß, wo ihn damals vor 50 Jahren die Nachricht vom Attentat erreichte. Eine erinnernswerte Anekdote hierzu erzählte vor Jahren einmal der im Sommer verstorbene FAZ-Autor Henning Ritter. Er studierte seinerzeit in Heidelberg, unter anderem Philosophie bei Dieter Henrich, Spezialist für Hegel und die Bewusstseinsphilosophie, auch älteren Studenten der Münchner LMU noch gut bekannt, und heute Emeritus der dortigen Philosophen. Am Abend im Henrich-Seminar wurde nicht Hegel gelesen, sondern Henrich war von der Nachricht, die ihn soeben erreicht hatte – erst gegen 20 Uhr deutscher Zeit war der Tod Kennedys bekannt geworden – erkennbar bewegt, sinnierte, und begann dann eine längere Rede darüber, wo sich jetzt denn wohl Kennedys Hirn befinde…
Eine Frage, an die ich jedes Mal denken muss, wenn ich mich an den Kennedy-Mord erinnere, weil sie so selbstverständlich ist, wie krude, so esoterisch, wie konkret.
Denn natürlich ist nicht die Materie gemeint, nicht die Hirnmasse des Präsidenten, sondern das, was man früher problemlos als Geist bezeichnet hätte, heute aber kaum noch so schreiben kann. Also mehr als sein Bewusstsein, aber auch dieses, doch zugleich der Anteil am Überpersönlichen, und vielleicht auch das, was ihn außergewöhnlich machte, faszinierend für Zeitgenossen.
Hegel, der Napoleon den »Weltgeist zu Pferde« genannt hatte, hätte vielleicht auch in Kennedy so etwas wie die Person gewordene Weltgeschichte erkannt. Wo geht sie hin, was ist mir ihr, wenn sie gewaltsam mitten aus ihrer Bahn gerissen wird?

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Albert Dieudonné in Napoléon (Abel Gance, 1927)

Über den Napo­leo­nismus des Kinos, die Tugend der Gewal­ten­tei­lung, das Meis­ter­werk von Abel Gance und klas­si­sches Hollywood – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 75. Folge

Jean-Luc Godard: »Was würden Sie antworten, wenn jemand, der sich mit dem Kino nicht auskennt, Sie fragt: „Wie definiert man einen Menschen, der sich Regisseur nennt? Ist er ein Arbeiter oder ein Künstler, was ist seine Beson­der­heit?«

Fritz Lang: »Wissen Sie, ich mag die Bezeich­nung Künstler nicht. Ein Künstler ist ein Mensch, der viel arbeitet und sein Handwerk versteht. Auch ein großer Chirurg ist meiner Meinung nach ein Künstler. Ich selbst arbeite ebenfalls viel und mag meinen Beruf.«

JLG: »Ich sehe das etwas anders. Van Gogh war ein wich­ti­gerer Mensch als der Tischler, der die Staffelei gebaut hat, auf der van Gogh malte.«

FL: »Da haben Sie völlig Recht. Das ist ein hervor­ra­gendes Beispiel, und ich hatte Unrecht.«

JLG: »Also, Sie würden sich eher als Tischler sehen .

FL: »Nein, nicht als Tischler, aber als Arbeiter.

JLG: »Die meisten Leute glauben nicht, dass Kino Arbeit ist.

FL: »Das Publikum denkt immer, es sei das reine Vergnügen, dabei ist es harte Arbeit. Aber wissen Sie, wir beide haben etwas gemeinsam. Ich glaube, Sie sind ein Roman­tiker, genau wie ich. Aber ich weiß nicht, ob das heut­zu­tage gut ist.

JLG: »Heute ist das eher schlecht.
(Auszug aus dem Gespräch, dass Jean-Luc Godard 1964 mit Fritz Lang unter dem Titel »Le dinosaure et le bébé« für das fran­zö­si­scher Fernsehen führte.)

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Daniel Day-Lewis as Abraham Lincoln

…und nicht nur von dort: Steven Spielberg, Georg Lucas, Angela Merkel – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 72. Folge

»God save the queen/ The fascist regime/
They made you a moron/ Potential H-bomb/
God save the queen/ She ain’t no human being/

Don’t be told what you want/ Don’t be told what you need/
There’s no future, no future,/ No future for you.«

Sex Pistols

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Von einem großen Sieg für Angela Merkel schreiben und reden jetzt viele. So kann man die Resultate vom Sonntag vermut­lich sehen, zumal an der persön­li­chen Zustim­mung für die Kanzlerin wenig Zweifel bestehen und sich die GRÜNEN gerade so benehmen, als seien sie und nicht die FDP aus dem Bundestag geflogen. Man könnte aber auch sagen: 1. Die Kanzlerin hat keine Mehrheit mehr. 2. Die Union hat trotz erhöhter Wahl­be­tei­li­gung nur gut 7 Prozent gewinnen können; da die FDP aber fast zehn Prozent einge­büsst hat, hat nicht nur Schwar­zGelb sowieso verloren, sondern der konser­vativ-neoli­be­rale Block hat insgesamt Stimmen verloren. 3. Es gibt eine Mehrheit links von Merkel, fast 60 % der Wähler und über drei Viertel der Wahl­be­völ­ke­rung haben sie nicht gewählt.

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Kann die Unterwelt Hollywood retten? Nach einem heißen Sommer, in dem die Block­buster an der Kinokasse wie Karten­häuser zusam­men­bre­chen, in der George Lucas und Steven Spielberg wie zwei Weise, die in ihrem langen Leben schon alles gesehen haben und nun auch in die Zukunft blicken können, der Film­in­dus­trie in ihrer jetzigen Form die Apoka­lypse prophez­eihen, den Untergang in jenem digitalen Tornado aus DVD, VOD, YouTube, file-share und sozialen Netz­werken, den die Filmbosse in ihrer uner­sätt­li­chen Gier einst selbst ins Leben gerufen hatten und nun wie Goethes Zauber­lehr­ling längst zum Sklaven ihrer Geschöpfe geworden sind.

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Katharina Thalbach merkelt entschlossen als Kanzlerin (in Der Minister) - © SAT.1/Hardy Brackmann

Unter Zombies: Der Wahlkampf und das Kino der Alter­na­tiv­lo­sig­keit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 71. Folge

»Aufrich­tig­keit ist die erste Pflicht des Kritikers.« – Marcel Reich-Ranicki

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»Nur die aller­dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.« Etwas abge­hangen dieser Sponti-Spruch, schon klar, aber hoffen wir mal, dass da am Sonntag keiner etwas tut, was er später bereut. Die Metzger sollen noch mal schön ein bisschen warten.

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Die meisten Deutschen finden den Bundes­tags­wahl­kampf lang­weilig, meldet die Kölnische Rundschau. Viel­leicht ist es ja gar nicht der Wahlkampf, viel­leicht sind ja auch einfach die Leute lang­weilig, die Wähler. Aber stimmt ja: Wähler­be­schimp­fung kommt gar nicht gut an, Leser­be­schimp­fung also auch nicht, man muss den dummen Leuten sagen, dass sie klug sind. »Die Köchin soll den Staat regieren können«, hat schließ­lich schon Lenin gesagt. Die Betonung liegt hier aller­dings auf »können« und auf »soll« – dass sie ihn schon regieren kann, hat er damit aller­dings nicht gesagt. Lenin kannte aller­dings auch Angela Merkel noch nicht.

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Heute um 14 Uhr wurde vor dem Kanz­leramt ein offener Brief übergeben, den die Schrift­stel­lerin und Film­au­torin Juli Zeh aufge­setzt hat, und der inzwi­schen von über 67.000 Menschen unterz­eichnet wurde, darunter auch von zahl­rei­chen Filme­ma­chern und Dreh­buch­au­toren. Der Brief richtet sich gegen die Passi­vität der Bundes­re­gie­rung ange­sichts des NSA-Skandals.
Wir empfehlen unseren Lesern dringend, sich dem Brief anzu­schließen: Jeder kann hier unterz­eichnen.

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Fritz Langs Nibelungen

Die Nibe­lungen mal wieder, Bayreuth, Mongolen-Ansturm, der Kultur­staats­mi­nister, künst­le­ri­scher Terro­rismus und Listen, Listen, Listen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 68. Folge

»Dissent can be dicy.«
Susan Sarandon in der Rolle der Ex-Revoluzzerin Susan Solarz in Robert Redfords The Company You Keep

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»Diese Entschei­dungs­lo­sig­keit«, sagte der Redakteur, »es ist wie vor dem Joghurt-Regal. Welche Sorte soll man nehmen? Und von welchem Anbieter?« Tja, ein Alltags­schicksal in der Multi­op­ti­ons­ge­sell­schaft. Der Redakteur, der – das ist nicht selbst­ver­s­tänd­lich – auch ein Freund ist, sprach eigent­lich nicht vom Super­markt, sondern von seinem Bücher­vorrat. »Der Stapel ist unendlich – alles Bücher, die man in den Sommer­fe­rien unbedingt lesen sollte.« Mir fällt dazu erstmal nichts ein, aber ich spüre einen Stich im Herzen. Stimmt: Redak­teure haben ja Sommer­fe­rien. Bezahlt! Dann frage ich, ihn, welches Buch denn bei ihm ganz oben auf dem Stapel läge? »Naja«, sagt er, »eigent­lich sollte ich den Kittler lesen.« – »Der ist doch tot?« – »Eben drum«, meint er, »man muss jetzt halt schauen, was an ihm wirklich dran ist. Aber…«, meint er weiter, »ganz oben liegt bei mir ein Buch von Johannes Fried übers Mittel­alter. Kennst Du den Fried?«
– Kenne ich, hab ja schließ­lich Geschichte studiert, und mir fällt bei Fried als erstes ein, dass er wie alle deutschen Histo­riker besonders gern englische Tweed-Jackets trägt, grünliche, glaube ich. »Das Mittel­alter«, meint der Redakteur, und klingt jetzt aufgeregt »… in seinem Buch schreibt der Fried über den Mongo­len­ein­fall.« Ich warte. Und glaube, jetzt kommt irgendwas über den Dünger, der das Abendland zum Blühen brachte. »Der Mongo­len­ein­fall ist ein erster großer Anlass geworden, sich mit fremden Kulturen zu befassen. Die Mongolen haben die Hälfte der unga­ri­schen Bevöl­ke­rung massa­kriert und sind wieder abgezogen. Zurück blieb großes Staunen über die Mongolen. Und dann ist der Papst gekommen, und hat gesagt: ‚Dem müssen wir nachgehen.‘ Das ist ja die Frage, die man auch heute hat: ‚Wer sind die Aliens?’« Das Abendland, das hat da aufgrund des Fragen­ka­ta­logs der Hoch­scho­lastik zur Neuent­de­ckung Asiens beige­tragen.

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Heinrich George in Das Meer ruft (1933)

Snowden und wir, der vierfache George, das Karma-Konto und die Künst­ler­so­zi­al­kasse– Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 67. Folge

»Wenn der Morgen endlich graut hinter dunklen Scheiben/ Und die Männer ohne Braut beiein­ander bleiben/
schmieden sie im Flüs­terton aus Gesprächen Bomben/ Rebellion! Rebellion!! In den Kata­komben.
Und wir woll’n im Sieges­lauf immer memo­rieren: Augen auf, Augen auf! Dann kann nichts passieren.«
Gustav Gründgens in der Rolle des Debureau im Ufa-Film TANZ AUF DEM VULKAN von 1938 (Regie: Hans Steinhoff). Der Lied wurde kurz nach Filmstart zensiert, und erschien weder gedruckt, noch auf Schallplatte).

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War Heinrich George eigent­lich ein wirklich guter Schau­spieler? »Diese Frage zeigt mal wieder«, würde uns vermut­lich sein Sohn Götz anworten, »wie wenig Du von Schau­spie­lerei verstehst«. Trotzdem lassen wir die Frage hier mal stehen. Im Berliner Babylon-Mitte läuft in den nächsten Tagen (bis 4.8.) jeden­falls jetzt eine sehr spannende Retro­spek­tive, mit ganz vielen Heinrich-George-Filmen.
Da kann dann jeder selbst sein Urteil fällen. Wir haben den Verdacht: Heinrich George ist, wie so manch‘ einer aus der angeblich aller­größten Zeit des deutschen Kinos, a bisserl über­schätzt. Allemal nost­al­gisch verklärt. Man sagt eben gern so dahin: »Einer der größten und gleichz­eitig umstrit­tensten Schau­spieler des 20. Jahr­hun­derts«. Das eine bedingt dann das andere.
Ande­rer­seits – es könnte ja sein, dass wir das nur heute nicht mehr so gut verstehen. Gerhart Hauptmann jeden­falls beschrieb Heinrich George als »ein mensch­li­ches und künst­le­ri­sches Urphä­nomen«. Jürgen Fehling lobte: »ein König der Phantasie … unter seinen Kollegen wie ein alter Stein­adler zwischen Hühnern«.

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Foto © Schiwago Film GmbH – Tom Schilling in 'Oh Boy'

Why why why, Jan Ole? – Die Archive der Zukunft, die Zukunft des Fern­se­hens nach seinem Ende und warum 44 die neue 29 ist – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 65. Folge

»In diesem Augen­blick ging über die Brücke ein geradezu unend­li­cher Verkehr.«
Franz Kafka: »Das Urteil«

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Immer wieder Oh Boy. Immer wieder in Gesprächen mit Filme­ma­cher, Kollegen und »normalen« Zuschauern, in denen es eigent­lich um ganz anderes geht, kommt das Gespräch auf diesen Ausnah­me­film. Wo liegen die Qualitäten? Warum funk­tio­niert der Film so großartig? Ist er denn wirklich so gut? Und ist der Preis­regen berech­tigt? Ist dies eigent­lich ein Jungs-Film? Man kann über so etwas ewig nach­denken und debat­tieren.

Wer den Film von Jan Ole Gerster immer noch nicht gesehen hat, oder ihn noch einmal sehen will, hat dazu jetzt am kommenden Mittwoch in München Gele­gen­heit. Um 10.30 im Cinema gibt es eine Sonder­vor­stel­lung des Films – das ganze ist zwar offiziell eine Schü­ler­vor­stel­lung des Kultur­re­fe­rats – also eine offi­zi­elle Unter­richts­ver­an­stal­tung, liebe Lehrer, für die ihr die Mathe­stunde abblasen dürft –, neben Schülern sind aber auch alle anderen Zuschauer will­kommen.

Dieser Hinweis ist nicht völlig unei­gen­nützig, denn zusät­z­lich zum Film gibt es auch noch eine kurze Einfüh­rung und eine Diskus­sion, an der die Film­wis­sen­schaft­lerin Fabienne Liptay und der Psycho­ana­ly­tiker Andreas Hamburger teil­nehmen, und die von mir moderiert wird. Wer also endlich einmal über »Cinema Moralia« disku­tieren möchte, darf das dann nach Veran­stal­tungs­ende im Bier­garten auch tun.

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Einen inter­es­santen Text zu Oh Boy hat Constantin von Harsdorf auf »Cult« geschrieben . Darin reflek­tiert er darüber, was eigent­lich mit der Gene­ra­tion der Endzwan­ziger, Anfang-Dreißiger los ist, die die von Tom Schilling gespielte Haupt­figur verkör­pert? Die »Gene­ra­tion Y« (sprich: »Why?«), die alles zergrü­belt, hinter­fragt, nicht wirklich arbeiten will, aber auch nicht nur hedo­nis­tisch in den Tag rein leben, sondern mitunter Gutes und Wichtiges tun. Vor allem aber nichts Falsches. Das wäre meine Antwort: Sie wollen alles richtig machen, und bevor das schief geht, machen sie lieber gar nichts. Die Jugend von heute!

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Innenansicht des Emek-Kinos, Istanbul

Resis­tanbul und Neues von der deutschen Filmö­ko­nomie – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 64. Folge

»Der Aufstand beginnt als Spazier­gang.«
Heiner Müller

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»Emek bisim, Istanbul bisim!« – so ging es los, und wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Als vor acht Wochen in Istanbul das Emek-Kino, eines der schönsten und ältesten Kinos der Stadt, abge­rissen werden sollte, unbe­dach­ter­weise während des Inter­na­tio­nalen Film­fes­ti­vals, gab es laute Proteste. Sie mündeten in zwei große Demons­tra­tionen, an denen auch berühmte Gäste des Festivals teil­nahmen, wie etwa Costa-Gavras. Über 1000 Menschen demons­trierten. Von der Polizei gab es Pfef­fer­spray und Tränengas, noch nicht, wie jetzt CS-Gas. Es gab Wasser­werfer und Prügel mit Knüppeln. Es gab also zumindest einen ganz zarten Vorschein dessen, was seit über zwei Wochen jetzt in Istanbul los ist.

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Mit einem Kino hat alles begonnen. Und dieses Kino war die Anstren­gung fraglos wert. Über Jahrzehnte war es »das« Festi­val­kino, ein fest­li­cher Ort, ohne Zucker­bäck­er­ro­mantik, aber erfüllt vom Charme der alten Zeiten mit seiner feier­li­chen Atmo­s­phäre, seinem marmornen Vorraum, seiner präch­tigen Bühne. Der Bauherr, ein Speku­la­ti­ons­un­ter­nehmen, dass auch in Deutsch­land Shopping-Malls baut, und dort ebenfalls, als ob es nicht genug gäbe, statt des Kinos ein straßen­block­großes Kaufhaus errichten will, sprach schön­fär­be­risch von »Umbau« – statt Abriss. Irgend­wann trat Attila Dorsay, Doyen der türki­schen Film­kritik, aus Protest zurück. Und bekam daraufhin sofort Angebote von den Bauherren zu Gesprächen. Es gab einen Baustopp. Wer könnte und würde bei uns eine solche Rolle spielen? Weiterlesen

© 2013 STUDIOCANAL: Neil (Ben Affleck) und Marina (Olga Kurylenko)

Mal wieder Kritik der Kritik; eine Veran­stal­tung in der Akademie der Künste und der türkische Vorfrüh­ling – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 63. Folge

»Wenn ein Kopf und ein Buch zusam­men­stoßen, und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buch?« – Georg Christoph Lich­ten­berg, deutscher Physiker und Schrift­steller (1742 – 1799)

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Man muss mehr über Film­kritik schreiben, viel mehr infrage stellen, was Film­kri­tiker tun, was die Film­kritik tut, und was mit ihr getan wird. Man muss auch versuchen, genauer zu klären, was Film­kritik ist, und – viel wichtiger – was nicht. Grund­sät­z­lich natürlich ist Schreiben über Film poten­tiell auch Film­kritik. Aber wir alle wissen, dass vieles, was als Film­kritik daher­kommt diese eben nicht ist. Filmkritik ist nur da, wo sie keine dienende Funktion hat. Sie dient nicht dem Kino, jedenfalls nicht mehr, als das Kino ihr dient. Sie ist nicht Knecht und das Kino nicht Herr. Weiterlesen

Still aus Laure Prouvosts Swallow

Überbau in Ober­hausen: Die Inter­na­tio­nalen Kurz­film­tage und grund­sät­z­liche Fragen über Flach­bild­schirme, flächige Bilder, flache Drama­tur­gien und die Flachheit der Kritik – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 62. Folge

Man hört Atem­geräu­sche, man sieht eine sonnen­durch­flu­tete Sommer­land­schaft, Gras, Bäume, ein Fluss, ein Bergsee. Dann Früchte: Himbeeren in einer Hand, eine aufge­bro­chene Papaya an einem Mädchen-Mund, eine Rosen­blüte, Vögel auf Ästen, Fische, Schmet­ter­linge, eine Biene, Blüten, fließender Honig, Füsse, Brüste, Arme, Münder, eine Off-Stimme, die von Natur erzählt, von Tagträumen und Sinnes­ein­drü­cken und immer wieder ein offener Mund, der betont einatmet…

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»You are inside this body… its wet.« – Eine so asso­zia­tive wie genau kompo­nierte Montage aus nur scheinbar unzu­sam­men­hän­genden Bildern und Tönen, die sich zu einem bezwin­genden Bewusst­seins­strom zusam­men­fügt, der uns in einen Garten Eden zurück­führt und in das verlorene Paradies aus Adoles­zenz und Entde­ckung der Sexua­lität. Man erinnert sich an Filme von Jane Campion, Sofia Coppola und Lucille Hali­l­ha­zovic – drei Frauen, die im Kino einen ganz eigenen Blick auf die sinn­li­chen Gewiss­heiten unseres Lebens geworfen haben, einen Blick, der so analy­tisch kühl ist, wie konkret, nie kalt distan­ziert.
Das Thema, das hier unauf­dring­lich, aber zwingend in 12 Minuten auf der Leinwand entfaltet wird, ist die Natur und die Körper­lich­keit. Ein Film, der trotz der Begren­zung auf zwei Film­di­men­sionen, viel­d­i­men­sional wirkt.
Er heißt Swallow und stammt von der in London lebenden fran­zö­si­schen Künst­lerin Laure Prouvost, und lief bei den Ober­hau­sener Kurz­film­tagen im inter­na­tio­nalen Wett­be­werb. Bei der Preis­ver­lei­hung gestern Abend ging er unver­dien­ter­maßen leer aus.

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Doch nur wenige Filme passten so gut zu dem über­grei­fenden Thema und der sie in zahl­rei­chen Podi­ums­dis­kus­sionen umspin­nenden Debatte, der dies­jäh­rigen Kurz­film­tage.
Es ist in Ober­hausen guter Brauch ein Thema zu setzen, und die Fülle der jähr­li­chen, auch immer ein bisschen zufällig wirkenden Formen und Themen der Programme, die hunderte von Kurz­filmen zwischen 1 und 60 Minuten zeigen, zu bündeln, und mit einer Frage­stel­lung zu struk­tu­rieren. Weiterlesen

Foto © Schiwago Film GmbH - Tom Schilling in "Oh Boy"

Die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel, Grund­ver­sor­gung gegen Quoten­denken: Der Deutsche Filmpreis ist vergeben – nun macht das deutsche Kino gegen das Fernsehen mobil; und was uns der Filmpreis sonst noch lehrt – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 61. Folge

Tom Schilling hat Ost-Abitur. Am John-Lennon-Gymnasium. So etwas gab es bei uns im Westen leider nicht. Es war halt nicht alles schlecht in der DDR, zum Beispiel lernte man, das bewies Schilling am Abend des Bundes­film­preises, gute Reden zu halten: Nach dem Spott über »das poin­ten­ge­spickte Ergebnis«, das ihm sein Reden­vor­for­mu­lierer vor seiner Laudatio auf Barbara Sukowa aufge­schrieben hatte, und das, so Schilling öffent­lich »den Wunsch nach konven­tio­neller Lange­weile aufkommen ließ«, formu­lierte er eine tolle Lobes­hymne: »Man glaubt immer, Männer hätten Angst vor intel­li­genten Frauen. Ich aber möchte Ihnen sagen, was Sie längst wissen: Das Gegenteil ist der Fall. Männer lieben intel­li­gente Frauen.«
Es war auch lustig auf Schil­lings Gesicht zu blicken, während andere »witzische« Texte verlesen wurden: Ungläu­biges, fassungs­loses Entsetzen, »Oh Boy!«

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Und die Bibel hat doch recht: David gewinnt gegen Goliath – es kam wieder, wie es meistens kommt beim Deutschen Filmpreis, jeden­falls seit er nicht mehr im Jury­ver­fahren sondern per Massen­ab­stim­mung vergeben wird: Die Preise bündelten sich auf ganz wenige Filme, aufwen­dige Groß­pro­duk­tionen sahnen die Tech­nik­preise ab (diesmal Cloud Atlas), andere, die oft nominiert sind – wie diesmal Auto­ren­kino-Veteranin Marga­rethe von Trottas Hannah Arendt – bekamen nur wenige Ausz­eich­nungen, oder gingen wie Oskar Roehlers Quellen des Lebens sogar ganz leer aus, und ein vergleichs­weise unab­hän­giger Film bekommt die Haupt­preise. Aber im Unter­schied zu Jahren, als mit der allzu luftigen Bayern-Klamotte Wer früher stirbt ist länger tot, dem schwerblü­tigen Vier Minuten oder dem Gutmen­schen­drama Halt auf freier Strecke schwache Konsens­filme über alle Ansätze zu mutigerem Kino – von Das Parfum bis zu Barbara – trium­phierten, ist Jan-Ole Gersters OH BOY! ein würdiger Sieger: Alles andere als konven­tio­nell, dabei so klug und witzig, wie es Ausländer dem deutschen Kino zwischen Wenders bis Schweig­höfer gar nicht zutrauen.

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