Drop-out Cinema bietet ab heute „After Midnight“ im Kinostream an. Der Arthaus-Verleih ist auf den Geschmack gekommen: Künftig will man Kino und Virtual Cinema immer parallel starten. | Foto © Drop-out Cinema

Die Streams der Woche. Von Elisabeth Nagy

Einen Tipp möchte ich heute voranschicken. Arte stellt in seiner Mediathek Rainer Werner Fassbinders 14-teilige Serie „Berlin Alexanderplatz“ zur Sichtung bereit. Statt dem Fassbinder-Biopic oder der neuen Döblin-Verfilmung kann man auf dem Portal die Serie um Franz Biberkopf in der restaurierten Fassung anschauen.

Zwei Monate steht das Hamsterrad an Pressevorführungen schon still. Wöchentlich erdrückten sich bis zu 20 Filmtitel in den Startplänen. Das war mal anders. Um den Startplan für eine Besprechungsübersicht abzudecken gab es früher, in meinem Fall waren das die 90er, täglich zwei Pressevorführungen, vielleicht auch mal einen dritten Termin. Dann waren drei Termine durchaus die Regel und inzwischen sind die Presseplanungen auf Monate hin dicht mit vier, manchmal auch fünf Vorführungen am Tag und mitunter gibt es parallel Vorführungen. Da sind die ganzen Kleinverleiher gar nicht mitgerechnet, die sich gar nicht erst eine Pressevorführung leisten, sondern der Presse von vornherein Streams anbieten. Selbst wenn man keinen Wert auf Vollständigkeit legt, ist das nicht mehr zu bewältigen gewesen. Als diese Flut an Terminen ausblieb, ja, da atmete ich auch erst einmal auf. 

Weiterlesen

Ein Streaming-Tipp für heute: Ruben Östlunds dritter Film „Play“ von 2011. | Foto © Fugu Filmverleih

Bullen, Bonzen, Ballermann: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 35. 

„Sehnsucht ist stärker als Angst.“
Fritz J. Raddatz

„Wenn man seine Politik nach dem Gefühl der Leute ausrichtet, dann sollte man es sein lassen.“
Robert Habeck, am 11. Mai 2020 bei „Markus Lanz“

„Apparently, we humans are so afraid of questioning the rules, that we try to push conflict–chaos–in front of us as long as possible.“
Ruben Östlund, schwedischer Regisseur

 

An der Börse gibt es bekanntlich Bullen und Bären. Bullen bezeichnen da das Bessere; ein „Bullenmarkt“ ist das, was sich alle wünschen: eine Situation, in der es mit den Kursen ständig aufwärts geht. Angeblich kommt diese Bezeichnung von der Kampfart der Bullen, die ihr Horn von unten nach oben stoßen. 

Ansonsten ist die Bezeichnung „Bulle“ nicht so eindeutig. Klar: Ganz konkret ist damit das geschlechtsreife unkastrierte männliche Hausrind gemeint. Umgangssprachlich gibt es nun viele, die dieses Wort auch für Polizisten verwenden. 

Das geht, wie ich mir heute angelesen habe, schon auf das 18. Jahrhundert zurück. Damals nannte man die Vorgänger der modernen Policey Landpuller oder Bohler genannt. Das kommt vom niederländischen bol, das „Kopf“ oder „kluger Mensch“ bedeutet. Was auch immer das nun mit der Polizei zu tun hat – aber gemeint ist, folgert Wikipedia, auch mit merklichem Zögern „also eigentlich ein intelligenter Mensch“. 

Wann dieser Ausdruck erstmals als Beleidigung verstanden wurde, ist ungeklärt, in jedem Fall aber unterliegen Beleidigungen einem zeitlichen Wandel. Nach einem Urteil des Landgerichts Regensburg vom 6. Oktober 2005, (Az.: 3 Ns 134 Js 97458/04) stellen mundartliche Bezeichnung von Polizeibeamten als „Bullen“ keine Beleidigung dar. Und gemeint ist hier, dass ich einem konkreten Polizeibeamten hier persönlich das Wort ins Gesicht sage. Nochmal Wikipedia: „Im normalen Sprachgebrauch wird das Wort ,Bulle’ in Deutschland mittlerweile als Synonym für den Polizeibeamten gebraucht, so dass man nicht in jedem Fall von einer Beleidigung ausgehen kann.“ 

Weiterlesen

Wollen die wirklich nur spielen? Eine seltsame Mischung zeigt sich zur Zeit auf den sogenannten „Hygiendemos“. | Foto © Screenshot

Endlich mal erklärt: Wie wir alle belogen werden: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 34. 

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.  […] Auf allen Gebieten gibt es unter dem Vorwand, daß jeder das Recht auf eine eigene Meinung habe, eine Art Gentleman’s Agreement, dem zufolge jeder das Recht auf Unwissenheit besitzt – und dahinter verbirgt sich die stillschweigende Annahme, daß es auf Meinungen nun wirklich nicht ankommt. Dies ist in der Tat ein ernstes Problem, nicht allein, weil Auseinandersetzungen dadurch oftmals so hoffnungslos werden […], sondern vor allem, weil der Durchschnittsdeutsche ganz ernsthaft glaubt, […] dieser nihilistische Relativismus gegenüber Tatsachen sei das Wesen der Demokratie. Tatsächlich handelt es sich dabei natürlich um eine Hinterlassenschaft des Naziregimes.
Man hat es hier nicht mit Indoktrinationen zu tun, sondern mit der Unfähigkeit und dem Widerwillen, überhaupt zwischen Tatsache und Meinung zu unterscheiden.“
Hannah Arendt, Besuch in Deutschland, 1950

 

Es war einer dieser sonnigen April-Samstage, an denen der Ausnahmezustand seine herrlichsten Effekte zeigt: leere Straßen, leere Plätze, geschlossene Geschäfte, nur in Berlin die offenen Buchhandlungen, die Stadt war so schön wie sonst nie. Trotzdem fuhr ich mit der S-Bahn Richtung Westen, der Nachmittagssonne entgegen. Auf einer Bank am Bahngleis lag eine Zeitung, der Blick fuhr instinktiv über die Schlagzeilen, blieb hängen an der Zeile „Demokratischer Widerstand“ und der fettgedruckten Behauptung „Wir sind die Opposition!“ 

Nichts von allem erscheint mir auch nur seriös und bedenkenswert. Aber nichts von alldem ist umgekehrt bislang gefährlich – noch nicht mal aus gesundheitspolitischen Gründen: 3.000 Menschen, das sind nach den aktuellen Zahlen durchschnittlich sechs Infizierte. Seien wir großzügig und rechnen, es sind 12. 

Das scheint beherrschbar. 

Um so ärgerlicher, dass man ein paar Spinner derart aufbläst. 

Weiterlesen

Ich hab noch eine Klinik in Berlin … Vorsicht, Nachsicht und das Präventionsparadox: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 33. 

„Ich habe keine Angst davor, zu erkranken. Wovor dann? Vor alledem, was die Ansteckung verändern kann. Davor, zu entdecken, dass das Gerüst der Zivilisation, so wie ich sie kenne, ein Kartenhaus ist.“
Paolo Giordano

„Ich habe keinen Text gefunden, der besagt, dass man nicht mit weniger Maßnahmen den gleichen Effekt erzielt hätte, den man jetzt hat.“
Jakob Augstein

 

Das Erste, das geschlossen wurde, und das Letzte, das geöffnet werden wird – so lautet die neue Definition von Kultur. 

„Systemrelevanz“ hat alle Chancen, das „Unwort des Jahres“ zu werden. Aber wie viele Unworte des Jahres sind derartige Benennungen vor allem Ausdruck der momentanen Moralisierung der Gesellschaft und einer Political Correctness, die die Wahrheit nicht aussprechen möchte, und lieber eine Feensprache bevorzugt. Systemrelevanz ist nämlich ein sehr wahrer, sehr präziser Begriff. Er bezeichnet: Was ist relevant für das System in den Augen des Systems?

+++

Man muss versuchen, sich ganz unverblümt klarzumachen, es auszusprechen und zu beschreiben, was eigentlich passiert ist. Wir sind überwältigt worden. Es ist über uns gekommen, wie ein Angriff von Außerirdischen. Aliens hätten grundsätzlich nicht viel geheimnisvoller, wohl aber beunruhigender sein können: Unsichtbar, fremdartig, ein „Es“, mit dem man nicht kommunizieren, das man bestenfalls beobachten kann. Plötzlich war es da und plötzlich war alles anders. 

Ich glaube, dass unsere Gesellschaft kollektiv das, was Corona bedeutet, noch gar nicht annähernd zu Kenntnis genommen, geschweige denn verarbeitet hat.

Weiterlesen

Heute vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Ein Anlass, sich in den Mediatheken von Arte und ARD den Zweiteiler „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ von Volker Heise anzuschauen. | Foto © ARD

Unterhaltsame moralische Dilemmata absurde Regelungswut und brillante Theorien: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 32.

„Meine Herren, in hundert Jahren wird man einen schönen Farbfilm über die schrecklichen Tage zeigen, die wir durchleben. Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen? Halten sie jetzt durch, damit die Zuschauer in hundert Jahren nicht johlen und pfeifen, wenn Sie auf der Leinwand erscheinen.“
Joseph Goebbels, am 17. April 1945 in einer Ansprache zu seinen Mitarbeitern

„Die Geschäftigkeit der Deutschen ist ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden.“
Hannah Arendt, „Besuch in Deutschland“, 1949

 

„Was tun Sie, wenn Ihnen in Zeiten ausdrücklicher Ausgangsbeschränkung in Berlin die Decke auf den Kopf fällt?“
„Ich fahre nachts oft stundenlang durch das leere Berlin, diesen Anblick werde ich nie wieder vergessen. Die leeren Plätze, die dunklen Restaurants und Cafés, kaum Autos, manchmal ein Polizeiwagen, dann wieder Stille. In dem Film ,Vanilla Sky’ fährt Tom Cruise morgens durch das vollkommen ausgestorbene New York. So kommt es mir vor, ein seltsamer Wachtraum. Ich war am Flughafen und am Bahnhof – es war erschreckend, unwirklich, falsch.“
Ferdinand von Schirach, Jurist und Schriftsteller, in einem Zeitungsinterview.

Heute möchte ich Euch zum Abschluss der Woche ein Computerspiel empfehlen. Das ideale Vergnügen fürs Wochenende. Versprochen! Genau gesagt, sind es sogar ziemlich viele Computerspiele, und sie haben den Vorzug, dass sie uns, wie diese Psychotests in Frauen-, Männer- und Teenagerzeitschriften („Bin ich empathisch?“) auch noch etwas über uns selbst verraten. 

Weiterlesen

Manch eine*r gebärdet sich in der Wiederöffnungsdiskussion als Kassandra. Die hatte einst die Trojaner gewarnt, besser kein Holzpferd in ihre Stadt zu schaffen. Wolfgang Petersen hatte den Rest der Geschichte vor 15 Jahren in „Troja“ erzählt. | Foto © Warner Brothers

Selbstbestimmung, Medien: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 31.

„I am just a reporter. I report what I see.“
Graham Greene „The Quiet American“

„So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie.“
Jürgen Habermas 

„Ach!“
Heinrich von Kleist, „Amphytrion“

 

Heute mal gleich zu Anfang ein Filmtip: „Mirage“, das ist nicht nur ein schnittiges französisches Militärflugzeug aus der Zeit, als unsere Väter Koteletten, Cordanzüge und Herrenhandtaschen trugen, uns mit dem Citroën mal eben zum Kiosk fuhren, wo wir uns vom Taschengeld „Michel-Vaillant“-Comics kauften, aus der Zeit also, als Frankreich noch eine ungebrochene Hoffnung verkörperte, nicht nur für Wolfram Siebeck, der abtrünnigen Filmkritiker, der den Deutschen erklärte, dass es jenseits des „Wienerwald“ noch für jede Familie ein Coq au Vin im Topf gab … Ach, diese 70er! Heiko Engelkes aus Paris, Alfred Grosser im Internationalen Frühschoppen, und Didi Thurau im Gelben Trikot bei der Tour de France … Aber ich schweife mal wieder ab. Zurück zur „Mirage“. 

Das ist nämlich auch der Titel eines Hollywood-Films von 1965, der im deutschen Verleih „Die 27. Etage“ heißt, obwohl er manchmal auch auf der 26. und 25. Etage spielt. Ach, diese deutschen Filmtitel! Edward Dmytryk führte Regie, die Hauptrolle spielt Gregory Peck, der schönste Verwirrte des Hollywood-Kinos. Diesmal spielt er einen Mann, der unter Gedächtnisverlust leidet und dem auch sonst allerlei merkwürdige Dinge geschehen. Die Welt ist aus den Fugen: Die zunehmende Unmöglichkeit die Welt zu begreifen, war auch in den 1950er und 60er Jahren schon ein Thema im Kino, dazu braucht man kein Corona, sondern nur die Erinnerung an Hitchcocks „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“, auch so ein deutscher Titel, der die Frage nahelegt, wer denn eigentlich der sichtbare Zweite ist?), oder an Pecks nächsten Film direkt nach Mirage: „Arabeske“, ein, wie ich finde, stark unterschätzter, vor allem visuell bezaubernder Film vom erst im letzten Jahr verstorbenen großen Stanley Donen (1924-2019), der schon als frühreifer Twen mit Musicalklassikern wie „On the Town“ (1949) und „Singin’ in the Rain“ (1952) Filmgeschichte schrieb, und den Rest seines Lebens, also etwa 69 Jahre lang, versuchte, etwas anderes zu machen. Über den mäßigen Zuspruch für diese für Hollywood zu guten Versuche tröstete sich Donen mit fünf Ehen, die sämtlich in Scheidung endeten (die letzte mit 80), und diversen Affairen, unter anderen mit Liz Taylor. 

Weiterlesen

Der DoP Roger Deakins ist 70. Vorigen Monat hat er mit seiner Partnerin James Ellis Deakins einen wochentäglichen Podcast gestartet. | Foto © Warner Brothers

Die Streams der Woche.

Getroffen hat es jetzt die „Königin“. Die Königin ist Trine Dyrholm in May El-Toukhys Drama, das Dänemark für diesen Jahrgang ins „Oscar“-Rennen geschickt hatte. In Deutschland wurde der Film auf dem Filmfest Hamburg im letzten Herbst erstmalig vorgestellt. Anne nimmt den Sohn ihres Mannes Peter (Magnus Krepper) aus erster Ehe mit in die Familie auf. Gustav (Gustav Lindh) ist 16 Jahre alt und soll in der abgeschiedenen Idylle, die Anne aufgebaut hat, wieder auf die richtige Spur kommen. Die allerdings führt in den Wald hinter dem Haus. Stiefmutter und Stiefsohn kommen sich näher, als sittlich ist. Es ist ein herausfordernder Film, das Publikum sieht, was die Titelfigur macht, und weiß, dass es falsch ist, und weiß, dass sie weiß, dass es nicht richtig ist. Dyrholms Figur legt eine Grausamkeit zu Tage, die ihre heile Welt mit aller Macht und koste es, was es kostet, erhalten will. „Königin“ sollte ursprünglich am 9. April 2020 ins Kino kommen und wird seit dem 5. Mai auf den digitalen Portalen angeboten.

Auch „Berlin, Berlin – Der Kinofilm“ von der Constantin, ursprünglich auf den 19. März terminiert, wandert gleich in die digitale Verwertung. Die Produktionsfirma hat sich für einen exklusiven Deal mit dem Anbieter Netflix entschieden, die die Komödie ab dem 8. Mai zusammen mit der ARD-Fernsehserie „Berlin, Berlin“ auswerten wird. Zwischen 2002 und 2005 entwickelte sich die Serie um Lolle (Felicitas Woll), die aus einem kleinen Nest der Liebe wegen in die Großstadt kommt und dort, weil die Liebe erstmal futsch ist, in einer WG landet, zum Publikumsliebling. Die Serie hatte damals Spaß gemacht. 

Weiterlesen

„In der Krise gibt es so etwas wie eine Sehnsucht, dass es doch eine bessere Welt gebe“, sagt Alexander Kluge, mit 88 Jahren der schnellste und jüngste unter den deutschen Filmregisseuren. | Foto © Alexander Kluge

Über die Vorzüge der Meinungsverschiedenenheit: Jeder hat seine Pandemie – Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 30.

„Haben wir überreagiert? Haben wir es übertrieben?“
Markus Lanz, 22. April 2020 

„In Notfällen wird man nicht mit Diskussionen anfangen. Aber gleich danach geht es darum, dass man so etwas, was nicht in unseren Körpern steckt, wie die Verfassung, dass man das wieder in Erinnerung ruft. Das ist etwas ganz Wichtiges. […] Es gibt eine Verhältnismäßigkeit.“
Alexander Kluge, Jurist, Autor und Filmemacher

 

Gestern musste alles allzuschnell fertig werden, darum hatte ich vergessen, die Links zu setzen. Denn selbstverständlich gibt es einen Link zu der englischsprachigen Fassung des wunderbaren Textes von chinesischen Regisseur Jia Zhang-ke. Der steht beim „Filmkrant“ in den Niederlanden.

+++

Auch ein deutscher Filmregisseur hat sich jetzt als erster zu Wort gemeldet. Klarerweise der schnellste und jüngste von allen, der gerade mal 88 Jahre junge Alexander Kluge. 

Im Deutschlandfunk sprach er über sein gemeinsames Buch, das er mit Ferdinand von Schirach in den letzten Wochen geschrieben hat. Neben der Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Einschränkungen und Opfern geht es darum, ob nach der Krise die Dinge überhaupt anders werden sollen. „In der Krise gibt es so etwas wie eine Sehnsucht, dass es doch eine bessere Welt gebe“, sagt Kluge. 

+++

Warum kommt der substanziellste Grundsatzbeitrag von einem 88-jährigen? Warum ist kein anderer aus der Filmbranche bisher darauf gekommen, dass man die Systemrelevanz des eigenen Schaffens am Besten dadurch belegen könnte, dass man etwas Systemrelevantes tut? Ich meine jetzt nicht, im Krankenhaus aushelfen, oder Masken basteln, das können andere besser. Sondern denken, schreiben, filmen … 

Weiterlesen

Jia Zhang-ke ist einer der wichtigsten chinesischen Regisseure. In einer Filmzeitschrift schilderte er sein Leben in Corona-Zeiten. | Foto © Rapid Eye Movies

Alles locker, Schulter an Schulter, steht auf, wenn ihr Cinephile seid: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 29. 

„Das Kino ist in existenzieller Gefahr.“
Ulrich Matthes, Schauspieler, Präsident der Deutschen Filmakademie

 

Jia Zhang-ke – wisst ihr, liebe Leser, wer das ist? Keine Schande, wenn man das nicht weiß, könnte man aber. Dieser Jia Zhang-ke ist einer der wichtigsten Regisseure der Welt, einer der führenden chinesischen Regisseure und hat schon einen „Goldenen Löwen“ (2006) in Venedig gewonnen und andere große Preise. Ein Angehöriger der sogenannten „Sechsten Generation“ des chinesischen Kinos, das immer noch in Generationen geordnet wird. Die Sechste Generation, das sind jene Filmemacher die zwischen Anfang und Ende der 1960er-Jahre geboren sind und deswegen im Studentenalter waren, als 1989 die Studentenproteste am Tiananmen-Platz blutig niedergeschlagen wurden. Jeder, der das am Fernsehschirm erlebt hat, hat es nicht mehr vergessen. Diese Erfahrungen gehen in die Filme der Sechsten Generation ein. Was sie unterscheidet von der Fünften Generation“, von Regisseuren wie Zhang Yimou („Das Rote Kornfeld“) und Chen Kaige („Lebewohl meine Konkubine“), das ist, dass diese Filmemacher zum einen aus dem China von heute erzählen und fast nie Historienfilme drehen („Kostümfilme“ will ich nicht mehr sagen, neulich bekam ich die Post einer netten Leserin, die mich ganz zu Recht darauf hingewiesen hat, dass ja jeder Film ein Kostümfilm sei. Überraschenderweise war diese Leserin übrigens Kostümbildnerin.). Und sie arbeiten sehr dokumentarisch. 

Im „Filmkrant“, einer ziemlich guten niederländischen Filmzeitschrift, einer Art „Cahiers de Cinéma“ aus unserem Nachbarland Frankreich, hat der Regisseur jetzt einen Text zu Corona veröffentlicht. Er erzählt, wie er am 4. März zurück nach Peking geflogen kam, direkt von der Berlinale. Alle, die damals zurückkamen, waren gezwungen, sich in eine 14-tägige Selbstquarantäne zu begeben. Und Jia schreibt: 

Weiterlesen

Morgen beginnt das Dokfest München – online! „The Second Life“ von Davide Gambino läuft im Panorama. | Foto © Dokfest München

Morgen beginnt das Dokfest München. Ein Filmfestival online – geht das überhaupt? Auf jeden Fall wird es neue Erkenntnisse und Fragen bringen, meint der Festivalleiter Daniel Sponsel.

Das Dokfest München hat in den vergangenen Jahren einen enormen Zuwachs an Publikum zu verzeichnen, der weit über das übliche Potential der regulären Auswertung von Dokumentarfilmen im Kino hinausgeht. Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits bietet das Dokfest alle Attraktivitäten einer solchen Veranstaltung, ein sorgfältig kuratiertes und exklusives Filmprogramm: Reihen, Wettbewerbe und Preise, begleitet von Filmgesprächen mit Gästen aus der ganzen Welt. Anderseits gelingt es dem Festival, diverse spezifische Zielgruppen mit hohem Einsatz und individueller Ansprache für sich zu gewinnen. Das Dokfest München 2020 kann aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus in diesem Jahr nicht regulär an den vertrauten Spielorten stattfinden und wagt den Schritt ins Netz mit einer Online-Edition. Wesentlich sind die Fragen nach der Bedeutung und dem Erfolg dieses Projekts und die Erkenntnisse die sich im Falle eines Erfolges oder eines Misserfolges daraus für die Branche gewinnen lassen.

Wer schon einmal mit uns die Eröffnung des Dokfest München im Deutschen Theater erlebt hat, ist um ein Filmerlebnis reicher und weiß um die pure Energie, die entsteht wenn 1.500 Menschen gemeinsam emotionale Momente teilen, lachen oder berührt sind. Der Dokumentarfilm beweist in diesem Saal Jahr für Jahr, dass er gleichermaßen verbriefte Wirklichkeit und ein Kinoerlebnis ist. Aktuell wäre leider keinem Kino geholfen, wenn das Dokfest einfach ausfallen würde. Die Online-Edition des Festivals ist kein Statement gegen die Filmkunst im Kino, sondern ein Lebenszeichen für diese außergewöhnlichen Dokumentarfilme überhaupt, die jenseits des Festivals nirgendwo zu sehen sein würden.

Weiterlesen

„Ich glaube nicht, dass Kunst sich einer Gesellschaft entziehen kann“, sagt die Schauspielerin Bibiana Beglau im Deutschlandfunk: „Oder wenn sie das tut, dann ist es Dekoration. Etwas künstlerisch zu begreifen, ist immer Dialog.“ | Foto © ZDF, Gordon Muehle

Leichter gesagt, als getan: Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Leben: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 28.

„Und scheint die Sonne noch so schön, am Ende muss sie untergehn.“
Heinrich Heine

 

Die Stimmung kippt gerade. Gestern wurden erste größere Teile der Ausnahmezustandsregelungen in einzelnen Bundesländern aufgehoben, in Niedersachsen wird man Gaststätten öffnen; jetzt beginnt der allgemeine Wettbewerb zwischen den Bundesländern. Nur die Kanzlerin scheint sich noch zu sträuben. Aber der Druck wächst. 

+++

Bibiana Beglau gehört zu denen, die mir das blogfreie lange Erster-Mai-Wochenende ungemein versüßt haben. In der DLF-Reihe „Klassik Pop etcetera“ hat sie eine Stunde lang Musik und damit sich selbst und ihren überaus exquisiten Geschmack vorgestellt. Schon der Auftakt mit „Popcorn“ von Hot Butter war der Wahnsinn, vielleicht auch nur für mich, da das auch für mich eines der Schlüssellieder meiner Kindheit und eine Madeleine zur Reise ins Reich meiner ersten Erinnerungen ist. 

Dazu philosophierte Beglau gescheit über den „Rettungsanker Musik“, erzählte vom Theater und sich selbst, und machte schöne Anmerkungen über die Rebellin Peaches: „Peaches ist eine wichtige Kämpferin dafür, dass man sich nach der Toilette nicht die Hände waschen gehen muss, eine, die der Vorstellung ,Ach, so bleiben wir immer eine saubere Gesellschaft’ […] den Tritt in die Fresse“ gibt. „Da hat sie meine tiefe Bewunderung dafür, dass immer wieder Gesellschaft lustvoll und scharf hinterfragt wird.“

Womit wir eigentlich schon wieder bei meinem Nach-wie-vor-Lieblingsthema, dem Gezeter über das Frank-Castorf-Interview im „Spiegel“ sind. 

Aber nicht jetzt. Weiter mit Bibiana Beglau. Sie erklärte auch warum Jörg Fauser und Rolf Dieter Brinkmann ein anderes Deutschland repräsentierten als viele Künstler, ein besseres Deutschland, und eine Kunst, die nicht vom schönen sauberen Minnegesang herkommt. „Sondern von einer Bar“. Allein wegen der Stimme Fausers in einem Musik-Stück, das sein Gedicht „Zu den Fragen der Zeit“ untermalt, und in dem er mit Frankfurter Dialekt ein bisschen klingt wie Uwe Ochsenknecht, lohnt es sich, den Link anzuklicken – unbedingt nachhören!!! 

Weiterlesen

Der Theatermacher Frank Castorf. | Screenshot

Wer sich nicht fürchtet ist Verräter, Castorf ist infantil, und Distanz ist was für Reiche: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 27. 

„Ich zweifle daran, dass im Augenblick der Nutzen dem Aufwand entspricht. […] Mich stört in der momentanen Krise der Grad der Ideologisierung. Schon die Worte ,Lockdown’ und ,Shutdown’ machen mich bösartig. In einer Zeit von massiver Migration und Klimawandel und sozialer Not fängt jede Nachrichtensendung, jeder Zeitungsartikel mit der Worthülse ,In Zeiten von Corona …’ an. Für mich ist das eine Kampagne.“
Frank Castorf

„Bis vor Kurzem war dort der Hauptfeind der alte weiße Mann. Sehr viele junge Menschen, die gerade ihr Theaterwissenschaftsstudium hinter sich hatten, waren der Meinung, der alte weiße Mann sollte möglichst schnell verrecken. Jetzt ist das Virus da, und auch in den Theatern finden plötzlich alle, jeder Alte, auch wenn er über 80 Jahre und ein Mann ist, sollte um jeden Preis geschützt werden.“
Frank Castorf

„Wenn ihr mich braucht, schickt mir ein Zeichen. Ich werde da sein.“
„Batman“/Sebastian Pufpaff

 

Social Distancing ist eine Reiche-Leute-Idee – sage nicht ich, sondern Menschen in Pakistan. Dort können sich die Armen nämlich Distanz schlicht und einfach nicht leisten. Der Raum ist knapp. Die Forderung nach Abstandhalten klingt absurd. Darüber spricht der der Journalist und Autor Hasnain Kazim im Deutschlandfunk.

Der Begriff „Social distancing“ ist eh gehobener Schwachsinn, denn es geht ja eigentlich um körperliche Distanz, die gerade sozial sein soll. Aber es erzählt etwas über unser kollektives Unbewusstes, dass wir es weltweit so genannt haben. 

In Pakistan aber funktioniert beides nicht. Zehn oder zwanzig andere Menschen leben da unter einem Dach, man teilt sich denselben Raum zum Schlafen, Kochen, Essen und Wohnen. Dicht an dicht stehen und gehen die Menschenmengen. „Social distancing“, erklärt ein Pakistani, „ist das Gegenteil unserer Kultur!“ Denn nur die Nähe zu anderen sichert den Armen das Überleben. 

Weiterlesen

Unsere Autorin schaut immer wieder bei „ihren“ Kinos vorbei – zur Versicherung, dass es sie noch gibt: „Sie warten auf uns!“ Das „Bundesplatz Studio“ in Berlin. | Foto © Elisabeth Nagy

An die Tür zum Berliner Kino „Delphi Lux am Zoo“ hat ein Kino-Freund ein Gedicht angeklebt. Eine Liebeserklärung an das Kino als Ort der Erfahrung. Ich war vor sechs Wochen das letzte Mal im Kino, an einem Freitag. Das war zur Pressevorführung zu Oskar Roehlers „Enfant terrible“. Für den nächsten Montag jetzt im Mai wäre eine zweite Vorführung geplant gewesen. Die Fassbinder-Biografie ist auf unbekannt verschoben, wie so viele Filmstarts. Bei der Vorführung Mitte März unkten einige Kolleg*innen noch, das würde vielleicht unsere letzte PV (kurz für Pressevorführung) gewesen sein. Am Wochenende stellte sich heraus: genauso ist es. 

Weltkino ist jetzt einer der ersten Verleiher, der neue Starttermine bekannt gibt. Noch nicht für den Roehler-Film, aber für die Schlingensief-Dokumentation „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler, der doch auf der Berlinale so gut ankam. Den 20. August visiert man an und hält sich offen, entweder, wenn man darf, Sondervorführungen anzusetzen, oder halt, wenn man Ende August immer noch nicht zurück in die Kinosäle darf, noch einmal zu verschieben. In der Pressemitteilung erklärt Weltkino-CEO Michael Kölmel: „Wir hoffen sehr, dass die Kinos spätestens im August wieder öffnen können. Sollte sich herausstellen, dass der Spielbetrieb doch erst zu einem späteren Zeitpunkt beginnen kann, werden wir entsprechend umplanen, Sicherheit geht natürlich vor. Es ist uns aber wichtig, sowohl für die Kinobetreiber als auch für das Publikum ein Zeichen der Hoffnung zu setzen und die Vorfreude auf neue Filmkunst im Kino zu schüren.“

Weiterlesen

Julian Nida-Rümelin ist Philosoph, war mal Kulturstaatsminister und hat sich die Deutsche Filmakademie ausgedacht. Zur Corona-Krise hat er auch viel zu sagen. | Wikipedia, CC BY 3.0

Lassen wir uns nicht entmündigen! Von der Grippe und anderen Viren: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 26. 

„1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
2. Warum? Stichworte genügen.
4. Möchten Sie unsterblich sein?
21.Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?“
Max Frisch, Fragebogen I. und XI. in: „Tagebuch 1966-1971“

 

Ein kleiner Fragebogen, als Max-Frisch-Hommage und Einübung in zukünftiges Verhalten: Was würdet ihr, liebe Leser, eigentlich tun, wenn ihr mir persönlich auf der Straße begegnen würdet? Wenn wir uns kennen würden, also normalerweise zumindest ein paar Höflichkeitsworte wechseln würden? Wenn ihr aber wüsstet, dass ich mit dem Sars-Cov-19-Virus infiziert bin?

Würdet ihr schreiend davonlaufen? Würdet ihr die Straßenseite wechseln? Würdet ihr mich beschimpfen, dass ich mich als grausliger Gefährder gefälligst schleichen und in Quarantäne begeben sollte? Dass ich verhaftet werden müsste? Würdet Ihr die Polizei rufen? 

Würdet Ihr fragen, ob ich gerade auf dem Weg zum Arzt bin? Ob ich vielleicht Hilfe brauche? Würdet ihr überhaupt mit mir sprechen? Warum?

Alle Antworten willkommen. 

+++

Wir müssen jetzt endlich zugeben: Die Bundesregierung hat Fehler gemacht. Sie hat nicht alles richtig gemacht. Sie macht weiter Fehler. Das ist nicht schlimm, womöglich sogar unvermeidlich. Wer handelt, macht immer Fehler. Aber wir müssen aus diesen Fehlern lernen; wir sollten sie nicht schönreden, nicht einfach geschehen lassen. Die Regierung darf Fehler machen, aber lernen müssen wir aus diesen Fehlern trotzdem.

Weiterlesen

Privat hamsterten die Deutschen Klopapier und Nudeln, nun hamstert die Regierung Intensivbetten. | Foto © Das Futterhaus

Aufklärung & Absolutismus: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 25. 

„Zu Tode gefürchtet ist nämlich auch gestorben.“
„Die Presse“, Wiener Tageszeitung, vom 28. April 2020.

 

Morgen Abend sollten alle von Euch, die mal wieder richtig auf andere Gedanken kommen möchten, Arte einschalten. Dort läuft „Licht“, der neueste Film der in Berlin lebenden, in Potsdam lehrenden, österreichischen Regisseurin Barbara Albert. Es ist ihr erster Kostümfilm – und ein hochinteressanter, weil er realistisch ist, kein „Sinn-&-Sinnlichkeit“-Kitsch (gegen den natürlich auch nichts zu sagen ist). Dazu eine auf Tatsachen basierende facettenreiche Geschichte über Gefühle im absolutistischen Ständestaat, aus der Zeit Mozarts und jenen Jahren, als parallel zur Französischen Revolution, dem deutschen Idealismus und der Geburt der Romantik auch die Esoterik zurück in die europäischen Gesellschaften kam – in Gestalt des „Mesmerismus“. 

Wer kennt heute noch Franz Anton Mesmer (1734-1815)? Genau! Ist vielleicht auch ganz gut so. Aber in seiner Epoche war der Mann ein Star – als Wunderheiler mittels „Magnetismus“ und Hypnose. Bestenfalls ein Fall von alternativer Medizin, schlimmstenfalls ein esoterischer Scharlatan. Kulturhistorisch ist das aber trotzdem wahnsinnig interessant, weil es etwas erzählt über die traurige Sehnsucht vieler Menschen nach dem Unerklärlichen, Überwissenschaftlichen, der Sehnsucht nach einem Jenseits der Vernunft, die angeblich ja ach so kalt und unsinnlich ist. 

Weiterlesen