„Jean Seberg – Against all Enemies“. | Foto © Prokino/Studiocanal

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 17. September 2020 – Teil 1.

Am Dienstag dieser Woche hat die Filmförderungsanstalt (FFA) ihre Halbjahresstatistik veröffentlicht. FFA-Vorstand Peter Dinges erklärt in der Meldung allerdings: „Viele Kinobetreiberinnen und -betreiber kämpfen derzeit um ihre Existenz. Die wirklichen Auswirkungen der Pandemie auf die Kinolandschaft werden jedoch erst in den kommenden Monaten sichtbar werden.“

Die meisten Besucher hatte „Bad Boys for Life“ vom Verleih Sony Pictures, die für den Rest des Jahres derzeit nur noch einen weiteren Film im Startplaner haben. „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ von Walt Disney ist seit Mitte Dezember im Kino. Auf dem dritten Platz befindet sich „Nightlife“ von der Warner Bros. Letzterer immerhin eine deutsche Produktion unter der Regie von Simon Verhoeven. Im Downloadbereich kann man sich die Statistik herunterladen. Für das zweite Halbjahr setzt man die Hoffnung auf „Drachenreiter“, eine deutsch-belgische Produktion von Tomer Eshed, derzeit für Mitte Oktober geplant, „Jim Knopf und die Wilde 13“ von Dennis Gansel startet sogar schon in zwei Wochen bei Warner Bros. und von Studiocanal kommt am 8. Oktober die Komödie „Es ist zu deinem Besten“, Regie Marc Rothemund.

Wie Berliner Arthouse-Kinos zurzeit die Corona-Maßnahmen und damit die Zuschauerströme händeln, fasste der „Tagesspiegel“ in einer lokalen Spalte für die Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf zusammen: „Wie die Kinos der Coronakrise trotzen“.

Die großen Blockbuster, die vom amerikanischen Markt zu uns kommen, liegen derweil in der Warteschleife. „Wonder Woman 1984“, auf den man im Oktober hoffte, wurde in den USA verschoben. Das Branchenportal „Deadline“ berichtete [auf Englisch]. Zurzeit wird ein Termin um Weihnachten herum anvisiert. Der deutsche Filmstart wird dem angepasst werden. Und auch „Black Widow“ könnte verschoben werden. „Variety“ berichtet [auf Englisch] und mutmaßt. Eins ist sicher: In den USA ist Normalität noch Zukunftsmusik. Damit es besser wird, gibt es übrigens auch eine Kampagne, die fürs Maskentragen wirbt. Initiiert hat das Governor Andrew M. Cuomo mit dem Hashtag „Mask up America“. Via einem Artikel im „Guardian“ [auf Englisch] kann ich den witzigen Aufruf des Schauspielers Paul Rudd verlinken.

Die aktuellen Arthouse-Charts gibt es bei Programmkino.de. Aus der letzten Woche stammen die Komödien „Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat“ und „Kiss Me Kosher“. Nach Gesamtbesucherzahlen rückten die Titel auf Platz 2 und 3 auf. Nur das polnische Drama „Corpus Christi“ bleibt an der Spitze. Im Kopienschnitt steht „Berlin Alexanderplatz“ in der Top-Position, Burhan Qurbanis Döblin-Verfilmung ist jetzt seit neun Wochen im Kino. Auch bei mir in der Straße wird der Film gespielt und letzte Woche erst sah ich zwei Jungs, die schätzungsweise 13 waren, voll Interesse vor dem Plakat stehen. Nur gut, dass der Film ab 12 Jahren freigegeben ist.

Wer jetzt denkt, ein Déjà-vu zu erleben, liegt gar nicht so falsch. Zwei Filme, die diese Woche starten, sollten bereits im März ins Kino kommen und wir hatten die zwei Titel, das ist einmal eine Dokumentation über eine Spionin im Zweiten Weltkrieg und der neue Roy Andersson, auch schon entsprechend vorgestellt. Lang ist es her.

 

Nach „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ sinniert also Roy Andersson „Über die Unendlichkeit“. Dabei erzählt er etwas über den Krieg und den Tod und über andere Schicksalsschläge. Wir werden vor der Leinwand Zeugen, wie zwei schwebende Gestalten sich in den Armen halten und mit den Wolken über das vom Krieg zerstörte Köln hinweg schweben. Ein Priester fällt vom Glauben ab und in Albträume hinein, Menschen durchleben Banalitäten und entdecken im Schnee das Wundervolle. Das sind kurze, auf das Notwendigste reduzierte Sketche, die sich lose aneinanderreihen. Das Publikum muss die Stücke selbst zusammenfügen und etwas für sich mitnehmen. Der Verleih wagt den Vergleich mit einem Kaleidoskop. Das ist hübsch. Andersson bleibt seinem Stil treu. Nur eine Erzählstimme ist neu in seinem Repertoire. Die Idee kam ihm, heißt es, nachdem er die Geschichten von Tausendundeiner Nacht wiederentdeckt hatte. In Venedig gewann das Werk, das in Zusammenarbeit mit Essential Film, dem ZDF und Arte entstand, den silbernen Regie-„Löwen“, und beim „Europäischen Filmpreisen“ wurde das VFX-Team ausgezeichnet. Den verschobenen Kinostart macht allemal wett, dass es nun in ausgewählten Kinos eine Kurzfilmrolle geben wird. Dafür wurde eigens ein Wettbewerb als Hommage an den Regisseur ausgelobt.

 

Jean Seberg ist wohl am bekanntesten in ihrer Rolle in Jean-Luc Godards „Außer Atem“ von 1960. Neben Jean-Paul Belmondo spielt sie eine amerikanische Studentin in Paris. Wer den Film gerne mal wieder im Kino sehen möchte, braucht nur bis Ende Oktober warten. Der Verleih Studiocanal plant eine Wiederaufführung. „Seberg“ sollte ursprünglich im März bei uns im Kino landen. Bei Prokino, das ja inzwischen auch im Vertrieb von Studiocanal ist. Eine Zeit lang sah es so aus, als würde der Titel gleich ganz auf DVD und VOD veröffentlicht. Nun also doch große Leinwand: „Jean Seberg – Against all Enemies“, ein sogenanntes Bio-Pic, konzentriert sich auf die Jahre 1968 bis 1971 ihrer Vita. Jean Seberg, gespielt von Kristen Stewart, kehrt von Frankreich in die Staaten zurück, um dort in einem Western-Musical mitzuspielen. Privat ist sie bestrebt, die Welt zu verbessern, wenn schon nicht mit Filmen, dann mit Geld. Als sie den Bürgerrechtsaktivisten Hakim Jamal kennenlernt, gerät sie ins Visier des FBI, das prompt seine illegalen Überwachungsmethoden auf sie anwendet.
Das Buch von Anna Waterhouse und Joe Shrapnel rückt den Abhörtechniker Jack (Jack O’Connell) in die zweite Hauptrolle. Das ist eigentlich schade, denn auch im Film betrachten wir die Schauspielerin nun mit seinen Augen, statt die Ereignisse aus ihrer Perspektive zu erleben. Der FBI-Agent erkennt, dass das Programm zu weit geht und bekommt Gewissensbisse. Das hört sich fast wie „Das Leben der Anderen“ an, und das ist kein Kompliment. Während Kristen Stewarts Spiel Zuspruch und auch Rachel Morrisons Kameraarbeit Aufmerksamkeit erhielt, konnte der Thriller als solcher in Amerika nicht überzeugen.

 

Sperrig, herausfordernd, roh, rotzig – für „Nackte Tiere“ muss man sich schon entscheiden. Fünf Jugendliche stehen in Melanie Waeldes Langspielfilmdebüt im Mittelpunkt. Noch gehen sie zur Schule, bald aber nicht mehr. Das Leben verspricht ihnen gar nichts und sie müssen für sich herausfinden, ob sie dort bleiben sollen, wo sie aufgewachsen sind, oder ob sie die Zeit ihrer Jugend auch räumlich verlassen. Das ist mit Schmerzen verbunden. „Nackte Tiere“ tut gewissermaßen weh. Die Jugendlichen sind eine Clique, sie teilen etwas, aber sicherlich nicht den Rest des Lebens. Äußerlich herrscht Gewalt, Schmerzen, Rohheit. Die Zärtlichkeit schließt das nicht aus. Aus Verletzungen machen sie kein Drama. Sich zu prügeln scheint die gängige Kommunikation zu sein. Was weh tut, ist. Und die Generation der Eltern ist etwas anderes. Melanie Waelde, Absolventin der DFFB, gibt dem Publikum nicht viel mit. Das Bild ist auf ein 5-zu-6-Format beschränkt, die Kamera nahe an den Körpern dran. Körperlichkeit beherrscht die Handlung, ein Wieso und Warum bleibt außen vor. Coming-of-Age sagt man so leicht dahin. Diesen Figuren ist das nicht schnuppe, aber sehr wohl, ob wir verstehen, was sie beschäftigt. Entweder wir spüren es, oder dann ist es auch egal. Marie Tragousti (Katja), Sammy Scheuritzel (Sascha), Michelangelo Fortuzzi (Benni), Luna Schaller (Laila) und Paul Michael Stiehler (Schöller) sind unverbrauchte Gesichter, die ihre Rollen überzeugend und intensiv ausfüllen. „Nackte Tiere“ muss man wohl tief im Bauch spüren. 2019 gewannen Waelde und die Produktionsfirma Czar Film den „European Work in Progress Zoom Medienfabrik Award“, dieses Jahr lief der Film im neuen Wettbewerb der Berlinale, der Sektion Encounters. Dort gab es auch eine lobende Erwähnung beim „GWFF-Preis“ für den besten Erstlingsfilm.

 

Das witzigste Plakat seit langem ist das zu „Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“. Marthe Cohn war im März noch rüstige 99 Jahre alt, als der Film ursprünglich in die Kinos gekommen wäre. Jetzt hat sie inzwischen die 100 voll. Schelmisch streckt sie uns die Zunge auf dem Poster raus. Chichinette bedeutet übrigens „kleine Nervensäge“. Wie sie zu dem Spitznamen kam? Der Film hält viele Anekdoten bereit. Dabei, hätte Spielbergs Shoah Foundation nicht einst nach Zeitzeugen gesucht, Marthe Cohn wäre in Vergessenheit geraten. Unmittelbar nach dem Krieg, also 1945, interessierte sich niemand für Kriegsgeschichten. Und dann eine ganze Zeit lang nicht. Marthe, geboren 1920, wurde von der französischen Armee, obwohl sie Jüdin war, nach Deutschland eingeschleust. Weil sie Deutsch sprach. Sie riskierte alles, um Informationen zu übermitteln, die den Krieg verkürzen können. Darüber sprach die Überlebende 60 Jahre lang nicht. Die Regisseurin und Kamerafrau Nicola Alice Hens begleitete die immer noch Rüstige auf ihren Reisen, die sie kontinuierlich absolviert, seitdem ihre Geschichte bekannt geworden ist. Begegnungen sind Marthe Cohns Anliegen um anderen ein Beispiel zu geben, stets auf sein Gewissen zu hören.

 

In Spielfilmen kommen Wölfe in der Regel nicht gut weg. Das war schon in Märchen nicht anders, man denke an das „Rotkäppchen“. Das Bild, was von dem Tier vermittelt wird, wirkt nach. Der Wolf bedient die Ängste der Menschen. Dabei meidet der Wolf den Menschen. Wenn es nach den Wölfen geht. Thomas Horat erzählt von der „Rückkehr der Wölfe“, nachdem das Tier in unseren Breiten lange Zeit als ausgerottet galt. Er beschränkt sich nicht auf die Schweizer Heimat, sondern reist bis nach Bulgarien, Polen, ja sogar in die USA. In Bulgarien erzählt man ihm, dass als die Nutztiere verstaatlicht wurden und man nur noch wenige Tiere behalten durfte, da wirkte sich das sehr wohl Existenz gefährdend aus, wenn ein Wolf eines der Tiere riß. Schweizer Schafhalter sind ob der Rückkehr vorsichtig bis verstimmt. Andere sagen, auch der Wolf muss leben. Zu Wort kommen hier Fürsprecher und Mahner. Dadurch erstand eine sehr informative Dokumentation, die unaufgeregt und beharrlich von dem Wesen des Wolfes und dem Verhältnis zwischen Mensch und Wolf erzählt, ohne für oder gegen Stellung zu beziehen. Horat befragte Biologen, Verhaltensforscher und Naturführer. Die Aufnahmen von den Wölfen stammen dabei von Tobias Bürger, Ezio Giuliano, Stephan Kaasche und Lennert Piltz.

 

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