Beiträge

Andrew Bird hat den „Schnitt-Preis“ schon zum dritten Mal gewonnen. Dieses Mal war die Arbeit aber ganz besonders: „Dies ist der erste Film, bei dem ich ganz allein im Schneideraum war“, sagt er. Und außerdem verstand er kein Wort von dem, was im Film gesprochen wurde. | Foto © Edimotion/Werner Busch

Ende Oktober feierte Edimotion wieder Filmschnitt und Montagekunst. Beim Festival werden auch die „Schnitt-Preise“ in drei Kategorien vergeben. Für seine Arbeit am Spielfilm „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ wurde der Editor Andrew Bird ausgezeichnet. Über die ungewöhnliche Arbeit sprach er mit Dietmar Kraus, Kurator bei Edimotion.

Zum Film: „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ handelt von einer iranischen Familie, in der die Konflikte des Landes auf engstem Raum ausgefochten werden: Der Unterdrückungsstaat findet im Familienoberhaupt Iman einen zunächst zögerlichen, später willfährigeren Umsetzer seiner Schnelljustiz. Seine Ehefrau Najmeh unterstützt anfangs das Regime, doch im Laufe des Films nähert sie sich immer mehr der Position ihrer Töchter Rezvan und Sana an. Diese solidarisieren sich mit den Protesten auf der Straße und lehnen sich gegen das Patriarchat drinnen und draußen auf.

Lieber Andrew, bevor Du bei Edimotion für Deine Montageleistung an „Die Saat des heiligen Feigenbaums” ausgezeichnet wurdest, war der Film bereits für über 100 internationale Preise nominiert worden, und konnte mehr als 30 gewinnen. Dazu zählen der „Sonderpreis der Jury“ in Cannes 2024, die silberne „Lola“ beim „Deutschen Filmpreis“ 2025, sowie eine „Oscar“-Nominierung. Aber bevor es zu diesen Erfolgen kommen konnte, standen sowohl die Dreharbeiten als auch der Schnittprozess unter großem Druck. Wie kam es dazu, dass Du einen so brisanten Film, der heimlich gedreht werden musste, geschnitten hast?
Weiterlesen

Hauen oder schlagen? Bei der Kampfsportart Schachboxen sind beide Disziplinen gefragt. Für ihre Kurzdoku „Tough Moves“ begleiteten Jakob Michal (links) und Kaspar Ferdinand Haußig einen Nachwuchssportler und seine Familie. Dabei mussten sie aufassen, dass diese sich vor lauter Begeisterung nicht selbst inszenieren. | Foto © Edimotion/Juliane Guder

Beim Festival  „Edimotion“ wurden in Köln die besten Montage-Arbeiten des Jahres ausgezeichnet. Die „Schnittpreise“ werden in drei Kategorien ausgelobt.  Der „Förderpreis Schnitt“ ging an Jakob Michal und Kaspar Ferdinand Haußig für die Montage ihres dokumentarischen Kurzfilms „Tough Moves“, bei dem Michal auch Regie führte. Der Film führt in die Welt eines besonderen Sports: des  Schachboxens – und erzählt von der Berliner Familie Rolle, in der Vater Robert, ein bekannter Boxer, seinen jungen Sohn Arminius auf den ersten großen Kampf vorbereitet. Werner Busch, Kurator beim Festival, sprach mit den Preisträgern.

Die Dynamik zwischen Vater und Sohn ist ja ganz zentral und damit auch die Gewalt, die der Vater physisch, aber auch psychisch gegen Arminius ausübt. Wie habt ihr diese beiden Figuren und ihre Beziehung zueinander im Schnitt entwickelt?
Boxen ist ein gewaltvoller Sport und deswegen war von Anfang an klar, dass Gewalt ein Thema des Films sein würde. Als wir den Schachbox-Club zum allerersten Mal besuchten und dort auf Robert und Arminius trafen, kam uns das Trainingsprogramm der beiden extrem hart vor, besonders für einen 13-Jährigen. Robert stellte extrem hohe Ansprüche an seinen Sohn, aber Arminius schien auch selbst extrem ehrgeizig zu sein. Wir hatten nie den Eindruck, dass der Vater seinen Sohn zu irgendetwas drängte. Dennoch fragt man sich, wie bei allen Disziplinen, in denen man früh beginnen muss, um Profi zu werden, natürlich, ob das Kind das wirklich will.
In der Montage wurde uns klar, dass der Film diese Frage für Arminius nicht beantworten kann – unsere Aufgabe bestand vielmehr darin, sie überhaupt aufzuwerfen. Um das zu erreichen, haben wir in vielen Szenen Momente ausgewählt, in denen die Familie in Anwesenheit von Arminius über Arminius spricht. Dabei zeigen wir ihn als passiven Zuhörer: Was denkt er gerade? Stimmt er dem zu, was da über ihn gesagt wird? Das sind die Fragen, die wir hervorrufen wollten. Unser selbst erklärtes Ziel war darüber hinaus, Arminius und seine Familie so zu porträtieren, wie wir sie erlebt hatten. Nach dem Dreh hatten wir die ganze Familie sehr ins Herz geschlossen, gleichzeitig waren Situationen entstanden, die man kritisch sehen kann. Wenn das Publikum aus dem Film mit diesem Eindruck herausgeht, erfüllt er aus unserer Sicht seinen Zweck. Die Stärke des Films liegt aus unserer Sicht in seiner Ambivalenz.

Weiterlesen

„The Landscape and the Fury“ schildert die Zustände an der EU-Außengrenze zwischen Kroatien und Bosnien. Der eigentliche Protagonist des Dokumentarfilms sei die Landschaft, erklärt der Editor Hannes Bruun: „Über sie ziehen die Jahreszeiten hinweg, ähnlich wie auch die Kriege und die Menschen, die heute versuchen, über sie in die EU zu gelangen.“ | Foto © Edimotion/Juliane Guder

Beim „Edimotion“ wurden im Oktober wieder die Filmkunst der Montage ausgezeichnet. Den „Schnitt-Preis“ für die beste Dokumentarfilmarbeit gewann der Editor Hannes Bruun für „The Landscape and the Fury“. Über seine Arbeit sprach mit Kyra Scheurer, der Künstlerischen Leiterin des Festivals.

„The Landscape and the Fury“ war Ihre dritte Zusammenarbeit mit Regisseurin Nicole Vögele, die auch als investigative Journalistin arbeitet, Sie hat unter anderem die Pushbacks an der bosnisch-kroatischen Grenze aufgedeckt, wo auch dieser Film seine Bilder einfängt. In ihren freien Filmarbeiten fürs Kino gibt es aber einen sehr besonderen Stil, weit weg von der klassischen Reportage. Welche Prämissen für Dreh, Kamera und Montage gibt es bei diesen freien Arbeiten?
Nicole arbeitet in ihren Filmen ohne vorab festgelegtes inhaltliches Konzept und folgt einer sehr eigenen, intuitiven Herangehensweise. Meist steht zu Beginn ein Ort, in den sie sich während des Drehs immer mehr hineinarbeitet, indem sie dort viel Zeit verbringt. Schicht für Schicht schaut sie, was dort für Verbindungen liegen, die vielleicht auf den ersten Blick so gar nicht sichtbar sind. Die Kamera ist dabei meist in einer beobachtenden Perspektive. Gedreht wird analog, auf Super-16-Millimeter—Film. Dies beschränkt die Materialmenge erheblich und schafft eine Konzentration am Drehort, die für Nicole von ganz besonderer Bedeutung ist. Man lässt nie einfach laufen, sondern entscheidet sich ganz bewusst für eine Einstellung, die dann einmal ausgelöst und nicht wiederholt wird.
Im Schnitt versuchen wir all diese beim Dreh gesammelten Momente in eine Struktur zu bringen, die sich für den Film richtig anfühlt. Dabei arbeiten wir bewusst ohne feste Rezepte und gehen bei jedem Film wieder ganz neu auf die Suche – lassen uns auch von Zufällen und intuitiven Arbeitsweisen leiten. Ich habe das Gefühl, dass darin oftmals eine Möglichkeit liegt, wirklich Neues zu entdecken. 

Weiterlesen

Arjun Talwar dokumentiert den Alltag vom Balkon. Für die Szene posiert er mit einer Schmalfilmkamera, tatsächlich drehte er digital mit einer „Bolex 16“. Die „sieht nicht wie eine Fernsehkamera aus, sondern wie ein freundliches altes Ding. Das macht sie weniger furchteinflößend“, erklärt Talwar. „Die Leute müssen sich wohlfühlen, wenn man sie filmt.“ | Foto © Arjun Talwar/Uni-Solo Studio

Der indische Filmemacher Arjun Talwar dokumentierte das Leben in seiner Straße: In der Wolfstraße in Warschau zeigt sich der gesellschaftliche Wandel. „Letters from Wolf Street“ lief im Panorama der Berlinale. Ein Gespräch mit dem Regisseur und der Editorin Bigna Tomschin.

„Listy z Wilczej“ („Letters from Wolf Street“) von Arjun Talwar (Regie und Drehbuch) lief in der Sektion Panorama der 75. Berlinale. Der Film ist als dokumentarisches Format angekündigt. Das stimmt auch. Was dem Filmemacher und seinen wichtigen Kooperationspartner*innen gelungen ist, geht aber weit über das Dokumentarische hinaus. „Letters from Wolf Street“ erzählt von polnischen Lebenswelten, vielleicht sogar europäischen Verhältnissen und persönlichen Erfahrungen – gebündelt in einer Warschauer Straße, der Ulica Wilcza. Der aus Delhi/Indien stammende Filmemacher Arjun Talwar und die Schweizer Filmeditorin Bigna Tomschin lebten zusammen in dieser Straße, in einer Wohnung mit Balkon. All das gehört zur Entstehungsgeschichte des schlauen, amüsanten, vielschichtigen Filmkunstwerks.

Weiterlesen

Leila Fatima Keita hat das Thema Abtreibung in einem Desktop-Film montiert. Ihr war wichtig, „dass der Film zwar eine emotionale Note hat, das Thema jedoch auch aus politischer, medizinischer und sozialer Perspektive beleuchtet wird.“ Raum für die Kunst fand sie dabei trotzdem. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Um Filmschnitt und Montagekunst dreht sich das Edimotion im Köln. Beim Festival werden die „Schnitt-Preise“ in mehreren Kategorien verliehen. Die Editorin Leila Fatima Keita wurde den Kurzfilm „The Silence of 600 Million Results“ ausgezeichnet. 

Die Protagonistin deines Films „The Silence of 600 Million Results“ erfährt, dass sie ungeplant schwanger geworden ist und wir erleben ihre Suche nach Antworten zu der Frage, wie sie damit umgehen soll, über die Bildschirme ihres Laptops und ihres Smartphones. Welche Herausforderungen gab es für dich bei diesem Desktop-Film?
Sophie Lahusen hat mir für den Schnitt zahlreiche Videos und Fotos zur Verfügung gestellt. Zusätzlich entstand auch einiges an Footage durch Bildschirmaufnahmen, die ich im Schnittraum erstellt habe. Im Laufe des Montageprozesses erhielten wir Erfahrungsberichte von Menschen, die eine Abtreibung erlebt haben – sowohl in Audio- als auch in Videoform. Diese Berichte haben wir versucht, organisch mit dem übrigen Material zu verweben.
Anfangs arbeiteten wir ausschließlich mit deutschsprachigem Material. Da wir jedoch wollten, dass der Film auch international gesehen werden kann, haben wir nach einer Pause nochmals neu begonnen und eine englische Version produziert. Bei Desktop-Filmen ist es immer eine Herausforderung, zusätzliche Untertitel zu integrieren, da oft bereits viel Schrift auf dem Bildschirm vorhanden ist.  Weiterlesen

Im Hambacher Forst kam vor sechs Jahren der Kunststudent Steffen Meyn ums Leben. Er hatte die Proteste gegen den Kohletagebau dokumentiert, bis er während der Räumung tödlich verunglückte. Aus seinen Aufnahmen entstand die Kinodokumentation „Vergiss Meyn nicht“. Auch technisch war die Montage eine besondere Aufgabe für Ulf Albert: Meyn hatte mit einer 360-Grad-Kamera gedreht. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Mitte Oktober feierte Edimotion wieder Filmschnitt und Montagekunst. Höhepunkt des Festivals ist die Vergabe der „Schnitt-Preise“ in mehreren Kategorien. Ulf Albert eröffnet unsere diesjährige Interview-Reihe mit den Preisträger*innen. Der Editor wurde für seine Arbeit an dem Dokumentarfilm „Vergiss Meyn nicht“ ausgezeichnet.

„Vergiss Meyn nicht“ ist ein besonderes Projekt: Drei ehemalige Kommilitonen von der Kunsthochschule für Medien in Köln haben auf Basis des Materials von Steffen Meyn diesen Film entwickelt – ihrem Freund, der im Hambacher Forst mit einer 360-Grad-Kamera über viele Monate die Proteste begleitend gefilmt hatte und dort bei einer Stürmung zu Tode kam. Du hast Steffen Meyn nicht gekannt und warst selbst auch nicht in der Community der Protestierenden präsent. Wie bist Du zu dem Projekt gekommen und wie wichtig war Dein frischer Blick?
Der Film wurde von Melanie Andernach und Made In Germany Film produziert. Ich kannte Melanie schon von einem anderen Projekt, und als sie diesen Film vorbereitete, hat sich an mich erinnert und mich angerufen.
Mein Blick auf das Material von Steffen und das Konzept der drei Regiesseur*innen war dann schon recht wichtig. Als ich einstieg, gab es als ersten Eindruck eine ungefähr zwei Stunden lange Szenensammlung von Steffens Material, wodurch ich dann ein bisschen wusste, was den Dreien wichtig war und was besonders spannend sein könnte. Sie mussten mir aber auch viel erzählen über Steffen und seine Mission im Wald – und durch diesen Dialog mit mir haben sie dann auch selbst noch einmal viel reflektiert. Weiterlesen

„Schneiden ist für mich genau wie Schreiben und Drehen: Ich gehe einfach hin und probiere Dinge aus“, sagt der Regisseur und Editor Fred Baillif. Man müsse sich die Freiheit nehmen für Intuition und Improvisation.

Beim „Edimotion“ wurden wieder die besten Arbeiten der Filmmontage ausgezeichnet. Wir beschließen unsere Interview-Reihe mit den drei Preisträger*innen mit Fred Baillif, Regisseur und Editor des Spielfilms „La Mif“.

Lieber Fred, Dein hybrider Spielfilm „La Mif“ ist einer von mehreren Filmen beim diesjährigen Edimotion-Festival, der ausschließlich nicht-professionelle Schauspieler*innen einsetzt. Bevor wir also auf die Montage des Films zu sprechen kommen, etwas zum Hintergrund: Du selbst bist ausgebildeter Sozialarbeiter und hast mehrere Jahre in solch einer Jugendschutz-Einrichtung gearbeitet, wie sie im Film vorkommt. Wie hast Du Deine Protagonistinnen ausgesucht, und wie hast Du sie auf den Dreh vorbereitet?
Ich wollte von Anfang an einen Ensemble-Film machen. Also beginnt alles mit dem Casting. Ich setze mich hin und spreche mit ganz vielen Menschen. Ich verbringe Zeit mit ihnen und versuche ihren Hintergrund, aber auch ihre Gefühle und Persönlichkeit, zu verstehen.
Ich mache auch Improvisations-Workshops, in denen ich versuche herauszufinden, wer wer ist und welche Persönlichkeiten sie haben. Das ist in gewisser Weise wie ein Schauspiel-Workshop, aber es geht mehr darum, ihnen zu helfen, sie selbst zu sein und nicht bloß zu spielen. Das ist die erste Regel, die ich aufstelle: Ich sage ihnen, sie sollen nicht schauspielern, sondern einfach so reagieren, wie sie wollen, und ihre eigene Sprache und ihren Instinkt benutzen. So kann ich dann eine Geschichte schreiben, die auf dem basiert, was ich beobachtet habe. Das bleibt aber ein Drehbuch ohne Dialoge.

Weiterlesen

In „Walchensee forever“ erzählt Janna Ji Wonders ein Jahrhundert eigener Familiengeschichte. Anja Pohl brachte die Erzählungen mit der Regisseurin in Form: „Als Editorin bin ich die erste Zuschauerin, das heißt, ich versuchte dieses Familiensystem zu begreifen und stellte Fragen, die Janna vielleicht nie gestellt hätte, weil sie die Antwort ja bereits kannte.“ | Foto © Edimotion/Juliane Guder

Beim „Edimotion“ wurden im Oktober wieder Filmschnitt und Montagekunst gefeiert und ausgezeichnet. Den „Schnitt-Preis“ für die beste Dokumentarfilmarbeit gewann die Editorin Anja Pohl für „Walchensee forever“. 

Anja Pohl, Glückwunsch zum diesjährigen Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm. Sie sind ja eine sehr erfahrene und vielfach prämierte Editorin, für Regisseurin Janna Ji Wonders war „Walchensee forever“ ihr Langfilmdebüt. Wie haben Sie sich kennengelernt und wie kam es zur Zusammenarbeit?
Als Janna in der HFF studierte, betreute ich ihre Kameraübung in der Schnittphase, ein kurzes Porträt ihrer Großmutter Norma, die am Walchensee das Café Bucherer in zweiter Generation führte, mit fast 90 Jahren:  „Warten auf den Sommer“. Die Vorgabe für diese Filmübung war: 16 Millimeter, Schwarz-Weiß, rein beobachtend. Ich war damals beeindruckt von der Klarheit und meditativen Kraft der Einstellungen und der Umsetzung. Als Janna mich Jahre später fragte, ob ich bei „Walchensee forever“ mitarbeiten würde, sagte ich ohne Zögern: „Ja!“

Die Regisseurin ist hier gleichzeitig auch Protagonistin, porträtiert die Frauen ihrer Familie über mehrere Generationen hinweg – wo lagen hier die Herausforderungen für die Montage?
Ich gebe zu, der Anfang war nicht leicht, und die Herausforderungen vielschichtig.
Es war zwar von Anfang an klar, dass die Frauen der Familie im Zentrum stehen. Aber alleine das Leben von Norma, Jannas Mutter Anna und deren Schwester Frauke war so reich und auch bewegt, dass wir über jede der Frauen einen eigenen Film hätten bauen können. Das bereitete uns einige Kopfschmerzen, Janna naturgemäß mehr, sie ist ja Teil dieses Familien-Psychogramms. Wie lässt sich eine verzweigten Erzählweise zulassen, ohne den „Hauptstamm“ aus den Augen zu verlieren, und das zusammengepackt in einen Dokumentarfilm, der nicht länger als maximal 99 Minuten sein sollte. Es wurden dann 109 Minuten.

Weiterlesen

„Vibration – Inner Music“ zeigt die Tänzerin und Schauspielerin Kassandra Wedel, die Geräusche und Bewegungen auf ihre Art aufnimmt. Wedel ist gehörlos. Ilya Gavrilenkov versuchte, ihre Wahrnehmung in der Montage wiederzugeben. | Foto ©  Edimotion/Juliane Guder

Beim Edimotion wurden vorige Woche in Köln die besten Montage-Arbeiten des Jahres ausgezeichnet. Die „Schnittpreise“ werden in drei Kategorien ausgelobt. Wir sprachen mit den Preisträger*innen und beginnen die diesjährige Interview-Reihe wieder mit dem Kurzfilm: Ilya Gavrilenkov gewann für „Vibrations – Inner Music“ den „Förderpreis Schnitt“. 

Bei „Vibration – Inner Music“ warst Du auch als Regieassistent tätig. War das ein Vorteil für die spätere Arbeit im Schnitt?
Ich mag die Arbeit am Set genauso wie die im Schneideraum, deshalb habe ich bei diesem Projekt auch die Positionen von DIT (Materialassistent) und 1st AD übernommen. Ich konnte dadurch nach jedem Drehtag die Muster sichten und mir schon einen ersten Eindruck vom Material verschaffen, was uns, glaube ich, irgendwann sehr geholfen hat. Wir haben vor dem Dreh mit der Regisseurin des Films Cadenza Zhao die Struktur und die Richtung besprochen, die wir einschlagen möchten.
Ich hatte also schon zu diesem Zeitpunkt eine ziemlich klare Vorstellung davon, was wir brauchen könnten. Und als wir anfingen, den Performance-Teil zu drehen, wurde mir klar, dass wir zum Beispiel mehr Details von Instrumenten oder emotionalere Nahaufnahmen von Musikern brauchen würden, um den Temporhythmus und die Spannung aufzubauen. 

Weiterlesen

Fee Liechti ist nicht einfach nur eine Meisterin ihres Fachs, sondern „als editorische Avantgarde das Schweizer Filmschaffen an der Grenze der Gattungen entscheidend mitgestaltet“, findet das Edimotion. Darum ist sie auch die erste Schweizerin, die auf dem Festival für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird. | Foto © Hans Liechti

Beim Edimotion-Festival in Köln wird am Wochenende die Editorin Fee Liechti Seigner für ihr Lebenswerk geehrt. Als erste Schweizerin erhält sie den „Ehrenpreis Schnitt“.

Im Œuvre der Schweizer Schnittmeisterin Fee Liechti ist vor allem eines augenfällig: Lange bevor der hybride Film zur vieldiskutierten Modeerscheinung wurde, gestaltete sie bereits zahlreiche Werke an der Gattungsgrenze zwischen Fiktion und Dokumentation. Fee Liechti ist nicht nur eine Meisterin ihres Fachs und als solche verantwortlich für unzählige herausragende Kinoproduktionen der helvetischen Filmhistorie sowohl im Spielfilm als auch im klassischen Dokumentarfilm, sie hat vor allem als editorische Avantgarde das Schweizer Filmschaffen an der Grenze der Gattungen entscheidend mitgestaltet.

Vor allem in der Kreativpartnerschaft mit Regisseur Hans-Ulrich Schlumpf entstanden diesbezüglich interessante Projekte wie der auf der letzten Linienfahrt eines italienischen Ozeandampfers nach Buenos Aires gedrehte „Trans Atlantique“ (1983), der als Spielfilm die Liebesgeschichte eines Zürcher Ethnologen mit einer Brasilianerin erzählt, dabei aber durch umfangreiches authentisches Material aus Maschinenräumen, Mannschaftsunterkünften und Touristengruppen die Grenze zum Dokumentarischen bewusst verschwimmen lässt. Legendär ist jedoch vor allem der zehn Jahre später entstandene „Kongress der Pinguine“, der nach seinem Kinostart 1993 allein in der Schweiz über 75.000 Zuschauende erreichte und auch in Deutschland zum Verleiherfolg wurde. 

Weiterlesen

„Ein Schnittwunder“ nennt die Jury den Spielfilm und meint damit letztlich den Editor: Kaya Inan war zur Verleihung des „Schnitt-Preises“ in Köln zugeschaltet. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Beim „Edimotion“ wurde Mitte Oktober wieder die Kunst der Filmmontage gewürdigt. Der „Schnitt-Preis“ für die beste Spielfilmarbeit ging an den Editor Kaya Inan für „Wanda, Mein Wunder“.

Lieber Kaya, gratuliere zu Deiner Montage-Leistung bei diesem Spielfilm, in dem sowohl das grandiose Ensemble als auch die unterschiedlichen Tonalitäten hervorstechen. Wie bist Du zu dem Projekt gestoßen?

Meine erste Schnittassistenz war bei „Die Herbstzeitlosen“ (2006), Bettinas Durchbruch als Regisseurin. Ich habe danach noch ein Kunstvideo für sie geschnitten, während meiner Studienzeit in Ludwigsburg, aber beides ist schon lange her.
Ich kannte die Produzenten Lukas Hobi und Reto Schaerli von zwei früheren Projekten. Das erste war die Teenager-Komödie „Achtung, fertig, Charlie!“ (2003) – mein Einstieg in die Filmbranche, damals noch als Schauspieler. Da habe ich bei einem Street-Casting mitgemacht und bin so überhaupt erst auf Film als ein mögliches Berufsfeld gestoßen. 2016 haben Lukas und Reto mich als Editor angefragt, für den Kinderfilm „Papa Moll“. Danach schlugen sie mich auch Bettina vor; so haben sich unsere Wege noch mal gekreuzt.
Ich mochte das Drehbuch zu „Wanda, mein Wunder“ von Anfang an; dieser Humor und diese Figuren. Ich habe die Figuren bereits beim Lesen sehr stark gespürt.

Weiterlesen

Zwei Filme hatte Bettina Böhler in den 1990er-Jahren für Christoph Schlingensief geschnitten. Für ihre erste eigene Regiearbeit verdichtete sie Interviews, Filmszenen, Footage und frühe Super-8-Filme zu zwei Filmstunden. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Beim Festival für Filmschnitt und Montagekunst „Edimotion“ wurden vorige Woche in Köln die besten Arbeiten des Jahres in drei Kategorien ausgezeichnet. Der „Schnitt-Preis“ für die beste Dokumentarfilmarbeit ging an Bettina Böhler: „Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien“ erinnert an den Regisseur und  Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der vor elf Jahren  verstarb.

Du hast mit „Terror 2000“ und „Die 120 Tage von Bottrop“ selbst zwei Schlingensief-Filme montiert und ihn dadurch auch im Miteinander des Schneideraums gut gekannt. Wie sehr hast Du bei dem Film über ihn und seine Kunst, zehn Jahre nach seinem Tod, versucht, dem gerecht zu werden, was er möglicherweise gewollt hätte? Und wie sehr war es vielleicht auch notwendig, sich davon zu emanzipieren, eine eigene Stimme zu finden?

Beide Zusammenarbeiten mit Christoph Schlingensief liegen ja schon weit über zwanzig Jahre zurück. Aber trotzdem haben die Filme und die Begegnung mit Christoph mein Nachdenken über Film und politische Kunst im Allgemeinen sehr beeinflusst. Schon damals habe ich diesen Mut und die Energie bewundert. Und ich habe auch intuitiv seinen Stil und das, was ihn angetrieben hat, verstanden, obwohl die Drastik und Extremität auch für mich gewöhnungsbedürftig waren. Die Unbedingtheit der Assoziation war für mich ein Leitfaden bei meiner Montagearbeit. Ich habe natürlich sehr, sehr viele seiner außerordentlich unterschiedlichen Werke angeschaut. Und bei jedem Werk, sei es Film, Theater, Oper, Talkformat oder politische Aktion, ging es nie in erster Linie um die Erzählung, sondern um das, was hinter der Erzählung ist, beziehungsweise was sie bewirkt. Und trotzdem wollte ich sein Leben und Werk zu einer eigenen Erzählung machen. Einer Erzählung, der man folgen kann, auch wenn man noch nie von ihm als Künstler gehört hatte. Ich habe mich also über ein gewisses „Chaos“, das ihm wohl mehr entsprochen hätte, zugunsten der Nachvollziehbarkeit seiner künstlerischen Persönlichkeit hinweggesetzt.

Weiterlesen

An der Montage hatten Famil Aghayev und der Regisseur und Drehbuchautor Fabio Thieme gemeinsam gearbeitet. Den „Förderpreis Schnitt“ für beide nahm der Editor alleine entgegen – Thieme musste arbeiten. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Beim Edimotion, dem Festival für Filmschnitt und Montagekunst, wurden vorige Woche in Köln die besten Arbeiten des Jahres in drei Kategorien ausgezeichnet. Wir sprachen mit den Preisträger*innen und beginnen die Interview-Reihe mit dem Kurzfilmpreis: Famil Aghayev und Fabio Thieme gewann für „Suite“ den „Förderpreis Schnitt“, die Fragen beantwortete Aghayev. 

„Suite“ ist als Mockumentary eine hybride Form zwischen den Gattungen Dokumentar- und Spielfilm. Wie habt Ihr in der Montage austariert, wie weit ihr in Richtung vermeintlicher dokumentarische Glaubwürdigkeit schneiden wollt, oder wie transparent Ihr das Spiel mit den Genres macht?

Wenn man einen Dokumentarfilm macht, achtet man stark auf diese Dinge, denke ich. Bei einer Mockumentary weniger. Für uns hat das eher ästhetisch eine Rolle gespielt – dass einfach gedreht wurde, ohne Farbeffekte. Für uns war einfach wichtig, dass es sowohl als Dokumentarfilm als auch als Spielfilm in der Wahrnehmung funktionieren würde.

Aber Ihr habt ja im Schnitt den Moment bewusst drin gelassen, als der Schauspieler in die Kamera fragt „war das jetzt gut so“ – das ist ja ein deutlicher Hinweis … Weiterlesen

„Gott“. | Foto © ARD/Degeto

Mediatheken und Streams statt Kino … in der Woche vom 26. November 2020 – Teil 2.

In Krisenzeiten scheinen Diktaturen und Autokratien die bessere Wahl zu sein. Wo die pluralistische Demokratie noch verhandelt, abwägt und diskutiert, werden in Autokratien Fakten geschaffen – über Köpfe hinweg. Ein bisschen Gott spielen ist, dieser These folgend, allzu menschlich. Und wenn die Entscheidung über Leben und Tod ansteht? Dann zeigt sich erst recht, wie schwierig es der Pluralismus hat:  Der 78-jährige Architekt Richard Gärtner (Matthias Habich) verlangt von seiner Hausärztin (Anna Maria Mühe), ihm ein todbringendes Präparat zu besorgen. Die Ärztin weigert sich. Der Fall landet vor dem Deutschen Ethikrat. Die Experten, darunter ein Bischof (Ulrich Matthes) und der Ärztekammerchef (Götz Schubert), wägen die Argumente gegeneinander ab. Die Entscheidung fällt im ARD-Spielfilm „Gott“ jedoch jemand anderes: der Zuschauer, der hier im autokratischen Sinne ein wenig Gott spielen darf. Das ist eine Volte, bekanntermaßen von Ferdinand von Schirach erstmals im Theaterstück „Terror“ (2015) genutzt, bei dessen Aufführung das Publikum entscheiden durfte, ob ein von Terroristen gekapertes Flugzeug mit unschuldigen Passagieren abgeschossen werden darf. Oder nicht. Dieses „Mitmachformat“ mit dem Titel „Gott“, wie es die Süddeutsche Zeitung nennt, rückte Kameramann Frank Griebe ins kammerspielartige Licht. Regisseur Lars Kraume inszenierte die Protagonisten, die fein kalkuliert mal Empathien, mal Antipathien bei den Zuschauern weckten. Die entschieden übrigens mit 70,8 Prozent der abgegebenen Stimmen, dass Herr Gärtner das Medikament bekommen soll. Gottlob wird Herr Gärtner noch allein entscheiden können, ob er es sich verabreicht. Oder nicht.

Weiterlesen

Sianne Gevatter studiert Montage an der Filmuniversität Babelsberg. Für „Nacht ueber Kepler 452b“ erhielt sie den „Förderpreis Schnitt“.

Beim 20. Festival für Filmschnitt und Montagekunst „Edimotion“ wurden am letzten Oktoberwochenende in Köln die besten Arbeiten des Jahres in drei Kategorien ausgezeichnet. Die Editorin Sianne Gevatter gewann für „Nacht ueber Kepler 452b“ den „Förderpreis Schnitt“. 

Sianne Gevatter, „Nacht ueber Kepler 452B“ ist ein Dokumentarfilm, aber sehr essayistisch und bewusst fragmentarisch angelegt. Man merkt, dass es seitens der Regie und auch für die Kameraarbeit mit den indirekten Aufnahmen der Obdachlosen ein klares Konzept vorab gab. Inwieweit warst Du als Editorin schon vorab eingebunden und Teil der konzeptionellen Ebene vor dem Dreh?

Der essayistische Aufbau und die Konzeption eines „Rauschs durch die Nacht“ war schon vorab klar und auch einer der Gründe, aus denen ich mich entschieden habe, den Film zu schneiden – weil ich das sehr interessant finde und sehr gerne mag so zu arbeiten. Aber natürlich hat sich vieles nach dem Dreh anhand des Materials  noch einmal stark verändert. Aber das Konzept von dem Rausch der Nacht, die Einbindung der Zuschauer als wären sie selbst dabei, das ist geblieben. Und auch, die Menschen als Menschen darzustellen und auch im Schnitt niemals jemanden auszustellen, das ist auch geblieben.

Weiterlesen