Schnitt-Preis Dokumentarfilm: Bettina Böhler

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Zwei Filme hatte Bettina Böhler in den 1990er-Jahren für Christoph Schlingensief geschnitten. Für ihre erste eigene Regiearbeit verdichtete sie Interviews, Filmszenen, Footage und frühe Super-8-Filme zu zwei Filmstunden. | Foto © Juliane Guder/Edimotion

Beim Festival für Filmschnitt und Montagekunst „Edimotion“ wurden vorige Woche in Köln die besten Arbeiten des Jahres in drei Kategorien ausgezeichnet. Der „Schnitt-Preis“ für die beste Dokumentarfilmarbeit ging an Bettina Böhler: „Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien“ erinnert an den Regisseur und  Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der vor elf Jahren  verstarb.

Du hast mit „Terror 2000“ und „Die 120 Tage von Bottrop“ selbst zwei Schlingensief-Filme montiert und ihn dadurch auch im Miteinander des Schneideraums gut gekannt. Wie sehr hast Du bei dem Film über ihn und seine Kunst, zehn Jahre nach seinem Tod, versucht, dem gerecht zu werden, was er möglicherweise gewollt hätte? Und wie sehr war es vielleicht auch notwendig, sich davon zu emanzipieren, eine eigene Stimme zu finden?

Beide Zusammenarbeiten mit Christoph Schlingensief liegen ja schon weit über zwanzig Jahre zurück. Aber trotzdem haben die Filme und die Begegnung mit Christoph mein Nachdenken über Film und politische Kunst im Allgemeinen sehr beeinflusst. Schon damals habe ich diesen Mut und die Energie bewundert. Und ich habe auch intuitiv seinen Stil und das, was ihn angetrieben hat, verstanden, obwohl die Drastik und Extremität auch für mich gewöhnungsbedürftig waren. Die Unbedingtheit der Assoziation war für mich ein Leitfaden bei meiner Montagearbeit. Ich habe natürlich sehr, sehr viele seiner außerordentlich unterschiedlichen Werke angeschaut. Und bei jedem Werk, sei es Film, Theater, Oper, Talkformat oder politische Aktion, ging es nie in erster Linie um die Erzählung, sondern um das, was hinter der Erzählung ist, beziehungsweise was sie bewirkt. Und trotzdem wollte ich sein Leben und Werk zu einer eigenen Erzählung machen. Einer Erzählung, der man folgen kann, auch wenn man noch nie von ihm als Künstler gehört hatte. Ich habe mich also über ein gewisses „Chaos“, das ihm wohl mehr entsprochen hätte, zugunsten der Nachvollziehbarkeit seiner künstlerischen Persönlichkeit hinweggesetzt.

Es gab ja sehr unterschiedliche und vor allem unendlich reichhaltige Materialquellen – die Filme und aufgezeichneten Theaterarbeiten von Schlingensief selbst, Making-ofs, Berichterstattung und Talk Show-Auftritte und nicht zuletzt großartige Familienfilme aus seiner Kindheit. Wie hast Du Dich in diesem Material bewegt, aus ihm heraus den Film destilliert?

Ich habe ungefähr zwei Monate lang die verschiedenen Arbeiten gesichtet und immer sofort entschieden, welche Filme, Fernsehsendungen, Opern, Theaterinszenierungen mich emotional ansprechen und inspirieren. Wie gesagt, ich arbeite sehr intuitiv, jedes Bild, das ich sehe, sollte in mir ein Gefühl auslösen. Und ich denke, wenn ich etwas empfinde, geht es anderen vielleicht auch so … Dieses Material habe ich dann digitalisieren lassen. Bei der Berichterstattung über ihn ging es mir in erster Linie um Stationen seines Lebens, die immer mal wieder, eben auch assoziativ, eine Außensicht auf ihn spiegeln. Die Interview-Sendungen von Alexander Kluge und das sehr wichtige Gespräch mit Gregor Gysi im Deutschen Theater habe ich komplett eingeladen und daraus ein Gerüst für die Erzählung gebaut. Da Christoph die Angewohnheit hatte, in seinen Interviews genauso assoziativ zu sein wie in seinen Werken, war es eine Herausforderung, seine Erzählung so zu gestalten, dass sie trotz der Komprimierung durch die Montage seine Gedanken wiedergibt, aber für die Zuschauer verständlich sein würde. Allein die Familienfilme im Super-8-Format waren drei Stunden lang. Das war für mich eine wunderbare Quelle für emotionale Konterkarierung des Auf und Abs seines Lebens.

Das Storytelling stand für Schlingensief selbst ja eher nicht im Fokus seines Schaffens – wie hast Du für Deinen Film den roten Faden, die Kernerzählung gefunden?

Beim Sichten des Materials, aber natürlich auch durch Kenntnis seiner Arbeit, war mir schnell klar, dass der rote Faden einerseits Schlingensiefs lebenslange Auseinandersetzung mit und Abarbeitung an Deutschland sein sollte. Und andererseits, in diesem Zusammenhang, sein sehr enges und besonderes Verhältnis zu seinen Eltern und seiner Heimat Oberhausen. Das Thema Deutschland nach dem Krieg, vor und nach der Wende, ist auch für mich, im selben Jahr wie Schlingensief geboren, schon immer ein zentrales Thema gewesen. Wir beide sind Kinder einer Generation, die den Nationalsozialismus bewusst erlebt hatten und davon geprägt waren, aber zu jung waren, um Täter zu sein. Und doch waren die Schatten der Vergangenheit in den sechziger und siebziger Jahren, ja im Grunde bis heute, sehr zu spüren. Und haben auch uns geprägt. Dieses Thema war für mich der Antrieb und der Focus des Films, daraufhin habe ich die Werke und das Material über ihn untersucht. Und ich wage zu sagen, dass es auch in seinem Sinne gewesen wäre.

Wie früh im Montageprozess ist die Entscheidung gefällt worden, der Beziehung zu den Eltern so viel erzählerischen Raum zu geben?

Die Figuren der Eltern tauchen durch die Jahrzehnte in all seinen Filmen und Theaterstücken immer wieder auf. Es sticht also geradezu ins Auge, seiner Bindung, aber auch Hassliebe zu seiner Familie, diesen Raum zugeben. Das habe ich von Anfang an entschieden, zumal es ja auch dieses seltene Super-8-Material gab. Anfang der 1960er-Jahre war es schon ungewöhnlich, dass Eltern den Sohn von Geburt an filmisch dokumentiert haben. Ich glaube auch, durch dieses ständige gefilmt werden, und sich dann auch selbst sehen auf dem Material, entsteht in Kindern eine gewisse Lust an der Selbstdarstellung. Zumindest war es bei Christoph so. Dadurch ist ja auch bei ihm selbst die Faszination für das Medium Film entstanden.

Schlingensief beschreibt die Doppelbelichtung früher Familienfilme seines Vaters als eine Art Urknall für das eigene künstlerische Schaffen. Du greifst das nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch in Deiner Montage sehr gelungen auf. Gibt es weitere „direkte Einflüsse“ des Künstlers Schlingensief auf die Art, wie Du Deinen Film montiert hast? Die Montage seiner frühen Kurzfilme, die er noch selbst gemacht hat, ist ja beispielsweise auch recht auffällig …

Im Buch „Ich weiß, ich war’s“ beschreibt Schlingensief sehr plastisch dieses Erlebnis der Doppelbelichtung. Interessanterweise erzählt er das Setting einer anderen Situation, nämlich er mit seiner Mutter am Strand. Da gab es zwar Material, wo Christoph ca. drei Jahre alt war, aber ohne Doppelbelichtung. Ich habe also parallel zu seiner Erzählung die Doppelbelichtung „hergestellt“. Die originale Doppelbelichtung war ein paar Jahre später, dieses Material gibt es aber auch noch und ich habe es am Ende der Montagesequenz eingebaut. Ansonsten habe ich, wie schon beschrieben, den assoziativen Montagestil vieler seiner Werke immer wieder einfließen lassen. Dynamische Brüche und unerwartete Schreiereien inbegriffen.

„Die Dosis macht das Gift“ – Apothekersohn Schlingensief wird im Film sehr differenziert deutlich in Hintergründen und Haltungen seines „In das Schweigen hineinschreiens“. War das in der öffentlichen Wahrnehmung und Presse oft plakative Bild von ihm als „Agent Provokateur“ und „Enfant Terrible“ etwas, wogegen du angeschnitten hast oder dessen Du Dich bewusst bedient hast?

Ich hatte damals schon in der Zusammenarbeit mitbekommen, dass ihm dieses öffentliche Bild des Provokateurs nicht unbedingt gefällt bzw. er sich auch als solcher oft missverstanden fühlte. Und ich glaube auch, das hat ihn bis an sein Lebensende verfolgt, belastet und enttäuscht. Natürlich war er sich bewusst, dass er unter Umständen manchen Leuten vor den Kopf stößt, aber das stand für ihn nie im Vordergrund. Insofern habe ich auch mit meinem Film versucht, dieses Bild etwas gerade zu rücken. In seiner Erzählung lasse ich ihn darüber immer wieder reflektieren. Und ich hoffe, dass mein Film dazu beiträgt, Schlingensief als denkenden, fühlenden und empathischen Menschen wahrzunehmen, und nicht nur als „enfant terrible“.

Wir sprechen hier ja auch über das Regiedebüt einer Editorin: Seit vielen Jahrzehnten montierst Du außerordentlich erfolgreich Kinofilme – nun der Schritt in die Regie. Warum gerade bei diesem Projekt und wie hast Du Dich in der Doppelrolle gefühlt – gab es zum Beispiel auch mal die Idee, zusätzlich eigenes Material, Interviews oder ähnliches zu drehen?

Über die Jahrzehnte wurde ich immer mal wieder gefragt, ob ich denn weiterhin „nur schneiden“ möchte, oder nicht auch selber mal Regie führen wolle. Ich habe diese Frage immer verneint weil der Beruf als Editorin nun mal meine Berufung ist und ich das sehr liebe. Als die Produzenten des Films Frieder Schlaich und Irene von Alberti mit dem Angebot für einen Film über Schlingensief an mich herantraten, habe ich auch erst ein paar Tage überlegt, ob ich mir das zutraue. Aber dann habe ich mir gesagt, er war ein Regisseur, den ich sehr mochte und der, wie gesagt, auch sehr wichtig für mich war, also dachte ich, okay ich wage es für Christoph. Im Nachhinein bin ich natürlich sehr froh und dankbar über diese Erfahrung. In der Doppelrolle habe ich mich im Grunde bald wohl gefühlt, zumal mir schnell klar war, dass es durch die Fülle des Materials ein Montagefilm werden würde. Ich wusste auch gleich, dass ich kein übliches Porträt über einen toten Künstler machen möchte, bei dem Weggefährten zu Wort kommen und über ihn erzählen. Ich wollte ausschließlich ihn selbst zu Wort kommen lassen. Das riesige Archiv hatte übrigens Frieder Schlaich über viele Jahre gesammelt und aufgebaut.

Hast Du ein Gegenüber im Schneideraum vermisst? Und wird es mehr Regiearbeiten von Dir geben?

Im Schneideraum war ich wirklich allein, habe das eigentlich auch genossen. Das heißt, meine Assistentin Karen Kramatschek hat mich sehr in der ganzen Organisation des Materials unterstützt, wir hatten ja sehr unterschiedliche Formate. Da hatte ich zum Glück den Kopf frei für meine Arbeit. Für die dramaturgische Unterstützung habe ich mit der Regisseurin Angelina Maccarone gearbeitet. Das war ein wichtiges Korrektiv für das Verständnis des Ganzen, manchmal war ich dann eben auch zu nah dran. Ich bin selbst überrascht, wie gut der Film angekommen ist. Also es kann sein, dass ich mir noch mal zutrauen werde, einen eigenen Film zu machen. Ich habe da auch schon eine Idee … aber ein sehr komplexes Thema, sicher wieder was über Deutschland, was sonst? 

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