Helge Schneider kann so nicht arbeiten. Am Dienstag kündigte der Künstler auf Facebook fürs erste seinen Rückzug an. | Screenshot

„Unsere Feinde sind uns weniger gefährlich durch das Schwert, aber desto mehr durch die Lüge.“
Heinrich Heine 

„Nicht mitmachen, selber urteilen … Dazu gehört, dass man nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt, dass man selbst urteilt.“
Hannah Arendt

„Wenn das so weitergeht, war’s das. Tschüss!“
Helge Schneider

 

Heute kam Post von den Mitarbeitern von Yanis Varoufakis. Vor zwei Tagen hatte ich hier geschrieben, dass die zunehmend rechtsextremistisch unterwanderten Knallköpfe der sogenannten „Hygienedemos“ in ihrer vierten Wurfzeitung auch einen Text des ehemaligen griechischen Finanzministers veröffentlicht hatten. 

Tatsächlich haben seine Mitarbeiter erst durch uns von diesem Text erfahren, und Varoufakis hat ihn nie legitimiert. Genaugenommen handelt es sich auch nicht um einen Text, sondern um die Abschrift der Übersetzung eines Youtube-Statements. Ob wenigstens die Übersetzung korrekt ist, habe ich noch nicht überprüft. Aber allemal zeigt sich daran, welchen Charakter die „Hygiendemonstranten“ haben. 

Die Folge war ein sehr nettes Telefonat, und immerhin habe ich so ein bisschen mehr über die von Varoufakis gegründet paneuropäische linke Bewegung „DiEM25“ erfahren. Wenn es gut läuft, skype ich in den nächsten Tagen mit ihm. Überhaupt macht man über diesen Blog viele neue nette Bekanntschaften. 

Morgen werde ich versuchen herauszufinden, ob auch andere Texte ungenehmigt sind. Und ob Giorgio Agamben überhaupt weiß, dass er in Deutschland eine Zeitschrift herausgibt. 

Es ist wichtig, das noch einmal explizit klarzustellen: Yanis Varoufakis hat mit den deutschen „Hygienedemos“ nichts zu tun. Er sympathisiert nicht mit der Querfront, und mit Rechtsextremen sowieso nicht. 

Hier der Link zur Klarstellung seiner Mitarbeiter: „Der Text suggeriert dem/der Leser*in, Yanis Varoufakis wäre von der Veröffentlichung informiert worden und/oder hätte dieser zugestimmt. Dies ist nicht der Fall. Wir distanzieren uns ausdrücklich von der Gruppe ,Demokratischer Widerstand’. Im Gegenteil, mit großer Sorge betrachtet das Bundeskollektiv, dass viele Menschen derzeit die Formierung einer Querfront-Protestbewegung, die über die Verbreitung von Verschwörungs-Mythen rund um das Corona-Virus ein stark vereinfachtes Erklärungsmodell zu liefern vorgibt. Das Bundeskollektiv sieht daher die Notwendigkeit, sich in dieser Sache klar zu positionieren. Wir bekennen uns zur wissenschaftlichen Methodik und sehen unsere Aufgabe als politischer Akteur darin, die gewonnenen Erkenntnisse entsprechend unserer Überzeugungen und Vorstellungen zu interpretieren. Verschwörungstheorien, die die Wissenschaft und deren Methoden in ihrer Gänze infrage stellen, sind mit den Werten von DiEM25 nicht vereinbar.“

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„Ich lebe in einem gut funktionierenden Staat, gemessen am Rest der Welt“, schreibt Bettina Gaus, die politische Korrespondentin der „Taz“, und meint es ernst. Sie empfinde dies als Privileg. „Wie scharf ich meine jeweilige Regierung auch kritisiere, wie sehr ich mich über die Verwaltung immer mal wieder ärgere: Der Maßstab war stets, dass ,der Staat’ und alle seine Instanzen, bis hinunter auf die niedrigste Ebene, funktionierten. Darauf habe ich als Bürgerin eines demokratischen Landes einen Anspruch. Und der wurde seit Jahrzehnten, von Schönheitsfehlern abgesehen, weitgehend erfüllt. Ich habe mich darauf verlassen können.“

Damit sei es nun vorbei: „Seit einigen Tagen beobachte ich – ziemlich fassungslos –, wie ausgerechnet hochrangige Politikerinnen und Politiker diesen Anspruch untergraben. Sie erlassen Vorschriften, die von den zuständigen Stellen nicht mehr zu überprüfen sind. Anders ausgedrückt: Sie hindern Polizei und Ordnungsamt daran, ihren Job zu machen.“

Was sie meint, ist das, was wir jeden Tag erfahren, uns aber nicht darüber aufregen. (Zumindest ich nicht, denn vielleicht, weil ich ein bisschen jünger bin als Gaus und entweder mehr Anspruchshaltung oder weniger schlechte Erfahrungen mit „dem Staat“ alten Stils habe, ist meine Meinung über den modernen deutschen Staat um einiges getrübter. „Funktionieren“ tut er natürlich – aber das muss an sich noch nichts Gutes sein. Kann sich jeder denken, was ich damit sagen will, muss ich jetzt nicht ausführen, sonst gibt’s gleich wieder Post.) 

Was Gaus meint: Der absurde deutsche Regulierungswahn, die Idiotie der Detailvorschriften, die uns Normalmenschen nur beweist, dass leider in den Behörden und Politiketagen zu viele Menschen hocken, die sich keine Sekunde damit beschäftigt haben, was ihre Beschlüsse praktisch bedeuten, oder schlimmer: Denen das wurscht ist, weil sie nur etwas zum Verkünden auf der nächsten Pressekonferenz brauchen, weil sie ja nicht für irgendetwas verantwortlich gemacht werden wollen, weil sie nur ihren A… in Sicherheit bringen wollen. 

Gaus wird konkret: „Wenn sich Personen aus zwei Haushalten – aber nicht aus drei oder vier – miteinander treffen dürfen und diese Regel auch durchgesetzt werden soll, dann machen sich Ordnungskräfte zwangsläufig zu Clowns.“ 

„Der Sinn genau dieser Regelung erschließt sich mir ohnehin nicht. Wenn ich mit drei anderen Leuten zusammenlebe und wir uns jeden Tag mit genau einer anderen Wohngemeinschaft treffen, die das auch exakt so praktiziert – wir alle uns also sklavisch an die Buchstaben der gerade geltenden Verordnung halten –: warum und inwiefern gefährdet dies die Volksgesundheit weniger, als wenn wir gleich mit 200 oder 400 oder 4.000 Leuten Party machen?“ 

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Ausgerechnet in der Phase der Lockerungen hat das Robert-Koch-Institut seine Pressekonferenzen beendet. Warum? Dabei gäbe es doch soviel zu erklären. Und Christian Drosten verbringt immer größere Teile seines vielgelobten Podcast-Offenbarungen mit Öffentlichkeits-Schelte und Klagen über Medien. Warum? Weil die braven Bürger nicht mehr folgen wollen? Weil die Virologen ihr Erklärungsmonopole verlieren? Endlich! Wurde höchste Zeit. 

Gaus’ Theorie – und ich hoffe man versteht es jetzt nicht falsch, wenn ich schreibe: mit weiblichem Scharfsinn – lautet: „Die Wissenschaftler sind beleidigt. Schlechte Presse mögen sie nicht – wer mag die schon –, und die haben sie zum Teil bekommen. Jetzt reden sie halt nicht mehr mit uns. Manchmal ist die nächstliegende Erklärung auch die zutreffende.“

Aber wieso dürfen die das? Wieso weist ihr oberster Dienstherr, Gesundheitsminister Spahn, die Behörde nicht an, der Öffentlichkeit und ihren Nachfragen Rede und Antwort zu stehen? Vertrauensbildende Maßnahmen sehen  anders aus. 

Die aber werden in den nächsten Wochen immer nötiger werden.

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Die Polizei kann nicht auf beleidigte Leberwurst machen. Sondern sie muss die Vorschriften durchsetzen, die sie selber so wenig versteht wie die Bürger. 

Aber die Folgen sind nicht lustig, sondern schlimm. Nochmal Gaus: „Wenn Gesetze und Verordnungen erlassen werden, über die sich alle lustig machen und die man leicht umgehen kann, verlieren diese das, was in einem demokratischen Staat das Wichtigste ist: das Vertrauen der Mehrheit, dass alles schon irgendwie seine Richtigkeit haben wird. … Ich denke, der Staat hat ein Problem. Ein selbst verschuldetes, mit weitreichenden Folgen.“

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Manche ziehen ihre eigenen Konsequenzen. In einem emotionalen und durchaus bewegenden Facebook-Statement verkündet der Komiker, Film-Schauspieler, Musiker und Autor Helge Schneider, dass es mit ihm keine Live-Streaming-Auftritte oder Programme im Autokino geben werde. „Ich bin Künstler. Meine Kunst lebt davon, dass ich ein Publikum habe. […] Ich bin Auftreter, ich sehe mich als Arbeiter. In der nächsten längeren Zeit wird es für mich nicht möglich sein, aufzutreten.“

Und hier darf man zwischenfragen: Wer ist bibelfest genug, um sofort zu wissen, was ich meine, wenn ich sage: Markus 8.36? Antwort gleich unten.

Diese Erklärung bringt jedenfalls den ganzen Unsinn und schwachköpfigen Kontrollwahn der derzeitigen Regelungen auf den Punkt, die von Leuten stammen, die Kultur nicht interessiert, die sie als Standortfaktor, Ornament, Gedöns wahrnehmen und behandeln. 

Helge Schneider macht nicht mit, er sagt Ich und nicht Wir, er verweigert sich, so wie wir alle uns wahrscheinlich verweigern sollten. Er sagt Nein: „Ich trete nicht auf vor Autos. Ich trete nicht auf vor Menschen, die mit eineinhalb Metern Abstand sitzen müssen und Mund-Nasen-Schutz tragen. Ich trete auch nicht im Internet in einem gestreamten Programm auf, in einem Streaming-Dingsdabummsda. … Ich will mich damit auch nicht anfreunden. Denn beim Streamen fehlt ein ganz, ganz wichtiger Teil für meine Arbeit: das seid ihr. Das funktioniert da nicht.

Meine Idee ist erst dann wieder aufzutreten, wenn alle Freiheiten wieder da sind. Also wirklich alles. Ansonsten geht das nicht.“ Bis dahin habe er genug zu tun, werde aufräumen und Karttoffelbrei mit Erbsen essen. 

Die letzten Worte des Clips: „Wenn das so weitergeht, war’s das. Tschüss!“

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Ein bewegender Auftritt. in Moment des Ernstes inmitten der ganzen wohlfeilen Corona-Statements, in denen Leute Opfer bringen“, die dafür keine Opfer bringen müssen, in denen Menschen anderen Menschen erklären, wie sie sich verhalten sollen, die mitunter auch etwas Show-Off-Artiges haben. Bei denen man also das Gefühl hat, hier würde jemand für die Galerie ein Statement abgeben. 

Hier sagt einer einfach mal, was Sache ist: So geht das nicht.

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Markus 8.36 musste ich selber erst raussuchen. Aber die Stelle kennt jeder. Sie lautet: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme an seiner Seele Schaden?“

Direkt davor steht „Denn wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird’s behalten.“

Auf die Kultur hin verstanden und anständig profanisiert, möchte ich formulieren: Was hülfe es dem Menschen, wenn er pumperlgesund und virenfrei wäre, aber er hätte keine Kultur?

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