Der Fortschritt kommt in ganz, ganz kleinen Schritten. Bei den Verhandlungen um einen neuen Tarifvertrag standen die Arbeitszeiten im Mittelpunkt. Mehr Geld gibt’s erst im nächsten Jahr. Vielleicht.
Fünf Monate hatten sie verhandelt, diese Woche haben sich die Produzentenallianz und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) auf einen neuen Tarifvertrag für „auf Produktionsdauer beschäftigte Film- und Fernsehschaffende“ (TV-FFS) geeinigt. Am 1. September soll er in Kraft treten. „Blickpunkt Film“ hat die Ergebnisse zusammengefasst.
Von einem „Kompromisspaket“ und „gutem Abschluss“ spricht die Produzentenallianz, Verdi von „Fortschritten“. Auch wenn gleich darauf „bessere Arbeitszeitregelungen, längere Ruhezeiten sowie neue und höhere Zuschläge bei Wochenendarbeit“ aufgezählt werden – so richtig freudig klingt das nicht.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2021-05-06 22:57:362021-05-08 16:26:36Tarif ohne Biss
Die Debatte um die Aktion #allesdichtmachen geht weiter und wird immer vielfältiger. „Der Tagesspiegel“ präsentiert eine eigene Verschwörungstheorie. Jan Josef Liefers steht zu seiner Medienkritik,und Medienkritik übt auch die Wissenschaft. Und aus dem „Maschinenraum der Kulturarbeit“ erklärt ein Kollege, warum die Aktion nur geschadet hat. Wir führen durch die neuen Beiträge.
Verschwörungstheorie ist zurzeit ein schwieriger Begriff, den wir darum nicht leichtfertig verwenden. Doch „Der Tagesspiegel“ hat tatsächlich eine und sieht ein „antidemokratisches Netzwerk hinter #allesdichtmachen.“ Schon vorige Woche hatte die Zeitung nach den Hintergründen der Aktion recherchiert und, wie etliche andere auch, den Regisseur Dietrich Brüggemann als kreativen Kopf hinter der Aktion vermutet. Mit dem Recherchenetzwerk Antischwurbler hat die Zeitung weitergesucht und korrigierte sich gestern: Allmählich entstehe nämlich ein „viel komplexeres Bild der Entstehungsgeschichte“ – „#allesdichtmachen kam nicht aus heiterem Himmel“. Weiterlesen
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2021-05-03 23:54:072021-05-04 04:04:32#allesdichtmachen, Folge 3: Von Drahtziehern und Medienkritik
Demokratie und Pressefreiheit: Wo bleiben die semiotischen Explosionen? Wie frei sind die deutschen Medien? Und wie funktionieren eigentlich Debatten? – Gedanken in der Pandemie 115.
„Nur das Schweigen spricht verständlich.“ V. A. Žukovskij
„Neues entsteht nicht, wo Verständigung reibungslos funktioniert und kulturelle Muster uns die Orientierung im Alltag erleichtern. Es entsteht, wo wir nicht unmittelbar verstehen und unsere Ordnungsmuster versagen. Die daraus entspringende Dynamik kultureller Innovationen kann zwar rückblickend als kontinuierliche Entwicklung beschrieben werden, tatsächlich resultiert sie aber aus Brüchen, Unfällen oder aus semiotischen Explosionen.“ Jurij M. Lotman, Literaturwissenschaftler
„Das Gespräch ist die Seele der Demokratie.“ Peter Glotz, SPD-Vordenker, u.a. Bundesgeschäftsführer 1981-1987
„Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.“ Frank-Walter Steinmeier, 2014
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2021-05-03 22:27:102021-05-04 03:32:36Gedanken in der Pandemie 115: „Der Meinungskorridor war schon mal breiter“
Die Diskussion um die Video-Aktion #allesdichtmachen dreht sich weiter – allerdings um grundsätzlichere Fragen: Wie wollen wir miteinander diskutieren? Und worüber? Derweil begab sich „Der Tagesspiegel“ auf Spurensuche, wer eigentlich hinter dem angeblichen Gruppenprojekt steckt.
Eine kurze Erklärung vorab, weil das in einigen Berichten durcheinander gerät: Nicht 53 Schauspieler*innen haben für die Aktion #allesdichtmachen Videos gedreht. Es waren 51 Schauspieler*innen und 1 Regisseur, die insgesamt 53 Videos drehten. So steht’s auch in der Wikipedia.
Mit den Videos wollten sie eine Debatte eröffnen. Die Debatte bekamen sie – allerdings anders, als sie das offenbar erwartet hatten. Der Großteil der Reaktionen warf den Videos Zynismus und Querdenken vor, Beifall kam vor allem vom rechten Rand. Erschrocken zog ein Drittel der Schauspieler*innen seine Beiträge zurück, auf ihrer Website grenzte sich die Initiative von Rechten und Querdenkern ab (einen ausführlichen Überblick finden sie auf „Out-takes“), einer wetterte zurück, berichtete die „Berliner Zeitung“ am Sonntag: „Dietrich Brüggemann, der bei einigen der Kurzfilme Regie führte und an der Entwicklung beteiligt war, steht weiter hinter der Aktion. Und hat sich in einem emotionalen und wütenden Statement direkt an seine Kritiker gewendet. […] Die Menschen, die ihn und seine Kollegen nun angingen, seien ,zynisch und menschenverachtend’. Wenig später heißt es in dem wütenden Tweet: ,Ihr seid ein Teil des Schlimmsten, was die Menschheit hervorgebracht hat: Ihr seid ein Lynchmob. Ganz einfach.’“
„Seid nett zueinander“ hat der Regisseur in sein Twitter-Profil geschrieben.
Die Lage in Indien und unsere Luxusprobleme: Vom Freizügigkeitsfasten zur eigenverantwortlichen Bürger-Selbstoptimierung – Gedanken in der Pandemie 114.
„Die Geschichtsschreiber berichten, dass bei solchem Tun der Pfau die Pracht seinen Schweif zu entfalten pflegte und unserem ersten Stellvertreter zur Seite stand und ihn bediente mit Schmeichelworten und Lobsprüchen.“
Rudyard Kipling, „Einer sei des anderen Feind“
„Im Zweifel für den Zweifel Das Zaudern und den Zorn Im Zweifel fürs Zerreißen Der eigenen Uniform.“ Tocotronic
„Wer einen Tiger reitet, kann nicht absteigen.“
Indisches Sprichwort
Die Pandemie ist ein Dschungel. Zunehmen wird das Gestrüpp dichter, zunehmend findet man sich weniger zurecht. Den Überblick haben wir schon lange verloren.
Blickt man genauer hin, dann erkennt man, dass auch scheinbare Gewissheiten trügen, dass auch die Zahlen täuschen. So können wir zum Beispiel gerade jeden Tag in der Zeitung lesen, dass die Infektionen in Brasilien so rasant anstiegen, dass alle Faktoren schrecklich und die Schlimmsten in Lateinamerika seien. Schauen wir nur auf die Daten, dann kann man sich diesem Befund nur zum Teil anschließen. Denn tatsächlich gehen die Zahlen in Brasilien im letzten Monat mehr oder weniger konstant zurück. Und sie liegen mit einer (natürlich, mit Europa verglichen, sehr hohen) Inzidenzrate von 266 (26. April) etwa nur halb so hoch, wie Nachbarland Argentinien (527).
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2021-04-29 18:40:452021-04-29 18:40:45Gedanken in der Pandemie 114: Ein dritter Raum inmitten des Dschungels
Gut gemeint wird überschätzt: Für ihre hämische Kritik an der Corona-Politik ernteten Schauspieler*innen einen Shitstorm. | Screenshot
Mit ironischen Statements wollten Schauspieler*innen die Debatte über die Corona-Politik eröffnen. Die Reaktion fiel heftiger aus als erwartet: Zahllose Tweets kritisierten den Tonfall und die Botschaften im „Querdenker“-Stil.
51 Schauspieler*innen und ein Regisseur luden am Donnerstagabend nahezu gleichzeitig ihre Filmbeiträge mit persönlichen Statements hoch. Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer in kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland.Ebenso schnell folgte die Reaktion, berichtet „Der Tagesspiegel“: Noch in der Nacht reagierten Kolleg*innen auf die Videos. Unter dem Twitter-Hashtag #allesschlichtmachen und #nichtganzdicht starteten sie eine Gegenaktion. Von „fassungslos“ bis Fremdschämen reichten ihre Reaktionen, im Hintergrund schwebte meist die Frage: „Was hat Euch denn da geritten?“
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2021-04-27 00:47:382021-04-27 00:47:38#allesdichtmachen: War das Kunst oder soll das weg?
Tod im Hangar 7, der geklonte Eiffelturm, die Pyramiden von Taj Mahal, Maos Filmstar-Frau und andere wahre Fake News – Gedanken in der Pandemie 113.
„… you need to react quickly. You need to go after the virus. You need to stop the chains of transmission. You need to engage with communities very deeply. Community acceptance is hugely important. You need to be coordinated. You need to be coherent. You need to look at the other sectoral impacts, the schools and security and economic. […] Be fast. Have no regrets. You must be the first mover. The virus will always get you if you don’t move quickly. And you need to be prepared. And I say this, one of the great things in emergency response and anyone who’s involved in emergency response will know this: If you need to be right before you move, you will never win. Perfection is the enemy of the good when it comes to emergency management. Speed trumps perfection. And the problem in society we have at the moment is everyone is afraid of making a mistake. Everyone is afraid of the consequence of error, but the greatest error is not to move, the greatest error is to be paralyzed by the fear of failure.“ Michael J. Ryan, WHO Health Emergencies Programme, Executive Director, 13. März 2020
„Das Pendel schwingt seit längerem in Richtung Schuld und Strafe. Während man früher alles zuließ, will man heute, als ob man es bereute, alles bestrafen.“
Pascal Bruckner, französischer Philosoph
„Denn die Blicke voll Verachtung, die der Fremde von seinem Bette aus auf sie geworfen hatte, waren ihr empfindlich, wie Messerstiche, durchs Herz gegangen; es mischte sich ein Gefühl heißer Bitterkeit in ihre Liebe zu ihm, und sie frohlockte bei dem Gedanken, in dieser zu seiner Rettung angeordneten Unternehmung zu sterben.“
Heinrich von Kleist, „Die Verlobung in St. Domingo“
Zu den unsympathischsten Charaktereigenschaften der Menschen gehört ihre Neigung zur Nabelschau, also der persönliche Narzissmus.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2021-04-19 22:52:592021-04-19 22:52:59Gedanken in der Pandemie 113: Die Impfung von St. Domingo
Der „Fair Film Award Fiction“ wurde dieses Jahr online vergeben. Lisa Jopt vom Ensemble-Netzwerk moderierte die Preisverleihung und die anschließende Diskussion um faire Produktionsbedingungen. | Screenshot
Die fairsten Fiction-Produktionen des vergangenen Jahres wurden heute ausgezeichnet. Spätestens die anschließende Diskussion zum „Fair Film Award“ machte klar: Es ist eine Frage der Einstellung, nicht des Budgets.
Mehr als 1.400 Filmschaffende haben wieder ihre Stimmen zum „Fair Film Award Fiction“ abgegeben und die Produktionsbedingungen bei den Spielfilm- und Serienprojekten bewertet, an denen sie übers Jahr mitgewirkt hatten. Die Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF) übertrug die heutige Preisverleihung und die anschließende Diskussionsrunde live, die Aufzeichnung ist auf dem Youtube-Kanal der DAfF zu sehen.
Die jeweiligen drei Klassenbesten waren in den beiden Kategorien nominiert: Beim „Spielfilm“ Amusement Park mit „Nebenan“, Bantry Bay mit „Meine Mutter ist verknallt“ und Seven Dogs mit „Frühling – Mit Regenschirmen fliegen“. Bei den Serien auf der Liste: Claussen+Putz mit der 2. Staffel von „Biohackers“, X Filme Creative Pool mit der Miniserie „Tina mobil“ und Bantry Bay mit „Tonis Welt“. Beurteilt wurden Kriterien wie Gagen und Arbeitszeiten, Chancengerechtigkeit und Arbeitsschutz, Professionalität und Arbeitsklima, Umweltverhalten, Umgang mit Drehorten und Motivgebern. In diesem Jahr stand aber auch das Verhalten in der Corona-Krise auf dem Fragebogen (die detaillierten Bewertungen finden Sie auf „Out-takes“). Claussen+Putz und Bantry Bay waren schon mehrmals nominiert worden, vor zwei Jahren hatten beide den „Fair Film Award Fiction“ gewonnen. In diesem Jahr war Bantry Bay sogar in beiden Kategorien nominiert, und Claussen+Putz konnte sich über eine erneute Auszeichnung freuen.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2021-04-16 00:17:462021-04-16 17:03:39„Fair Film Award Fiction 2021“: Eine Frage der Einstellung
Tarif ohne Biss
out takes, Peter HartigZuschläge nun auch am Samstag, alle zwei Wochen ein freies Wochenende, aber nicht unbedingt am Wochenende. Der neue Tarifvertrag ist da. Szenenfoto aus „We Want Sex“. | Foto © Tobis
Der Fortschritt kommt in ganz, ganz kleinen Schritten. Bei den Verhandlungen um einen neuen Tarifvertrag standen die Arbeitszeiten im Mittelpunkt. Mehr Geld gibt’s erst im nächsten Jahr. Vielleicht.
Fünf Monate hatten sie verhandelt, diese Woche haben sich die Produzentenallianz und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) auf einen neuen Tarifvertrag für „auf Produktionsdauer beschäftigte Film- und Fernsehschaffende“ (TV-FFS) geeinigt. Am 1. September soll er in Kraft treten. „Blickpunkt Film“ hat die Ergebnisse zusammengefasst.
Von einem „Kompromisspaket“ und „gutem Abschluss“ spricht die Produzentenallianz, Verdi von „Fortschritten“. Auch wenn gleich darauf „bessere Arbeitszeitregelungen, längere Ruhezeiten sowie neue und höhere Zuschläge bei Wochenendarbeit“ aufgezählt werden – so richtig freudig klingt das nicht.
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#allesdichtmachen, Folge 3: Von Drahtziehern und Medienkritik
out takes, Peter HartigKulturstaatsministerin Monika Grütters fand die Aktion von mehr als 50 Schauspieler*innen nicht so toll. So witterte sie vorige Woche zurück. | Foto © BKM/Elke Jung-Wolff
Die Debatte um die Aktion #allesdichtmachen geht weiter und wird immer vielfältiger. „Der Tagesspiegel“ präsentiert eine eigene Verschwörungstheorie. Jan Josef Liefers steht zu seiner Medienkritik, und Medienkritik übt auch die Wissenschaft. Und aus dem „Maschinenraum der Kulturarbeit“ erklärt ein Kollege, warum die Aktion nur geschadet hat. Wir führen durch die neuen Beiträge.
Verschwörungstheorie ist zurzeit ein schwieriger Begriff, den wir darum nicht leichtfertig verwenden. Doch „Der Tagesspiegel“ hat tatsächlich eine und sieht ein „antidemokratisches Netzwerk hinter #allesdichtmachen.“ Schon vorige Woche hatte die Zeitung nach den Hintergründen der Aktion recherchiert und, wie etliche andere auch, den Regisseur Dietrich Brüggemann als kreativen Kopf hinter der Aktion vermutet. Mit dem Recherchenetzwerk Antischwurbler hat die Zeitung weitergesucht und korrigierte sich gestern: Allmählich entstehe nämlich ein „viel komplexeres Bild der Entstehungsgeschichte“ – „#allesdichtmachen kam nicht aus heiterem Himmel“.
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Gedanken in der Pandemie 115: „Der Meinungskorridor war schon mal breiter“
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeFilmtipp zum Tag der Pressefreiheit: Es geht auch ohne Zwang. Wie Journalisten manipuliert werden können, hat Christoph Hochhäusler mit „Die Lügen der Sieger“ 2015 gezeigt. | Foto © ARD
Demokratie und Pressefreiheit: Wo bleiben die semiotischen Explosionen? Wie frei sind die deutschen Medien? Und wie funktionieren eigentlich Debatten? – Gedanken in der Pandemie 115.
„Nur das Schweigen spricht verständlich.“
V. A. Žukovskij
„Neues entsteht nicht, wo Verständigung reibungslos funktioniert und kulturelle Muster uns die Orientierung im Alltag erleichtern. Es entsteht, wo wir nicht unmittelbar verstehen und unsere Ordnungsmuster versagen.
Die daraus entspringende Dynamik kultureller Innovationen kann zwar rückblickend als kontinuierliche Entwicklung beschrieben werden, tatsächlich resultiert sie aber aus Brüchen, Unfällen oder aus semiotischen Explosionen.“
Jurij M. Lotman, Literaturwissenschaftler
„Das Gespräch ist die Seele der Demokratie.“
Peter Glotz, SPD-Vordenker, u.a. Bundesgeschäftsführer 1981-1987
„Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.“
Frank-Walter Steinmeier, 2014
Heute ist der „Internationale Tag der Pressefreiheit“. Das passt ja.
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#allesdichtmachen, Teil 2: Debatte eröffnet!
out takes, Peter HartigWer seine Meinung sagt, muss auch die Antwort ertragen. Die Debatte um die Aktion #allesdichtmachen dreht sich auch um die Art, wie diskutiert wird. „Lasst uns streiten, aber lasst uns miteinander im Gespräch bleiben“, sagte Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes am Sonntag. „Und zwar ohne uns gegenseitig an die nächste Laterne zu wünschen.“ | Screenshot © Deutsche Filmakademie
Die Diskussion um die Video-Aktion #allesdichtmachen dreht sich weiter – allerdings um grundsätzlichere Fragen: Wie wollen wir miteinander diskutieren? Und worüber? Derweil begab sich „Der Tagesspiegel“ auf Spurensuche, wer eigentlich hinter dem angeblichen Gruppenprojekt steckt.
Eine kurze Erklärung vorab, weil das in einigen Berichten durcheinander gerät: Nicht 53 Schauspieler*innen haben für die Aktion #allesdichtmachen Videos gedreht. Es waren 51 Schauspieler*innen und 1 Regisseur, die insgesamt 53 Videos drehten. So steht’s auch in der Wikipedia.
Mit den Videos wollten sie eine Debatte eröffnen. Die Debatte bekamen sie – allerdings anders, als sie das offenbar erwartet hatten. Der Großteil der Reaktionen warf den Videos Zynismus und Querdenken vor, Beifall kam vor allem vom rechten Rand. Erschrocken zog ein Drittel der Schauspieler*innen seine Beiträge zurück, auf ihrer Website grenzte sich die Initiative von Rechten und Querdenkern ab (einen ausführlichen Überblick finden sie auf „Out-takes“), einer wetterte zurück, berichtete die „Berliner Zeitung“ am Sonntag: „Dietrich Brüggemann, der bei einigen der Kurzfilme Regie führte und an der Entwicklung beteiligt war, steht weiter hinter der Aktion. Und hat sich in einem emotionalen und wütenden Statement direkt an seine Kritiker gewendet. […] Die Menschen, die ihn und seine Kollegen nun angingen, seien ,zynisch und menschenverachtend’. Wenig später heißt es in dem wütenden Tweet: ,Ihr seid ein Teil des Schlimmsten, was die Menschheit hervorgebracht hat: Ihr seid ein Lynchmob. Ganz einfach.’“
„Seid nett zueinander“ hat der Regisseur in sein Twitter-Profil geschrieben.
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Gedanken in der Pandemie 114: Ein dritter Raum inmitten des Dschungels
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeNeulich war Indien noch ein Beispiel für gelungene Impfpolitik, inzwischen explodierten die Infektionszahlen. Szenenfoto aus „Das Dschungelbuch“. | Foto © Disney
Die Lage in Indien und unsere Luxusprobleme: Vom Freizügigkeitsfasten zur eigenverantwortlichen Bürger-Selbstoptimierung – Gedanken in der Pandemie 114.
„Die Geschichtsschreiber berichten, dass bei solchem Tun der Pfau die Pracht seinen Schweif zu entfalten pflegte und unserem ersten Stellvertreter zur Seite stand und ihn bediente mit Schmeichelworten und Lobsprüchen.“
Rudyard Kipling, „Einer sei des anderen Feind“
„Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform.“
Tocotronic
„Wer einen Tiger reitet, kann nicht absteigen.“
Indisches Sprichwort
Die Pandemie ist ein Dschungel. Zunehmen wird das Gestrüpp dichter, zunehmend findet man sich weniger zurecht. Den Überblick haben wir schon lange verloren.
Blickt man genauer hin, dann erkennt man, dass auch scheinbare Gewissheiten trügen, dass auch die Zahlen täuschen. So können wir zum Beispiel gerade jeden Tag in der Zeitung lesen, dass die Infektionen in Brasilien so rasant anstiegen, dass alle Faktoren schrecklich und die Schlimmsten in Lateinamerika seien. Schauen wir nur auf die Daten, dann kann man sich diesem Befund nur zum Teil anschließen. Denn tatsächlich gehen die Zahlen in Brasilien im letzten Monat mehr oder weniger konstant zurück. Und sie liegen mit einer (natürlich, mit Europa verglichen, sehr hohen) Inzidenzrate von 266 (26. April) etwa nur halb so hoch, wie Nachbarland Argentinien (527).
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#allesdichtmachen: War das Kunst oder soll das weg?
out takes, Peter HartigGut gemeint wird überschätzt: Für ihre hämische Kritik an der Corona-Politik ernteten Schauspieler*innen einen Shitstorm. | Screenshot
Mit ironischen Statements wollten Schauspieler*innen die Debatte über die Corona-Politik eröffnen. Die Reaktion fiel heftiger aus als erwartet: Zahllose Tweets kritisierten den Tonfall und die Botschaften im „Querdenker“-Stil.
51 Schauspieler*innen und ein Regisseur luden am Donnerstagabend nahezu gleichzeitig ihre Filmbeiträge mit persönlichen Statements hoch. Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer in kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland. Ebenso schnell folgte die Reaktion, berichtet „Der Tagesspiegel“: Noch in der Nacht reagierten Kolleg*innen auf die Videos. Unter dem Twitter-Hashtag #allesschlichtmachen und #nichtganzdicht starteten sie eine Gegenaktion. Von „fassungslos“ bis Fremdschämen reichten ihre Reaktionen, im Hintergrund schwebte meist die Frage: „Was hat Euch denn da geritten?“
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Gedanken in der Pandemie 113: Die Impfung von St. Domingo
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeEin bisschen suspekt sei der „Talk im Hangar 7“ ja, weil er vom krawalligen Red-Bull-Fernsehsender „Servus TV“ gemacht wird. Aber auch interessant, weil hier mal ganz anders über Corona debattiert wird. Krawalliger irgendwie. | Foto © Servus TV
Tod im Hangar 7, der geklonte Eiffelturm, die Pyramiden von Taj Mahal, Maos Filmstar-Frau und andere wahre Fake News – Gedanken in der Pandemie 113.
„… you need to react quickly. You need to go after the virus. You need to stop the chains of transmission. You need to engage with communities very deeply. Community acceptance is hugely important. You need to be coordinated. You need to be coherent. You need to look at the other sectoral impacts, the schools and security and economic. […] Be fast. Have no regrets. You must be the first mover. The virus will always get you if you don’t move quickly. And you need to be prepared. And I say this, one of the great things in emergency response and anyone who’s involved in emergency response will know this: If you need to be right before you move, you will never win. Perfection is the enemy of the good when it comes to emergency management. Speed trumps perfection. And the problem in society we have at the moment is everyone is afraid of making a mistake. Everyone is afraid of the consequence of error, but the greatest error is not to move, the greatest error is to be paralyzed by the fear of failure.“
Michael J. Ryan, WHO Health Emergencies Programme, Executive Director, 13. März 2020
„Das Pendel schwingt seit längerem in Richtung Schuld und Strafe. Während man früher alles zuließ, will man heute, als ob man es bereute, alles bestrafen.“
Pascal Bruckner, französischer Philosoph
„Denn die Blicke voll Verachtung, die der Fremde von seinem Bette aus auf sie geworfen hatte, waren ihr empfindlich, wie Messerstiche, durchs Herz gegangen; es mischte sich ein Gefühl heißer Bitterkeit in ihre Liebe zu ihm, und sie frohlockte bei dem Gedanken, in dieser zu seiner Rettung angeordneten Unternehmung zu sterben.“
Heinrich von Kleist, „Die Verlobung in St. Domingo“
Zu den unsympathischsten Charaktereigenschaften der Menschen gehört ihre Neigung zur Nabelschau, also der persönliche Narzissmus.
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„Fair Film Award Fiction 2021“: Eine Frage der Einstellung
out takes, Peter HartigDer „Fair Film Award Fiction“ wurde dieses Jahr online vergeben. Lisa Jopt vom Ensemble-Netzwerk moderierte die Preisverleihung und die anschließende Diskussion um faire Produktionsbedingungen. | Screenshot
Die fairsten Fiction-Produktionen des vergangenen Jahres wurden heute ausgezeichnet. Spätestens die anschließende Diskussion zum „Fair Film Award“ machte klar: Es ist eine Frage der Einstellung, nicht des Budgets.
Mehr als 1.400 Filmschaffende haben wieder ihre Stimmen zum „Fair Film Award Fiction“ abgegeben und die Produktionsbedingungen bei den Spielfilm- und Serienprojekten bewertet, an denen sie übers Jahr mitgewirkt hatten. Die Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF) übertrug die heutige Preisverleihung und die anschließende Diskussionsrunde live, die Aufzeichnung ist auf dem Youtube-Kanal der DAfF zu sehen.
Die jeweiligen drei Klassenbesten waren in den beiden Kategorien nominiert: Beim „Spielfilm“ Amusement Park mit „Nebenan“, Bantry Bay mit „Meine Mutter ist verknallt“ und Seven Dogs mit „Frühling – Mit Regenschirmen fliegen“. Bei den Serien auf der Liste: Claussen+Putz mit der 2. Staffel von „Biohackers“, X Filme Creative Pool mit der Miniserie „Tina mobil“ und Bantry Bay mit „Tonis Welt“. Beurteilt wurden Kriterien wie Gagen und Arbeitszeiten, Chancengerechtigkeit und Arbeitsschutz, Professionalität und Arbeitsklima, Umweltverhalten, Umgang mit Drehorten und Motivgebern. In diesem Jahr stand aber auch das Verhalten in der Corona-Krise auf dem Fragebogen (die detaillierten Bewertungen finden Sie auf „Out-takes“). Claussen+Putz und Bantry Bay waren schon mehrmals nominiert worden, vor zwei Jahren hatten beide den „Fair Film Award Fiction“ gewonnen. In diesem Jahr war Bantry Bay sogar in beiden Kategorien nominiert, und Claussen+Putz konnte sich über eine erneute Auszeichnung freuen.
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