Das Smartphone ist unser Freund – nicht nur im Kino bei „Her“. Im wahren Leben schützt es uns vor der Pandemie. | Foto © Wild Bunch

„Söder ante portas“, Polizei und RTL und die Tracing-App: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 64. 

„Brennt das Land nieder. Reißt das Gebäude ein. Holt die Guillotine aus dem Keller, tötet Hunderttausende! Plündert, vergewaltigt! Hungert und friert! Und wenn ihr dazu nicht bereit seid, gebt Ruhe. Ihr könnt euch feige nennen oder vernünftig. Haltet euch für Privatmänner, für Mitläufer oder Anhänger des Systems. Für unpolitisch oder individuell. Für Verräter an der Menschheit oder treue Beschützer des Menschlichen. Es macht keinen Unterschied. Tötet oder schweigt. Alles andere ist Theater.“
Juli Zeh: „Corpus Delicti“, 2009

„Die Statistik ist etymologisch die Kenntnis des Staates, die Kenntnis der Kräfte und der Ressourcen, die einen Staat in einem gegebenen Moment charakterisieren […] Das ist es, was man damals die ,Arcana Imperii‘, die Geheimnisse der Macht, nannte und was eindeutig ein Bestandteil der Staatsraison war. Und insbesondere die Statistiken sind lange Zeit als Geheimnisse der Macht, die nicht veröffentlicht werden dürfen, behandelt worden.“
Michel Foucault: „Sicherheit, Territorium, Bevölkerung – Geschichte der Gouvernementalität“, 1978

„Der Zweck der Revolution ist die Abschaffung der Angst.“
Theodor W. Adorno, 1936

 

Ischgl ist die Stadt mit der größten Corona-„Durchseuchung“ der Welt – und 85 Prozent der Leute, die das Virus hatten, haben überhaupt keine Symptome. 

Das berichtet „Die Zeit“. Die Medizinische Universität Innsbruck hat demnach in einer umfassenden Studie untersucht, wie viele Bewohner des österreichischen Skiorts Ischgl Antikörper gegen das Corona-Virus entwickelt haben. Ihr Ergebnis: 42,4 Prozent der untersuchten Menschen wiesen Antikörper auf.

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Er war der Geschichtsphilosoph der Filmmusik: Der italienische Filmkomponist Ennio Morricone ist heute gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. | Foto © CC BY 2.0

Wieder mal Maskendebatte, der Geschichtsphilosoph der Filmmusik und die Verlierer der Krise: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 63.

„Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank.“
Bertolt Brecht

„Snyder: ,Wäre es nicht möglich, dieses viele Vieh, wenn es eh so wertlos ist, dass man’s verbrennen kann, den vielen, die da draußen stehen und die’s so gut gebrauchen können, einfach zu schenken?‘
Mauler: ,Lieber Herr Snyder, Sie haben den Kern der Lage nicht erfasst. Die vielen, die da draußen stehen: das sind die Käufer! […] Sie mögen niedrig scheinen, überflüssig, ja lästig manchmal, doch dem tiefen Blick kann nicht entgehen, dass sie die Käufer sind!’“
Bertolt Brecht

 

Er war der Geschichtsphilosoph der Filmmusik: Der große italienische Filmkomponist Ennio Morricone ist heute früh in Rom im Krankenhaus gestorben. Morricone wurde 91 Jahre alt und gehörte ganz ohne Zweifel zu den großen Filmmusikern. 

Berühmt wurde er mit den sogenannten Spaghetti-Western von Sergio Leone, mit Horrorfilmen von Dario Argento, bevor er mit Regisseuren wie Pier Paolo Pasolini, Bernardo Bertolucci, Henri Verneuil Brian De Palma und Quentin Tarantino zusammengearbeitet hat. Insgesamt hat Morricone die Musik für mehr als 500 Filme geschrieben. 

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New Work verspricht mehr Freiheit, mehr Sinn, mehr Verantwortung. Aber sind wir schon bereit fürs Home Office? | Foto © United Artists

Kosten und Nutzen des Home-Office: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 62. 

„… ich aber will nun endlich das amtlich verordnetes Schweigen in dieser Angelegenheit weichen. Die Maßnahmen, dessen bin ich sicher, waren seinerzeit so erfolgreich, dass der Öffentlichkeit kein anderer Schaden erwachsen kann, als ein durch Abscheu hervorgerufener Schock, wenn sie erfährt, was jene entsetzten Regierungsbeamten damals vorfanden.“
H. P. Lovecraft, „Schatten über Innmouth“

 

Es ist ein hochinteressanter Satz, mit dem der Roman „Schatten über Innsmouth“ eröffnet wird. Das Buch von H. P. Lovecraft ist eine Horrorgeschichte. Es geht dann um merkwürdige Geschehnisse und eine geheime Untersuchung der Beamten der Bundesregierung über „gewisse Zustände im alten Seehafen Innsmouth“, und dann geht es weiter: „Die Öffentlichkeit erfuhr zum ersten Mal im Februar davon, als zunächst eine Serie von Razzien und Verhaftungen stattfand und bald darauf unter entsprechenden Vorkehrungen eine sehr große Zahl morscher, wurmstichiger und offenbar leerstehender Häuser in dem verlassenen Hafenbezirk niedergebrannt oder gesprengt wurde.“ Dann ist die Rede von „Beschwerden von Seiten zahlreicher liberaler Organisationen. Sie führten zu langen vertraulichen Besprechungen, ihre Vertreter durften bestimmte Lager und Gefängnisse besichtigen. Daraufhin verhielten sich diese Gesellschaften überraschen passiv und zurückhaltend. 

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Kinos im Stillstand 21 – hoffentlich die Letzte: Das „Kant“ in Berlin freut sich schon auf heute. Die Fotos dieser Reihe gibt es jetzt auch in ausgewählten Kinos zu sehen. | Foto © Elisabeth Nagy

Alles Kino und noch mehr: Die Woche vom 2. Juli 2020.

 

Endlich. Das Känguru ist wieder da. Marc-Uwe Klings Roman über ein anarchisches Känguru im Biotop Berlin-Kreuzberg startete am 5. März 2020 in rund 700 Kinos und erreichte in knapp 10 Tagen 500.000 Zuschauer. Soweit die Pressemeldung. Dani Levy inszenierte das Drehbuch des Autors, dessen Vorlage wohl auch ein Publikum erreichte, das sonst nicht zum Buch griff. Das Alter-Ego des Autors lebt, nicht ganz freiwillig, mit ebenjenem Känguru in einer Art WG. Bei allem, was so passiert, ist ebenjenes immer klar in Aktion, währen Marc-Uwe irgendwie hinterherwurschtelt. Die Komödie machte sich dann auch ausgesprochen gut in den Autokinos, die überall auf den Parkplätzen hervorschossen. Bereits im März hatte aber der Verleih verkündet, man wäre sofort am Start, wenn die Kinos wieder öffnen. Und dann „Reloaded“. Jetzt ist es also soweit. Und ja, es gibt eine neue Fassung, leicht anders, mit einer zusätzlichen Szene, in 3D. Wie jetzt? Für eine Szene soll man jetzt auch noch an der Ausgabe von 3D-Brillen arbeiten?

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Dumm ist nur, wer Dummes tut, weiß Forrest Gump. Idioten können durchaus nützlich sein, weil sie Normen in Frage stellen, meint Zoran Terzic. Schließlich hat er ein Buch über „Leben und Handeln im Zeitalter des Idioten“ geschrieben. | Foto © Paramount

Die Kulturgeschichte der Idiotie  von der Antike bis Donald Trump: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 61. 

Zoran Terzic wurde in Banja Luka geboren, studierte Soziologie, Jazz Piano und Kommunikations-Design in Nürnberg und Wuppertal, Bildende Kunst in New York. 2006 promovierte er mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit. Seit 2001 lebt er als Autor, Musiker und Kurator in Berlin. Jetzt hat er eine Kulturgeschichte der Idiotie verfasst, die mittels philosophischer und kultureller Referenzen von der Antike über Rousseau bis Donald Trump führt. Neulich habe ich mit Terzic ein Gespräch über sein Buch geführt: 

 

Herr Terzic, Sie sind Literaturwissenschaftler und haben jetzt ein Buch mit dem Titel „Idiocracy. Leben und Handeln im Zeitalter des Idioten“ geschrieben. Es handelt sich um eine Kulturgeschichte der Idiotie von der Antike bis heute. Was hat sie überhaupt auf dieses Thema gebracht?

Nichts Konkretes, sondern eine grundsätzliche Stimmung. Das Thema schien mir naheliegend zu sein und ich dachte auch, es sei einfach [lacht]. Erst später habe ich herausgefunden, dass sich viele große Köpfe an dem Thema die Zähne ausgebissen haben. Mir geht es nicht um den Gegenstand des Schimpfworts und auch nicht um Kranke, die in einer Anstalt sind. 

Ihr Buch funktioniert auch als Lexikon der Idiotie. Obwohl es flüssig geschrieben ist und einen stringenten Argumentationsgang hat. Schon in der Einleitung kommen seriöse Menschen wie Lavater, Georg Büchner und antike Autoren zu Wort die das Motiv des Idioten beschreiben … Weiterlesen

Gar keine Frage: Es ist nicht lustig ist, in Deutschland Polizist zu sein. Im Kino aber schon ein bisschen – wir erinnern uns an „Knocking on Heaven’s Door“. | Foto © Buena Vista

Freunde und Helfer, zurück ins Office Office: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 60.  

„Angesehen werden heißt, sich als unbekanntes Objekt unerkennbarer Beurteilungen erfassen …“
Jean-Paul Sartre

 

Erstmals Zoomkonferenz als Host. 30 bis 40 Menschen schauen einen an, aber man kann nicht zurückschauen. Man kann sie auch nicht anschauen. Man wird angeschaut und kann nicht zurückblicken. 

Dabei wusste schon Jean-Paul Sartre, dass der Blick das entscheidende Medium des Menschlichen ist. In seinem Kapitel „Reflexion sur le regard“ in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ hat der französische Existenzphilosoph eingehend beschrieben, wie wir uns den Anderen mittels des Blicks unterwerfen oder von ihm unterworfen werden.

Sich nicht ansehen zu können, ist unmenschlich. Man kann nicht mehr durch Blicke und damit verbundene kleine Gesten kommunizieren. Wie kann man eigentlich flirten per Zoom?

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„Das Grabmal einer großen Liebe“: Der Stummfilm findet nur noch in exklusiven Nischen statt oder irgendwo auf Youtube. Einzig der deutsch-französische Sender Arte pflegt die Vielfalt und Schönheit des Stummfilms im Programm. | Archivfoto

Pandemie-Konformismus, Journal des Verschwindens und Chiffren für das Dahinter: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 59. 

„Il faut savoir encore sourire/
Quand le meilleur s’est retiré/
Et qu’il ne reste que le pire/
Dans une vie bête à pleurer“
Charles Aznavour

„Sie haben es abgerissen. Ein aus der Mode gekommenes Restaurant mit riesigem Speisesaal. […] Die Durchreisenden bevorzugten den offenen Saal mit Blick auf die Bahnhofsuhr. […] Die Zeit ist um, meinten sie. Und eröffneten eine gläserne Theke für den Durchgangsverkehr. Du sollst dich nicht aufhalten. Iss, zahle und verschwinde hier.“
Raymond Dittrich

 

Corona-Zeiten waren Zeiten, in denen wir auch das Filme-sehen neue entdeckt haben. Wir sollten dies nicht verlernen über diesen Sommer unseres Leichtsinns, bevor die zweite Welle kommt und wir kulturelle Überlebenstechniken viel wichtiger brauchen, als Virologie.

Unser Umgang mit Filmgeschichte ist insgesamt ungemein schludrig. Kein Vergleich zu unserem Umgang mit alten Gemälden oder Klassikern der Literatur.

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Stummfilme, das wissen wir ja eigentlich auch, waren nicht stumm oder still. Sie waren begleitet von Musik, oft eigens komponierter, und oft von Soundeffekten. Wir nennen diese Filme so, weil man ab Ende der 20er Jahre mit „Tonfilm“ geworben hat. 

Heute kann man diese Filme in der Regel nur in Filmmuseen sehen und dies sehr selten, denn auch die Stummfilme, die überhaupt noch existieren, also zwischen 10 und 20 Prozent der Werke, die mal irgendwann gemacht wurden, sind in den allermeisten Fällen überhaupt nicht zugänglich. Denn die Rechteinhaber verlangen viel zu viel Geld dafür, dass sie im Kino gezeigt werden. Wer heute bedeutende Werke der Filmgeschichte spielen möchte, ist mit massiven finanziellen Forderungen konfrontiert. 

Hinzu kommt, dass die interessantesten Werke der alten Filmgeschichte nicht immer diejenigen sind, die wir heute am besten kennen. Auch nicht immer die großen, besonders berühmten Filme, nicht immer die repräsentativen sogenannten „Meisterwerke“. So ähnlich, wie die „Mona Lisa“ nicht unbedingt das beste oder auch nur wichtigste Gemälde der Renaissance ist (vielmehr hat sich diese Vorstellung von der „Mona Lisa“ als „dem“ Non-plus-ultra-Meisterwerk überhaupt erst im 19. Jahrhundert herausgebildet), so wenig ist „Metropolis“ von Fritz Lang (meiner persönlichen Ansicht nach ein ganz toller, unbedingt sehenswerter und sehr besonderer Film, und ohne Frage auch ein ungemein wichtiger) der beste oder der interessanteste Film seiner Epoche.

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Von Frank­reich lernen, heißt Kino lernen: Aber die deutsche Film­för­de­rung hat nur Til Schweiger im Kopf und treibt die eigene Selbst­ab­schaf­fung voran, anstatt sich etwas vom guten Handwerk der Franzosen abzu­schauen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 220. Folge

»Neither you nor I can stop the march of time.«
Jean Renoir »La Grande Illusion«

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Das CNC, die fran­zö­si­sche Film­för­de­rung macht es vor: Auf die Corona-Ausfälle reagiert man in Frank­reich mit einem ausge­klü­gelten, intel­li­genten, wohl­ab­ge­wo­genen, aufein­ander abge­stimmten Programm, das den ganzen Bereich des Films und der Film­dis­tri­bu­tion berück­sich­tigt, das keine Erbhöfe vertei­digt und die Struk­turen von gestern nicht konser­viert, das nach vorne blickt und das überholte Grenzen und Grenz­zäune einebnet.
Bedau­er­lich, dass man so etwas in Deutsch­land nicht mal zur Kenntnis nimmt.

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»Ernstes, heiter verpackt« – so heißt der (unfrei­willig?) zynische Titel der neuesten Pres­se­mit­tei­lung der FFA, der beweist, dass die deutsche Film­för­der­an­stalt auch nach Ende der Kino­schließungs­zeit in jenem geistigen Lockdown verharrt, in den sie sich selbst lange vor Corona hinein­be­geben hat: Ideenlos, innerlich gelähmt, ohne Ehrgeiz, der Krise zu trotzen, ohne Phantasie, wie das geschehen könnte, wird halt Til Schweiger gefördert, der wird’s schon richten. Dessen neuer Film-Titel, Die Rettung der uns bekannten Welt, ist längst erklärtes FFA-Programm.
Aber die Welt, die der FFA bekannt ist, hat nie existiert.

»Ernstes, heiter verpackt« ist zynisch, weil keinem, der gerade mit Film zu tun hat, nach dieser Art von hein­zehr­hard­t­hafter Heiter­keit zumute ist, nach Schmun­zelei ange­sichts des Ernstes der Lage. Und weil die FFA-Funk­ti­onäre, die im Gegensatz zu allen anderen sehr fest auf ihren 5000-Euro-Stühlen sitzen, mit so einer Formu­lie­rung außer ihrer grund­sätz­li­chen Unsen­si­bi­lität nur beweisen, dass ihnen auch das charak­ter­liche Format fehlt, das in beson­deren Situa­tionen wie diesen nötig ist. Auch in Corona-Zeiten soll einfach weiter­ge­lacht und gekichert und geschmun­zelt werden – dass Film aber auch zu etwas anderem gut sein könnte, als uns in Lachsäcke zu verwan­deln und in die späten Fünziger, die Heinz-Ehrhardt-Kicher­jahre zurück­zu­ver­setzen, dass Film den Menschen etwas zum Nach­denken, zum Aufwühlen, zum Sein-Leben-ändern, etwas Rele­vantes, nicht Eska­pis­ti­sches geben könnte, kommt im FFA-Horizont gar nicht vor. Weiterlesen

Europas Kulturzeitschrift „Lettre International“ widmet sich zum neuen Quartal der Pandemie und der Politik | Cover (Ausschnitt) © Lettre International, Didier William

Corona-Idyllen und Utopien allerorten: Back in the USSR – Apokalyptiker & Integrierte; Gedanken in der Pandemie 58.

„Ich habe einen Sinn für das Romanhafte. Aber daraus ergibt sich eine Mischung aus Strenge der Narration und einer gewissen Freiheit der Schreibweise in den einzelnen Szenen. Wenn ich anfange zu schreiben, weiss ich sehr wohl, wohin es geht, aber nicht unbedingt im Sinne des Plots, sondern im Sinne der Emotionen, zu denen der Film tendiert. Alles hängt an einem einzigen Gefühl.“
Mia Hansen-Løve, im Gespräch mit „Revolver“, Heft 24/2012

 

Langsam lichtet sich der Nebel, und über der Corona-Morgenröte wird der Horizont der neuen alten Welt sichtbar. 

Wir beginnen, über den Tag hinaus zu denken, zu analysieren, was bleibt, was geht und was kommt. Utopien allerorten, zumindest im neuen „Lettre International“.

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„Lettre International“ gibt es seit 1988 auf Deutsch, in Frankreich bereits seit 1984. So sehr diese vierteljährlich erscheinende, ziemlich unvergleichliche Zeitschrift eine Institution ist, so sehr leidet auch sie unter den neuesten Formveränderungen unserer Kommunikations-, Informations- und Denkgewohnheiten. Krisenbedingt drohen mit den Zeitungen und Zeitschriften auf der Kippe, substantielle Elementarstrukturen einer kritischen und schöpferischen Öffentlichkeit beschädigt zu werden oder gar in ihrer Existenz gefährdet zu werden. Worin die unvergleichliche Funktion der unabhängigen Printmedien besteht, davon kann man sich im neuesten „Lettre“-Heft (#129) überzeugen, das jetzt erhältlich ist. 

Das Heft versucht eine Spektralanalyse der Corona-Krise. Nochmal zur Erinnerung: SarS-CoV-2 ist das Virus, Covid-19 ist die Krankheit, Corona ist der gesellschaftliche Zustand. 

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Gelbe Plakate werben für „Fortsetzung folgt“: Die Kampagne soll den Berliner Programmkinos durch die Krise helfen. Das Spendenziel ist noch nicht erreicht, bis Mitternacht kann heute noch geholfen werden. | Foto © Elisabeth Nagy

Kinostarts und Streams der Woche. Von Elisabeth Nagy

In einer Woche geht es auch in Berlin wieder los mit dem Kinoprogramm. Und nicht nur das. Nächste Woche wird in Berlin ein Kino eröffnet, neu eröffnet. Das Charlottenburger „Klick“ an der Windscheidstraße wurde 2004 geschlossen. Eine kurze Zeitspanne lang, vom März 2017 bis April 2018 wurde es neu belebt. Als der Hauptmieter der Immobilie aufgeben musste, wurde auch den Kinobetreibern gekündigt. Christos Acrivulis und sein Team (Martina Klier, Alessandro Borrelli und Sascha Grunow) haben jetzt renoviert und machen wieder Programm. „Die Geschichte des ,Klick’-Kinos zeigt seinen Charakter als Kiez-Kino. Mit Respekt für seine Geschichte werden wir das Kino wiedereröffnen. Wir möchten einen Ort etablieren, der die Menschen vor allem, aber nicht nur wegen interessanter Filme anzieht. Kunstausstellungen und Autorenlesungen, Liederabende und Poetry Slams – Kultur in all ihren Facetten soll einen einzigartigen Platz in der Winscheidstraße 19 finden“, schreibt Acrivulis in der Pressemitteilung. Im ersten Monat übernimmt Lars Eidinger die Patenschaft, die jeden Monat wechseln wird. Das heißt, man zeigt eine Auswahl seiner Filme, zum Beispiel „Alle anderen“ von Maren Ade und ein paar seiner Lieblingsfilme, darunter „Les mépris“ von Jean-Luc Godard und „Anticrist“ von Lars von Trier. Am ersten Wochenende wird es zwei Tage der offenen Tür geben. Mit Abstand eine gute Sache.

Die Berliner Kinos hatten sich zu einer Unterstützungskampagne zusammengeschlossen. Wenn man denn Augen dafür hatte, entdeckte man im Stadtbild und in den Kinoschaukästen die gelben Plakate für „Fortsetzung folgt“. Die Berliner Programmkinos, 33 an der Zahl mit insgesamt 73 Leinwänden, hat auf Startnext.com eine Kampagne aufgestellt. Man wollte zum einen Spenden sammeln, die das Fortbestehen der Häuser zumindest zum Teil sichern könnten. Zum anderen wollte man Eigeninitiative vorweisen, auch um die Politik, im Verbund, auf die Wichtigkeit filmkultureller Arbeit hinzuweisen. Am 27. März 2020 lief die Aktion an und sie läuft heute abend um 23.59 Uhr aus. Das Ziel war 730.000 Euro. Leider ist man von der Summe noch etwas entfernt. Jeder Euro zählt, darum hier der Hinweis, auch 5 vor 12 kann man noch spenden.

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Auf der Website sieht eigentlich alles bestens aus in den Schlachtbetrieben von Tönnies. In der Corona-Pandemie zeigt sich ein anderes Bild. | Screenshot

Schwein gehabt in NRW: Die Phantastilliarden unserer Sehnsucht: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 57. 

„Gouverner, c’est choisir.“
Paul Mendes-France, Politiker

„Vegetarismus und Veganismus sind Formen des Luxuskonsums, die die Umwelt belasten und den Menschen in ärmeren Ländern die Lebensgrundlage entziehen.“
Udo Pollmer, Ernährungsexperte

„Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden.“
Wirecard-Pressemitteilung

„Es gibt Ideen, die ihren Weg zwar langsam machen, die aber nicht einfach wieder weggehen, weil nicht jedermann sie sogleich aufnimmt. Dazu gehört der Gedanke, daß es für alle Bürger entwickelter, zivilisierter Gesellschaften ein garantiertes Mindesteinkommen geben sollte.“
Ralf Dahrendorf

 

Wenn einer Fleischfabrikant ist, ist er fast schon Verbrecher. In jedem Fall ein sehr dankbares Opfer. Das ist zurzeit erst recht Clemens Tönnies, Fleischfabrikant aus Rheda-Wiedenbrück und für viele sowas wie der Gott des Gemetzgers. Zugegeben, Tönnies ist kein mir sehr sympathischer Typ, das sage ich schon mal deswegen, weil mein Lieblingsfußballclub der BVB ist und Tönnies Präsident von Schalke 04. Eigentlich sollte das zur Erklärung genügen. Darüber hinaus hatte Tönnies zuletzt auch nicht sehr elegante Formulierungen für schwarzafrikanische Lebensverhältnisse gewählt, in seinem Verein stimmt nichts, von oben angefangen bis runter zur Jugendabteilung, wo die Minijobber rausgeschmissen wurden, weil sie angeblich zu teuer sind.

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Frankreich wurde von der Pandemie wesentlich härter getroffen. Hatten die Deutschen vielleicht einfach nur Glück? | Screenshot

Typen der Antwort auf das Virus: Italien, Deutschland und Frankreich: Apokalyptiker & Integrierte –  Gedanken in der Pandemie 56.

 

„Erziehung“ – schon das Wort, das in deutschen Ohren so ganz anders klingt als „education“ auf Englisch oder das französische „éducation“, ist seit den Zeiten Rousseaus etwas in Verruf geraten, und gefällt heute vor allem den autoritären Charakteren aller politischen Lager. Ich finde allerdings auch, dass Erziehung sehr wichtig ist. Kinder müssen lernen, ab und zu mal die Zähne zu putzen; Indien-Besucher, dass man nicht mit der linken Hand in den Reis hineinfasst; und erwachsene Deutsche müssen dazu erzogen werden, die Freiheit der anderen zu achten. Ab und zu komme ich auch während meiner Tätigkeit als Filmkritiker auf den Gedanken, dass ein sommerliches Um-Erziehungscamp für deutsche Filmemacher nicht die schlechteste Idee wäre. Da müssten sie dann den ganzen Tag Filme aus der Filmgeschichte gucken und zwar im Original mit Untertiteln. Und am Morgen wäre zur Erfrischung eine halbe Stunde Selbstkritik angesagt. 

Bei anderen Erziehungsfragen wird es komplizierter.

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Das Editorial der französischen Kulturzeitschrift „Esprit“ unterscheidet vier Phasen der Pandemie bisher: Zunächst eine Betäubung und Schockstarre, gefolgt von vielen Selbst-Befragungen, die sehr schnell in die dritte Phase der Inflation von Kommentaren mündeten. Hier fanden sehr viele während der Krise eine Form von Selbstbestätigung und Selbstsicherheit, in dem sie über den eigenen Zustand nachdachten. Die vierte Phase ist das Jetzt: Das öffentliche Leben kommt langsam wieder auf Kurs und beginnt, Fahrt aufzunehmen; die Menschen bewegen sich wieder stärker in analogen Lebensverhältnissen mit Schmutz, mit Objekten, die im Weg stehen, mit Menschen, an denen sie sich stoßen. Manche reagieren darauf hysterisch – die Geschmeidigkeit, die Emotion, das Driften des Netzes und das Leben ganz und gar in den Bildschirmen hat nachgelassen.

Die Menschen fragen sich, was sich eigentlich geändert hat und welche Politik aus der Gegenwart ist.

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Analog dazu könnten man Typen der Desillusionierung und Reaktion unterscheiden: Für die Nationalisten hat die Krise die Illusion beseitigt, dass man die Grenzen schließen kann und dass Grenzschließungen alle Probleme lösen würden, dass es mit geschlossenen Grenzen keine Migration mehr geben würde – ganz im Gegenteil: Fremdarbeiter werden eingeschleust, um so etwas wie nationale Ernährungssouveränität (Spargel!) aufrechtzuerhalten. Die Nationalisten und die Fetischisten nationaler Souveränität schließen aus der Krise, dass man mehr oder weniger alle Produkte relokalisieren muss und dass es eine strategische Existenzfrage sei, ob sich alles und jedes im eigenen Land herstellen lässt, nicht nur Masken, nicht nur Medikamente. Und sie erfahren ihr Scheitern.

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„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“: Die Seuche versetzte vor anderthalb Jahrhunderten die Menschen weit mehr in Furcht als heute Corona. | Foto © Tobis

Experimente mit offenem Ausgang: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 55.

„Auf einem dürren Kosackenklepper schien sie zu kommen, die sieben Plagen als siebensträhnige Knute in der Hand, die asiatische Giftmischerin, die in alle Brunnen, alle Ströme, in jede Nahrung den Keim des Todes warf.“
Karl Gutzkow über die Cholera 1831

„Es gibt Menschen, die bereit sind, ein gewisses Risiko einzugehen, und es gibt andere, die jedes Risiko ausschließen wollen. Beides haben wir zu akzeptieren. Das ist die Vielfalt des Menschen.“
Dabrock im Deutschlandfunk

 

„Hegel starb am Montag, dem 14. November 1831, in seiner Wohnung am Berliner Kupfergraben. Der Tod kam überraschend. Am Freitag zuvor hatte er mit den Vorlesungen des Wintersemesters über Rechtsphilosophie und Geschichte der Philosophie begonnen, am Samstag Prüfungen abgehalten. Am Sonntag zeigten sich die ersten Symptome der Krankheit, der er nach einer unruhigen Nacht am nächsten Tag gegen 17 Uhr erliegen sollte. Am 16. November wurde er seinem Wunsch entsprechend auf dem evangelischen Dorotheenstädtisch-Friedrichswerderschen Friedhof neben seinen Vorgängern Solger und Fichte begraben. Zahlreiche Equipagen und ein unabsehbar langer Zug der Studenten gaben ihm das letzte Geleit.“

So beginnt ein schöner Text über den bedeutendsten Philosophen deutscher Sprache, dessen 250. Geburtstag im August gefeiert wird. Er erschien in der Juni-Ausgabe des „Merkur“, nicht zu verwechseln mit dem „Münchner Merkur“ oder dem „Rheinischen Merkur“. Die in Stuttgart erscheinende, immer noch sehr schön klassisch „deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ genannte Monatszeitschrift ist zwar in den letzten Jahren um einiges uninteressanter geworden als unter ihrem sagenhaften Herausgeber Karl Heinz Bohrer, aber immer noch interessant genug. 

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Kinos im Stillstand 20 – aber nicht mehr lange: Das „Adria“ in Berlin. | Foto © Elisabeth Nagy

Kinostarts und Streams der Woche. 

„Wir sind zurück!“ steht auf der Anzeigetafel des „Adria“ in Berlin-Steglitz. Klein darunter steht allerdings „ab 02.07.“. Die Kinobetreiber haben sich auf den 2. Juli als Öffnungsdatum geeignet. In den verschiedenen Bundesländern sieht es unterschiedlich aus. Daran hat sich nichts geändert. Bei den Blockbustern muss sich das Publikum gedulden. Zum Beispiel hat Warner Bros. in den USA gerade eine Anzahl von Filmen verschoben und die anderen Länder, so auch Deutschland, müssen entsprechend mitumplanen. So wird „Tenet“ von Christopher Nolan nun doch nicht am 16. Juli starten, sondern am 30. Juli. Woraufhin der Verleih Entertainment One sein Zugpferd „Berlin Alexanderplatz“ vom 30. Juli auf den 16. Juli vorzieht. Das Kinoprogramm der Stunde ist noch überschaubar. Aber auch diese Woche gibt es neue Filme, Wiederaufführungen und On-Demand-Veröffentlichungen.

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Wenn die Klügeren immer Nachgeben, sagen sie anderen, wo es lang geht. Dabei macht Streit die Demokratie erst richtig schön. Zeigte uns schon Frank Capra. | Foto © Sony

Ab mit der App: Noch einmal USA: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 54. 

„Es ist die perfekte Ausgangslage, um einige Dinge, die sich eh schon sehr rasant entwickelt haben, noch einmal schneller in extremis voranzutreiben, und das ist meiner Meinung nach eine Enthumanisierung. Die Digitalisierung kann jetzt auf die Spitze getrieben werden, und damit geht einher: Überwachung und die Entsolidarisierung.“
Laura Freudenthaler, Schriftstellerin

 

Die Corona-Krise ist nicht vorbei, auch wenn es sich in manchen Bundesländern so anfühlt. Zum Beispiel in Berlin, wo die Lokale seit dem Wochenende wieder voll geöffnet haben.

Die Kino-Krise fängt aber erst richtig an. In der Gesprächsreihe des „SWR2-Forum“ hatte ich das Vergnügen, heute mit Verena von Stackelberg und Nils Dünker über das Kino in der „neuen Normalität“ zu debattieren. Hier kann man die Sendung nachhören. 

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„Lebens.art“ heißt eine Sendung, die einmal pro Woche sehr spät, nämlich in der Nacht von Samstag auf Sonntag, auf 3sat zu sehen ist, aber dummerweise nie in der Mediathek. Das heißt, man kann sie sich nur entweder live anschauen oder, wie ich es mache, aufnehmen. 

In der Sendung vom letzten Samstag kamen Schriftsteller zu Wort, und es war ganz großartig. Mit anderen Worten: sehr österreichisch.

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