Inzwischen dürfte alles gesagt sein. In der „Welt zum Sonntag“ verteidigten vier der beteiligten Schauspieler*innen nochmal die Aktion #allesdichtmachen. | Screenshot

Die Debatte um #allesdichtmachen ebbt nach zwei Wochen allmählich ab. Noch gibt es aber etwas zu sagen. Während die Hälfte der Beiträge inzwischen zurückgezogen wurden, wehren sich vier der Schauspieler*innen im Interview gegen Vorwürfe, dahinter stehe ein „antidemokratisches Netzwerk“.

Steckt hinter #allesdichtmachen wirklich ein dubioses Netzwerk? Sind die Beteiligten rechts, weil sie die Corona-Politik kritisieren? Die „Welt am Sonntag“ ließ vier Schauspieler*innen erklären, warum sie zu der Aktion stehen – und was sie eigentlich erreichen wollten. Und weil die Antworten von Volker Bruch, Miriam Stein, Nina Gummich und Karoline Teska hinter der Bezahlschranke stehen, fasst die „Welt“ ihr Interview nochmal zusammen: „Den Vorwurf des Berliner ,Tagesspiegels’, hinter der Aktion stehe ein ,antidemokratisches Netzwerk’, weist Bruch zurück: ,Es gibt keinen Drahtzieher, es gibt nur Leute, die eigenständig denken und Ideen haben.’ Miriam Stein betont, es gebe auch ,keine Geldgeber’. Die Idee zu den Filmen sei aus einer Gruppe von Schauspielern hervorgegangen. ,Die Erzählung vom ‚Strippenzieher‘ greift auch mich an’, sagt Nina Gummich: ,Damit unterstellt man mir, ich sei nicht in der Lage, selbst zu denken.’ Zu Berichten, er habe einen Mitgliedsantrag in der Partei Die Basis gestellt, sagt Bruch, er finde den ,basisdemokratischen Ansatz’ der Partei interessant. ,Für mich sind hier die Inhalte ausschlaggebend. Ich muss nicht mit allen Menschen in allen Punkten einer Meinung sein, aber wenn man sich gemeinsam auf unterstützenswerte Inhalte einigt, kann man sich auch gemeinsam dafür einsetzen.’ Grundsätzlich sei eine Parteizugehörigkeit aber ,etwas sehr Persönliches’, ihn habe die ,öffentliche Skandalisierung‘ gewundert.“
Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt über das Interview.

Die Strukturen hinter #allesdichtmachen seien antidemokratisch, heißt es in verschiedenen Medien. Eine Debatte sei mit diesem Vorwurf kaum mehr möglich, meint die Philosophin und Journalistin Svenja Flaßpöhler in „MDR Kultur – Das Radio“: „Man kann zu der Aktion stehen wie man will – aber das ist keine terroristische Vereinigung.“  In der Diskussion gehe es um „wahr“ und „falsch“, „objektiv“ und „nicht objektiv“  – man dürfe dabei aber nicht übersehen: „Hinter jeder vermeintlichen Wissenschaftsbasiertheit stehen immer auch Werte. […] Politik ist immer mehr als nur Wissenschaft. Sondern es ist immer ein Wertestreit“, meint die Philosophin.
Als Beispiel führt sie das „vielgescholtene“ Video von Volker Bruch an, in dem es um die Angst ging. Es habe ja Strategiepapiere des Innenministerium, die „explizit“ empfahlen, mit Worst-Case-Szenarien zu arbeiten, „um die gewünschte Schockwirkung in der Bevölkerung zu erreichen.“ Darüber könne man streiten. Aber das gleich „antidemokratisch“ zu nennen, „das wiederum gefährdet die Demokratie. Weil dann keine Debattenkultur mehr stattfinden kann.“

„Die Initiatoren wollten die Corona-Maßnahmen der Regierung kritisieren und durch Polemik eine Diskussion anstoßen. So zumindest die Idee. Geändert hat sich allerdings nicht viel“, meint „Telepolis“. „Es wird nicht mehr oder anders über die Corona-Maßnahmen diskutiert als noch vor dem beißenden Sarkasmus von #allesdichtmachen. […] Die Mehrheit hat sich an einer Debatte festgebissen, die sinnloser nicht hätte sein können und die nicht erst mit diesen Videos begonnen hat. […] Wieso streiten wir über die Maßnahmen (Ja vs. Nein) und nicht über den vorherrschenden Leistungsdruck, die unnachgiebige Organisation der Arbeit. Auch darüber könnte man unterschiedlicher Meinung sein. Aber systemisch wären diese Fragen relevanter. Geht es in unseren Bildungseinrichtungen überhaupt noch um Bildung? Oder müssen einfach nur die Prüfungen abgelegt werden, weil sonst keine Verteilung der Arbeitskraft stattfinden kann? Alle erschöpfen sich und sprechen doch nicht über die grundlegenden, ökonomischen Gründe dieser Erschöpfung. Stattdessen Schauspieler und Satire und Zynismus. Wir führen ständig einen restaurativen Diskurs. Einen Diskurs, in dem der Kanzlerkandidat der Union wieder von einer Entfesselung der Wirtschaft faseln darf. Es reicht nicht mal für neuen Wein in alten Schläuchen? Oder war es andersherum? Wir tun also weiterhin so – sei es nun explizit oder implizit – als würde das vorher gelebte Leben schon wieder einsetzen, sobald dieser virale Sturm an uns vorübergezogen ist. Doch die Pandemie ist ein Ereignis, dessen Ausmaß und Folgen wir noch gar nicht absehen können. Möglicherweise wird nichts sein wie zuvor, selbst bei einer vollständigen Öffnung. Doch an die Stelle einer Analyse dieser komplexen Erschütterung tritt eine nutzlose Verschwendung unserer Energie. Wir verschwenden unsere Energie, um über ein paar mehr oder weniger schlechte Videos ein Urteil zu fällen, obwohl darin nichts Vernünftiges über unsere Zukunft ausgesagt wird. Wo die Naturwissenschaften vorgelegt haben und Impfstoffe entwickelt haben, hinken wir in der gesellschaftlichen Debatte zurück. Es gibt keine Utopie, keine neuen Begriffe, mit denen wir aus der Zukunft heraus unsere Gegenwart transformieren könnten.“

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