„Gott“. | Foto © ARD/Degeto

Mediatheken und Streams statt Kino … in der Woche vom 26. November 2020 – Teil 2.

In Krisenzeiten scheinen Diktaturen und Autokratien die bessere Wahl zu sein. Wo die pluralistische Demokratie noch verhandelt, abwägt und diskutiert, werden in Autokratien Fakten geschaffen – über Köpfe hinweg. Ein bisschen Gott spielen ist, dieser These folgend, allzu menschlich. Und wenn die Entscheidung über Leben und Tod ansteht? Dann zeigt sich erst recht, wie schwierig es der Pluralismus hat:  Der 78-jährige Architekt Richard Gärtner (Matthias Habich) verlangt von seiner Hausärztin (Anna Maria Mühe), ihm ein todbringendes Präparat zu besorgen. Die Ärztin weigert sich. Der Fall landet vor dem Deutschen Ethikrat. Die Experten, darunter ein Bischof (Ulrich Matthes) und der Ärztekammerchef (Götz Schubert), wägen die Argumente gegeneinander ab. Die Entscheidung fällt im ARD-Spielfilm „Gott“ jedoch jemand anderes: der Zuschauer, der hier im autokratischen Sinne ein wenig Gott spielen darf. Das ist eine Volte, bekanntermaßen von Ferdinand von Schirach erstmals im Theaterstück „Terror“ (2015) genutzt, bei dessen Aufführung das Publikum entscheiden durfte, ob ein von Terroristen gekapertes Flugzeug mit unschuldigen Passagieren abgeschossen werden darf. Oder nicht. Dieses „Mitmachformat“ mit dem Titel „Gott“, wie es die Süddeutsche Zeitung nennt, rückte Kameramann Frank Griebe ins kammerspielartige Licht. Regisseur Lars Kraume inszenierte die Protagonisten, die fein kalkuliert mal Empathien, mal Antipathien bei den Zuschauern weckten. Die entschieden übrigens mit 70,8 Prozent der abgegebenen Stimmen, dass Herr Gärtner das Medikament bekommen soll. Gottlob wird Herr Gärtner noch allein entscheiden können, ob er es sich verabreicht. Oder nicht.

Weniger auf plakative Wirkung bedacht ist dagegen Theaterautor Daniel Kehlmann, dessen Stück „Heilig Abend“ nun ebenfalls in den heimischen Wohnzimmern statt auf der Theaterbühne stattfinden darf – unter dem Titel „Das Verhör in der Nacht“ ausgestrahlt am 30. November durch das ZDF und schon ab dem 23. November in der Mediathek des Senders zu finden. Matti Geschonneck inszenierte das Zwei-Personen-Stück fürs Fernsehen, und zwar nah am ursprünglichen Text selbst: Judith (Sophie von Kessel) will ihre Eltern besuchen, wird aber in ihrem Hotelzimmer gestgesetzt. Thomas (Charly Hübner) soll herausfinden, ob sie zusammen mit ihrem Ex-Mann eine Bombe hochgehen lassen will – noch am selben Abend. Wo befindet sich die Bombe? Je mehr Zeit verstreicht, desto härter werden die Befragungsmethoden. Denn Thomas hat Judith schon länger im Visier: Er denk, er wisse über ihre Beziehungen, ihre politischen Ansichten und ihre Vergangenheit gut Bescheid. Trotzdem beteuert Judith ihre Unschuld. Auch hier gibt es Kammerspielartiges zu sehen, zu dessen textlichen Feinheiten sich auch ein subtiles Szenenbild von Silke Buhr („Band Banks“, „Werk ohne Autor“) und eine dramaturgische Montage von Dirk Grau („Charité“, „In Zeiten des abnehmenden Lichts“) hinzugesellen.

Während deutsche Spielfilmproduktionen also auf grundsätzliche moralische Dilemmata zurückgreifen, geht es in der US-amerikanischen Dokumentation „Rebuilding Paradise“ um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zu sehen gab es die Doku von Ron Howard in der deutschen Erstausstrahlung auf dem Sender National Geographics am 8. November, sie ist noch über Sky Go, Sky On Demand, Sky Ticket in der Megathek auf MagentaTV sowie Vodafone Select und GigaTV verfügbar. Erzählt wird von den Ereignissen 2018 in der nordkalifornischen Stadt Paradise, in der auch viele Angehörige von Ron Howard leben. Das Filmteam begleitete die Anwohner ein Jahr lang nachdem verheerende Brände in der Stadt gewütet hatten. Dabei zeigen die Filmemacher, wie die Bewohner nach der Katastrophe noch enger zusammenrücken, aber auch, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte.

„Heldinnen der Neuzeit“, so betitelt verkaufsfördernd der Medienanbieter Sky One die Sky-Original-Serie „Her Story“. Und grenzt sie dabei womöglich ab gegen alttestamentarische Heldinnengeschichten. Wie sich diese neue Zeitrechnung äußert, kann der Zuschauer in vier Episoden herausfinden. In diesen dürfen vier prominente Frauen exemplarisch erzählen, wie sie erfolgreich wurden. Bemisst man jedenfalls „Erfolg“ nach den hier zugrunde gelegten, irgendwie neuzeitlichen Kriterien. Ein Jahr lang begleitete das Filmteam also die Entertainerin Barbara Schöneberger, die EU-Abgeordnete und Köchin Sarah Wiener, Influencerin Stefanie Giesinger und Schauspielerin und Musikerin Anna Loos. Es gibt „cineastische“ und „dynamische“ Bilder zu sehen, wie es weiter im Pressetext heißt – mit dem Anliegen, diesen Frauen den Platz einräumen, „der ihnen gebührt“. Was offenbar bedeutet, dass diese erfolgreichen Frauen dann doch noch nicht an dem erfolgreichen Platz sind, an dem man sie eigentlich wähnte.

Ein echter Familienfilm mit „Ziemlich beste Freunde“-Star Omar Sy ist dagegen der Film „Der verlorene Prinz und das Reich der Träume“ von Michel Hazanavicius („The Artist“), den es nun auf DVD gibt: Der alleinerziehende Vater Djibi (Omar Sy) erfindet für seine achtjährige Tochter (Keyla Fala) jeden Abend eine imaginäre Welt, in der die Heldin immer Prinzessin Sofia und der tapfere Prinz ihr Vater ist. Als Sofia größer wird, braucht sie diese Geschichten nicht mehr. Ihrem Vater fällt es schwer zu akzeptieren, dass seine Tochter erwachsen wird. In ihrer beider imaginären Welt muss er sich nun der Herausforderung stellen, den Platz in den gemeinsamen Geschichten zu verteidigen.

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