Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 1. Oktober 2020 – Teil 2.
Nicht allein „Me Too“ oder die hiesige „#Aufschrei“-Debatte mögen ein Vehikel für das Thema Gleichberechtigung in der Filmerzählung sein. Denn aktuell war dieses Thema eigentlich schon immer: Das zeigt der „Miss-World“-Wettbewerb, der in den 1970er-Jahren auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit war. Doch für Sally (Keira Knightley) und ihre besten Freundin Jo (Jessie Buckley) bedeutet das Spektakel nichts anderes als die Veranschaulichung der gegenwärtigen Frauenverachtung. Für manche Teilnehmerin (Gugu Mbatha-Raw) wiederum bedeutet der Wettbewerb nicht nur die Möglichkeit auf einen Preisgewinn, sondern auch die Chance zur Befreiung von Rassismus und Diskriminierung. Und so wurde der Wettbewerb eigentlich nie das, wozu er einst erdacht war (nämlich den gerade neu erfundenen Biniki zu bewerben). Er wurde zum Sprungbrett für weibliche Karrieren: Die Deutsche Petra Schürmann gewann 1956 neben Finninnen, Schwedinnen und anderen weißen Frauen – bis zum Jahr 1970, als erstmals Jennifer Hosten aus Grenada als Dunkelhäutige den Preis gewann. So wurde „Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution“: Die Regisseurin Philippa Lowthorpe („The Crown“) und die Drehbuchautorin Rebecca Frayn („The Lady“) hat die wahre Geschichte zu dieser auch amüsanten Filmgeschichte inspiriert.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Karolina Wrobelhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgKarolina Wrobel2020-10-01 22:09:572020-10-01 22:09:57Kino in Zeiten von Corona 28
Der ARD-Programmdirektor lobt die Produzenten: Sie hätten „einen richtig guten Job gemacht.“ Auch die Ufa sieht sich fast wieder auf Vor-Corona-Niveau. Doch noch immer wird um einen echten Ausfallfonds, der die Branche in der Krise schützen soll. Wir beginnen mit drei Nachrufen.
Michael Gwisdek ist tot. Der Schauspieler ist am Dienstag in Berlin mit 78 Jahren gestorben. Als erster deutscher männlicher Darsteller hatte er 1999 auf der Berlinale einen „Silbernen Bären“ erhalten. Seine Rolle in „Nachtgestalten“, war vergleichsweise klein, aber hatte den typischen Gwisdek-Touch.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ würdigt ihn mit einem kurzen Nachruf: Gwisdek „wurde nach der Wende zu einem der beliebtesten Schauspieler, mit seiner eleganten Präsenz überwand er alle Ossi-Wessi-Klischees, und mit seinem Air von Altersweisheit hielt er auch kitschige Figuren wie den Weizenfelder durchwandernden Großvater zuletzt in ,Traumfabrik‘ am Leben.“ Weiterlesen
Neues aus der „Man-weiß-ja-nie“-Gesellschaft: Maskenzwang, Bayern-Malus, Verbotslust und Lustverbot- Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 74.
„Das große Problem wird zunehmend in der Verfügung über die Informationen liegen, die von Automaten zu speichern sein werden, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Die Verfügung über die Information fällt immer mehr in die Zuständigkeit von Experten aller Art. … Es zeichnet sich eine Politik ab, in der der Wunsch nach Gerechtigkeit und der nach Unbekannten gleichermaßen respektiert sein werden.“
Jean-Francois Lyotard, „Das postmoderne Wissen“
Geht es euch, liebe Leser, eigentlich auch so: Dass man durch Corona wieder ein bisschen zur Zeichensprache zurückkehrt? Genau gesagt durch die Masken. Man verliert durch sie nämlich einen großen Teil seiner Ausdrucksfähigkeit; man muss in Gesprächen stärker mit den Händen sprechen, muss Emotionen, die man allein mit Augen nicht transportieren kann, sondern wozu man seinen Mund und die Grimassen und das Lachen braucht, genauso wie das Zusammenspiel zwischen Augen und Mund, man muss alles dies ersetzen durch Gesten. Es sind die Gesten der Präraffaeliten, Gesten der Kunst des Mittelalters: Zusammengefaltete Hände, oder die Hände zur Faust geballt, oder eine Hand auf dem Herzen, zusammen mit einer Verbeugung, wie sonst nur bei Japanern. Oder die offen gezeigte Hand. Eben vor allem die Hand.
Ob wir durch Corona auch zum Stummfilm zurückkehren? Das wäre mal was.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2020-09-25 18:09:092020-09-25 17:09:38Gedanken in der Pandemie 74: Das Ziel ist Verunsicherung
Alles Kino und noch mehr… in der Woche vom 24. September 2020 – Teil 1.
Gleich zwei Neuzugänge haben sich in den Arthouse-Charts platziert. Das Bio-Pic über die Schauspielerin Jean Seberg, „Jean Seberg – Against all Enemies“, ist sowohl nach Gesamtbesucherzahlen, als auch im Kopienschnitt auf Platz 1. Auf den zweiten Platz rückte Roy Aderssons lakonische Betrachtung „Über die Unendlichkeit“. Die Zahlen für „Tenet“ (immer noch Top), „After Truth“ und Co liefert „Blickpunkt Film“. Bester Neueinsteiger ist demnach die Komödie „Hello Again“, ein Film der Warner Bros., zu dem es übrigens auch keine umfassende Pressebetreuung gab.
Gute Nachrichten, wenn man denn so will, ist die Platzierung von „Wonder Woman 1984“ auf den 23. Dezember 2020, während „Soul“ von Walt Disney Studios fest auf dem 26. November 2020 stehen bleibt. Auch an dem neuen James Bond, „Keine Zeit zu sterben“, hat noch niemand gerüttelt, der 12. November 2020 bleibt. Andererseits: Sony Pictures hatte letzte Woche immerhin noch einen Film für dieses Jahr im Programm. Jetzt verabschiedet man sich aufs nächste. „Connected – Familie verbindet“ steht derzeit ohne Starttermin da. Universal wiederum hebt den Filmstart von „Candyman“ auf, ursprünglich sollte der am 15. Oktober starten. Der letzte Joseph Vilsmaier-Film, „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ mit Michael Herbig, wird von Leonine ebenfalls in den Dezember verschoben.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Elisabeth Nagyhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgElisabeth Nagy2020-09-25 17:30:592020-09-25 17:30:59Kino in Zeiten von Corona 27
Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 24. September 2020 – Teil 2.
Eine nervenaufreibende Familiengeschichte, die seit einem Urteil des Verfassungsgerichtes in Sachen Sterbehilfe auch hierzulande an Wichtigkeit gewonnen hat, ist die des dänischen Drehbuchautors Christopher Torpe und des Regisseurs Bille August aus dem Jahr 2014, die Roger Michell („Notting Hill“) für das Hollywood-Kino neu auf die Leinwand setzt: In „Blackbird – Eine Familiengeschichte“ laden Lily (Susan Sarandon) und ihr Mann Paul (Sam Neill) die erwachsenen Töchter Jennifer (Kate Winslet) und Anna (Mia Wasikowska) in jenes Landhaus am Meer ein, mit dem die Familie so viele Erinnerungen verbindet. Susan, unheilbar erkrankt, möchte ihrem Leben ein Ende setzen. Doch bevor sie das tut, verlangt sie von ihren Töchter, dass sie wieder zueinander finden. Wer hier zueinanderfindet ist ein Hochglanz-Cast, das dem Zuschauer nahezu einen theaterhaftes Erleben eines Kammerspiels beschert – und dass noch am Schluss durch einen narrativen Makel getrübt wird.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Karolina Wrobelhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgKarolina Wrobel2020-09-25 17:30:522020-09-25 17:30:52Kino in Zeiten von Corona 27
Der Bund hat seinen Ausfallfonds für Dreharbeiten gestartet, doch der schützt nur, was eh schon gefördert und irgendwie „High-End“ ist. Alle Anderen warten weiter auf die versprochene Hilfe. Und auch die Kinos fordern endlich einheitliche und praxisgerechte Regelungen.
Einen Ausfallfonds für Filme und High-End-Serien hatte die Bundesregierung schon vor Wochenangekündigt. Jetzt ist er gestartet, meldet DWDL. Der ersehnte große Wurf ist das aber noch nicht, wie auch der Artikel klarstellt: Die Hilfe ist ausschließlich für Projekte gedacht, die bereits Fördermittel des Bundes erhalten haben. Die Produzentenallianz zeigte sich in einer Stellungnahme am Freitag zufrieden mit dem Ausfallfonds des Bundes. Der reiche zwar nicht aus, doch man hoffe, dass damit „eine Signalwirkung einhergeht“ und Länder und Sender nachziehen, um auch Fernsehproduktionen abzusichern.
Entsprechendes hatten einige Länder wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen schon im Juli angekündigt, vorige Woche waren Berlin und Brandenburg nachgezogen. Noch sind das aber nur Planungen.
Auf die Lücken im Programm und die Schwierigkeiten einer umfassenden Lösung weist auch „Medienpolitik“ hin: Die TV-Sendergruppen hätten in der ersten Phase der Pandemie zwar den Produzent*innen mit der Übernahme eines Teils der zusätzlichen Kosten geholfen, doch bisher gebe es kaum Bereitschaft, mehr zu tun. Dabei gehe es doch „bei dem Ausfallfonds nicht um einen ,staatlichen Fonds‘, wie aus den Sendern immer wieder abwehrend zu hören ist, sondern um ein Hilfsangebot, dass von der Branche, die es verwertet, und den Ländern, die von Filmproduktionen wirtschaftlichen profitieren, mitgetragen wird.“
Corona und das Aufmerksamkeitsdefizit: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 73.
„No man is an Island / entire of itself“ John Donne, 1621
„Niemand ist eine Insel“ Johannes Mario Simmel, 1975
Corona, Corona, Corona – das war einmal. Die Pandemie schafft es zurzeit einfach nicht zum Alleinstellungsmerkmal in den öffentlichen Diskursen der deutschen Republik. In anderen Ländern mag sich das anders verhalten, aber uns geht es dafür einfach zu gut. Zwar sind Covid-19, die neuesten Infektionstatistiken, der Stand der Impfstoff-Forschung schon zur Nachrichtenroutine geworden, so wie irgendein Anschlag im Nahen Osten, oder ein neuer SPD-Vorsitzender.
Aber die zweite Welle ist einfach nicht da, so sehr Markus Söder das auch behauptet, so einschüchternd der jeweilige Hotspot der Woche auch wirken mag. Selbst im Partysündenpfuhl Berlin gehen die Infiziertenzahlen auch seit Ferienbeginn Ende Juni und über das Ferienende Anfang August mit seinen Rückkehrerwellen hinaus beständig zurück. Wir kaufen und tragen Masken, weil uns 0,02 Prozent der Berliner Bevölkerung gerade anstecken könnten (800 von 4 Millionen). De facto viel weniger.
Bestimmt ist das auch in Deutschland alles sehr verhältnismäßig und vorausschauend gedacht von selbstlosen Entscheidern.
Und in anderen Ländern ist es vermutlich anders und die Gefahr viel höher. Aber wir reden von Deutschland, heute zumindest.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2020-09-18 19:31:512020-09-18 19:31:51Gedanken in der Pandemie 73: „Die deutsche Seele muss schauen, dass sie etwas flexibler wird“
Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 17. September 2020 – Teil 1.
Am Dienstag dieser Woche hat die Filmförderungsanstalt (FFA) ihre Halbjahresstatistik veröffentlicht. FFA-Vorstand Peter Dinges erklärt in der Meldung allerdings: „Viele Kinobetreiberinnen und -betreiber kämpfen derzeit um ihre Existenz. Die wirklichen Auswirkungen der Pandemie auf die Kinolandschaft werden jedoch erst in den kommenden Monaten sichtbar werden.“
Die meisten Besucher hatte „Bad Boys for Life“ vom Verleih Sony Pictures, die für den Rest des Jahres derzeit nur noch einen weiteren Film im Startplaner haben. „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ von Walt Disney ist seit Mitte Dezember im Kino. Auf dem dritten Platz befindet sich „Nightlife“ von der Warner Bros. Letzterer immerhin eine deutsche Produktion unter der Regie von Simon Verhoeven. Im Downloadbereich kann man sich die Statistik herunterladen. Für das zweite Halbjahr setzt man die Hoffnung auf „Drachenreiter“, eine deutsch-belgische Produktion von Tomer Eshed, derzeit für Mitte Oktober geplant, „Jim Knopf und die Wilde 13“ von Dennis Gansel startet sogar schon in zwei Wochen bei Warner Bros. und von Studiocanal kommt am 8. Oktober die Komödie „Es ist zu deinem Besten“, Regie Marc Rothemund.
Wie Berliner Arthouse-Kinos zurzeit die Corona-Maßnahmen und damit die Zuschauerströme händeln, fasste der „Tagesspiegel“ in einer lokalen Spalte für die Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf zusammen: „Wie die Kinos der Coronakrise trotzen“.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Elisabeth Nagyhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgElisabeth Nagy2020-09-17 11:36:252020-09-17 12:32:15Kino in Zeiten von Corona 26
Kino in Zeiten von Corona 28
Karolina Wrobel, Unsere Gäste„Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution“ | Foto © Entertainment One Germany
Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 1. Oktober 2020 – Teil 2.
Nicht allein „Me Too“ oder die hiesige „#Aufschrei“-Debatte mögen ein Vehikel für das Thema Gleichberechtigung in der Filmerzählung sein. Denn aktuell war dieses Thema eigentlich schon immer: Das zeigt der „Miss-World“-Wettbewerb, der in den 1970er-Jahren auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit war. Doch für Sally (Keira Knightley) und ihre besten Freundin Jo (Jessie Buckley) bedeutet das Spektakel nichts anderes als die Veranschaulichung der gegenwärtigen Frauenverachtung. Für manche Teilnehmerin (Gugu Mbatha-Raw) wiederum bedeutet der Wettbewerb nicht nur die Möglichkeit auf einen Preisgewinn, sondern auch die Chance zur Befreiung von Rassismus und Diskriminierung. Und so wurde der Wettbewerb eigentlich nie das, wozu er einst erdacht war (nämlich den gerade neu erfundenen Biniki zu bewerben). Er wurde zum Sprungbrett für weibliche Karrieren: Die Deutsche Petra Schürmann gewann 1956 neben Finninnen, Schwedinnen und anderen weißen Frauen – bis zum Jahr 1970, als erstmals Jennifer Hosten aus Grenada als Dunkelhäutige den Preis gewann. So wurde „Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution“: Die Regisseurin Philippa Lowthorpe („The Crown“) und die Drehbuchautorin Rebecca Frayn („The Lady“) hat die wahre Geschichte zu dieser auch amüsanten Filmgeschichte inspiriert.
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Corona: Brancheninfo 77
out takes, Peter HartigMichael Gwisdek war ein „Experte für gebrochen würdevolle Figuren“, meint die „Taz“. Zum Beispiel in „Oh Boy“. Am Dienstag ist der Schauspieler mit 78 Jahren gestorben. | Foto © Tobis, Julia Terjung
Der ARD-Programmdirektor lobt die Produzenten: Sie hätten „einen richtig guten Job gemacht.“ Auch die Ufa sieht sich fast wieder auf Vor-Corona-Niveau. Doch noch immer wird um einen echten Ausfallfonds, der die Branche in der Krise schützen soll. Wir beginnen mit drei Nachrufen.
Michael Gwisdek ist tot. Der Schauspieler ist am Dienstag in Berlin mit 78 Jahren gestorben. Als erster deutscher männlicher Darsteller hatte er 1999 auf der Berlinale einen „Silbernen Bären“ erhalten. Seine Rolle in „Nachtgestalten“, war vergleichsweise klein, aber hatte den typischen Gwisdek-Touch.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ würdigt ihn mit einem kurzen Nachruf: Gwisdek „wurde nach der Wende zu einem der beliebtesten Schauspieler, mit seiner eleganten Präsenz überwand er alle Ossi-Wessi-Klischees, und mit seinem Air von Altersweisheit hielt er auch kitschige Figuren wie den Weizenfelder durchwandernden Großvater zuletzt in ,Traumfabrik‘ am Leben.“
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Gedanken in der Pandemie 74: Das Ziel ist Verunsicherung
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeManche denken bei den Maßnahmen gegen die Pandemie gleich an „1984“. | Foto © Archiv
Neues aus der „Man-weiß-ja-nie“-Gesellschaft: Maskenzwang, Bayern-Malus, Verbotslust und Lustverbot- Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 74.
„Das große Problem wird zunehmend in der Verfügung über die Informationen liegen, die von Automaten zu speichern sein werden, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Die Verfügung über die Information fällt immer mehr in die Zuständigkeit von Experten aller Art. … Es zeichnet sich eine Politik ab, in der der Wunsch nach Gerechtigkeit und der nach Unbekannten gleichermaßen respektiert sein werden.“
Jean-Francois Lyotard, „Das postmoderne Wissen“
Geht es euch, liebe Leser, eigentlich auch so: Dass man durch Corona wieder ein bisschen zur Zeichensprache zurückkehrt? Genau gesagt durch die Masken. Man verliert durch sie nämlich einen großen Teil seiner Ausdrucksfähigkeit; man muss in Gesprächen stärker mit den Händen sprechen, muss Emotionen, die man allein mit Augen nicht transportieren kann, sondern wozu man seinen Mund und die Grimassen und das Lachen braucht, genauso wie das Zusammenspiel zwischen Augen und Mund, man muss alles dies ersetzen durch Gesten. Es sind die Gesten der Präraffaeliten, Gesten der Kunst des Mittelalters: Zusammengefaltete Hände, oder die Hände zur Faust geballt, oder eine Hand auf dem Herzen, zusammen mit einer Verbeugung, wie sonst nur bei Japanern. Oder die offen gezeigte Hand. Eben vor allem die Hand.
Ob wir durch Corona auch zum Stummfilm zurückkehren? Das wäre mal was.
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Kino in Zeiten von Corona 27
Elisabeth Nagy, Unsere Gäste„Persischstunden“ | Foto © Alamode
Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 24. September 2020 – Teil 1.
Gleich zwei Neuzugänge haben sich in den Arthouse-Charts platziert. Das Bio-Pic über die Schauspielerin Jean Seberg, „Jean Seberg – Against all Enemies“, ist sowohl nach Gesamtbesucherzahlen, als auch im Kopienschnitt auf Platz 1. Auf den zweiten Platz rückte Roy Aderssons lakonische Betrachtung „Über die Unendlichkeit“. Die Zahlen für „Tenet“ (immer noch Top), „After Truth“ und Co liefert „Blickpunkt Film“. Bester Neueinsteiger ist demnach die Komödie „Hello Again“, ein Film der Warner Bros., zu dem es übrigens auch keine umfassende Pressebetreuung gab.
Gute Nachrichten, wenn man denn so will, ist die Platzierung von „Wonder Woman 1984“ auf den 23. Dezember 2020, während „Soul“ von Walt Disney Studios fest auf dem 26. November 2020 stehen bleibt. Auch an dem neuen James Bond, „Keine Zeit zu sterben“, hat noch niemand gerüttelt, der 12. November 2020 bleibt. Andererseits: Sony Pictures hatte letzte Woche immerhin noch einen Film für dieses Jahr im Programm. Jetzt verabschiedet man sich aufs nächste. „Connected – Familie verbindet“ steht derzeit ohne Starttermin da. Universal wiederum hebt den Filmstart von „Candyman“ auf, ursprünglich sollte der am 15. Oktober starten. Der letzte Joseph Vilsmaier-Film, „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ mit Michael Herbig, wird von Leonine ebenfalls in den Dezember verschoben.
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Kino in Zeiten von Corona 27
Karolina Wrobel, Unsere Gäste„Blackbird – Eine Familiengeschichte“ | Foto © Leonine
Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 24. September 2020 – Teil 2.
Eine nervenaufreibende Familiengeschichte, die seit einem Urteil des Verfassungsgerichtes in Sachen Sterbehilfe auch hierzulande an Wichtigkeit gewonnen hat, ist die des dänischen Drehbuchautors Christopher Torpe und des Regisseurs Bille August aus dem Jahr 2014, die Roger Michell („Notting Hill“) für das Hollywood-Kino neu auf die Leinwand setzt: In „Blackbird – Eine Familiengeschichte“ laden Lily (Susan Sarandon) und ihr Mann Paul (Sam Neill) die erwachsenen Töchter Jennifer (Kate Winslet) und Anna (Mia Wasikowska) in jenes Landhaus am Meer ein, mit dem die Familie so viele Erinnerungen verbindet. Susan, unheilbar erkrankt, möchte ihrem Leben ein Ende setzen. Doch bevor sie das tut, verlangt sie von ihren Töchter, dass sie wieder zueinander finden. Wer hier zueinanderfindet ist ein Hochglanz-Cast, das dem Zuschauer nahezu einen theaterhaftes Erleben eines Kammerspiels beschert – und dass noch am Schluss durch einen narrativen Makel getrübt wird.
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Corona: Brancheninfo 76
out takes, Peter HartigEin „Trauerspiel“ seien die Abstandsregeln in den Kinos, meint Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino. Auf der Filmkunstmesse Leipzig forderte sein Verband diese Woche einheitliche Regelungen, mit denen sich vernünftig arbeiten läßt. | Foto © AG Kino, Rainer Justen
Der Bund hat seinen Ausfallfonds für Dreharbeiten gestartet, doch der schützt nur, was eh schon gefördert und irgendwie „High-End“ ist. Alle Anderen warten weiter auf die versprochene Hilfe. Und auch die Kinos fordern endlich einheitliche und praxisgerechte Regelungen.
Einen Ausfallfonds für Filme und High-End-Serien hatte die Bundesregierung schon vor Wochen angekündigt. Jetzt ist er gestartet, meldet DWDL. Der ersehnte große Wurf ist das aber noch nicht, wie auch der Artikel klarstellt: Die Hilfe ist ausschließlich für Projekte gedacht, die bereits Fördermittel des Bundes erhalten haben.
Die Produzentenallianz zeigte sich in einer Stellungnahme am Freitag zufrieden mit dem Ausfallfonds des Bundes. Der reiche zwar nicht aus, doch man hoffe, dass damit „eine Signalwirkung einhergeht“ und Länder und Sender nachziehen, um auch Fernsehproduktionen abzusichern.
Entsprechendes hatten einige Länder wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen schon im Juli angekündigt, vorige Woche waren Berlin und Brandenburg nachgezogen. Noch sind das aber nur Planungen.
Auf die Lücken im Programm und die Schwierigkeiten einer umfassenden Lösung weist auch „Medienpolitik“ hin: Die TV-Sendergruppen hätten in der ersten Phase der Pandemie zwar den Produzent*innen mit der Übernahme eines Teils der zusätzlichen Kosten geholfen, doch bisher gebe es kaum Bereitschaft, mehr zu tun. Dabei gehe es doch „bei dem Ausfallfonds nicht um einen ,staatlichen Fonds‘, wie aus den Sendern immer wieder abwehrend zu hören ist, sondern um ein Hilfsangebot, dass von der Branche, die es verwertet, und den Ländern, die von Filmproduktionen wirtschaftlichen profitieren, mitgetragen wird.“
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Gedanken in der Pandemie 73: „Die deutsche Seele muss schauen, dass sie etwas flexibler wird“
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeCorona ist nicht mehr das einzige Thema, die Talk-Shows kommen nicht mehr hinterher. „Maischberger. Die Woche“ riss vieles an, dachte aber nichts zuende. | Foto © ARD
Corona und das Aufmerksamkeitsdefizit: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 73.
„No man is an Island / entire of itself“
John Donne, 1621
„Niemand ist eine Insel“
Johannes Mario Simmel, 1975
Corona, Corona, Corona – das war einmal. Die Pandemie schafft es zurzeit einfach nicht zum Alleinstellungsmerkmal in den öffentlichen Diskursen der deutschen Republik. In anderen Ländern mag sich das anders verhalten, aber uns geht es dafür einfach zu gut. Zwar sind Covid-19, die neuesten Infektionstatistiken, der Stand der Impfstoff-Forschung schon zur Nachrichtenroutine geworden, so wie irgendein Anschlag im Nahen Osten, oder ein neuer SPD-Vorsitzender.
Aber die zweite Welle ist einfach nicht da, so sehr Markus Söder das auch behauptet, so einschüchternd der jeweilige Hotspot der Woche auch wirken mag. Selbst im Partysündenpfuhl Berlin gehen die Infiziertenzahlen auch seit Ferienbeginn Ende Juni und über das Ferienende Anfang August mit seinen Rückkehrerwellen hinaus beständig zurück. Wir kaufen und tragen Masken, weil uns 0,02 Prozent der Berliner Bevölkerung gerade anstecken könnten (800 von 4 Millionen). De facto viel weniger.
Bestimmt ist das auch in Deutschland alles sehr verhältnismäßig und vorausschauend gedacht von selbstlosen Entscheidern.
Und in anderen Ländern ist es vermutlich anders und die Gefahr viel höher. Aber wir reden von Deutschland, heute zumindest.
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Kino in Zeiten von Corona 26
Elisabeth Nagy, Unsere Gäste„Jean Seberg – Against all Enemies“. | Foto © Prokino/Studiocanal
Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 17. September 2020 – Teil 1.
Am Dienstag dieser Woche hat die Filmförderungsanstalt (FFA) ihre Halbjahresstatistik veröffentlicht. FFA-Vorstand Peter Dinges erklärt in der Meldung allerdings: „Viele Kinobetreiberinnen und -betreiber kämpfen derzeit um ihre Existenz. Die wirklichen Auswirkungen der Pandemie auf die Kinolandschaft werden jedoch erst in den kommenden Monaten sichtbar werden.“
Die meisten Besucher hatte „Bad Boys for Life“ vom Verleih Sony Pictures, die für den Rest des Jahres derzeit nur noch einen weiteren Film im Startplaner haben. „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ von Walt Disney ist seit Mitte Dezember im Kino. Auf dem dritten Platz befindet sich „Nightlife“ von der Warner Bros. Letzterer immerhin eine deutsche Produktion unter der Regie von Simon Verhoeven. Im Downloadbereich kann man sich die Statistik herunterladen. Für das zweite Halbjahr setzt man die Hoffnung auf „Drachenreiter“, eine deutsch-belgische Produktion von Tomer Eshed, derzeit für Mitte Oktober geplant, „Jim Knopf und die Wilde 13“ von Dennis Gansel startet sogar schon in zwei Wochen bei Warner Bros. und von Studiocanal kommt am 8. Oktober die Komödie „Es ist zu deinem Besten“, Regie Marc Rothemund.
Wie Berliner Arthouse-Kinos zurzeit die Corona-Maßnahmen und damit die Zuschauerströme händeln, fasste der „Tagesspiegel“ in einer lokalen Spalte für die Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf zusammen: „Wie die Kinos der Coronakrise trotzen“.
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