Solidarität mit der Berlinale

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Da sag’ noch mal jemand, die Berlinale sei nicht politisch! BKM Wolfram Weimer und Intendantin Tricia Tuttle auf dem roten Festivalteppich. | Foto © BKM/Henning Schacht

Nach 20 Jahren hat ein deutscher Film den Wettbewerb der Berlinale gewonnen! Gesprochen wird aber mal wieder über völlig anderes.

Die Berlinale ist zu Ende und lief doch eigentlich ganz gut für den Deutschen Film. Der „Goldene Bär“ ging an ?lker Çataks „Gelbe Briefe“, den Silberbär als beste Schauspielerin gewinnt Sandra Hüller. „Die Kritiker sind im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit dieser Juryentscheidung“, schreibt der „Perlentaucher“ und ergänzt damit seine erste Übersicht der Festivalbewertung im Feuilleton 

„Denkwürdig“ fand Daniel Kothenschulte in der „Frankfurter Rundschau“ [Bezahlschranke] die Berlinale, andere ließ sie eher ratlos, für Jörg Gerle im „Filmdienst“ ließ sie zu wünschen übrig: „Auch filmkünstlerisch brachten es viele Wettbewerbsfilme oft nur auf Durchschnittsniveau.“ 

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“[Bezahlschranke] erinnert Andreas Kilb an die „Zeit nach der Jahrtausendwende, als sich die Berlinale im Glanz der Globalisierung sonnte und wie das wahre Zentrum des Weltkinos aussah. Diese Zeiten sind vorbei. Man sieht es an der Liste der Filmnationen, die in diesem Jahr – neben Hollywood, das Berlin schon lange links liegen lässt – im Wettbewerb fehlten: China, Indien, Frankreich, Italien, Spanien, fast ganz Skandinavien und der gesamte Ostblock.“ 

Und trotzdem gab’s reichlich zu entdecken, findet Sabine Felber hier auf „Outtakes“. Mit einer Kollegin hat sie sich über die Filme im Wettbewerb beraten. Vier Filme haben beide gleichermaßen überzeugt.

 

Nach 20 Jahren gewann mal wieder ein deutscher Beitrag den Wettbewerb: „Goldener Bär“ für ?lker Çataks „Gelbe Briefe“. | Foto © Berlinale

Doch warum über Filme reden? Viel mehr als die Kunst interessierte auch im dritten Jahr in Folge wieder mehr das politische Begleitprogramm. Schon auf der ersten Pressekonferenz mit der Jury hatte der Vlogger Tilo Jung eine politischen Stellungnahme zum Krieg in Gaza gefordert, in einem Offenen Brief rieten ehemalige Teilnehmer*innen zu Boykott gegen Filme aus Israel. Der Berlinale wurde Zensur vorgeworfen – wir berichteten. 

Beim „ND“ ist Bahareh Ebrahimi sichtlich genervt: „Tatsächlich leidet das Festival seit einigen Jahren unter Eklats oder Skandalen – oder Scheinskandalen. Mal wird dem Festival Antisemitismus vorgeworfen, weil ein Film vom Leid der palästinischen Menschen erzählt, nächstes Mal wird dem Festival Heuchelei vorgeworfen und gefragt, warum es sich nicht mit den Palästinensern solidarisiert. Manche Künstlerin sagt ihren Auftritt ab, weil mancher Künstler sich aus der Politik heraushalten möchte. Aber kann ein Festival nicht ein Ort für all diese Meinungen sein? Können nicht die einen ihre politischen Filme dort präsentieren und die anderen ihre – vermeintlich – unpolitischen Werke?“ 

In Cannes wäre sowas „schon nach zwei Tagen von allen vergessen worden, weil starke Filme den interessanteren Diskurs bestimmen. Bei der Berlinale gibt es hingegen nichts, was davon ablenkt“ schreibt Rüdiger Suchsland bei „Telepolis“. „Was daher am meisten stört, ist, dass die politische Debatte sowohl auf der Berlinale als auch in ihrer Rezeption kaum mit einer ästhetischen in Verbindung gebracht wird […]. Den Zeitgeist mit abzubilden, ist gut und richtig. Aber das kann nur sinnvoll sein, um damit einen Streit über den Zeitkern, über die geistige Situation der Epoche auszulösen, den das Festival dann moderiert und damit das Publikum überrascht, nicht aber damit selbst überfordert ist. […] Die Berlinale verpasst ihre Chancen. Sie versammelt viele Politiker, Beamte, Stakeholder in Berlin, weist ihnen aber die Rolle der Statisten zu […]. Das ist für ein Festival, das behauptet, so politisch zu sein, schon komisch: Das Feld wird den Laien und Dilettanten überlassen. Die Dilettanten der Kunst, die Politiker, geben auf dem Roten Teppich grotesk oberflächliche, rein geschmäcklerische Ad-hoc-Interviews zu ihren Lieblingsfilmen oder dem Berlinale-Wettbewerb. Und die Künstler dilettieren zu Politik“.

 

Der Regisseur Abdallah Alkhatib bei der Vorführung seines Films. | Foto © Berlinale

Und so holte das Thema auch die diesjährige Preisverleihung am Sonntag ein. Als bestes Spielfilmdebüt wurde „Chronicles from the Siege“ ausgezeichnet, der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib hielt seine Dankrede mit Kufiya und Palästina-Fahne, kritisierte die deutsche Regierungspolitik, und drohte außerdem: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ 

Der Schreck wurde auf der Bühne rasch überspielt, aber der Bundesumweltminister verließ aus Protest den Saal, und hinterher gab es noch mehr Proteste aus der Politik, berichtet der  RBB. Manche hätten sich da doch etwas mehr Zensur gewünscht.  

Jedenfalls wurde aus der Provokation ein neuer „Eklat“ – und die Aufregung am Mittwoch noch größer: Für den heutigen Donnerstag war eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats einberufen – ein Boulevardblatt mit zweifelhaftem Ruf wusste schon Bescheid: „Berlinale-Chefin wird nach Skandal-Foto abgelöst“. Bei der Premiere von „Chronicles from the Siege“ hatte die Crew bereits mit Kufiyas und Fahnen posiert – und Tricia Tuttle in der Mitte. Allein: das Foto ist echt, die Meldung ist falsch. 

Dennoch zweifelten Christian Tretbar und Andreas Busche im „Tagesspiegel“ nur zum Teil: „In Regierungskreisen heißt es aber, dass Tuttle selbst der Motor für die Trennung sei.  Klar war seit Längerem, dass Weimer mit Tuttle nach dem Festival über die weitere Ausrichtung der Berlinale sprechen wollte. […] Tricia Tuttle hatte bereits während des Festivals die anhaltenden Diskussionen um die politische Haltung der Berlinale immer wieder kommentieren müssen und betonte in ihrem Abschlussstatement auf der Gala, dass die Berlinale eine Bühne für einen politischen Diskurs biete – unabhängig von der Position des Festivals. Die Erleichterung über den Abschluss der Berlinale war der international anerkannten Kulturmanagerin und Kuratorin deutlich anzumerken. Dies würde auch zur Version passen, die nun aus dem Büro des BKM zu hören ist.“ 

Die Deutsche Filmakademie reagierte umgehend mit einer Stellungnahme, die schon am nächsten Tag mehr als 2.700 Menschen und Verbände unterschrieben hatten: „Ein internationales Festival wie die Berlinale ist kein politisches Gremium. Es ist ein Ort der Kunst, des Austauschs und der Vielstimmigkeit. […] Eine politische Einflussnahme auf die inhaltliche Gestaltung eines Filmfestivals würde fundamentale Prinzipien gefährden, für die die Berlinale seit Jahrzehnten steht. Es geht um weit mehr als nur eine Personalentscheidung. Dieser Versuch der Einmischung ist ein gefährliches Signal, das weit über das Festival hinausreicht.“  

Auch mehr als 500 Mitarbeiter*innen der Berlinale selbst meldeten sich in einem Offenen Brief zur Unterstützung ihrer Intendantin.  

Der Regieverband BVR solidarisierte sich ebenfalls und warnte: „Ein internationales Kulturereignis darf nicht zum Spielball moralischer Empörungswellen oder parteipolitischer Interessen werden. Eine Entlassung unter solchem Druck wäre ein gefährlicher Präzedenzfall – ein Eingriff in die Autonomie der Kunst, der deutlich machen würde, dass die Kunstfreiheit nur so lange gilt, wie sie nicht stört.“ 

„Wenn Tuttle entlassen werden sollte oder hinschmeißt, wäre die Berlinale als inter­na­tio­nales Festival am Ende“, fürchtet Dunja Bialas auf „Artechock“. Wer würde sich wohl „noch für den Job hergeben, der direkt dem Kultur­staats­mi­nister unter­steht? Wenn einem jeden Moment der Abtritt nahe­ge­legt werden kann, wie [Carlo] Chatrian durch Claudia Roth, oder gar der Rauswurf trotz aller Dementi öffent­lich disku­tiert wird, wie jetzt bei Tuttle? Wenn sich der Eindruck verfes­tigt, beim größten deutschen Festival gäbe es keine Meinungs- und keine Kunst­frei­heit mehr? Und wenn sich der kultur­för­dernde Staat nun tatsäch­lich in die inhalt­liche Ausrich­tung einmischt? […] Eine Zensur und eine Ausrich­tung nach den Vorstel­lungen und Meinungen der Politiker finden bislang nicht statt. Das könnte sich jetzt ändern.“ 

Auch auf den Kulturseiten wurde schon vorab über die Zukunft spekuliert und Tuttle überwiegend gelobt – den Überblick gab heute der „Perlentaucher“.

Derweil ist die Sitzung gelaufen – „Tuttle bleibt vorerst im Amt“, meldet der RBB. Soll heißen: Es sei keine Entscheidung über die Zukunft der Intendantin getroffen worden, die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale würden in den kommenden Tagen fortgesetzt, so ein Sprecher des BKM. „Wie der Streit um die Intendantin ausgeht, ist aber noch offen“, schreibt die „Taz“. Demnach kommt der Druck nun von anderer Seite: „Medienberichten, wonach Tuttle deshalb abgelöst werden soll, war der Kulturstaatsminister am Mittwoch im Kulturausschuss des Bundestages entgegengetreten. Nicht alles, was aktuell zu lesen sei, entspreche der Wahrheit. Doch auf der Entlassung beharrt etwa CDU-Kulturpolitikerin Ellen Demuth auch nach dem Krisengespräch.“ Oder auch Alexander Grau, der gestern im „Cicero“ [Bezahlschranke] bereits die Entlassung falschmeldete und gegen einen „weitgehend verwahrlosten Kulturbetrieb“ wetterte. „Hier hat sich ein staatlich subventionierter Sumpf gebildet, der dringend trockengelegt werden muss.“

Willkommen im Kulturkampf! Zum Glück kennt sich der BKM da ja erklärtermaßen aus und hat inzwischen gemerkt, dass er die Kultur nach allen Richtungen verteidigen muss. Übrigens hat der Vlogger Tilo Jung die Personaldebatte auf „Bluesky“ auch kurz und schadenfroh kommentiert: „hahaha“.

Einen weiteren Appell für Tuttle und „die Berlinale als freien Diskursort und ihre institutionelle Unabhängigkeit“ hatten mehr als 1.500 Filmschaffende unterzeichnet: Kulturinstitutionen dürften nicht „unter politischen Erwartungsdruck“ geraten. Unterschreiben hat auch die Schauspielerin Tilda Swinton, die neulich noch mitprotestiert hatte, weil Jury und Festival sich weigerten, sich politischem Erwartungsdruck zu beugen. Wegen dieses Aufrufs hat Jürgen Kaube in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“[Bezahlschranke] mit der Schauspielerin eh noch ein Hühnchen zu rupfen. Denn großes politisches Kino will er zumindest in ihren jüngeren Filmen nicht erkennen: „Irgendwie gibt man Swinton offenbar die falschen Drehbücher, oder diejenigen mit den politisch einschlägigen haben nicht das Geld, den Star zu bezahlen. Swinton kennt also den Unterschied zwischen Film und Politik, sie macht ihn ständig. Womöglich verschafft ihr das ein schlechtes Gewissen, und sie kompensiert es durch umso energischere gesinnungsethische Forderungen an Filmfestivals. Es ist ja so leicht, politisch zu sein, es kostet nur eine Unterschrift.“

 

Vor dem Berlinale-Palast. | Foto © cinearte

Unterdessen steht die Berlinale ja vor viel bedeutenderen Herausforderungen, die auch in den Festivalberichten anklingen – es könnte interessant werden, wenn endlich wieder über die Filme, das Festival und sein Profil diskutiert wird, und was wirklich wichtig ist. Oder warum die Bundesregierung sich beim größten Publikumsfilmfest der Welt vom Ministerium mit dem drittkleinsten Budget vertreten lässt, dass man eh an den Koalitionspartner abgetreten hatte …  

Was die Politik tatsächlich mal für die Filmkultur tun könnte – da hatte Andreas Kilb (oben in der „FAZ“) noch eine Anregung: „Manche der Faktoren, unter denen die Berlinale leidet, kann sie kaum beeinflussen. Berlin liegt nun einmal nicht unter Palmen am Strand, und der deutsche Winter ist keine gute Zeit für Fotoshootings im Freien. Aber auch die Aura eines Winterfestivals kann reizvoll sein. Allerdings hängt sie entscheidend von der Umgebung ab. Seit 25 Jahren wohnt die Berlinale im Musicaltheater am Potsdamer Platz zur Miete. In dieser Zeit hat die Strahlkraft des gesamten Viertels stark abgenommen, und auch der Bau von Renzo Piano hat seine besten Tage hinter sich. Die Filmfestspiele können hier auf Dauer nicht bleiben, und das bedeutet, dass der Kulturstaatsminister, der ihren Etat mit 12 Millionen Euro jährlich bezuschusst, sich etwas einfallen lassen muss. Gleichzeitig sucht die Bundesregierung seit Jahren nach einem Standort und der Finanzierung für einen Neubau, um die Deutsche Kinemathek, ihr Filmmuseum und ihr Archiv (zu dem der Nachlass von Marlene Dietrich gehört) unterzubringen, die aus dem Sony-Center gegenüber der jetzigen Festivalmeile ausziehen mussten. Man brauchte nur zwei und zwei zusammenzuzählen, um eine Lösung für beide Probleme zu finden. […] 

Die Berlinale würde damit nur nachholen, was ihre Konkurrenten lange erreicht haben, denn Cannes und Venedig haben vom Staat schon in den Achtziger- und Neunzigerjahren neue Spielstätten bekommen. Wenn Wolfram Weimer auf der Suche nach einem Projekt ist, mit dem er seine kulturpolitische Durchschlagskraft be­weisen könnte: Hier ist es. Bis dahin bleibt die Berlinale ein Festival im Übergang, ein Kultur-Event, das wie das wiedervereinigte Deutschland noch nicht richtig in der Gegenwart angekommen ist. Sie ist längst nicht so schlecht wie ihr Ruf, und das hauptstädtische Publikum liebt sie. Aber sie könnte noch viel mehr.“