Ufa Academy: Nachhaltiger Ausbilden

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Die Branche braucht vor allem Fachkräfte an der Basis, erklärt Janna Bardewyck, Senior Human Resource Managerin bei der Ufa. Deren Ausbildung habe früher eher „nebenbei“ stattgefunden, dabei sei „Stück für Stück Expertise verloren gegangen“ – auch ein Grund für den Fachkräftemangel. Mit der neuen Initiative will Ufa-Geschäftsführer Joachim Kosack neue Gesellschaftsgruppen ansprechen, „auch was Diversität angeht“. | Foto © UFA/Bernd Jaworek

Der Branche fehlen Nachwuchs und Fachkräfte – vor allem „below the line“. Die Ufa startet darum im Mai ein neues  Weiterbildungsprogramm für Quereinsteiger*innen fast jeden Alters. Der Ufa-Geschäftsführer Joachim Kosack und die Personalmanagerin Janna Bardewyck erklären, worum es ihnen bei der Ufa Academy geht.

Im Mai startet Ihr neues Weiterbildungsprogramm. Die Ufa Academy richtet sich „gezielt“ an Quereinsteiger*innen, die zum Film wollen. Ist das eine einmalige Initiative oder langfristig geplant?
Janna Bardewyck: Wir starten erstmalig mit dieser Zielgruppe, wollen perspektivisch das Angebot aber auch auf andere Fachbereiche ausweiten. Ob wir bereits nächstes Jahr einen weiteren Ausbildungsgang anbieten oder erst in zwei Jahren, entscheiden wir Ende des Jahres.

In zwei Jahren sollen die Quereinsteiger*innen „zum Profi“ für Aufnahmeleitung, Filmgeschäftsführung, Regieassistenz oder Script/Continuity ausgebildet werden. Wie hatten Sie Ihre Mitarbeiter*innen denn bisher ausgebildet?
Janna Bardewyck: Bisher haben wir ebenfalls sehr praxisbezogen ausgebildet. Dann kamen jedoch vor allem junge Menschen mit Vorerfahrung, zum Beispiel durch verschiedene Praktika.
Joachim Kosack: Aufgrund des großen Bedarfs wenden wir uns jetzt mit der Ufa Academy an Quereinsteiger*innen.

„Erfahrungen in der Medienbranche sind keine Voraussetzung“, schreiben Sie. Und auch die Altersgrenze setzen Sie ungewöhnlich großzügig: „Jeder zwischen 25 und 60 Jahren war eingeladen, sich zu bewerben.“ Kann es sein, dass gerade Jüngere wenig Interesse an der Filmbranche zeigen?
Joachim Kosack: 
Nein, das kann man nicht so pauschalisieren. Und im Nachwuchs- und Berufseinsteigerbereich sind wir seit über zwei Jahrzehnten sehr engagiert. Jetzt beginnen wir neue Gesellschaftsgruppen anzusprechen, auch was Diversität angeht.

Die Ausbildungsgänge Regieassistenz und Script/Continuity waren als Erstes ausgebucht. Wie viele Fachkräfte bilden Sie im ersten Jahrgang insgesamt aus?
Janna Bardewyck: 
Das entscheiden wir final nach den Assessment Centern, an dem 10 bis 12 potenzielle Anwärter*innen pro Fachrichtung teilnehmen.

Nach welchen Kriterien haben Sie ausgewählt?
Janna Bardewyck: 
Die Auswahltage starten vor Ostern. In der Vorauswahl, die wir in Form von digitalen Speed-Talks gemacht haben, kam es vor allem darauf an, ob wir einen realistischen Eindruck zum Berufsbild erkennen konnten und haben zum Beispiel auf Kommunikationsverhalten geachtet.

Auch die Absolvent*innen werden sich anschließend als Freelancer bei Projekten bewerben. Dafür haben sie ein „Ufa-Zertifikat samt Arbeitszeugnis“. Reicht das aus?
Janna Bardewyck: 
Die Branche weiß, dass eine Ausbildung bei der Ufa für Qualität, Nachhaltigkeit und Expertise steht.
Joachim Kosack: Uns ist die Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit wichtig, sowohl was unseren Einsatz für die Kandidat*innen angeht, als auch deren Engagement.

Angehende Aufnahmeleiter*innen sollen in „mindestens drei unterschiedlichen Produktionen und Units“ sämtliche Aufgaben und Funktionen ihres Bereichs ausprobieren – vom Set-Runner bis zur Assistenz der 1. Aufnahmeleitung. Dafür gibt’s pauschal den Mindestlohn. Wie verträgt sich das eigentlich mit der Gagentabelle?
Joachim Kosack:
Die Kandidat*innen müssen für die Ausbildung nichts zahlen, sondern werden honoriert, auch ohne praktische Vorkenntnisse. Sollten wir bei einzelnen Kandidat*innen schnelle Fortschritte erkennen, werden wir bestimmt individuell über andere Konditionen nachdenken können.

Mit dem Mindestlohn dürfte es für die Ausbildung in Köln und Potsdam knapp werden. Bei einer 40-Stunden-Woche kämen rund 1.800 Euro brutto zusammen, bei Singles ohne Kinder sind das netto rund 1.300 Euro. Ist das attraktiv für Quereinsteiger*innen im reiferen Alter?
Joachim Kosack: 
Das ist bestimmt von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wie gesagt sehen wir gegebenenfalls auch individuelle Lösungen vor. Ich bin auch schon von externen Partner*innen auf mögliche Unterstützung durch Stipendien angesprochen worden.

Dass Fachkräfte fehlen, beklagt die Branche schon seit fünf Jahren. Der Deutsche Kulturrat hatte das Problem sogar schon vor zehn Jahren wiederholt angesprochen. Wieso hat es so lange gedauert, ein Ausbildungskonzept zu entwickeln?
Janna Bardewyck: 
Die Ufa bildet seit über zwei Jahrzehnten aus. Wir fangen also nicht erst jetzt an. Neu an der Ufa Academy ist der Fokus auf der Zielgruppe der Quereinsteigenden und vor allem das nachhaltige Ausbilden und Begleiten dieser Zielgruppe. Was früher in der gesamten Branche eher „nebenbei“ stattgefunden hat, wird nun professionalisiert. Der Fachkräftemangel ist unter anderem auch deswegen entstanden, weil bei diesem „Nebenbei-Ausbilden“ Stück für Stück Expertise verloren gegangen ist. Es braucht nachhaltigeres Ausbilden.

Parallel zur Ufa Academy startet im Sommersemester an der FH Ansbach ein Bachelor-Studium „Produktionsmanagement Film und TV“. Der Abschluss qualifiziere für Herstellungsleitung, Produktionsleitung, Filmgeschäftsführung, Aufnahmeleitung oder Post Production Supervisor. Allerdings dauert die Ausbildung dreieinhalb Jahre – fast doppelt so lange wie an der Ufa Academy. Was machen Sie anders?
Janna Bardewyck: 
Es mangelt nicht an Studienangeboten, die meist direkt auf Führungspositionen hinzielen. Die Branche braucht vor allem Fachkräfte an der Basis. Hier fehlt es auch an Ausbildungsangeboten. Zudem ist nach wie vor die Praxis wichtiger als die Theorie. Natürlich braucht es bei einer Produktions- oder Herstellungsleitung betriebswirtschaftliches und/oder kaufmännisches Wissen, aber tolle Noten durch ein absolviertes Studium sind nicht alleine hilfreich. Eine mehrjährige Produktionserfahrung am Set ist mindestens genauso wichtig. Entscheider*innen können qualifizierte und nachhaltig richtige Entscheidungen treffen, wenn sie Situationen, Menschen und Produktionsthematiken auch aus eigener Erfahrung einschätzen können. Und Erfahrungswerte sammelt man immer noch besser durch „erfahren“ und nicht nur durch „erzählen“.

Hinter dem Bachelor-Studiengang stehen Produktionsfirmen wie Constantin oder Leonine, die, wie die Ufa, im Gesamtvorstand der Produzentenallianz sitzen. Die Produzentenallianz wiederum ist mit ihrer Initiative für Qualifikation (PAIQ) aktiv. Wäre es nicht sinnvoll, die Aktivitäten zu bündeln?
Joachim Kosack: 
Das wäre sehr sinnvoll, und dazu laufen auch schon konstruktive Gespräche. Grundsätzlich ist es erst einmal toll, dass aktuell so viele Initiativen gestartet wurden. Und die Erfahrungen führen wir dann zusammen. Das wäre zumindest in meinem Interesse.

 

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