Meisterin des Hybriden: Schnittpreis für Fee Liechti Seigner

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Fee Liechti ist nicht einfach nur eine Meisterin ihres Fachs, sondern „als editorische Avantgarde das Schweizer Filmschaffen an der Grenze der Gattungen entscheidend mitgestaltet“, findet das Edimotion. Darum ist sie auch die erste Schweizerin, die auf dem Festival für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird. | Foto © Hans Liechti

Beim Edimotion-Festival in Köln wird am Wochenende die Editorin Fee Liechti Seigner für ihr Lebenswerk geehrt. Als erste Schweizerin erhält sie den „Ehrenpreis Schnitt“.

Im Œuvre der Schweizer Schnittmeisterin Fee Liechti ist vor allem eines augenfällig: Lange bevor der hybride Film zur vieldiskutierten Modeerscheinung wurde, gestaltete sie bereits zahlreiche Werke an der Gattungsgrenze zwischen Fiktion und Dokumentation. Fee Liechti ist nicht nur eine Meisterin ihres Fachs und als solche verantwortlich für unzählige herausragende Kinoproduktionen der helvetischen Filmhistorie sowohl im Spielfilm als auch im klassischen Dokumentarfilm, sie hat vor allem als editorische Avantgarde das Schweizer Filmschaffen an der Grenze der Gattungen entscheidend mitgestaltet.

Vor allem in der Kreativpartnerschaft mit Regisseur Hans-Ulrich Schlumpf entstanden diesbezüglich interessante Projekte wie der auf der letzten Linienfahrt eines italienischen Ozeandampfers nach Buenos Aires gedrehte „Trans Atlantique“ (1983), der als Spielfilm die Liebesgeschichte eines Zürcher Ethnologen mit einer Brasilianerin erzählt, dabei aber durch umfangreiches authentisches Material aus Maschinenräumen, Mannschaftsunterkünften und Touristengruppen die Grenze zum Dokumentarischen bewusst verschwimmen lässt. Legendär ist jedoch vor allem der zehn Jahre später entstandene „Kongress der Pinguine“, der nach seinem Kinostart 1993 allein in der Schweiz über 75.000 Zuschauende erreichte und auch in Deutschland zum Verleiherfolg wurde. 

Edimotion zeigt „Kongress der Pinguine“ in Anwesenheit von Fee Liechti und ihrem Laudator Hans-Ulrich Schlumpf als Eröffnungsfilm und macht so auch für das Festivalpublikum erlebbar, wie die Montage der diesjährigen Ehreneditorin kunstvoll die Ebenen verwebt: Der von Literat Franz Hohler verfasste poetisch-erzählerischen Monolog, einzigartiges Archivmaterial aus den Hochzeiten des Walfangs, in neuen Kontext gebrachte Bilder von Forschungsschiffen und aus der wissenschaftlichen Eisbohrung und vor allem die seinerzeit spektakulären dokumentarischen Aufnahmen der titelgebenden, stolz umherwatschelnden Protagonisten fügen sich zu einem engagierten Plädoyer für Klimaschutz jenseits klarer Gattungs- und Genregrenzen.

Fee Liechti kam über frühe Tätigkeiten bei Condor-Film eher zufällig zum Filmschnitt, wurde aber – ermutigt von unter anderem Georg Janett und von neugieriger Begeisterung angetrieben – bald eine seiner anerkanntesten Protagonistinnen in der Schweizer Filmbranche. Im Jahre 1983 erhielt sie als erste Editorin den Filmpreis der Stadt Zürich. Sie montierte rund 60 Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Kurzfilme: Neben der langjährigen Zusammenarbeit mit Hans-Ulrich Schlumpf, beginnend mit den Dokumentarfilmen „Kleine Freiheit“ (1978) und „Guber – Arbeit im Stein“ (1979), fertigte sie früh mehrere Montagearbeiten für den späteren Oscar-Preisträger Xavier Koller („Der Galgensteiger“ 1978, „Das gefrorene Herz“ 1979) sowie den jüngst verstorbenen Regisseur Sebastian C. Schroeder, darunter die Mockumentary „O wie Oblomov“ (1981). Auch mit ihrem damaligen Ehemann, dem Kameramann und Regisseur Hans Liechti, sowie den Dokumentarfilmschaffenden Irene Loebell und Yusuf Yesilöz entstanden verschiedene gemeinsame Projekte. Im Kurzfilmbereich montierte sie unter anderem Bettina Oberlis „Ibiza“ und mit Pepe Danquarts „Daedalus“ findet sich in Fee Liechti Seigners Filmographie ein besonders ungewöhnliches Genre, der „Science-Fiction-Dokumentarfilm“. 

Vor allem aber die langjährige Arbeit mit Regisseur Christoph Schaub prägte ihr Schaffen:

Der sowohl mit Kinospiel- als auch Dokumentarfilmen erfolgreiche Filmemacher aus der Deutschschweiz fragte die zu diesem Zeitpunkt bereits arrivierte Editorin schon für die Montage seines Langfilmebüts „Dreissig Jahre“ (1989) an, der die Höhen und Tiefen einer Männerfreundschaft dreier WG-Kumpel im Verlauf mehrerer Jahre erzählt. Eine echte Herausforderung für die Montage, zumal das Drehbuch sich im Schnitt als nicht tragfähig erwies. Dieses Projekt wurde zur Grundsteinlegung einer fruchtbaren Langzeitkollaboration, die einmal mehr auch hybride Filmprojekte umfasste. 

Aus der Zusammenarbeit Fee Liechti Seigners mit Christoph Schaub zeigt Edimotion in Anwesenheit der beiden den Langfilm „Stille Liebe“ (2001), dessen Montageherausforderungen unter anderem im Dialogschnitt der Unterhaltungen der beiden gehörlosen Hauptfiguren in Gebärdensprache lagen, und den Kurzfilm „Il Girasole“ (1995). Das Porträt einer 1935 erbauten, um die eigene Achse drehbaren Villa in der Nähe von Verona arbeitet mit Mitteln des hybriden Films in Form zweier sich im architektonischen Raum bewegenden Schauspielern und bildete die Initialzündung für den im dokumentarischen Schaffen des Duos Schaub-Liechti prägenden Architekturfilm (u.a. „Die Reisen des Santiago Calatrava“ 1999, „Der Wechsel der Bedeutungen – Die Architekten Meili, Peter“ 2001), die Übersetzung des realen in den filmischen Raum, des Dreidimensionalen ins zweidimensionale Medium Film mit Mitteln der Montage.

Das Programm zur Hommage finden Sie auf der Website des Festivals.

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