Kehren wir in mittelalterliche Verhältnisse zurück? Wie Corona die Tendenz zu dritten Räumen und dritten Zeiten verschärft – Gedanken in der Pandemie, Folge 119.
„Je planvoller die Organisation ist, desto weniger haben die Menschen noch miteinander zu tun.[…] Das junge Volk, das in den breiten Schichten zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum aufwächst, passt sich mehr oder weniger leicht dem Betrieb an. Viele lassen sich unwissend treiben und machen mit, ohne noch zu ahnen, dass sie eigentlich gar nicht dazugehören.[…] Sie möchten ihre eigenen Empfindungen ausdrücken; sie widersetzen sich dem System, das ihr Dasein zu bestimmen sucht, und werden doch von dem System übermannt.“ Siegfried Kracauer, „Die Angestellten“ (1929)
Sachsen-Anhalt hat gewählt! Die für viele überraschenden Resultate wurden am Montagmorgen im Deutschlandfunk bei „Kontrovers“ debattiert. In der hochinteressanten Diskussion mit Hörerbeteiligung skizzierte der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke die derzeitige politische Lage aus seiner Sicht: „Wir erleben eine gespaltene Öffentlichkeit“. Es gebe die Debatte der städtischen Bevölkerung, wo man sich für Klimaschutz, Digitalisierung, korrekte Sprache und ähnliches interessiere, und dann gebe es die Debatten der Landbevölkerung: Dort braucht man ein privates Auto und Arbeitsplätze, sorgt sich um soziale Themen und möchte nicht gleich als Rassist beschimpft werden, wenn man sich darum sorgt, dass möglicherweise zu viele Flüchtlinge ins Land kommen. Wenn man dann noch wie die Grünen in der Woche vor der Wahl in einem Flächenstaat eine Benzinpreisdiskussion beginnt, darf man sich nicht wundern, wenn das Wahlergebnis enttäuschend ausfällt.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2021-06-07 23:02:162021-06-07 23:02:16Gedanken in der Pandemie 119: Leben, um zu arbeiten oder: Die Kolonisierung des Privatlebens
Corona-Moralismus, Corona-Hedonismus, Corona ist eine kollektive Erfahrung – Gedanken in der Pandemie 118.
„Ein Hauptmittel, um sich das Leben zu erleichtern, ist das Idealisieren aller Vorgänge desselben.“
Friedrich Nietzsche
„Ich sehe als Liberaler eine große Verantwortung für das, was man in Freiheit schaffen kann. Und man muss überraschend sein. Nehmen Sie die ,Taz’-Kolumnistin, die Polizisten auf den Müll wünscht. Darüber, dass diese Kolumnistin jetzt Werbung für Luxusmode macht, schreibe ich: Wunderbar, sie hat kapiert, wie die Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert.“ Ulf Poschardt, Autor und Journalist
„Freiheiten sind nicht rechtfertigungsbedürftig.“ Robert Habeck
Liebe Leser, habt ihr schon „Lockdown-Schmerz“? Also sehnt ihr euch schon nach dem allmählich verblassenden Lockdown zurück? Als alles so schön ruhig war? Als man nicht ins Museum musste? „Als alles noch viel schöner war.“
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2021-06-02 11:50:502021-06-02 11:50:50Gedanken in der Pandemie 118: Als wir noch quer denken durften
Oft verteufelt und doch vermisst: „Am Set habe ich arbeiten gelernt“, meint unsere Autorin. Und noch einiges mehr. | Stockfoto
Schlechtes Wetter, kleine Katastrophen und hinten läuft die Zeit … Unsere Gastautorin vermisst die Zeit beim Dreh. Wirklich.
[Wunsch und Anmerkung der Autorin: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.]
Ich möchte eine bekannte Geschichte erzählen, die jeder so oder so ähnlich nachvollziehen kann, der mal am Set gearbeitet hat. Ich war ein junges Mädchen Anfang 20, das mit ihrem ersten Studiengang auf die Schnauze geflogen ist. Zuviel gefeiert, zu wenig gelernt, das erste Mal von Zuhause raus. Da blieb nicht viel Zeit fürs Studium – und schon kamen auch die ersten Zweifel auf. Wollte ich nicht lieber was mit Medien machen? So wie alle? Das ist doch heutzutage angesagt und cool. Die Entscheidung stand. Der Studiengang sollte gewechselt werden, doch erstmal war Sommer. Ein Besuch bei der Familie und eine Tante, die in der Filmbranche tätig ist. So bekam ich ein Praktikum am Filmset. Ohne überhaupt je darüber nachgedacht zu haben, dass es so etwas wie Filmsets überhaupt gibt, stand ich auch schon mittendrin.
Im Podcast des „Freitag“ diskutierte dessen Verleger Jakob Augstein mit dem „Focus“-Kolumnisten Jan Fleischhauer über die Rolle des Journalismus nicht nur in Corona-Zeiten. | Screenshot
15 Monate Lockdown, Mitleid mit den Grünen, Impfneid und der trübe „Tagesspiegel“ – Gedanken in der Pandemie 117.
„Satire darf alles!“
Kurt Tucholsky, 1919
„Satire darf alles. Außer Corona und Medien.“
Harald Martenstein, 2021
„Man kann über Jan Fleischhauer alles Mögliche sagen, aber dass er die Dinge besser machen will – eher nicht. Fleischhauer gehört zu der Sorte altmodischer Journalisten, die nicht der Auffassung sind, dass ihre Aufgabe darin besteht, die Dinge besser zu machen. Sondern darin, sie zu kritisieren, zu erklären, zu begleiten, sich darüber lustig zu machen. Der jüngere, moderne, zeitgemäßere Journalist würde heute wahrscheinlich eher seine ,gesellschaftliche Verantwortung’ in den Mittelpunkt stellen. Also Rettung des Klimas, Einhaltung der Coronaregeln, Gleichberechtigung der Frauen, Kampf gegen den Rassismus – und das sind ja auch alles wichtige Dinge und Themen, um die man sich kümmern muss. Es ist vielleicht nur die Frage, ob es gerade die Aufgabe von Journalisten ist, sich darum zu kümmern.“ Jakob Augstein im Podcast-Gespräch mit Jan Fleischhauer
„Der Tagesspiegel“ hat sich für seine Berichterstattung zu #allesdichtmachen entschuldigt. Nicht richtig, aber zumindest verdruckst ein bisschen. Das Blatt gesteht „handwerkliche Fehler“ und Versäumnisse ein, und sieht zusätzlichen Aufklärungsbedarf.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2021-05-17 23:25:362021-05-19 14:58:59Gedanken in der Pandemie 117: Die Zerstörung der Freude im Namen des Lebens
Bei der Diskussion entschuldigte sich der „Tagesspiegel“ bei Paul Brandenburg (großes Fenster, Mitte), dem sie „antidemokratische Äußerungen“ unterstellt hatte. | Screenshot
„Der Tagesspiegel“ hat sich vorige Woche „mit spitzen Lippen“ („Perlentaucher“) korrigiert: Seine Berichterstattung zu #allesdichtmachen habe selbst eine Kontroverse ausgelöst. Im Klartext: „Der Tagesspiegel“ hatte behauptet, Paul Brandenburg sei Mitinitiator des Projekts – was dieser dementiert. Keine*r der vier Autor*innen, die dazu rechercherierten, hatte mit Brandenburg gesprochen. Dafür waren die Vorwürfe gegen ihn umso heftiger: „Diese Recherchen haben zahlreiche neue Hintergründe aufgezeigt, wurden vielfältig zitiert und wir führen sie weiter. Allerdings sind uns dabei auch handwerkliche Fehler unterlaufen, für die wir um Entschuldigung bitten. Paul Brandenburg ist mehrfach in alternativen Medien aufgetreten, die auch Verbindungen zur Querdenker-Szene haben. Wir haben ihn mit Äußerungen aus diesen Auftritten zitiert und diese als ,antidemokratisch‘ bezeichnet. Dieser Begriff ist durch Brandenburgs Äußerungen nicht gedeckt. Online haben wir das korrigiert. Zudem haben wir Paul Brandenburg vor der Publikation nicht um eine Stellungnahme gebeten – eigentlich ein journalistisches Muss.“
Am Dienstag diskutierten die Journalisten des „Tagesspiegel“ auf einem virtuellen Podium mit Brandenburg über die Berichterstattung.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2021-05-17 21:32:392021-05-18 01:54:13#allesdichtmachen – Folge 6: Zu weit recherchiert
Inzwischen dürfte alles gesagt sein. In der „Welt zum Sonntag“ verteidigten vier der beteiligten Schauspieler*innen nochmal die Aktion #allesdichtmachen. | Screenshot
Die Debatte um #allesdichtmachen ebbt nach zwei Wochen allmählich ab. Noch gibt es aber etwas zu sagen. Während die Hälfte der Beiträge inzwischen zurückgezogen wurden, wehren sich vier der Schauspieler*innen im Interview gegen Vorwürfe, dahinter stehe ein „antidemokratisches Netzwerk“.
Steckt hinter #allesdichtmachen wirklich ein dubioses Netzwerk? Sind die Beteiligten rechts, weil sie die Corona-Politik kritisieren? Die „Welt am Sonntag“ ließ vier Schauspieler*innen erklären, warum sie zu der Aktion stehen – und was sie eigentlich erreichen wollten. Und weil die Antworten von Volker Bruch, Miriam Stein, Nina Gummich und Karoline Teska hinter der Bezahlschranke stehen, fasst die „Welt“ ihr Interview nochmal zusammen: „Den Vorwurf des Berliner ,Tagesspiegels’, hinter der Aktion stehe ein ,antidemokratisches Netzwerk’, weist Bruch zurück: ,Es gibt keinen Drahtzieher, es gibt nur Leute, die eigenständig denken und Ideen haben.’ Miriam Stein betont, es gebe auch ,keine Geldgeber’. Die Idee zu den Filmen sei aus einer Gruppe von Schauspielern hervorgegangen. ,Die Erzählung vom ‚Strippenzieher‘ greift auch mich an’, sagt Nina Gummich: ,Damit unterstellt man mir, ich sei nicht in der Lage, selbst zu denken.’ Zu Berichten, er habe einen Mitgliedsantrag in der Partei Die Basis gestellt, sagt Bruch, er finde den ,basisdemokratischen Ansatz’ der Partei interessant. ,Für mich sind hier die Inhalte ausschlaggebend. Ich muss nicht mit allen Menschen in allen Punkten einer Meinung sein, aber wenn man sich gemeinsam auf unterstützenswerte Inhalte einigt, kann man sich auch gemeinsam dafür einsetzen.’ Grundsätzlich sei eine Parteizugehörigkeit aber ,etwas sehr Persönliches’, ihn habe die ,öffentliche Skandalisierung‘ gewundert.“
Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt über das Interview.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2021-05-10 22:54:502021-05-18 01:32:35#allesdichtmachen – Folge 5: Schauspieler*innen wehren sich gegen Vorwürfe
Kommunikation statt Konfrontation: Das Homeoffice wird zur Bewegungsfalle, die Menschen faul, fett und unzufrieden – das eigentliche Long-Covid-Syndrom ist ein soziales: Gedanken in der Pandemie 116.
„Eine Partei, die ich nicht wähle und nie gewählt habe: Die Rechtsstaatsverteidigungspartei war die FDP. Nachdem die Grünen zur dritten Koalitionspartei mutiert sind 2020, immer wieder zugestimmt haben, bestenfalls noch Verschärfungen [der Corona-Politik] eingefordert haben war das sehr wichtig … Was das Negative ist: Man hat einen Raum geöffnet für diese unsägliche AfD, die sich auf einmal zum Hüter der Verfassung und der Demokratie aufspielen konnte – also politisch in einem extremen Maße unklug.“ Wolfgang Merkel, Politikwissenschaftler, im Gespräch mit Jakob Augstein [ca. Minute 37:30]
Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir immer noch hier sitzen!
Und doch sitzen wir. Und sitzen. Und sitzen. Und sitzen. Schlecht für den Rücken. Aber nicht nur. Sondern auch für Geist und Gemüt.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2021-05-10 22:33:142021-05-10 22:33:14Gedanken in der Pandemie 116: Shutdown in Kopf und Körper
Noch immer gibt’s viel zu sagen über die Kunst- oder Protestaktion #allesdichtmachen. Damit wäre die Debatte doch angestoßen. Nur dreht die sich nicht um die vergessenen Kulturschaffenden während der Pandemie. Unser Überblick.
Heftig wurde gestritten um die Aktion #allesdichtmachen. Und weil die meisten Diskussionen in Kommentarspalten und Sozialen Medien stattfinden, gab’s auf beiden Seiten auch die bekannten Reaktionen, die zur Wahrheitsfindung wenig beitragen. Da wollen doch tatsächlich Menschen den „Tatort“ boykottieren, weil ihnen die Meinung des Hauptdarstellers nicht gefällt. Sie bleiben aber in der Minderheit, berichtet „Der Tagesspiegel“ aus der Twitter-Welt. „Daneben gab es den Boykott des Boykotts. ,Ich erlaube mir, diesem #TatortBoykott-Blödsinn nicht zu folgen. Und ich behalte mir vor, den #Tatort aus Langeweile abzuschalten.‘ […] Die große Mehrheit der Twitter-Nutzer kehrte unter dem Hashtag #tatort sehr schnell zum üblichen Meinungsaustausch zurück. […] Um die Zukunft des Münster-„Tatort“ muss sich ohnehin niemand sorgen: Der WDR hat sechs weitere Folgen mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl bestellt.“ Weiterlesen
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2021-05-06 23:10:102021-05-07 05:14:52#allesdichtmachen, Folge 4: Von Boykott, Recherche und Satire
Gedanken in der Pandemie 119: Leben, um zu arbeiten oder: Die Kolonisierung des Privatlebens
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeDer Independent-Regisseur John Carpenter ist jetzt auch schon 73. Arte widmet ihm ab heute einen Programmschwerpunkt samt Dokumentation. | Foto © Arte
Kehren wir in mittelalterliche Verhältnisse zurück? Wie Corona die Tendenz zu dritten Räumen und dritten Zeiten verschärft – Gedanken in der Pandemie, Folge 119.
„Je planvoller die Organisation ist, desto weniger haben die Menschen noch miteinander zu tun. […] Das junge Volk, das in den breiten Schichten zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum aufwächst, passt sich mehr oder weniger leicht dem Betrieb an. Viele lassen sich unwissend treiben und machen mit, ohne noch zu ahnen, dass sie eigentlich gar nicht dazugehören. […] Sie möchten ihre eigenen Empfindungen ausdrücken; sie widersetzen sich dem System, das ihr Dasein zu bestimmen sucht, und werden doch von dem System übermannt.“
Siegfried Kracauer, „Die Angestellten“ (1929)
Sachsen-Anhalt hat gewählt! Die für viele überraschenden Resultate wurden am Montagmorgen im Deutschlandfunk bei „Kontrovers“ debattiert. In der hochinteressanten Diskussion mit Hörerbeteiligung skizzierte der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke die derzeitige politische Lage aus seiner Sicht: „Wir erleben eine gespaltene Öffentlichkeit“. Es gebe die Debatte der städtischen Bevölkerung, wo man sich für Klimaschutz, Digitalisierung, korrekte Sprache und ähnliches interessiere, und dann gebe es die Debatten der Landbevölkerung: Dort braucht man ein privates Auto und Arbeitsplätze, sorgt sich um soziale Themen und möchte nicht gleich als Rassist beschimpft werden, wenn man sich darum sorgt, dass möglicherweise zu viele Flüchtlinge ins Land kommen. Wenn man dann noch wie die Grünen in der Woche vor der Wahl in einem Flächenstaat eine Benzinpreisdiskussion beginnt, darf man sich nicht wundern, wenn das Wahlergebnis enttäuschend ausfällt.
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Gedanken in der Pandemie 118: Als wir noch quer denken durften
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeBeim Ausmisten im Lockdown fallen einem mitunter Fundstücke aus der alten Normalität in die Hände. Zum Beispiel ein „Arte-Magazin“ von 2010, als das Wort „Querdenker“ noch als Kompliment galt. | Foto © Rüdiger Suchsland
Corona-Moralismus, Corona-Hedonismus, Corona ist eine kollektive Erfahrung – Gedanken in der Pandemie 118.
„Ein Hauptmittel, um sich das Leben zu erleichtern, ist das Idealisieren aller Vorgänge desselben.“
Friedrich Nietzsche
„Ich sehe als Liberaler eine große Verantwortung für das, was man in Freiheit schaffen kann. Und man muss überraschend sein. Nehmen Sie die ,Taz’-Kolumnistin, die Polizisten auf den Müll wünscht. Darüber, dass diese Kolumnistin jetzt Werbung für Luxusmode macht, schreibe ich: Wunderbar, sie hat kapiert, wie die Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert.“
Ulf Poschardt, Autor und Journalist
„Freiheiten sind nicht rechtfertigungsbedürftig.“
Robert Habeck
Liebe Leser, habt ihr schon „Lockdown-Schmerz“? Also sehnt ihr euch schon nach dem allmählich verblassenden Lockdown zurück? Als alles so schön ruhig war? Als man nicht ins Museum musste? „Als alles noch viel schöner war.“
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Ein Brief ans Filmset
Theresa Annika, Unsere GästeOft verteufelt und doch vermisst: „Am Set habe ich arbeiten gelernt“, meint unsere Autorin. Und noch einiges mehr. | Stockfoto
Schlechtes Wetter, kleine Katastrophen und hinten läuft die Zeit … Unsere Gastautorin vermisst die Zeit beim Dreh. Wirklich.
[Wunsch und Anmerkung der Autorin: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.]
Ich möchte eine bekannte Geschichte erzählen, die jeder so oder so ähnlich nachvollziehen kann, der mal am Set gearbeitet hat. Ich war ein junges Mädchen Anfang 20, das mit ihrem ersten Studiengang auf die Schnauze geflogen ist. Zuviel gefeiert, zu wenig gelernt, das erste Mal von Zuhause raus. Da blieb nicht viel Zeit fürs Studium – und schon kamen auch die ersten Zweifel auf. Wollte ich nicht lieber was mit Medien machen? So wie alle? Das ist doch heutzutage angesagt und cool. Die Entscheidung stand. Der Studiengang sollte gewechselt werden, doch erstmal war Sommer. Ein Besuch bei der Familie und eine Tante, die in der Filmbranche tätig ist. So bekam ich ein Praktikum am Filmset. Ohne überhaupt je darüber nachgedacht zu haben, dass es so etwas wie Filmsets überhaupt gibt, stand ich auch schon mittendrin.
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Gedanken in der Pandemie 117: Die Zerstörung der Freude im Namen des Lebens
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeIm Podcast des „Freitag“ diskutierte dessen Verleger Jakob Augstein mit dem „Focus“-Kolumnisten Jan Fleischhauer über die Rolle des Journalismus nicht nur in Corona-Zeiten. | Screenshot
15 Monate Lockdown, Mitleid mit den Grünen, Impfneid und der trübe „Tagesspiegel“ – Gedanken in der Pandemie 117.
„Satire darf alles!“
Kurt Tucholsky, 1919
„Satire darf alles. Außer Corona und Medien.“
Harald Martenstein, 2021
„Man kann über Jan Fleischhauer alles Mögliche sagen, aber dass er die Dinge besser machen will – eher nicht. Fleischhauer gehört zu der Sorte altmodischer Journalisten, die nicht der Auffassung sind, dass ihre Aufgabe darin besteht, die Dinge besser zu machen. Sondern darin, sie zu kritisieren, zu erklären, zu begleiten, sich darüber lustig zu machen.
Der jüngere, moderne, zeitgemäßere Journalist würde heute wahrscheinlich eher seine ,gesellschaftliche Verantwortung’ in den Mittelpunkt stellen. Also Rettung des Klimas, Einhaltung der Coronaregeln, Gleichberechtigung der Frauen, Kampf gegen den Rassismus – und das sind ja auch alles wichtige Dinge und Themen, um die man sich kümmern muss.
Es ist vielleicht nur die Frage, ob es gerade die Aufgabe von Journalisten ist, sich darum zu kümmern.“
Jakob Augstein im Podcast-Gespräch mit Jan Fleischhauer
„Der Tagesspiegel“ hat sich für seine Berichterstattung zu #allesdichtmachen entschuldigt. Nicht richtig, aber zumindest verdruckst ein bisschen. Das Blatt gesteht „handwerkliche Fehler“ und Versäumnisse ein, und sieht zusätzlichen Aufklärungsbedarf.
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#allesdichtmachen – Folge 6: Zu weit recherchiert
out takes, Peter HartigBei der Diskussion entschuldigte sich der „Tagesspiegel“ bei Paul Brandenburg (großes Fenster, Mitte), dem sie „antidemokratische Äußerungen“ unterstellt hatte. | Screenshot
„Der Tagesspiegel“ hat sich vorige Woche „mit spitzen Lippen“ („Perlentaucher“) korrigiert: Seine Berichterstattung zu #allesdichtmachen habe selbst eine Kontroverse ausgelöst. Im Klartext: „Der Tagesspiegel“ hatte behauptet, Paul Brandenburg sei Mitinitiator des Projekts – was dieser dementiert. Keine*r der vier Autor*innen, die dazu rechercherierten, hatte mit Brandenburg gesprochen. Dafür waren die Vorwürfe gegen ihn umso heftiger: „Diese Recherchen haben zahlreiche neue Hintergründe aufgezeigt, wurden vielfältig zitiert und wir führen sie weiter. Allerdings sind uns dabei auch handwerkliche Fehler unterlaufen, für die wir um Entschuldigung bitten. Paul Brandenburg ist mehrfach in alternativen Medien aufgetreten, die auch Verbindungen zur Querdenker-Szene haben. Wir haben ihn mit Äußerungen aus diesen Auftritten zitiert und diese als ,antidemokratisch‘ bezeichnet. Dieser Begriff ist durch Brandenburgs Äußerungen nicht gedeckt. Online haben wir das korrigiert. Zudem haben wir Paul Brandenburg vor der Publikation nicht um eine Stellungnahme gebeten – eigentlich ein journalistisches Muss.“
Am Dienstag diskutierten die Journalisten des „Tagesspiegel“ auf einem virtuellen Podium mit Brandenburg über die Berichterstattung.
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#allesdichtmachen – Folge 5: Schauspieler*innen wehren sich gegen Vorwürfe
out takes, Peter HartigInzwischen dürfte alles gesagt sein. In der „Welt zum Sonntag“ verteidigten vier der beteiligten Schauspieler*innen nochmal die Aktion #allesdichtmachen. | Screenshot
Die Debatte um #allesdichtmachen ebbt nach zwei Wochen allmählich ab. Noch gibt es aber etwas zu sagen. Während die Hälfte der Beiträge inzwischen zurückgezogen wurden, wehren sich vier der Schauspieler*innen im Interview gegen Vorwürfe, dahinter stehe ein „antidemokratisches Netzwerk“.
Steckt hinter #allesdichtmachen wirklich ein dubioses Netzwerk? Sind die Beteiligten rechts, weil sie die Corona-Politik kritisieren? Die „Welt am Sonntag“ ließ vier Schauspieler*innen erklären, warum sie zu der Aktion stehen – und was sie eigentlich erreichen wollten. Und weil die Antworten von Volker Bruch, Miriam Stein, Nina Gummich und Karoline Teska hinter der Bezahlschranke stehen, fasst die „Welt“ ihr Interview nochmal zusammen: „Den Vorwurf des Berliner ,Tagesspiegels’, hinter der Aktion stehe ein ,antidemokratisches Netzwerk’, weist Bruch zurück: ,Es gibt keinen Drahtzieher, es gibt nur Leute, die eigenständig denken und Ideen haben.’ Miriam Stein betont, es gebe auch ,keine Geldgeber’. Die Idee zu den Filmen sei aus einer Gruppe von Schauspielern hervorgegangen. ,Die Erzählung vom ‚Strippenzieher‘ greift auch mich an’, sagt Nina Gummich: ,Damit unterstellt man mir, ich sei nicht in der Lage, selbst zu denken.’ Zu Berichten, er habe einen Mitgliedsantrag in der Partei Die Basis gestellt, sagt Bruch, er finde den ,basisdemokratischen Ansatz’ der Partei interessant. ,Für mich sind hier die Inhalte ausschlaggebend. Ich muss nicht mit allen Menschen in allen Punkten einer Meinung sein, aber wenn man sich gemeinsam auf unterstützenswerte Inhalte einigt, kann man sich auch gemeinsam dafür einsetzen.’ Grundsätzlich sei eine Parteizugehörigkeit aber ,etwas sehr Persönliches’, ihn habe die ,öffentliche Skandalisierung‘ gewundert.“
Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt über das Interview.
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Gedanken in der Pandemie 116: Shutdown in Kopf und Körper
Rüdiger Suchsland, Unsere GästeWährend es in der Bundesrepublik so gut wie gar keine Science-Fiction-Filme gab, kam das Genre ausgerechnet in der DDR zu einer kurzen Blüte. Der RBB zeigt zum 75. Jubiläum der Defa eine Auswahl dieser Filme – zum Beispiel „Eolomea“ von 1972. | Foto © Defa-Stiftung/Alexander Kühn
Kommunikation statt Konfrontation: Das Homeoffice wird zur Bewegungsfalle, die Menschen faul, fett und unzufrieden – das eigentliche Long-Covid-Syndrom ist ein soziales: Gedanken in der Pandemie 116.
„Eine Partei, die ich nicht wähle und nie gewählt habe: Die Rechtsstaatsverteidigungspartei war die FDP. Nachdem die Grünen zur dritten Koalitionspartei mutiert sind 2020, immer wieder zugestimmt haben, bestenfalls noch Verschärfungen [der Corona-Politik] eingefordert haben war das sehr wichtig … Was das Negative ist: Man hat einen Raum geöffnet für diese unsägliche AfD, die sich auf einmal zum Hüter der Verfassung und der Demokratie aufspielen konnte – also politisch in einem extremen Maße unklug.“
Wolfgang Merkel, Politikwissenschaftler, im Gespräch mit Jakob Augstein [ca. Minute 37:30]
Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir immer noch hier sitzen!
Und doch sitzen wir. Und sitzen. Und sitzen. Und sitzen. Schlecht für den Rücken. Aber nicht nur. Sondern auch für Geist und Gemüt.
Weiterlesen
#allesdichtmachen, Folge 4: Von Boykott, Recherche und Satire
out takes, Peter HartigJan Josef Liefers im „Tatort: Rhythm and Love“. Es gibt tatsächlich Menschen, die zum Boykott der Sendung aufriefen, weil ihnen die Meinung des Hauptdarstellers nicht gefällt. Doch im wahren Leben läuft’s anders als im Netz: Die Folge erreichte eine Rekord-Einschaltquote. | © WDR/Martin Valentin Menke
Noch immer gibt’s viel zu sagen über die Kunst- oder Protestaktion #allesdichtmachen. Damit wäre die Debatte doch angestoßen. Nur dreht die sich nicht um die vergessenen Kulturschaffenden während der Pandemie. Unser Überblick.
Heftig wurde gestritten um die Aktion #allesdichtmachen. Und weil die meisten Diskussionen in Kommentarspalten und Sozialen Medien stattfinden, gab’s auf beiden Seiten auch die bekannten Reaktionen, die zur Wahrheitsfindung wenig beitragen. Da wollen doch tatsächlich Menschen den „Tatort“ boykottieren, weil ihnen die Meinung des Hauptdarstellers nicht gefällt. Sie bleiben aber in der Minderheit, berichtet „Der Tagesspiegel“ aus der Twitter-Welt. „Daneben gab es den Boykott des Boykotts. ,Ich erlaube mir, diesem #TatortBoykott-Blödsinn nicht zu folgen. Und ich behalte mir vor, den #Tatort aus Langeweile abzuschalten.‘ […] Die große Mehrheit der Twitter-Nutzer kehrte unter dem Hashtag #tatort sehr schnell zum üblichen Meinungsaustausch zurück. […] Um die Zukunft des Münster-„Tatort“ muss sich ohnehin niemand sorgen: Der WDR hat sechs weitere Folgen mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl bestellt.“
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