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Ist das noch Kunst oder soll das weg? Der BKM hat heimlich drei Buchhandlungen von seiner Preisliste gestrichen – wegen „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“. Welche das sein sollen, verrät er nicht. Szenenbild aus „E-Mail für Dich“ (1998). | Foto © Warner Bros.

Die Meinungsfreiheit ist wichtig, sagt der Kulturstaatsminister. Deshalb muss man genau darauf aufpassen. Und streichen, was einem nicht gefällt …

 

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Kaum ist die Sache mit der Meinungsfreiheit auf der Berlinale gelaufen, hat der BKM schon wieder mit der Kultur zu kämpfen: Der „Deutsche Buchhandlungspreis“ ist vergleichbar mit dem Kinoprogrammpreis (heute „Liebling Kino“) und soll inhabergeführte Bücherläden mit vorbildlichem Angebot unterstützen – 115 werden dieses Jahr ausgezeichnet, 483 hatten sich beworben. Eine Million Euro stellt der BKM jährlich an Prämien zur Verfügung. Denn, erklärt Wolfgang Weimer in seinem Grußwort: „Der Buchdruck schuf erstmals für viele Menschen einen Zugang zu Wissen und legte so den Grundstein für die Demokratisierung der Bildung und die Freiheit des Wortes.“ 

Trotzdem hat er für dieses Jahr drei „linke“ Buchhandlungen von der Liste gestrichen – nachträglich, heimlich, wegen „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“. Denn auch in einer Demokratie wird die Freiheit des Wortes überwacht.  

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Auf der Klassenfeier war’s mal wieder zu laut. Die Schulleitung will sich deshalb neue Regeln ausdenken. Tricia Tuttle (hier bei der diesjährigen Preisverleihung) hat trotzdem Grund zur Freude. Die Berlinale ebenfalls. | Foto © Berlinale

Tricia Tuttle bleibt Intendantin der Berlinale. Das freut auch den Kulturstaatsminister. Der will allerdings neue Regeln für die Meinungsfreiheit beim Festival.

Tricia Tuttle bleibt Intendantin der Berlinale! So hat es der Aufsichtsrat gestern entschieden, und so teilte es Kulturstaatsminister (BKM) Wolfram Weimer gleich darauf auch im Kulturausschuss des Bundestags [Aufzeichnung] mit (um 14:35 Uhr).  

In der vorigen Woche war reichlich über eine angebliche Entlassung Tuttle spekuliert worden, mehrere Aufrufe mit Tausenden von Unterschriften machten sich für das Festival, seine Leiterin und die Meinungsfreiheit stark (wir berichteten). Der Schuldige war auch ausgemacht: Tuttles Chef, der Kulturstaatsminister! 

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Da sag’ noch mal jemand, die Berlinale sei nicht politisch! BKM Wolfram Weimer und Intendantin Tricia Tuttle auf dem roten Festivalteppich. | Foto © BKM/Henning Schacht

Nach 20 Jahren hat ein deutscher Film den Wettbewerb der Berlinale gewonnen! Gesprochen wird aber mal wieder über völlig anderes.

Die Berlinale ist zu Ende und lief doch eigentlich ganz gut für den Deutschen Film. Der „Goldene Bär“ ging an ?lker Çataks „Gelbe Briefe“, den Silberbär als beste Schauspielerin gewinnt Sandra Hüller. „Die Kritiker sind im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit dieser Juryentscheidung“, schreibt der „Perlentaucher“ und ergänzt damit seine erste Übersicht der Festivalbewertung im Feuilleton 

„Denkwürdig“ fand Daniel Kothenschulte in der „Frankfurter Rundschau“ [Bezahlschranke] die Berlinale, andere ließ sie eher ratlos, für Jörg Gerle im „Filmdienst“ ließ sie zu wünschen übrig: „Auch filmkünstlerisch brachten es viele Wettbewerbsfilme oft nur auf Durchschnittsniveau.“ 

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Die Wettbewerbsjury der diesjährigen Berlinale hält nichts von einer Inquisitionsverpflichtung in der Kunst. | Foto © Dirk Michael Deckbar/Berlinale

Eigentlich will die Berlinale ja nur Filme zeigen, die zeigen, was die Welt bewegt. Einigen ist das nicht genug: Festivals sollen Politik machen! Aber die richtige.

Die Berlinale hat ja schon mal gut angefangen. Die indische Autorin Arundhati Roy hat ihren Besuch abgesagt, das Palestine Film Institute fordert den internationalen Total-Boykott des Festivals. Anlass ist die Pressekonferenz [auf Youtube], auf der Festivalchefin Tricia Tuttle die Wettbewerbsjury vorstellte. Schon gleich die ersten Fragen [ab Minute 19:15] drehten sich um große Politik: Können Filme die Welt verändern? Und wie?  

Dazu hatten Tuttle und vor allem der Juryvorsitzende Wim Wenders drei Minuten so einiges zu sagen. Nur einer hatte nicht richtig hingehört und wollte doch noch ein Gesinnungsbekenntnis für den Einzelfall: Wie stehen Festival und Jury zum Nahostkonflikt?  

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Der neue Kulturstaatsminister hat einen Artikel geschrieben. Die Kulturseiten lesen es als „seine ultimative Antrittsrede“. Darin geht es weniger um die Kultur, sondern um der Kampf darum.(Szenenfoto aus „Das weiße Band“, 2009). | Foto © X-Filme

Die Kunst wird von allen Seiten bedroht und muss geschützt worden, warnt der neue Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Die Gefahren schätzt er allerdings recht unterschiedlich ein.

Der Kulturkampf hat längst begonnen, weiß Wolfram Weimer. In einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ [Bezahlschranke] sieht sich der neue Kulturstaatsminister in der Verantwortung: „Wenn Kulturkämpfe ausgefochten werden, geht es selten um Kultur. Es geht um Macht. Verhandelt wird über Deutungsmacht, welche Ideen, Perspektiven, welche Kunst und Wissenschaft erwünscht ist und welche nicht. […] Linke wie Rechte wollen die Kunst politisieren, haben sich aber ein denkbar ungeeignetes Objekt ausgesucht. Die Korridore des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren gilt es zu weiten, anstatt sie zu verengen. […] Nach wie vor entsteht Kunst auf dem Resonanzboden einer vielfältigen Gesellschaft mit unzähligen mentalen Strömungen und schert sich nicht um Vorgaben, Vereinnahmungen oder Verbote. Gerade deshalb muss sie gefördert werden. […] Der Staat kann […] als Mäzen auftreten, sollte sich aber inhaltlicher Einmischung enthalten. Er degradiert ansonsten die Künste zur Platzanweiserin der jeweiligen politischen Korrektheit.“ 

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Wolfram Robert Wilhelm Weimer soll der nächste Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien werden. Schon jetzt hat er mehr Aufmerksamkeit als die sechs BKM vor ihm. | Screenshot

Große Überraschung, keine Begeisterung – Wolfram Weimer soll der nächste Kulturstaatsminister werden. Viele befürchten: Es wird enger für die Kunst.

Deutschland bekommt einen neuen Kulturstaatsminister. Wolfram Robert Wilhelm Weimer soll das Amt übernehmen und oberster Filmförderer der Republik werden. Die Berufung am Montag kam für viele überraschend. 10.000 Menschen hatten schon am Dienstagmittag eine Online-Petition gegen Weimers Ernennung unterschrieben, meldet „Die Zeit“ – bis heute sind es 55.000 geworden. Und nicht nur in der „Kulturszene“ fehlt die Begeisterung, zeigt Jan Wiedemann in einem Überblick beim NDR. 

Dass sich der Medienunternehmer für Kultur interessiert, war bislang nicht bekannt, staunt Jörg Häntzschel in der „Süddeutschen Zeitung“ [Bezahlschranke]. „Man könnte seine Berufung also als weiteres Indiz dafür ansehen, dass die kommende Koalition der Kultur etwas ratlos gegenübersteht. Die vier Seiten, die die Verhandler dazu in den Koalitionsvertrag geschrieben haben, sind weitgehend mit Allgemeinplätzen und Unverbindlichkeiten gefüllt. Wirkliche Ideen oder Projekte fehlen. […] Ganz offensichtlich hielt Merz die Medienpolitik für derzeit wichtiger als die Kultur. Und vermutet bei Weimer, der in den Medien vom Schülerzeitungsredakteur bis zum Verlagsbesitzer schon jede Rolle ausgefüllt hat, mehr Kompetenz, als er in den parteieigenen Reihen finden konnte.“ 

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Jonas Dassler als „Bonhoeffer: Pastor. Spy. Assassin.“ Neun der Hauptdarsteller*innen wehren sich in einem öffentlichen Statement gegen die „Vereinnahmung durch radikale Evangelikale“. | Foto © Angel Studios

In den USA läuft ein Film über Dietrich Bonhoeffer, Theologe und Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Rechte Evangelikale machen mit ihm Politik gegen die Demokratie.

Ein Film über Dietrich Bonhoeffer – da kann doch eigentlich nicht viel schief gehen. Der Theologe war mit klarer Haltung im Widerstand gegen die Nazis, auf Befehl Hitlers wurde er noch kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager ermordet. Eine „tiefgründige und ziemlich unerzählte Geschichte vom Heldentum“, wollte der Amerikaner Todd Komarnicki nun endlich erzählen: „Dietrichs Botschaft von Frieden und Mut ist 2023 genauso dringend wie 1945”, sagte er dem Branchenmagazin „Deadline“ [auf Englisch]. „God’s Spy“ hieß sein Drehbuch, für die Hauptrollen gewann er viele bekannte deutsche Namen.  Erzählt hatten die Geschichte schon andere (zum Beispiel „Bonhoeffer – Die letzte Stufe“ 2000), aber wohl nicht so. Als  „Bonhoeffer: Pastor. Spy. Assassin.“ kam der Film vorige Woche in die US-Kinos – und sorgte schon vorher für Ärger, berichtet Carlo Mariani in der „Neuen Zürcher Zeitung“ [Bezahlschranke]: „Der Film wurde von Angel Studios produziert, einem christlichen Streamingdienst, der auch hinter dem Actionthriller ,Sound of Freedom’ steht. ,Bonhoeffer: Pastor. Spy. Assassin.’ werfe die Frage auf, ,wie weit würden Sie gehen, um für das Richtige einzustehen?’, heißt es im Beschrieb unter dem Trailer. ,Der Kampf gegen die Tyrannei beginnt jetzt!’ oder ,Schauen Sie den Film, der eine Bewegung auslöst!’, steht unter den Posts, die den Film in den sozialen Netzwerken bewerben.“ 

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Kultur sieht die AfD streng in Schwarz und Weiß. Nur eine von beiden findet sie gut. Szenenfoto aus „M – eine Stadt sucht eine Mörder“ (1931). | Montage © cinearte

Die AfD ist im Stimmungshoch und hält nicht viel von Kunstfreiheit. Was tun? Das „Netzwerk Film & Demokratie“ lud zur Podiumsdiskussion.

Eine Umfrage ist noch keine Wahl. In Umfragen erreicht die AfD zurzeit Höchstwerte – 20 Prozent ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Insa in seiner wöchentlichen repräsentativen Umfrage für die „Bild“. „Das ist mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr!“ bemerkt die Zeitung – die AfD wäre damit die zweitstärkste Partei nach der CDU und vor der SPD.

Muss man sich sorgen um die Demokratie? Sorgen machen sich viele in der Filmbranche. Und das nicht erst jetzt. Im Februar hatte sich das „Netzwerk Film & Demokratie“ mit einer Online-Konferenz vorgestellt. Drei Jahre Vorbereitung in Zeiten der Pandemie waren dem vorausgegangen. Inzwischen haben sich 30 Verbände und Institutionen der Branche angeschlossen. Mit dem Münchner Filmfest lud das Netzwerk am Montag zur Podiumsdiskussion – moderiert von Julia Weigl, nachzuhören auf Youtube. 

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