Berlinale: Tuttle macht weiter

Auf der Klassenfeier war’s mal wieder zu laut. Die Schulleitung will sich deshalb neue Regeln ausdenken. Tricia Tuttle (hier bei der diesjährigen Preisverleihung) hat trotzdem Grund zur Freude. Die Berlinale ebenfalls. | Foto © Berlinale
Tricia Tuttle bleibt Intendantin der Berlinale. Das freut auch den Kulturstaatsminister. Der will allerdings neue Regeln für die Meinungsfreiheit beim Festival.
Tricia Tuttle bleibt Intendantin der Berlinale! So hat es der Aufsichtsrat gestern entschieden, und so teilte es Kulturstaatsminister (BKM) Wolfram Weimer gleich darauf auch im Kulturausschuss des Bundestags [Aufzeichnung] mit (um 14:35 Uhr).
In der vorigen Woche war reichlich über eine angebliche Entlassung Tuttle spekuliert worden, mehrere Aufrufe mit Tausenden von Unterschriften machten sich für das Festival, seine Leiterin und die Meinungsfreiheit stark (wir berichteten). Der Schuldige war auch ausgemacht: Tuttles Chef, der Kulturstaatsminister!
Der hatte zwar nichts dergleichen geäußert – ganz im Gegenteil. Aber so behauptete es nun mal das größte Boulevardblatt im Land, und alle anderen verbreiteten es trotzdem weiter, eigene Quellen nennen sie nicht (lediglich der „Tagesspiegel“ hatte anderes gehört, aber nicht weiter nachgefragt). Und bei der „Welt“ [Bezahlschranke], die im selben Verlag wie der Urheber der Falschmeldung erscheint, jubelte der Herausgeber Ulf Poschardt vorab: „Endlich wagt Wolfram Weimer den Kampf gegen das linke Kultur-Establishment“.
Jedoch: tatsächlich war’s andersrum. Tuttle hatte die Personalfrage selbst gestellt, sagt sie im Interview mit Sabrina Szameitat von der Deutschen Presse-Agentur. Sie habe sich gefragt, „ob ich in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden, weiterhin effektiv arbeiten könnte. Wir diskutierten die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung.“
Umgestimmt hatten sie die Reaktionen aus der Kulturszene. „Die breite Resonanz unterstrich, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person ging, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssen, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können. Das ist eine starke Botschaft. Und ehrlich gesagt, hat dies auch meine eigene Klarheit nach einigen schwierigen Wochen wiederhergestellt.“
Am Wochenende gab der BKM in der „Rheinischen Post“ Hagen Strauß ein Interview, das jeden Zweifel ausräumen sollte. So wie Weimer von der Berlinale spricht, könnte er wohl ohne weiteres jeden der Protestbriefe mitunterzeichnen, die vorige Woche an ihn gerichtet waren. Nur die „aktivistische Übergriffe“ und deren „negative Energie“ gelte es zu verhindern, meint Weimer.
Da erahnte Andreas Kilb „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“[Bezahlschranke] vorab schon den nächsten Konflikt. „Wenn die Festivalchefin, die im Amt bleiben will, damit ihre institutionelle Unabhängigkeit verknüpft und der Kulturstaatsminister genau diese Institution von oben ummodeln will, […] droht der Berlinale der größte anzunehmende Eklat: der Abgang ihrer international renommierten Leiterin auf Druck der Politik.“
Konkret wurde Weimer im Kulturausschuss noch nicht. „Es handle sich um ,Empfehlungen’, erklären die Presseagenturen (hier im „Standard“)). „Geplant sind ein ,beratendes Forum’ sowie die Ausarbeitung eines Verhaltenskodex für alle Kulturveranstaltungen des Bundes.
Auf der Website der Berlinale ist doch eigentlich schon alles für eine „diskriminierungsfreie und sichere Veranstaltung“ geregelt, schreibt Tobias Timm in der „Zeit“ [Bezahlschranke] – von internationalen Gesetzen bis zur Hausordnung der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB). „Eine sogenannte Social-Media-Netiquette regelt die Kommunikation in den Netzwerken und ein Awareness-Team ist ständig im Einsatz. Was also möchte Wolfram Weimer bei der Berlinale bitte noch durchregeln? […] Preisverleihungen bleiben erst dann in Erinnerung, wenn Künstler nicht brav Danke sagen. Für den Rest gibt es in dieser Republik einen gut funktionierenden Verhaltenskodex. Er heißt Grundgesetz.“
Die nächste Diskussionsrunde ist damit eröffnet, und auf wundersame Weise schließt sich hier der Kreis. Zu Beginn der Berlinale hatte sich der Jury-Präsident Wim Wenders gegen politische Forderungen an die Kunst verwahrt. „Wir sind das Gegenteil von Politik. Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker“, sagte Wenders. Für diesen Schluss war er heftig angegriffen worden. Nun kommen die Forderungen von anderer Seite, und vielleicht hatte Wenders ja doch recht …
Oder vielleicht auch alle, überlegt Georg Seeßlen im „Freitag“ [Bezahlschranke]. Und macht sich weitere Gedanken um Kunst und Politik: Beide „sind offene, unabgeschlossene und sich ständig verändernde Systeme der Verständigung und der Konfrontation. Ihr Zusammenhang ist eine Frage von Macht und Gesetz: Was darf, was kann die Kunst im Bereich des Politischen? Und was darf, was kann die Politik im Bereich des Künstlerischen? Die Skandale der letzten Zeit, und der auf der Berlinale im Besonderen, zeigen: Die Politisierung der Kunst vollzieht sich als Wechselbeziehung. Geht die eine Seite einen Schritt zu weit, versucht die andere Seite gleich zurückzuschlagen. Gibt sich eine Seite die Blöße, dann nutzt die andere das aus: Kulturelle Reaktion heißt, die dialektische Einheit von Kunst und Politik aufzulösen, um eine neue Frontlinie zu errichten. Der Mann und die ihn stützende Partei, die derzeit das ,Kulturministerium’ besetzen, sind offene Vertreter der kulturellen Reaktion. Angriff und Verteidigung lassen jedenfalls erahnen, dass der demokratische Pakt zwischen beidem nur für die glücklicheren Tage gilt. Es sind nun aber alles andere als glückliche Tage.“
Beim Kern der Diskussion jedenfalls liegen der BKM und die Berlinale-Intendantin weit auseinander: Die Dankrede des Regisseurs Abdallah Alkhatib bei der Preisverleihung war für Weimer ein „Eklat“: „Israel-Hass, Genozid-Vorwürfe an die Bundesregierung und offene Drohungen an die Adresse Deutschlands führten zum Skandal“, sagt er im zitierten Interview.
Tuttle sieht es so: „Abdallah Alkhatib äußerte sich in stark rhetorischer und zutiefst persönlicher Weise. Was ich von ihm hörte, war Wut und eine explizite politische Überzeugung. Wir hören viele Erfahrungen und Standpunkte von unseren Filmemachern, und manchmal bringen sie ihre Positionen mit großem Schmerz zum Ausdruck. Eine zentrale Aufgabe von Festivals ist es, Orte der Offenheit und des Dialogs zwischen unterschiedlichen politischen Perspektiven zu bleiben und gleichzeitig die Meinungsfreiheit aller Künstler zu wahren – selbst wenn das, was sie sagen, brisant ist oder Debatten auslöst.“
Immerhin hat Tuttle nun „einen starken Trumpf in der Hand“, findet David Steinitz in der „Süddeutschen Zeitung“ [Bezahlschranke]: „All die Künstler, die zuletzt den deutschen Kulturstaatsminister scharf angegriffen haben, als er unter Verdacht stand, Tuttle abschütteln zu wollen, müssen jetzt ihren Lippenbekenntnissen Taten folgen lassen: Wer kommendes Jahr einen neuen Film fertig hat, sollte seine Solidarität bekräftigen, indem er ihn nicht nach Cannes und Venedig gibt, sondern zu Tuttle auf den roten Teppich kommt.“
