Berlinale: Film, Kunst und Politik

Die Wettbewerbsjury der diesjährigen Berlinale hält nichts von einer Inquisitionsverpflichtung in der Kunst. | Foto © Dirk Michael Deckbar/Berlinale
Eigentlich will die Berlinale ja nur Filme zeigen, die zeigen, was die Welt bewegt. Einigen ist das nicht genug: Festivals sollen Politik machen! Aber die richtige.
Die Berlinale hat ja schon mal gut angefangen. Die indische Autorin Arundhati Roy hat ihren Besuch abgesagt, das Palestine Film Institute fordert den internationalen Total-Boykott des Festivals. Anlass ist die Pressekonferenz [auf Youtube], auf der Festivalchefin Tricia Tuttle die Wettbewerbsjury vorstellte. Schon gleich die ersten Fragen [ab Minute 19:15] drehten sich um große Politik: Können Filme die Welt verändern? Und wie?
Dazu hatten Tuttle und vor allem der Juryvorsitzende Wim Wenders drei Minuten so einiges zu sagen. Nur einer hatte nicht richtig hingehört und wollte doch noch ein Gesinnungsbekenntnis für den Einzelfall: Wie stehen Festival und Jury zum Nahostkonflikt?
Die Frage hat schon die vorigen beiden Ausgaben fast mehr beschäftigt als die Filmkunst, voriges Jahr wurde gar zum Boykott der Berlinale aufgerufen. „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten“, fasste Wenders das bereits Gesagte zusammen. „Wir sind das Gegengewicht zur Politik. Wir sind das Gegenteil von Politik. Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker.“ Was dann noch geschah, hat der „Perlentaucher“ am Samstag und am Montag wieder ausführlich dokumentiert.
Bei alldem kommt Tobias Sedlmaier in der „Neuen Zürcher Zeitung“ [Bezahlschranke] der britische Komiker Ricky Gervais in den Sinn. Der hatte als Host bei den „Golden Globes“[Youtube] vor sechs Jahren die Nominierten ermahnt, politische Statements gefälligst zu unterlassen: „Es steht euch nicht zu, die Öffentlichkeit zu belehren. Ihr wisst nichts über die reale Welt! Die meisten von euch haben weniger Zeit in der Schule verbracht als Greta Thunberg. Wenn ihr also gewinnt, kommt nach vorne, nehmt euren kleinen Preis, dankt eurem Agenten und eurem Gott und verpisst euch!“
Die Festivalchefin hält es auch nicht für sinnvoll, Schauspieler*innen im Festivaltrubel mal eben nach der politischen Weltlage zu befragen. In ihren „Berlinale Notes“ hat Tuttle nochmal eingehend erklärt, wie das so ist mit der Freiheit von Kunst und Meinung, dem Kino und der Politik:
„In den kommenden zehn Tagen sprechen Filmschaffende ununterbrochen: Sie sprechen durch ihre Filme, sie sprechen über ihre Filme – und manchmal sprechen sie auch über geopolitische Themen, die mit ihren Werken verbunden sein können oder auch nicht. […] Im diesjährigen Programm sind 278 Filme zu sehen. Sie bringen eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven mit. Es gibt Filme über Genozid, über sexuelle Gewalt im Krieg, über Korruption, patriarchale Gewalt, Kolonialismus und missbräuchliche Staatsmacht. Unter den Filmschaffenden hier sind Menschen, die selbst Gewalt und Genozid erfahren haben und die aufgrund ihrer Arbeit oder ihrer politischen Haltung Gefängnis, Exil oder sogar ihr Leben riskieren. Sie kommen nach Berlin und teilen ihre Werke mit großer Courage. Das geschieht genau jetzt.“
Und trotzdem gibt’s noch einen Nachschlag. Am Dienstag veröffentlichte „Variety [auf Englisch] einen Offenen Brief, in dem 81 „aktuelle und ehemalige Teilnehmer*innen der Berlinale“ unterzeichnet hatten. Man sei „bestürzt“ über die Beteiligung der Berlinale „an der Zensur von Künstlern, die Israels andauernden Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen ablehnen“. Vorbildlich sei dagegen die Haltung anderer Festivals, die Künstler*innen aus Israel ausschließen.
Diesen Offenen Brief hat auch Tilda Swinton unterschrieben, die voriges Jahr den „Ehrenbären“ erhielt. Und bei der Gelegenheit selber einen Eklat verursacht hatte, erinnern Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der „Süddeutschen Zeitung“ [Bezahlschranke]. In der Pressekonferenz bekundete die Schauspielerin ihre Sympathie für die BDS-Kampagne, die zum Boykott Israels aufruft – auch in Kultur, Wissenschaft und Sport: „Dass sie für diese Aussagen nicht nur Zustimmung geerntet hat, sondern auch Kritik, ist noch lange keine Zensur. Man nennt das Diskussion.“
