caption“Zombieserien wie „The Walking Dead“ spielen mit der „Angst vor der Leere“. Die klassischen Helden werden ersetzt durch Figuren, die nicht handeln, sondern meditieren und schweigen – „postheroische Helden.“ | Foto © Gene Page, AMC“

Anstrengungsverzicht kann sehr anstrengend sein: Fantasien des Shutdown im Kino und der weiße Clown in uns allen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 38.  

„Moral, Herr Schenk ist kein juristisch belastbares Kriterium.“
Aus dem „Tatort“ vom Sonntag

 

Fast hätte man Karl Lauterbach in eine Medien-Entzugsklinik einliefern müssen. Eine ganze Woche lang war er nicht auf dem Bildschirm gewesen, zum ersten Mal seit Mitte März hat ihn „Markus Lanz“ nicht in eine seiner drei wöchentlichen Sendungen eingeladen. Gott sei Dank aber erbarmte sich „Anne Will“ des Sozialdemokraten und lies ihn am Sonntag auftreten. 

Dort führte Lauterbach seine hübschesten Kunststückchen vor: „Wahrscheinlich wird eine zweite Welle kommen …“ Yeah! Szenenapplaus auf der Fernsehcouch. „Es könnte sein, dass …, wenn wir nicht …“ Bravo! So lieben wir ihn. Wenn das deutsche Fernsehen wie die Commedia dell’Arte ist, dann ist Lauterbach dort der „Weiße Clown“, der Pierrot, dem eine Träne fest unter das Auge gemalt ist, der versucht immer alles zu berechnen, und dessen Strategien immer unter dem Chaos des Lebens („der Lockerungen“) zugrunde gehen. 

Zur Freude des Publikums. Applaus! 

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Lockerheit und Heiterkeit, das gilt nur bei uns. In Resteuropa ist es eher Erschöpfung, die dominiert. Überdruß mit den Maßnahmen, unter denen anderenorts die Menschen noch viel viel mehr leiden als hier. 

Auch die massive und, wie mir scheint, sowohl sehr einseitige wie recht übertriebene Medien-Beschäftigung mit den Anti-Einschränkungs-Demos, die in der vergangenen Woche jedes andere Problem beiseite gefegt hat, ist genau genommen ein Luxusphänomen. Komplette Dekadenz, die Sorge einer Gesellschaft, der es so gut geht, dass weder Fragen der Seuchenbekämpfung und Todesvermeidung, noch der ökonomischen und sozialen Bewältigung der Corona-Pandemie ernsthaft ins kollektive Bewusstsein dringen. „Wir schaffen das!“ denken im Grunde alle. Auch die Krakeeler auf der Straße. Ebenso wie die, die ihnen jetzt am liebsten das Demonstrieren verbieten würden. Wer Zeit hat, sich wie die deutsche Gesellschaft am Wochenende über Grundrenten und Mindestlohn zu streiten, über die Frage, ob man schon im Juli wieder ans Mittelmeer darf, oder in Bayern und der Nordsee „Urlaub machen muss“, der fühlt sich verhältnismäßig sauwohl. Und hat die Ministerpräsidenten, die er verdient: Urlaub in Deutschland von der Steuer absetzen – das war der Söder-Einfall des heutigen Montags. Nicht komplett blöd, natürlich erzpopulistisch, aber eben vor allem ein Zeichen, wie unendlich gut es uns geht. Zu gut, als das noch Platz für Moral wäre. 

Aber dann sollten wir bitte wenigstens darauf verzichten, uns noch darin zu gefallen, wie toll und supermoralisch wir Deutschen sind und auf einem Boris Palmer herumzuhacken, weil er die unbequemen Wahrheiten ein paar Mal benennt. 

Denn tatsächlich ist unsere Position zutiefst unmoralisch. Ginge es um Moral, also darum, „das Gute“ zu tun, und nicht nur das Nützliche und das Nächstliegendste, dann würde man die freien Krankenhausbetten und die komplett leerstehenden eigens errichteten Behelfskrankenhäuser und Intensivstationen sofort anderen Nationen zur Verfügung stellen. 

Dann würde man Geld ausgeben, um allen Bürgern und nicht nur den Angestellten und Verbeamteten und für lobbyistisch gut abgesicherte Firmen tätigen, ökonomisch durch die Krise zu helfen.

„Es geht um Arbeitsplätze“ sagt man dann gern. Genau es geht um Arbeitsplätze. Aber wenn das bei der Lufthansa gilt, bei Volkswagen, bei den tatsächlich Zehntausenden von Arbeitsplätzen beim Profi-Fußball, dann gilt es doch auch im Hotel- und Gaststättengewerbe, das man zur Zeit am ausgestreckten Arm verhungern lässt. 

Und es gilt für die Kultur, die bislang nur mit Brosamen abgespeist wird. 

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Aber auch sonst täuscht der Eindruck. Trotz der halbwegs entspannten Stimmung in Deutschland muss man in jeder anderen Hinsicht schlechte Laune machen. In vielen Teilen der Welt beginnt Corona gerade erst wirklich. Bis mindestens Ende des Jahres wird dies unser Leben wesentlich prägen und einschränken. 

Die Zustände in Lateinamerika sind fürchterlich. Wenn jedes Leben zählt, was tun denn dann die Apostel des Lebensschutzes um jeden Euro-Preis für die Lateinamerikaner? Nichts. Stattdessen versteckt man sich wie schon bei US-Amerika dahinter, dass der brasilianische Präsident ein Vollidiot und Faschist ist, und die in Chile und Kolumbien kaum besser, so als wären die Menschen deshalb irgendwie selber schuld. 

Oder nehmen wir Russland. Nutzt es uns zu wissen, dass Putin jetzt womöglich geschwächt ist. Womöglich auch nicht? 

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Der täuschende Eindruck gilt sogar für Deutschland: Sowieso gesundheitspolitisch, wenn eine zweite Welle tatsächlich kommen sollte – Ihr wisst, daran glaubt eigentlich nur Karl Lauterbach, ich jedenfalls nicht. Aber das ist keine Glaubenssache. Und umgekehrt bin ich mir nicht so sicher, ob die Berlinale und Cannes 2021 schon in der alten Form stattfinden werden. Wie vieles andere.

Wichtiger ist die Politisierung der Seuche: Die derzeitigen Proteste kann man trotz mancher Anzeichen nicht pauschal als rechtsextrem oder einfach verrückt abtun. Sollte man auch nicht, weil man die sonst erst recht den Rattenfängern in die Arme treibt. Diese Proteste werden noch breiter werden, sie werden uns weit länger beschäftigen als der Ausnahmezustand. Wenn es schlecht läuft (oder gut? Ich weiß nicht …), dann wird daraus eine deutsche Gelbwesten-Bewegung. 

Unsere Regierung tut jedenfalls gerade alles dafür, was sie kann. 

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Es gibt absolut keinen Grund, die Cafés, Restaurants und andere Lokale bereits ab 22 Uhr oder in manchen Bundesländern noch früher zu schließen. Der einzige Grund, dies zu tun, liegt in einer Disziplinierung der Bevölkerung. Warum aber soll die Bevölkerung diszipliniert werden? Warum möchte die Regierung erwachsenen Menschen vorschreiben, wann sie ein Restaurant zu verlassen haben? Argumente wie Nachtruhe können um diese Zeit keine Rolle spielen, zumal die Lokale ja sowieso nur dann länger aufhaben können, wenn es entsprechende Konzessionen gibt. Warum also? 

Rationale Begründungen dafür werden von der Regierung nicht geliefert. Diese kommuniziert nach wie vor recht verstockt und im Zweifelsfall immer von oben herab, mal nachsichtig, mal autoritär, jedenfalls nicht auf Augenhöhe mit den Bürgern. 

Es gilt aber auch hier der in den letzten Wochen schon häufig zu hörende Grundsatz: Es ist die Einschränkung des Grundrechts, die begründungsbedürftig ist, nicht seine Wahrnehmung. Und, ja, es gibt ein Grundrecht auf Restaurantbesuche, Barbesuche, auf Alkoholmissbrauch, sinnlose Gelage, luxuriöse Ernährung, schlechte Musik, und ungesunde Lebensweise – auch wenn das den Aposteln der Askese aller Art, des Alkoholverzichts, der Fleischächtung und anderer neuerdings in gewissen Kreisen als vorbildlich betrachteter Verhaltensweisen schon vor Corona ein Dorn im Auge war. 

Es gibt ein Recht auf Hedonismus. Das hat der Staat zu garantieren, der Bürger muss es nicht erst einfordern. 

Sucht man selber nach möglichen Begründungen der frühen Sperrstunde, dann könnten diese darin liegen, dass man verhindern möchte, dass Menschen zu später Stunde betrunken in den Bars den oh so erstrebenswerten Abstand nicht mehr einhalten könnten. Aber solche Überlegungen sind total weltfremd. 

Denn wenn sich Menschen sich betrinken möchten, und sie wissen, dass sie das nur vor 22 Uhr tun können, dann trinken sie eben um so früher um so mehr. Und wenn Menschen den Abstand nicht einhalten wollen oder sogar gemeinsam beschließen, körperliche Nähe zu suchen, dann halten sie ihn auch vor 22 Uhr nicht ein. Sie werden den Abstand nie einhalten – auch tagsüber, wenn sie nicht davon überzeugt werden, dass das für sie besser ist. Also muss die Regierung Überzeugungsarbeit leisten. Pech gehabt. Zugegeben, dass ist mühsamer, als einfach Verbote zu verhängen. 

Außerdem nimmt die Sperrstunde den vernünftigen Teil der Gesellschaft, also den angeblich ja weitaus größeren Teil der Bürger, in eine Art Sippenhaft. Juristisches ist es aber vollkommen unhaltbar, dass man mit der Begründung, einzelne könnten sich nicht an bestimmte Regeln halten, die Regeln für alle verschärft.

In dieser Logik könnte man auch die komplette Gesellschaft ins Gefängnis werfen, weil einzelne aus dieser Gesellschaft irgendwann Verbrechen begehen werden und früher oder später ja eh im Gefängnis landen.

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Allmählich legt sich die Leere, und vielleicht werden wir ihr noch nachtrauern: Der Ruhe, den leeren Straßen ohne störende Menschen, dem Stillstand des Lebens im Shutdown. 

Im Kino aber wird diese Erfahrung nicht nur konserviert, sondern vorweggenommen. Denn dort gibt es das, was sich Serien und Fernsehdramen nicht trauen: Filme scheinbar ohne Geschichte, Ruhe, Langsamkeit, Entschleunigung. Trotz Actionhelden wie Bruce Willis sind Fantasien der Leere gerade in den letzten Jahren häufiger zu sehen. 

In seinen Anfangszeiten hieß Kinos immer Actionkino. Denn ursprünglich kommt das Kino vom „Jahrmarkt“ her und vom Varieté: Es ging dort um permanente Sensationen: Staunen, Entertainment, Slapstick. Es knallte und schepperte in jeder Ecke. Diese Entfesselung des Chaos‘ war nicht zuletzt auch ein anarchistisches Vergnügen, in dem es um Widerstand ging – gegen Ordnung, gegen Regeln und Verordnetes. Gegen den Karl Lauterbach,in uns. 

Andererseits wird im Kino aus der Action gleich die Passivität geboren: Buster Keaton war ein Stoiker und Ruhepol im Slapstick-Chaos, ein weißer Clown. Und auch sonst gehörten schon zu Slapstick-Hochzeiten zu jedem Abenteuer die Ruhemomente essentiell dazu – zunächst allerdings vor allem, um die Action um so sichtbarer zu machen.

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Das änderte sich erst ab den Zwanziger Jahren: Die zunehmende Bedeutung des Dokumentarischen verschob die Sehgewohnheiten: Denn Dokumentarfilm heißt Beobachten, Hinschauen. Dafür braucht man Geduld. Die wird dann aber auch belohnt. Nehmen wir Tierfilme: Erst mit der Ruhe und der Geduld entdecken wir das Ungesehene, noch Unvertraute: Fremde, ferne Welten, nicht-menschliche und nicht-zivilisierte Lebensformen.

Der zweite Bruch mit dem Action-Kanon kam dann durch den Modernismus seit etwa Mitte der 50er Jahre und die „Neuen Wellen“ des Europäischen Kinos, die ziemlich schlagartig um 1958 einsetzten. 

Auch durch die Einführung des Fernsehens eroberte sich das Kino ein neues Publikum: Das gebildete, liberale Bürgertum. Hier gab es dann sogar große Publikumserfolge, mit Filmen die „anstrengend“ scheinen, und in denen vermeintlich „nichts“ passiert, und Menschen bewegungslos und dialogarm, in langen Einstellungen figurativ agieren. Etwa bei Antonioni, Tarkowski oder auch in Stanley Kubricks „2001“ – diese Linie kann man weiter bis in die Gegenwart ziehen. 

Die andere Seite der Leere zeigen postapokalyptische Science-Fiction-Dystopien und Zombiefilme. Hier spielen Filmemacher sehr produktiv mit dem Horror Vacui, unserer „Angst vor der Leere“. Man füllt diese mit den eigenen Fantasien. 

Dazu passt, dass sich analog auch die Helden verändern. Die klassischen Helden werden ersetzt durch Figuren, die nicht handeln, die meditieren, herumsitzen, schweigen. „Postheroische Helden.“

Allerdings kommen in Corona-Zeiten die klassischen Helden womöglich zurück. Plötzlich ist der Gedanke des Sich-Opferns und des Risikos wieder aktuell und positiv besetzt: Wer sein Leben riskiert, ist tapfer, nicht mehr leichtsinnig.

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Was macht das alles nun mit uns, dem Publikum? In jedem Fall überträgt sich die Ruhe der Leinwand nicht so einfach auf die Betrachter. Wenn nichts passiert, schlafen zwar manche ein. Ein Großteil des Publikums aber reagiert auf Handlungsarmut eher unruhig. Denn in solchen Situationen vergisst man sich nicht etwa, sondern wird eher auf sich selbst zurückgeworfen. Anstrengungsverzicht kann eben sehr anstrengend sein. 

Wo die alten Versprechen des Eskapismus, des wohligen Sich-Verlierens nicht mehr eingelöst werden, wo der Zuschauer sich immer „einbringen“ soll, „den Raum füllen“ und immer mitdenken muss – da wirkt zumindest ein moralischer Zwang. 

Auch der Raum der Kino-Kunst verliert damit sein Alleinstellungsmerkmal als letztes Refugium, als Bastion vor den Zumutungen des neoliberalen Zeitgeists. Denn diese Idee des aktivierten Zuschauers hört sich zwar irgendwie „nachhaltig“ und „bewußt“ und sehr „modern“ an, ist dies aber nur insofern sie den neoliberalen Zwang zur Selbstoptimierung auf die Spitze treibt. 

So kommt der Mensch der Gegenwart aus dem Leistungsdruck auch im Kunstkino nicht heraus. Die Filme, in denen nichts passiert, sind neoliberaler, als man es wahrhaben will: Weil sie die Zuschauer aktivieren – durch ihre Passivität. 

Actionverzicht ist Leistungsdruck. Das spüren wir jetzt alle. 

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