Vom Neuanfang ist immer wieder mal die Rede. Warum eigentlich? Vorher war’s doch gar nicht so schlecht. | Foto © Warner Brothers, Jürgen Olczyk

Neuanfang wozu? Freiheit, Gleichheit, Eitelkeit: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 42. 

„Der Zweck des Staates ist die Freiheit.“
Spinoza

„Folglich sagen die, welche bloß zugeben, dass Alles gut sei, eine Dummheit: sie mussten sagen, dass nichts in der Welt besser sein kann, als es dermalen ist.“
Voltaire, „Candide – oder: Die beste aller Welten“

 

Baruch de Spinoza (1632-1677) war der Lieblingsphilosoph Goethes. Sein Werk lohnt die Beschäftigung, denn es ist eine Philosophie des Glücks, der Vernunft und der Selbstbestimmung. Und das Werk eines echten Europäers, der aus einer jüdischen, von der Inquisition aus Portugal vertriebenen Familie stammte, die in den Niederlanden – seinerzeit eine einsame republikanische Insel im Meer des Absolutismus, Zuflucht fand. Es ist nicht leicht sein Werk zu verstehen – aber im „Philosophie Magazin“ gibt es eine sehr schöne Einführung und vor Jahren hat Daniel Barenboim einmal in der „Welt“ erklärt, warum er Spinoza so mag.

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In letzter Zeit hört und liest man immer wieder im Prinzip nachdenkenswerte Beiträge darüber, wie glücklich wir über Corona sein müssen, denn wie toll es doch sei, dass „unsere Turbogesellschaft“ endlich mal ausgebremst sei, dass wir „aus dem Hamsterrad aussteigen“ können und den „Selbstbetrug der Geschäftigkeit“ entlarven – alle Zitate nicht von mir, und auch nicht aus der „Apotheken-Rundschau“, obwohl es so klingt. 

Offenbar sind alle Menschen traurig dass „wir“ wieder „Fahrt aufnehmen.“ Corona kann eine Zäsur sein, wird dann auch gern behauptet. Und es fallen so Sätze wie: „Wir haben die Chance auf einen echten Neuanfang.“ 

Quizfrage: Was unterscheidet einen echten von einem unechten Neuanfang? Oder anders: Was braucht ein Neufang, um als echt zu gelten? 

Weitere Frage: Warum überhaupt ein Neuanfang? Manchmal muss man, wenn man den Leuten so zuhört, glauben, wir lebten im Elend, wir wären verarmt, von Kriegen und Plagen heimgesucht, und gottverlassen. Und überhaupt gehe es uns so schlecht wie lange nicht. 

Tatsächlich ist aber doch das Gegenteil der Fall: Wir Deutschen und Europäer leben in der längsten Friedensperiode unser Geschichte. Wir genießen Freiheitsrechte wie nie zuvor, die Gesellschaft war nie gleicher, Frauen, Minderheiten jeder Art und Fremde waren hierzulande noch nie besser gestellt und gleichberechtigter als heute. Wir werden so alt wie noch nie; wir sind so gesund und wohlgenährt wie noch nie; wir leben in ungesehenem Wohlstand und auf dem reichsten Kontinent der Welt; wir reisen und sehen die Welt wie keine Generation zuvor. Es gibt mehr Demokratien in der Welt als jemals. Man könnte die Liste vervollständigen.

Warum also ein Neuanfang? 

Warum also dieses Gemecker? 

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Dann stellt sich natürlich auch die Frage: Neuanfang wohin eigentlich? Immer von neu anfangen zu reden, ist sehr einfach, aber man muss konkreter werden: Was könnte das denn sein? Und was wollen wir?

Und wenn wir es wollen, warum machen wir es nicht? 

Warum brauchen wir dazu Corona? 

Und warum brauchen wir einen Gesetzgeber, der uns (am besten noch „mit harter Hand“) zu unserem Glück zwingt? Oder eine Nanny, die uns betreut, uns mit sanfter Stimme sagt, was wir tun und lassen sollten? Nur zu unserem Besten, versteht sich.

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Natürlich bin ich nicht naiv. Ich weiß, wie wir alle, dass täglich Flüchtlinge ertrinken oder auf andere Weise ums Leben kommen, weil wir die oben beschriebenen Verhältnisse mit Waffengewalt und eisernen Mauern gegen das Außen verteidigen. Natürlich weiß ich auch, dass es trotz der vielen Gleichstellungen immer noch massive Ungleichheiten gibt und dass es auch innerhalb der Länder der Europäischen Union große Ungleichheiten gibt; natürlich weiß ich, dass es Verteilungskämpfe gibt.

Aber das alles ist doch relativ – gemessen an den schlechten Verhältnissen in anderen Teilen der Welt. An solchen Verhältnissen gemessen sind das Luxusprobleme. 

Damit soll nicht gesagt sein, dass wir es auf sich beruhen lassen können – ganz im Gegenteil. Damit soll aber gesagt werden, dass wir keinen Grund haben, unsere Lebensverhältnisse zu verdammen und alles schlecht zu reden – auch hier ganz im Gegenteil. Es soll damit gesagt werden, dass der Luxus, den wir genießen, die Voraussetzung dessen ist, dass wir weiterhin die Verhältnisse besser machen können, und dass unsere Lebensverhältnisse insbesondere die Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Freiheitsrechte alle Anstrengung wert sind, um verteidigt zu werden. Wir sollten sie nicht mutwillig zerstören; wir sollten sie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen; wir sollten sie auch nicht durch ständiges Mäkeleien der oben beschriebenen Art Stück für Stück zerreden. Steter Tropfen höhlt den Stein – das gilt auch für die Zerstörung des Fundaments, auf dem wir stehen. 

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Nach einem gewissen Zwischenhoch Anfang des Monats kam „Anne Will“ am Sonntag wieder auf dem Boden ihrer Durchschnittlichkeit an – was für eine langweilige verlaberte Sendung bei so einem spannenden Thema. 

„Milliarden gegen die Krise – wird das Geld richtig investiert?“ Unterzeile: „Es sind beispiellose Summen, die die Bundesregierung mobilisiert, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise abzufedern. Sind die Hilfsgelder richtig und nachhaltig investiert?“ 

Man hat den Eindruck, dass das Gendern bei „Anne Will“ auch eine Ersatztätigkeit ist, weil Anne Will sonst nicht viel einfällt, um ihre Sendung kontrovers zu machen. Oder weil sie es nicht machen darf. In jedem Fall lenkt es ja vom Problem vor allem ab, wenn die Moderatorin es nötig hat, zu erklären, dass Frauen „auch Steuern zahlen“ – als ob es irgendjemand vorher bezweifelt hätte. Und das bloß weil der „Bund der Steuerzahler“ nunmal „Bund der Steuerzahler“ heißt, nicht der „Steuerzahler_innen“. Auch anderen fällt inzwischen auf, wie stolz Anne Will darauf ist, wenn sie absichtlich Organisationen wie den „Bund der Steuerzahler“ unter einem falschen Namen vorstellt. Diese Eitelkeit der Moderatorin ist wohl das Unangenehmste daran: Dieser Stolz darauf, dass Will also sehr offen eine Form von Umerziehung ihres Publikums leisten möchte – man kann das Ganze natürlich netter bezeichnen. Man kann das Ganze sicherlich auch gut begründen. Die Frage ist aber, die welche Aufgabe eigentlich eine Fernseh-Talkshow hat – wenn sie überhaupt irgendeine Aufgabe hat, außer Quoten zu generieren. Mir scheint, die Aufgabe einer Fernseh-Talkshow liegt unter anderem darin, Menschen zu integrieren und für bestimmte Probleme zu sensibilisieren, nicht darin, sie zu spalten und gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen, wie es Anne Will gerade tut. Es ist ja nichts dagegen zu sagen (ganz im Gegenteil) wenn Anne Will eine Talkshow über das Thema Gendern oder über das Thema Gleichstellung machen würde, so wie sie neulich auch eine Sendung darüber gemacht hat, ob Frauen die Verlierer der Krise sind. 

So weit, so gut. Wenn sie aber eine Sendung macht wie am Sonntagabend, in der es eigentlich darum gehen soll, wer die immensen Kosten der Pandemie-Eindämmungsmaßnahmen zahlt und wie das Gesundheitswesen weiter auf dem jetzigen Stand zu finanzieren ist, dann ist es ziemlich traurig, zu sehen, wie die Talkmasterin viel zu viel Zeit damit verplempert, Genderfragen in den Fokus zu rücken und gleichzeitig nicht in der Lage ist, eine Sendung zu machen, bei der mal mehr Frauen als Männer eingeladen sind und man trotzdem über Geld redet und nicht über Familie oder Kinder. 

Abgesehen davon ist sie auch nicht in der Lage, eine wirklich kontroverse Sendung zu machen. Dabei gäbe es genug Figuren, mit denen man streiten könnte. Aber Olaf Scholz darf machen, was er will: Weder Annalena Baerbock von den Grünen noch Carsten Lindemann von der CDU fahren ihm wirklich in die Parade, denn der eine ist in der Koalition, die andere möchte staatsmännisch wirken und hat kapiert, dass Streiten einen nicht an die Macht bringt. 

Im Ergebnis gab es außer dem sichtlich überforderten Vertreter des „Bundes der Steuerzahler“, der außerdem noch von der Moderatorin fortwährend negativ geframed wurde und fortwährend in eine Ecke gestellt, als sei er ein Frauenfeind, und der von Scholz wie ein kleines Kind abgebügelt wurde – außer diesem tatsächlich überforderten Vertreter des Bundes der Steuerzahler gab es überhaupt niemanden, der in irgendeiner Weise dem Kurs der Regierung grundsätzlich widersprach. 

Vielleicht hat Anne Will damit ja ihr Hauptziel erreicht.

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