Sianne Gevatter studiert Montage an der Filmuniversität Babelsberg. Für „Nacht ueber Kepler 452b“ erhielt sie den „Förderpreis Schnitt“.

Beim 20. Festival für Filmschnitt und Montagekunst „Edimotion“ wurden am letzten Oktoberwochenende in Köln die besten Arbeiten des Jahres in drei Kategorien ausgezeichnet. Die Editorin Sianne Gevatter gewann für „Nacht ueber Kepler 452b“ den „Förderpreis Schnitt“. 

Sianne Gevatter, „Nacht ueber Kepler 452B“ ist ein Dokumentarfilm, aber sehr essayistisch und bewusst fragmentarisch angelegt. Man merkt, dass es seitens der Regie und auch für die Kameraarbeit mit den indirekten Aufnahmen der Obdachlosen ein klares Konzept vorab gab. Inwieweit warst Du als Editorin schon vorab eingebunden und Teil der konzeptionellen Ebene vor dem Dreh?

Der essayistische Aufbau und die Konzeption eines „Rauschs durch die Nacht“ war schon vorab klar und auch einer der Gründe, aus denen ich mich entschieden habe, den Film zu schneiden – weil ich das sehr interessant finde und sehr gerne mag so zu arbeiten. Aber natürlich hat sich vieles nach dem Dreh anhand des Materials  noch einmal stark verändert. Aber das Konzept von dem Rausch der Nacht, die Einbindung der Zuschauer als wären sie selbst dabei, das ist geblieben. Und auch, die Menschen als Menschen darzustellen und auch im Schnitt niemals jemanden auszustellen, das ist auch geblieben.

Welches Material hattest Du zur Verfügung?

Es gab gedrehtes Material aus verschiedenen Nächten auf Tour mit dem Kältebus – von den Busfahrern, aber auch die verdeckten Aufnahmen, etwa das im Rückspiegel gedrehte Material. Dann gab es getrennt davon noch verschiedene gedrehte Interviews mit den obdachlosen Protagonisten und auch noch bis zu jeweils zwei Stunden Audiointerviews mit ihnen ohne Bild. Dazu noch die „Wischbilder“, also Übergangsbilder der nächtlichen Großstadtlichter.

Du hast neben der Metaerzählung rund um „Kepler 452B“ als mögliche Parallelwelt, die vor allem in Audioschnipseln als Radioberichterstattung präsent ist, drei ganz konkrete Ebenen miteinander verwoben, die als Säulen den Film tragen: Die Welt der Fahrer des Kältebus’, die Welt der Obdachlosen und die eingehenden Anrufe, in denen „besorgte Bürger“ sich melden. Wie hast Du aus diesen Ebenen und Fragmenten die Narration des Films destilliert, szenische Momente gebaut?

Da eine gute Balance zu finden ist tatsächlich sehr schwer gewesen. Zu entscheiden, wann man welche Säule erzählt, wie man den Wechsel gestaltet oder eine Kombination schafft, war eine echte Herausforderung. Ich habe dann irgendwann einfach mal geguckt, was es im Material gibt, zunehmend auch auf Protagonisten verzichtet, dann szenische Momente zu den verbleibenden gesucht. Oft war früh klar, welche Szenen uns wichtig sind, manchmal auch eine spezielle Kombination mit einem Anruf – etwa der Anruf, in dem das Wort „Penner“ verwendet wird und die Szene, in dem „nicht weinen“ im Dialog des Busfahrers mit dem Obdachlosen fällt. Die Fahrtsequenzen waren früher  fertig, die Anrufer haben wir dann gegen Ende gezielt platziert. Über die Zeit hat sich durch das wiederholte gemeinsame Sehen alles zu einem Ganzen gefügt.  Wir haben aber insgesamt noch sehr oft Anfang und Ende verändert. 

Wenn man das jetzige Ende sieht, wirkt das ideal, die Busfahrer am Ende der Nacht bei einer Zigarettenpause, das Morgengrauen dazu – das wirkt eigentlich, als hätte das schon auf der Konzeptebene, die ja die eine Nacht als Ablauf vorsah, so angelegt worden sein können. Was hat es denn noch für Alternativen gegeben, gegen die Ihr Euch dann entschieden habt?

Es gab mehrere Bilder von Pausen, zum Beispiel auch eine Fahrt auf ein Parkdeck hoch, auf dem dann die Pause stattfindet. Da war uns aber letztlich noch zu viel Leben drin. Die absolute Stille am Ende dieses Films, war uns einfach wichtig. Auch, damit die Zuschauer das noch mal auf sich wirken lassen können, reflektieren können, was sie gerade gesehen haben. Und dass man diese Stille trotzdem mit den Protagonisten zusammen erleben kann.

Du studierst an der Filmuniversität Babelsberg Montage und hast schon ganz früh erste Sachen geschnitten, oder?

Das stimmt, ich hab schon mit 13 Jahren erste Dinge zusammengeschnitten, noch mit Sony „Vegas“ oder „Movie Maker“, verschiedene Serien oder Filme zu kleinen Trailern geschnitten. Ich war fasziniert davon, wie viel Emotion man nur durch den Schnitt in Dinge reinpacken kann. Und wie sich vorgefertigte Filme verändern, wenn man sie ganz anders schneidet. Auch jetzt genieße ich das sehr: Man kann als Editorin ein bisschen Gott spielen, Zeit gestalten, Gefühl gestalten. Aber ich habe dieses Jahr auch gemerkt, dass ich Regie machen möchte – ich hatte mir das bisher nicht zugetraut. Zehn Jahre hab ich gebraucht, zu verstehen, dass ich das auch machen möchte: Beim Langfilm eher in Entwicklerrichtung zu arbeiten, ein Drehbuch selbst zu schreiben und zu inszenieren. Schneiden werde ich natürlich auch weiterhin.

 

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